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Nr. 2.1.2.07

Camille Vidal, Konsul der Hansestadt Hamburg in Batavia, an Karl Sieveking, Senatssyndikus der Hansestadt Hamburg, betr. den Verlust eines Schiffes und die schwierige Lage der Handelshäuser in Batavia, 6. März 1841

Brief

Regest:

Camille Vidal, Teilhaber der Firma T. E. Vidal & Co. und Konsul der Hansestadt Hamburg in Batavia, berichtet dem Senatssyndikus Karl Sieveking den Verlust des Hamburgischen Schiffes „Louise & Maria“ und schildert ihm die gegenwärtig schwierige Situation der Handelshäuser in Batavia, die er auf die Handelspolitik der niederländischen Regierung zurückführt. Denn diese habe mit der Etablierung der Nederlandschen Handel-Maatschappij ein Monopolsystem eingeführt, das den Import europäischer Manufaktur- und Fabrikwaren begünstige, aber zugleich den Kapitalexport fördere. Die Versuche der Javaschen Bank, mit zusätzlicher Kreditvergabe und der vermehrten Ausgabe von Banknoten gegenzusteuern, hätten der Spekulation Tür und Tor geöffnet. Die daraufhin vorgenommene Drosselung der Kreditvergabe bedrohe nun die Existenz vieler Handelshäuser und habe eine veritable Handelskrise herbeigeführt.

Eur. Magnificenz

habe ich die Ehre hiermit die Anzeige zu machen, daß das hamburger Schiff Louise & Maria, geführt durch Capitain Holmes, am 1t. Februar dieses Jahres bei Anjer an der Küste von Java gestrandet und bis auf einen Theil des Inventars und einiger Frachtgüter total geblieben ist.

Beigehend habe ich die Ehre, Eur. Magnificenz

1. die Seegröße des Schiffes, und

2. eine Copie der Verklarung,

wie sie vor mir von dem Capitain und der Mannschaft, abgelegt und beschworen ist, einzusenden.1

In Ermangelung eines Bielbriefes habe ich auf dem Kaufbriefe den totalen Verlust dieses Schiffes bescheinigt.

Die ganze Mannschaft ist gerettet, und der größte Theil derselben sogleich auf hier liegenden Schiffen in Dienst getreten. Zwei Matrosen sind indessen erkrankt und habe ich für die Aufnahme derselben in das hiesige Hospital gesorgt. Da nach hiesigen Gesetzen die Mannschaft bis zum Tage der Verklarung auf Beköstigung Anspruch hat, so habe ich die Bezahlung der desfallsigen Rechnung auf den Wunsch des Capitains authorisirt.

Ich nehme mir die Freiheit dieser Mittheilung einige Bemerkungen über den Stand des hiesigen Handels hinzuzufügen.

Die Folgen des seit mehren Jahren von der niederländischen Regierung eingeführten Monopolsystems werden immer drückender.2 Während die Produktion in Folge der thätigern Verwaltung sehr stark zunahm, und dadurch der Verbrauch von europäischen Manufactur- und Fabrikwaaren bedeutend stieg, wurde es dem Importeur immer schwieriger Retouren zu machen, da die Regierung keine Opfer scheute, dem Mutterlande die Produkte dieser Colonie direkt zuzuführen. Eine starke Geldausfuhr war das erste Uebel, das aus diesen Maaßregeln entsprang. Der Mangel an Silbergeld ward immer fühlbarer, und die natürliche Folge war, daß das Papiergeld der Java Bank, die ein Capital von zwei Millionen Gulden hatte, bald das einzige Verkehrsmittel wurde, zu gleicher Zeit erleichterte diese Bank um ihre Dividende zu vermehren, jede Speculation durch große, weit über ihre Mittel gehende Credite, die sie mit der größten Leichtigkeit jedem, der davon Gebrauch machen wollte, bewilligte. Wie sehr diese Credite die Kräfte der Bank überstiegen, läßt sich am besten daraus ersehen, daß während mehrer Jahre eine Dividende von 30 % auf das Capital von 2 Millionen Gulden bezahlt wurde, während der Zinsfuß nur 9 % war.

Anfänglich belebte diese Maaßregel den Handel aufs Neue, bis mehre große Häuser, die sich mit einem an Schwindelei grenzenden Leichtsinn in diesen Papierhandel eingelassen hatten, in Schwierigkeiten kamen und zu spät einsahen, daß sie weit über ihre Kräfte gearbeitet hatten.

Vor ungefähr zwei Jahren war endlich die Bank in Folge dieser Transactionen und der fortdauernden Geldausfuhr genöthigt ihre Baarzahlungen einzustellen und seitdem stieg Silbergeld bis zu 20 % Prämie gegen Bankpapier, das indessen, da es bis jetzt in allen Bruderkassen für voll angenommen wird, noch seinen nominellen Werth behält.

Nachdem die Bank auf diese Weise die Bezahlung ihrer Schulden auf eine unbestimmte Zeit hinausgeschoben hatte, glaubte sie vorsichtiger werden und ihre Forderungen mit größerer Strenge eintreiben zu müssen. Sie wurde bei Ertheilung ihrer Credite schwieriger und verschiedene bedeutende Häuser mußten da ihnen fernerer Credit verweigert wurde, schon im vorigen Jahre fallen. Andere Häuser befinden sich jetzt in einer ähnlichen Lage und wenn die Bank die angefangenen Maaßregeln hätte ausführen wollen, so wäre in einigen Tagen eine Crisis eingetreten, wovon nur wenige Häuser, die sich von Anfang an von diesen Papiergeschäften freigehalten, ausgenommen sein würden.

Um Mittel gegen dieses fast allgemeinen Unglück zu ergreifen, wurde gestern eine Generalversammlung der Actionäre der Bank gehalten und darin auf den Antrag der hauptsächlich betheiligten Häuser, denen sich auch fast alle diesen Verhältnissen fernstehenden Häuser angeschlossen hatten, beschlossen, die bis jetzt ausgestellten Accepte, die sich in den Händen der Bank befänden, zu Buchschulden zu machen, um den Häusern, die von diesem Mittel Gebrauch machen müssen, Zeit zu geben, ihre Verpflichtungen erfüllen zu können. Wie zerrüttet die Geldverhältnisse der Häuser sind, deren Papier hauptsächlich das Vermögen der Bank ausmacht, beweist die Thatsache, daß vor dieser Versammlung Bankactien, von 500 fl. die Actie, auf den Fall, daß der eben erwähnte Beschluß nicht gefaßt würde, für 10 fl. die Actie verkauft worden sind.

Daß dies nur ein Palliativmittel ist wird es überflüssig sein zu bemerken und es ist zu fürchten, daß in einiger Zeit diese Schwierigkeiten sich in einem höhern Grade erneuern werden.

Auf den Waarenhandel wird diese Maaßregel auch nur wenig Einfluß haben, da der Mißcredit dadurch nicht hinlänglich vermindert wird, um Verkäufe zu erleichtern.

Da in den letzten Monaten fast gar keine Verkäufe gemacht sind, so sind die Vorräthe aller Importationsartikel ungewöhnlich groß und die Preise derselben so niedrig, daß fast alle Waaren nur mit Verlust abzusetzen sind.

Die Cultur hat in dieser Colonie so schnell in den letzten Jahren zugenommen, daß jetzt schon ein Mangel an Arbeitern fühlbar wird. Die Transportmittel aus dem Innern nach der Küste sind so ungenügend, daß Schiffe, die von der Handelmaatschappij befrachtet sind, 5 bis 6 Monate liegen müssen, ehe sie ihre Ladung erhalten können.

In der Caffe-Aernte von 1840 rechnet man auf einem Ausfall von 25 000 Picul gegen die von 1839. Da man auf eine Vermehrung von ca. 10 000 Picul gerechnet hatte, so sind 350,000 Picul weniger als das erwartete Quantum geärntet. Die Produkte in Privathänden bleiben selten und theuer, da unter den jetzigen Verhältnissen, vorzüglich da keine Wechsel auf Europa zu bekommen sind, jeder Waare zu erhalten sucht.

Die Regierung hat von neuem das Ausfuhr-Monopol auch auf Banca Zinn3 ausgedehnt, das anstatt wie bisher hier in Auktion verkauft zu werden, von jetzt an durch die Factorei nach Holland gesandt werden wird.

Ich habe die Ehre mich mit besonderer Hochachtung zu unterzeichnen

Eur. Magnificenz

ergebener

Camille Vidal


Batavia, d: 6t. März 1841.


An

Seine Magnificenz

den Herrn Syndicus

Sieveking