| Regest: |
Heinrich von Bülow, der preußische Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, und Ernst von Bodelschwingh, der preußische Finanzminister, dämpfen in ihrem gemeinsamen Schreiben an den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die nach dem Bekanntwerden des Vertrages von Nanjing (29. August 1842) wachsenden Erwartungen an die rasche Entfaltung des deutschen Ostasienhandels. Sie sehen keine zwingende Notwendigkeit, zur Förderung dieses Handels einen eigenen Handelsvertrag mit China anzustreben, denn sie rechnen mit der Gleichbehandlung aller Nationen durch die chinesische Regierung. Zur Erkundung der veränderten Handelsbedingungen und -möglichkeiten empfehlen sie, anders als einige Handelskammern und Unternehmer bereits vorgeschlagen haben, keine großangelegte Handelsexpedition auszurüsten und die Eröffnung von Konsulaten vorzubereiten, sondern vorerst nur einen Kommissar nach Ostasien zu entsenden. Als geeigneten Kandidaten benennen sie den Düsseldorfer Regierungssekretär Friedrich Wilhelm Grube, umreißen dessen genaue Aufgaben und bitten um Genehmigung der erforderlichen finanziellen Mittel. |
| Formalia: | 11 Blätter, handschriftlich beidseitig beschrieben, Entwurf mit verbindlichen Änderungen, in der Archivakte paginiert als Bl. 27–37; die Transkription gibt die endgültige Fassung des am 22. März abgesandten Schreibens wieder. |
Berlin, den 16. März 1843.
An
Seine Majestät den König.
Der im November v. J. bekannt gewordene Friedensschluß zwischen Großbritannien und China , die Eröffnung von fünf Häfen für den Handel mit diesem etwa 360 Millionen Bewohner enthaltenden Reiche und die Aussicht, daß dort dem Handel der Europäischen Völker keine Hindernisse entgegenstehen werden, gehört ohnstreitig zu den wichtigsten Ereignissen für den Welthandel.
In Großbritannien hat die Nachricht eine sofortige Steigerung des Unternehmungsgeistes und der Thätigkeit in den wichtigsten Fabrik- und Handelszweigen hervorgebracht. Inzwischen ist von verschiedensten und achtbarsten Seiten, namentlich von dem Handelsstande zu Cöln, Aachen, Düren und Solingen und dem Königlichen Konsulaten zu Hamburg und Bremen die Wichtigkeit dieses Ereignisses hervorgehoben und die Frage zur Anregung gebracht, ob und was Preußen für sich und als erste Macht des Zollvereins von dem Chinesischen Handel zu erwarten und was etwa die Staats-Regierung für denselben zu thun haben, insbesondere ob eine positive Einwirkung zur Beförderung diesseitiger Handelsverbindungen nach China und die Eröffnung neuer Absatzwege dorthin rathsam sei?
Bisher ist, nachdem der bedeutende Tuchhandel Schlesiens nach China über Kiachta (der für diese Provinz von der größten Wichtigkeit war und gerade die gewobenen Tuchwaaren liefert, welche sich vorzugsweise für den Handel nach China eignen) durch die Zollmaaßregeln Rußlands abgeschnitten worden, nur der Hafen von Canton unter gewißen Beschränkungen geöffnet gewesen. Der Absatz Preußischer Wollen-Fabrikate nach China durch einzelne Unternehmungen der Seehandlung oder vermittelst Englischer Handlungshäuser hat indessen immer fortgedauert und sollen noch im Jahre 1840 gegen 7000 Stück Tuch von Aachen und Burtscheid dorthin abgesetzt sein.
Zwei Versuche sind früher von Seiten des Seehandlungs-Instituts gemacht worden, sie wurden vor wenigen Jahren wiederholt und in diesem Augenblicke ist ein Schiff der Seehandlung dahin unterwegs. Ueberhaupt stellt sich nach allgemeinen Rücksichten auf die beiderseitigen Erzeugnisse und Bedürfnisse ein direkter Verkehr mit jenem Lande als wohl Erfolg versprechend dar, wenn ein freierer Ein- und Ausgang, insbesondere nach den nördlichen Provinzen jenes Reichs eintreten und eine sichere, nicht allzutheure Versendung und Beziehung mit denselben eintreten sollte.
Nach Inhalt der mir, dem ehrerbietigst mitunterzeichneten Minister der auswärtigen Angelegenheiten, vorliegenden gesandtschaftlichen Berichte wird britischer Seits damit umgegangen, Hongkong zum Freihafen für alle Nationen zu erklären.
Hierdurch würde schon ein Punkt gewonnen sein, wohin aus Preußen und dem übrigen Zollvereinsgebiete Artikel, in denen eine Konkurrenz mit England möglich ist, unter Preußischer, Hanseatischer und Englischer Flagge zur weitern Einfuhr nach China gebracht werden könnten. Nach den Zeitungen geht man in Hamburg schon damit um, in Hongkong ein Handlungshaus zu gründen.
Daß das nach dem Friedenstraktat zwischen England und China , soweit er bekannt ist, die Häfen von Canton, Amoy, Ningpo und noch zwei andere dem Englischen Handel geöffnet sein sollen,1 läßt nicht besorgen, daß dem Handel anderer Nationen diese Häfen etwa verschlossen sein werden, oder doch erst durch besondere Verträge mit China eröffnet werden müßten. England hatte keine Veranlassung in seinem Traktate auch für andere Nationen ausdrücklich Befugnisse stipuliren zu lassen. Was aber die Chinesische Regierung betrifft, so ist wohl anzunehmen, daß, so wie Canton schon bisher dem Handel aller Nationen, nur unter gewissen allgemeinen Beschränkungen, offen stand, dies künftig auch in Ansehung aller der gedachten Häfen der Fall sein wird. Differenzialzölle in Rücksicht der Flagge oder des Ursprungs der einzuführenden Waaren bestehen, so viel bekannt, in China nicht.
Wie wenig man auch geneigt sein mag, das Einschreiten der Regierungen für die Aufsuchung von Handelswegen oder für die Lenkung der natürlichen Richtungen des Handels zu bevorworten, so möchte sich dasselbe doch im vorliegenden Falle rechtfertigen lassen. Man darf kaum erwarten, daß ein Einzelner oder einzelne Gewerbetreibende des Zollvereins die Kosten und die Zeit daran wenden werden, in China selbst die Thunlichkeit des Imports diesseitiger Produkte zu untersuchen.
Es ist deshalb von mehreren Seiten, namentlich von der Handelskammer zu Cöln beantragt, daß für Rechnung der Preußischen oder sämmtlicher zollvereinten Regierungen einige mit der Gewerksamkeit der Vereinsstaaten vertraute Männer nach China gesendet werden möchten, um
Dem Vernehmen nach werden auch von andern Staaten, namentlich von Frankreich und Oestreich Maaßregeln verwandter Art zur Beförderung der Handelsverbindungen mit China getroffen. In der öffentlichen Meinung des kaufmännischen Publikums wird der Sache ein besondere Wichtigkeit beigelegt. Der ehrerbietigst mitunterzeichnete Finanz-Minister hat deshalb geglaubt, dem Nähertreten zu diesem Vorschlag sich nicht entziehen zu können, und nähere Gutachten darüber von den durch eigene Erfahrungen mit dem Chinesischen Handel bekannten Geheimen Commerzien-Rath Diergardt zu Viersen und General-Konsul Oswald zu Hamburg erfordert. Der p. Diergardt bezieht sich in seiner Antwort auf das Ew. Königl. Majestät unterm 1ten. Februar d. J. bereits unmittelbar eingereichte Promemoria. Die Arbeit des p. Oswald, welche zugleich ausführliche Angaben über den Chinesischen und den damit in Verbindung stehenden Ostindischen und Amerikanischen Handel in ansprechender Darstellung enthält, erlauben wir uns urschriftlich beizufügen.2
Die Anträge des Oswald gehen dahin, unter Leitung der Königlichen Seehandlung eine Expedition mit deutschen Handelsgütern nach China zur Beförderung der Preußischen Handelsverbindungen auszusenden, derselben einen, zugleich mit der Leitung der Handelsgeschäfte zu beauftragenden politischen Agenten zur Anknüpfung von Verbindungen mit den Chinesischen Staatsbehörden mitzugeben und auf diese Weise die Errichtung eines General-Konsulats und größerer Handels-Etablissements zu Canton und Hong-kong vorzubereiten. Derselbe stellt zur Erwägung, ob das dazu erforderliche bedeutende Betriebskapital von sämmtlichen Zollvereinsstaaten zusammengeschossen oder lediglich von Preußen allein aufgebracht und demgemäß auch die Ergebnisse des Unternehmens vertheilt würden. Ueber die nähere Ausführungsart desselben, die damit in Verbindung zu setzende Beförderung der Handelsverbindung zu Sincapore, Manila und den Südsee-Gegenden enthält der Bericht genügende Details. In der Hauptsache stimmen diese Vorschläge mit denjenigen überein, welche auf bereits ein Tuchfabrikant Schüll eine auf Schüll bezogene Bemerkung am linken Seitenrand ist unleserlich zu Düren machte.
Der Geheime Kommerzien-Rath Diergardt beschränkt sich darauf, die baldige Absendung eines mit den industriellen Verhältnissen unseres Landes vertrauten Agenten behufs genauerer Erkundigungen über die Bedürfnisse der Chinesen und behufs Anleitung zu Unternehmungen diesseitiger Kaufleute und Fabrikanten nach jenem Lande in Vorschlag zu bringen, wodurch derselbe durch Versuchssendungen dahin in Stand gesetzt würde. Zugleich schlägt derselbe die Anstellung besoldeter Preußischer Konsuln in China und Ostindien vor und weiset hinsichtlich der Sendung nach China auf den Regierungs-Sekretair Grube zu Düsseldorf hin. Der letztere, früher in andern Verhältnissen beschäftigt, hat bereits durch eigne Anwesenheit in Amerika die dortigen Handelszustände kennen gelernt und ist schon anderweit als ein sehr unterrichteter, praktisch brauchbarer und sowohl mit den einheimischen Gewerbs- und Handelsverhältnissen, als mit der englischen und französischen Sprache genau vertrauter Mann bekannt, so daß er sich ohne Zweifel zu einem Auftrage dieser Art wohl eignen würde. Es ist außerdem der Königliche Konsul Wichers zu Altona als ein zu einem solchen Auftrage wohlgeeigneter Mann genannt worden, welcher indessen wegen seiner zahlreichen Familie wohl schwerer sich zur sofortigen Antretung einer so weit reichenden Reise entschließen möchte. Eine auf Wiechers bezogene Ergänzung am linken Seitenrand ist unleserlich Auch ist zur Einziehung sicherer Nachrichten von den dortigen Handelsverhältnissen das Augenmerk auf den, bisher als ersten Dollmetscher der britischen Gesandtschaft und neuerdings, dem Vernehmen nach, als Englischer Vice-Konsul in China fungirenden deutschen Missionair Gützlaff gelenkt. Derselbe ist ein geborener Preuße, Ew. Majestät Königlichem Hause durch die Bande der Dankbarkeit verpflichtet, mit der Sprache, den Sitten, Gebräuchen und Bedürfnissen des Landes vertraut und hat sich bereits durch seine thätige und vielseitige Mitwirkung bei den jüngsten dortigen Ereignissen mannigfach bewährt.
Indessen kommt es zunächst auf eine Entschließung darüber an, ob und welches der vorgeschlagenen Beförderungsmittel des Handelns nach China man anwenden will.
Was die von dem Oswald vorgeschlagene Unternehmung betrifft, so würde deren Ausführung hauptsächlich der Kg. Seehandlung anheim fallen. …
gestrichene Passagen
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gestrichene Passagen
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Dagegen halten wir die nähere Durchforschung des Chinesischen Handelsgebiets bei den gegenwärtigen Umständen dem vaterländischen Gewerbs- und Handels-Interessen angemessen und der Befriedigung der Wünsche des Handelsstandes entsprechend. In dieser Beziehung ist die von dem p. Diergardt, so wie von der Handelskammer zu Cöln und von andern Seiten vorgeschlagene Absendung eines besondern mit den hiesigen Fabrikverhältnissen vertrauten Sachverständigen, welcher ausschließlich im diesseitigen Interesse sich der vorliegenden Aufgabe widmet und nach Erreichung des Zweckes der Reise wieder hierher zurückkehrt, für sicherer und erfolgversprechender zu halten, wie die bloße Korrespondenz mit dem p. Gützlaff, welcher überdies nach Blättern in Englische Dienste getreten ist, u. dessen Brauchbarkeit zur Förderung deutscher (in den meisten Artikeln mit England koncurirender) Interessen demnach mindestens zweifelhaft erscheint. Ein solches Kommissorium würde sich vielleicht in einem Zeitraum von 1 bis 1 1/2 Jahren mit einem mäßigen Kostenaufwande betreiben lassen. Die Errichtung eines Preußischen Konsulats in Canton eine auf Kanton bezogene Bemerkung am linken Seitenrand ist unleserlich dürfte übrigens um so weniger Schwierigkeiten haben, da auch Hamburg in Canton einen Konsul in der Person des Englischen Kaufmanns J. Mac Vicars angestellt hat. Nach der Anführung des Oswald in dem anliegenden Bericht J. 26. Ist derselbe bei seiner Anwesenheit mit dem Seehandlungsschiff Mentor in Canton im Jahr 1828. Mit den Chinesischen Staatsbehörden in Berührung getreten, und es ist ihm nach seiner Behauptung gelungen, von denselben ein für allemal die Zulassung der Preußischen Flagge in jenem Hafen zu erlangen. Es ist deshalb wohl zu hoffen, daß eine solche Sendung auch hinsichtlich der Anknüpfung von Beziehungen zu den Chinesischen Behörden nicht ohne allen Erfolg sein würde. Eine Empfehlung bei den Englischen Behörden in China würde ohne Zweifel dazu förderlich sein und insbesondere der Gützlaff sich wohl nicht entziehen, dem Preußischen Beauftragten bei der Erfüllung seiner Mission behülflich zu sein. Stelle es sich später als anräthlich dar, einen besoldeten Konsul in China anzustellen, so würde vielleicht der Versuch gemacht werden können, den Gützlaff in den Preußischen Staatsdienst herüber zu ziehen.
Eine vorhergehende Mittheilung über diesen Gegenstand an die Zollvereinsstaaten, um von denselben einen Kostenbeitrag zu erlangen, würde die Sache zu sehr verzögern. Indessen könnte denselben von dem Auftrage Nachricht gegeben und ihnen gestattet werden, auch durch ihren Handelsstand dem Kommissar nähere Eröffnungen und Aufträge zugehen zu lassen.3
Was die damit in Verbindung zu setzende Errichtung von Konsulaten in den Ostindischen Häfen betrifft, so ist der Antrag dazu von dem General-Konsul zu London kürzlich mit Hinweisung auf die zunehmende Wichtigkeit von Handels-Verbindungen mit jenen Ländern erneuert worden. Die hierbei zur Sprache gekommenen Kandidaten zu jenen Konsulaten sind fast durchaus Engländer und wäre es in mancher Beziehung zu wünschen, wenigstens an den wichtigsten Plätzen solche Personen einzustellen, welche der deutschen Sprache und der deutschen Verhältnisse näher kundig und von Interesse für Deutschland und Preußen insbesondere beseelt wären. Auch in dieser Beziehung dürfte die vorgeschlagene Reise eines Kommissars von Nutzen werden können. Hinsichtlich mehrerer wichtiger Häfen, namentlich Manila, liegen aber noch keine Vorschläge vor.
Unseres allerunterthänigsten Dafürhaltens dürfte deshalb zunächst ein Beamter nach China zu dem Zwecke zu senden sein, um:
gestrichene Passagen
Ueber das einem solchen Reise-Kommissar anzubietende Reisegeld bin ich, der ehrerbietigst mitunterzeichnete Finanz-Minister nähere Erkundigung einzuziehen beschäftigt. Es kommt dabei auf die Reiseroute an. Wahrscheinlich wird sich der Weg über Alexandrien, Suez, Bombay und Calcutta als der kürzeste, schnellste und sicherste empfehlen, und nur ein Nebenbesuch des wichtigen Sincapore und Manila nothwendig sein. Voraussichtlich dürfte indessen, wenn die Wahl auf den am wohlfeilsten zu habenden und in diesem Falle wohl auch mit einem höheren Titel zu begnadigenden Regierungs-Secretair Grube fiele, die Sache jedenfalls nicht über 10.000 Thaler zu stehen kommen.
gestrichene Passagen
Aus dem zur Disposition des Finanz-Ministers stehenden kleinen Fonds zu Handelszwecken von 5000 Thalern, welcher ohnehin seinen Aufgaben kaum mehr gewachsen ist, kann eine solche ausserordentliche Ausgabe nicht bestritten werden und auch dem ehrerbietigst mitunterzeichneten Minister der auswärtigen Angelegenheiten stehen keine Mittel dazu zu Gebote. Es würde also hinsichtlich der Remuneration des Reise-Kommissars und auf Haupt-Extraordinarium der General-Staats-Kasse recurirt werden können.
Hiernach legen wir ehrerbietigst darauf an:
Mich, den ehrerbietigst mitunterzeichneten Finanz-Minister, zu ermächtigen, wegen der Uebernahme eines solchen Reise-Kommissariums mit dem Regierungs-Secretair Grube, eventuell mit einem andern geeigneten sachkundigen Manne, in Unterhandlung zu treten, um denselben mit den vorbezeichneten Aufträgen nach China abzusenden.
Namens Ihrer Excellenzen
des Herrn Ministers der auswärtigen Angelegenheiten
des Herrn Finanzministers
gezeichnet mit vier Paraphen