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Nr. 2.2.1.2.04

Richard von Carlowitz, Kanton, an seine Familie in Dresden, betr. die Arbeits- und Lebensbedingungen für ausländische Kaufleute in Kanton, 2./8. November 1844

Brief

Regest:

Richard von Carlowitz, der sich seit November 1843 gemeinsam mit Bernhard Harkort auf einer von den beiden Leipziger Handelshäusern Carl & Gustav Harkort sowie C. Hirzel & Co. ausgestatteten Schiffsexpedition nach Ostasien befindet, die ihn u. a. nach Niederländisch-Indien, Britisch-Indien und Singapur sowie in die gerade erst für den internationalen Handel geöffneten Hafenstädte in China führt, berichtet seiner Familie in Dresden von seiner Ankunft und seinem bisherigen Aufenthalt in Kanton. Im Mittelpunkt der Schilderung stehen seine Eindrücke vom Alltagsleben der Chinesen, von ihrer durch den Ersten Opiumkrieg verschärften Fremdenfeindlichkeit und vom Handel mit den Europäern und Amerikanern. Er zeigt sich unentschlossen, ob er gemeinsam mit Bernhard Harkort ein eigenes Geschäft in China etablieren sollte.

Canton, 2/8. November 1844.


Heute ist es gerade ein Jahr, dass ich den heimathlichen Boden verlassen habe und ich feiere auch diesen Tag am besten durch eine Epistel an Euch. Solche Tage, an welchen irgend ein Umstand die Erinnerung an die liebe Heimath besonders auffrischt, müssen es sein, um den nach und nach an die Fremde sich gewöhnenden Menschen zu sich selber zurückzubringen, und ich habe mich gewöhnt, sie als eigentliche Feier- und Gedächtnistage niederzusetzen.

Mein letzter Brief war vom 1. Septbr. mit einer Nachschrift einige Wochen später von Hongkong aus, und seit der Zeit habe ich nichts von Euch gehört, hoffe aber, dass bis zum 1. August, von welchem Datum ich einen Brief aus Leipzig schon am 9. October hier hatte, Alles gut gegangen ist; sonst würden mir Harkorts das Gegentheil geschrieben haben.

Ich bin seit dem 1. October hier in der weit und breit bekannten Stadt, und Ihr werdet erwarten, dass ich Euch etwas Ausführliches davon erzählen werde. Ich muss es nun schon in Briefen thun, da ich Euch nicht mehr auf mein Tagebuch verweisen kann, denn dies ist beträchtlich vernachlässigt worden, und ich kann mich noch nicht recht entschliessen, es wieder aufzunehmen, da ich genug zu schreiben und herumzulaufen habe.1

Canton ist ein höchst sonderbarer Platz, in der Idee eines jeden Fremden zu Hause als grosse prächtige Stadt hingestellt, aber in der Wirklichkeit ganz bedeutend von jeder vernünftig gehegten Erwartung abfallend. – Kommt man von Hongkong oder Macao in seinem Fast-boat entweder allein für 15 doll., oder von einer Menge Chinesen umgeben für 10 d. den Cantonfluss herauf, hat man sich durch die den Fluss infestirenden Diebsboote ohne Anfälle glücklich durchgeschlagen / – erst gestern ist ein Boot angefallen, mehre Passagire verwundet und getödtet und 30 Kisten Opium, eine Affaire von etwa 20000 dollars, geraubt worden – /, die Bocca Tigris mit ihren verschiedenen neu aufgebauten Forts passirt, die vielen bei Whampoa liegenden Schiffe vorbeigesegelt, sich an den schönen Ufern von Whampoa ab ergötzt, und sich durch eine über die ganze Breite des Flusses zwischen zwei Forts gelegte Barricadirung von Steinen und Klötzen durchgezwängt – so verkünden einige wenige elende Hütten am Ufer und zunehmende Masse von Booten und Junken zuerst die Nähe von Canton. Man fährt bei einer 9 Stockwerke hohen Pagode vorüber und wird unmerklich in ein endloses Gewimmel von Booten und allerhand schwimmenden Fahrzeugen verstrickt, dass man ausser dem Schein von einem andern Fort und mehren Häusern durch die Junkenmaste durch gar nichts mehr sieht, sondern nur einen widerlichen Lärm von den Leuten der Boote, bei denen man sich vorbeidrückt oder die sich vorbei arbeiten, vernimmt, der bis zum Unerträglichen sich steigert. –

Endlich wird man einige grössere Häuser gewahr und der Star-spangles banner2 verkündet die Amerikanische Factorei und neben ihr die andern Hong‛s. Die französische Flagge sieht man auch, aber die englische ist auf einem so elenden Flaggenstock, dass man sie nicht zu Gesicht bekommt. – Die Ansicht dieser 6 Haupthongs sieht man auf vielerlei Bildern recht hübsch abgemalt, aber in Wirklichkeit sieht das Ding verzweifelt anders aus; von dem schönen freien Platze, in dessen Mitte der amerikan. Flaggenstock steht, bemerkt man nichts, einige grüne buschige Umrisse im Hintergrunde abgerechnet, und die Unmasse von Booten im Vordergrunde benimmt alle Freiheit des Panorama. – Mit meiner nächsten Sendung nach Leipzig sende ich Euch einige Ansichten. –

Genug, man ankert mit dem Fast-boat inmitten einer Menge anderer Boote und wird mit einem infernalen Lärm empfangen. Andere befreundete Boote begrüssen den neuen Ankömmling mit einer von diversen gongs und hölzernen und metallenen Trommeln hervorgebrachten Jubelouvertüre, die gebührender Massen in gleichem fortissimo, zugleich aber mit reellen Knalleffecten von, in dankender Anerkennung für zurückgelegte glückliche Reise zu Ehren der Josse (Gottheiten) abgebrannten Massen von Schwärmern und fire-crackers,3 erwiedert wird; dazu die schmelzenden Töne von einigen Dutzenden in den umliegenden Booten befindlicher Kinder, und das Schreien und Schimpfen der Leute sich durcharbeitender Boote und die schreienden Anerbietungen von einigen Dutzend Weibern, die einen in ihren kleinen Booten ans Land bringen wollen. Alles zusammen auf einmal. So mein erster Einzug in Canton, mein zweiter war zwar momentan etwas ruhiger, weil er in der Nacht stattfand, aber desto unangenehmer für den Rest der Nacht, da ich auf dem Boote schlafen musste, buchstäblich eingeschlossen von kleinen Kähnen, in deren jedem (vermöge der Prädominanz gewisser Cumps in den chines. Schädeln4) wenigstens ein kleiner Sprössling, da aber häufig mehre Familien in einem Boote wohnen, oft mehre, ihre unverstandene Sprache in die Nacht hineinschrieen. – Auf diesen Booten im Cantonflusse sollen 2–300 Tausend Menschen leben! Manchmal sieht man ganze Strassen von schönen, prächtig geschnitzten und verzierten Booten, die mit ihren Schnabelenden nebeneinander ganze Häuserreihen bilden, schönstens ausgeschmückt, des Abends prächtig erleuchtet, so dass man oft sich in eine Strasse zwischen die zierlichen Shops versetzt glaubt. –

Vom fastboat dann landet man in einem kleinen Boote, meist von Weibern gerudert, und befindet sich sofort in einem Gewühl von Menschen, die unablässig hin- und herlaufen, von Lastträgern, wandernden Barbieren, herumziehenden Conditoren und Fruchtverkäufern, Fischhändlern, Tabuletkrämern etc. und bekommt in den ersten 10 Minuten, besonders, wenn die Leute einem ansehen, dass man nicht recht Bescheid weiss, 50 Offerten, mit in die Shops zu gehen und silks, Crape shawls, ivory and mother of pearl Curiosities zu kaufen; denn jeder shop hat seinen Abgesandten, der Fremde haschen und zum Kaufen verleiten soll; und ist man einmal in einem dergleichen Shop, so bringen die Leute allerhand so nette Sachen, dass man sie alle haben möchte; und gewiss selten geht Einer wieder fort, ohne Geld sitzen zu lassen.

Ein Gasthaus giebt es in Canton nicht – ein früher bestandnes ist eingegangen – und wenn man nicht bei irgend Jemandem eingeführt ist, der Einem ein Zimmer anbietet, wie dies hier allgemein Sitte, so weiss man durchaus nicht wohin. Nachdem ich einige Tage bei einem befreundeten Engländer gewohnt hatte, – länger konnte ich nicht bleiben, da alle diese Leute selber nur eine Fremdenstube haben – gelang es mir endlich, in einem Chinesischen Hause ein Paar Zimmer zu finden, für die ich – was in Canton ganz rasend billig ist – mit Essen, i. e. Frühstück, Lunch, Mittagessen und Thee, 3 dollars = 4 preuss. Thaler, per Tag bezahlte. Und dafür bin ich ganz miserabel aufgehoben, zwischen Breterverschlägen , in einer Stube ohne Fenster, dabei ein kleines Schlafstübchen und ein drittes Behältnis für meinen Diener. Ohne einen Diener kann hier Niemand sein, und wenn man zu Tisch gebeten wird, muss der boy allemal mit, um hinter seines Herren Stuhl auf dessen besondern comfort zu sehen. Ausserdem kann man auch ohne einen solchen der Sprache wegen nicht fortkommen. Mein Boy, ein Mensch grösser als ich, ein schön bezopfter Chinese, spricht recht leidlich Englisch und ist für seine 6 doll. per Monat recht brauchbar. –

Wie "independent" die Leute hier sind, davon nur ein Beweis. Neulich fand ich beim Nachhausekommen einen fremden Herrn in meinem Zimmer, ganz comfortabler Weise sein Mittagessen einnehmend, und meine Sachen vor der Thüre. Ich hörte, dass der Wirth ihm das Zimmer angewiesen; dieser aber antwortete mir auf meine Demonstrationen und Wünsche, den fremden Herrn sofort hinauszuweisen, dass er ihn accomodiren müsse, da es ein alter Freund von ihm sei, und dass wenn es mir nicht gefiele, ich ausziehen könne. Der Herr, ein von Whampoa heraufgekommener Schiffscapitän, war undelicat genug, mein Zimmer für 5 Tage zu behalten, und ich – blieb wohnen und behalf mich. Recours hat man hier nicht; die Leute haben einen ganz in den Händen, und wenn ich über kaltes oder schlechtes Essen räsonnire, wird mir die Antwort, dass ich ausziehen könne, wenn es mir nicht recht sei. Ich kann die Leute nicht anders bestrafen, als dass ich wohnen bleibe und meine 3 dollars im Ingrimm verzehre, weil ich nirgend anders hin kann, wenn ich nicht ein Haus für 900–1200 doll. per Jahr miethen und mit eigen gemietheten Leuten eigene Wirthschaft halten will. Mein Contract ist meinen Wirthsleuten zu wenig; sie könnten mehr als 3 doll. p. Tag machen und möchten mich gern wieder hinaushaben.

Die Hongs, in welchen die Ausländer wohnen, sind lange Gebäude, in denen 6 kleine Häuser zwischen Höfen stehen, und ein solches kleines Haus ist der Aufenthalt eines Handlungshauses, das vielleicht Millionen umsetzt. Ausser den vorderen nach dem American Square zugehenden Hongs haben die Leute gar keine Aussicht, sie sehen sich gegenseitig in die Fenster, und die Häuser sind äusserst dunkel.

Von Bewegung ist nicht die Rede, man sitzt den ganzen Tag in den hongs und Abends, oder jetzt vor Tisch von 5 – ½ 7 Uhr – es wird gewöhnl. während des Winters um 7 Uhr dinirt – wandelt man den American Square oder den Company's garden auf und ab, oder begiebt sich, besser ausgedrückt, – ins allgemeine Rennen; denn von allen etwa anwesenden 150 Europäern und Amerikanern laufen wenigstens 50 des Abends im Kreise herum, als wenn ihr Seelenheil davon abhinge, und die unfruchtbare endlose Arbeit hat mich schon oft zum Lachen gebracht und gelangweilt. Der Kreis ist so gross, dass man ihn in ½ Minute umlaufen kann, und so begegnet man alle Gesichter wohl 100 Mal in kurzer Zeit. Wir musterten vor einigen Tagen 8 Deutsche in Canton und von einem in Whampoa liegenden Schiffe jetzt nur 4, von denen 2 in hiesigen Häusern angestellte Commis, einer meine Wenigkeit und einer mein alter Reisegesellschafter von Bremen nach Singapore, Frohn, ist, der von Singapore aus jetzt auf der Heimreise hier einige Tage zum Besuch ist. – Nachdem man sich müde gelaufen hat, geht man nach Hause, isst, trinkt gegen 9 Uhr Thee, liest etwas, nimmt eine Nachtmütze in Gestalt von schlechtem Brandy & Water, und begiebt sich in sein von Muskitonetzen aufgebautes Nachthaus. – Gegen 7 Uhr wird aufgestanden, beim Aufstehen eine Tasse Kaffee genossen, dann gegen 9 Uhr gefrühstückt, und um 1 oder 2 Tiffin, alias Lunch, genommen. – Ich sitze am Tage viel zu Hause, mit Schreiben beschäftigt, und laufe viel herum, um aus allen möglichen Quellen Informationen zu schöpfen, die aber meist so widersprechend sind, dass man immer im Finstern tappt.

Viel gesellschaftlicher Intercourse ist nicht; man wird häufig zu Tisch gebeten, und dann entwickelt sich ein ruhiges whist nach Tische oder ein eigenthümliches Hazardspiel, Bragg, das neuerlich sehr en vogue gekommen ist, an mir aber, als unpassionirten Spieler, keinen Jünger gefunden hat. Ein andres, aber auch ausschliessend das einzige Vergnügen, ist Rudern; es existiren eine Menge Amateurs, die in eigenen Booten den Fluss auf und abrudern und diesem Vergnügen mit Leidenschaft nachhängen. – Von fremden Damen giebt es hier blos eine, die als einziges solitäres Exemplar ihres Geschlechts am Arme ihres keineswegs sehr beliebten Ehemannes, Dr. Parker, des Abends auch im race-course erscheint und ein höchst tristes Leben führen muss. Für unsere deutschen Mädchen und Frauen wäre es ein zweiter Tod, auf längere Zeit in Canton zu leben; Englische Damen oder einzelne Amerikanische allein können es aushalten mit ihrem starren, festen und für Gemüthlichkeit unempfänglichen Character.

Das Verhältnis der Ausländer zu den Chinesen ist hier in Canton länger feindselig gewesen, als irgendwo anders in China, weil die Veränderung der Verhältnisse zwischen früher und jetzt auf Canton mehr unmittelbar eingewirkt hat, und der gemeine Volkshaufe von lange her von den Mandarinen aufgewiegelt, noch immer eine gewisse bravour darin sucht, seine oft eingebildete Feindseligkeit in Gemeinheiten zu zeigen. Dazu kommt der allgemeine Zustand der Verworfenheit in denen Canton zunächst gelegenen Provinzen, / – neulich haben sie ein Kind lebendig gebraten – / genährt durch die gute Gelegenheit für Seeräuberei, Raub, Diebstahl und Mord; und man kann sich nicht wundern, wenn die Uneinigkeit so lange in Canton in Flammen geblieben ist.

Noch neuerlich hatte man gedroht, die Mauer, die die Ausländer um den Garten der Factoreien ziehen, und neue auf dem Platze der alten Ostindischen Compagnie zu bauende Häuser niederzureissen, und man war eines neuen Ausbruchs gewärtig. Seit der Zeit sind aber von der Chinesischen Regirung sehr vernünftige, den Amerikanern und Europäern Vorrechte einräumende Verordnungen erschienen, die Ruhe zu sichern scheinen. – Man sagt, dass diese Verordnungen den Bemühungen des Amerikanischen Consuls, Mr. Forbes, zu danken seien, der es den Behörden wiederholt vorgehalten habe, dass der nächste Aufruhr vielen Chinesen das Leben kosten würde. Was überhaupt hier in Canton Heilsames geschieht, kann meist nur den Amerikanern zugeschrieben werden; die Politik der Engländer in China ist viel zu furchtsam und zaghaft, um ihren Handeltreibenden entscheidenden Schutz angedeihen zu lassen. Das Englische Consularsystem in China ist ein künstlich nach Sir Henry‘s eigener Theorie aufgebautes Kunststück, das in den Consuln nicht Beschützer der englischen Kaufleute schafft, sondern nur Zolleinnehmer für die chinesische Regirung und Bürgen für den richtigen Eingang der Zölle hinstellt, und so eine Gêne in die freien Handelsbewegungen der britischen Kaufleute bringt, die selbst in den rechtlichsten Handelstransactionen – von Opium gar nicht zu sprechen – äusserst unangenehm ist.5 Mit einem englischen Schiffe in einen chinesischen Hafen zu kommen, ist mit zehnmal mehr Weitläufigkeiten verbunden als mit einem Amerikanischen oder Deutschen.

Vor der Hand sieht man jetzt ruhigeren Zeiten entgegen, wenn der neuerlich in Hongkong sich aufgethane Zwiespalt zwischen Gouverneur und Kaufleuten, so wie sehr deutlich manifestirter Unwille der chinesischen Population gegen ein neues Gesetz nicht vielleicht zu ernsten Folgen führt.6 Der Gouverneur hat das Gesetz zurückgenommen; man fürchtet, dass die Chinesen es auslegen werden, als sei es aus Furcht geschehen und fernere Opposition darlegen.7 – Ganz sicher sitzt übrigens hier keiner von uns, und viele Leute bezweifeln lange Dauer des Friedens. Wenn hier ein Aufruhr wieder ausbricht, müssen wir uns vor der Hand selber vertheidigen, und alle Ansichten stimmen darin überein, dass es das nächste Mal scharf hergehen wird.

Die Stadt Canton an und für sich ist zwar nach dem Tractate dem Zutritte der Fremden offen; wenn man aber in die Thore hineinkommt, d. h. in die eigentlichen Stadtmauern, so wird man gesteinigt, und ebenso auf der Canton gegenüber liegenden Seite Honan. Der Verkehr ist auf einen kleinen Theil der Vorstädte beschränkt und beiliegender Riss, der aus dem Kopfe und ohne richtige Proportion gemacht ist, wird Euch eine ungefähre Idee von dem Theile Canton‘s geben, der von Fremden meistentheils besucht wird.8 Nur drei Strassen sind auf Englisch benannt:

Hoglane (chinesisch: Sin-to-lan), New China Street (Tung-wan) und Old China Street (Tsing-yuen); und letztere enthalten nur Shops mit den bekannten chinesischen Curiositäten gefüllt, die alle sehr hübsch ausgestattet sind. Die ersten Tage gewährt es eine reiche Unterhaltung in diese Läden zu gehen, und die verschiedenen Sachen zu sehen, Schnitzereien allerlei Art in Perlmutter, Elfenbein, Schildpatt, Sandelholz pp., geflochtene Sachen aus Bambus- u. Rattaus9 , Seidenzeuche, Crapeshawls, grass Cloth, lakirte Arbeitstische, Kisten und Kasten, verzerrte und merkwürdige Figuren aus Stein, Metall und Holz, dann wieder die·netten Malereien auf Reispapier und Elfenbein, worin die Chinesen sich auszeichnen; die Freundlichkeit, mit der man überall herumgeführt wird, ist erfreulich, freilich aber von der Erwartung beseelt, dass man überall Dollars sitzen lassen wird.

Nachdem man diese Sehenswürdigkeiten angesehen und das Neue sich verwischt hat, bleibt aber nichts als der traurige Rückstand von engen schmutzigen Strassen mit ihrem Gewühl von Menschen, die Einem aller Schritte Rippenstösse versetzen oder einen an die Wand klemmen, von comfortlosem Leben und Mangel an erheiternder Gesellschaft u. Gemüthlichkeit. Dazu kommt eine arge Hitze im Sommer, während es im Winter sehr kalt sein soll, und eingeschlossene Luft in den engen Häusern. Wenn man sich einmal amüsieren will, geht man auf ein Paar Tage nach Whampoa, etwa 12–15 Meilen und verbringt sie an Bord eines befreundeten Schiffes in frischer Luft und Gottes freier Natur, von der man in den Vorstädten Cantons verzweifelt wenig sieht und geniesst.

Ich bin vollkommen wohl auf und mir geht es so weit gut; das warme Clima und namentlich die frische Seeluft, die ich auf meinen Fahrten so reichlich geniesse, sagt mir zu. Nur wünschte ich in geschäftlicher Hinsicht etwas besseren Erfolg, als wir bis jetzt gehabt haben, um die viele aufgewandte Mühe und Kosten zu belohnen. Was daher aus dem späteren chinesischen Geschäfte und meinem längeren Hierbleiben werden wird, ist noch sehr ungewiss, und über künftige Pläne kann ich gar nichts sagen. Ich halte mich gern von jeder Verantwortlichkeit frei, mag auch meinen Leipziger Herren nichts anrathen, sondern habe ihnen alle Dinge, von allen Seiten betrachtet, vorgelegt, sodass sie sich selber entscheiden können. Unsere Aufgabe ist äusserst schwierig und eine höchst undankbare; die Verantwortlichkeit ist so schon gross genug, und so will ich mich wohl hüten, irgend eine Massregel anzurathen, die später schlecht ablaufen könnte. Mit Harkort habe ich mich ganz gut eingerichtet; wir sind allerdings bisher nicht viel zusammengewesen; er blieb länger als ich in Singapore, ich bin allein an der Küste 4 Monat lang gewesen, bei meiner Rückkehr nach Hongkong traf ich Harkort eben noch ehe er nach Manila ging, ich ging hierher und in einigen Tagen erwarte ich ihn hier. Er wird dann nach Calcutta gehen, wohin ich ihm im Dezember oder Januar folgen werde; und von dort aus werden sich unsre Wege wieder theilen; er wird von da wahrscheinlich nach Hause gehen – um übers Jahr wieder zurückzusein nach zweijähriger Abwesenheit, und ich werde von Calcutta wahrscheinlich wieder über Batavia oder Siam nach hier zurückkommen, um die ferneren Bescheide von Hause zu hören. Unter 2 Jahren ist demnach wenig Aussicht, dass ich wieder nach Hause komme.

Die Zeit verstreicht in der steten Abwechslung ausserordentlich rasch; man sieht viel und gewöhnt sich an das herumschweifende Leben… -

Ueber einzelne Gebräuche und Einrichtungen behalte ich mir einstweilen weitere Mittheilungen vor, und grüsse Euch inzwischen herzlichst.

Auch in der Ferne stets der Eure

Richard Cz.

Es folgt eine Skizze zur Lage der ausländischen Faktoreien und Konsulate in Kanton.