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Nr. 2.2.1.1.08

Georg Theodor Siemssen, Angestellter der Firma T. E. Vidal & Co., Batavia, aus Kanton, an Christian Martin Metzendorff, Teilhaber und Leiter der Firma T. E. Vidal & Co., Batavia, betr. die in Kanton getätigten Geschäfte, 14. Dezember 1844

Brief

Regest:

Georg Theodor Siemssen, kaufmännischer Angestellter des Handelshauses T. E. Vidal & Co. in Batavia und zu dieser Zeit für seine Firma an der südchinesischen Küste unterwegs, berichtet dem Teilhaber und Leiter der Firma Christian Martin Metzendorff über seine Ankunft in Kanton und seinen Besuch in Macao, seine inzwischen gewonnenen Kenntnisse über das Angebot chinesischer Waren und deren Preise. Nach dem Ende des Opiumkrieges hätten sich viele Handelshäuser wieder nach Kanton zurückverlagert, nur wenige seien nach Hongkong gegangen. In Macao sei es deshalb schwierig gewesen, Geschäftskontakte anzubahnen. Siemssen berichtet außerdem über seine Einkäufe in Kanton, darunter Kampfer und Ingwer; auf Cassia und Tee müsse er allerdings noch warten. Berichtenswert erscheint ihm ferner, dass Bernhard Harkort und Richard von Carlowitz in Kanton noch immer größere Mengen an importierten Tuchwaren sowie außerdem Silberdraht im Angebot haben.

Duplicat Original p Ardasair

Canton, Decbr. 14, 1844

Werther Herr Metzendorff.

Gestern hatte ich leider nur Zeit, Ihnen einige Zeilen zu schreiben, ich hoffe aber, daß dieser Brief ebenso noch mit derselben Gelegenheit als der gestrige abgehen wird & habe ich heute die Zeit Ihnen über Alles ausführlich zu berichten. Wenn ich gestern lieber zuerst an R. V. & Co. schrieb, so geschah es weil diese Gelegenheit eine vorzüglich gute für die Februar Overlandmail von Bombay aus ist welche ich nicht gerne vorübergehen lassen wollte.

Am 5t. ds. kamm ich in Macao an, nachdem wir bei den Paracels-Inseln in der chinesischen See am 29t. Novbr. morgens auf Klippen gestoßen hatten, welche dem Schiffe indessen glücklicher Weise keinen bedeutenden Schaden gethan haben. Es zieht jedoch etwas Wasser und hat ein Stück des falschen Kiels verloren, so daß es ehe wir laden kielholen muß & ausbessern muß. Genau weiß Capt. Bruhn noch nicht, wie viel das Kupfer gelitten hat, vor dem 1t. Janr. wird er aber wol keinenfalls im Stande sein Ladung einzunehmen, wahrscheinlich dauert es noch länger. Das Schiff stieß 7–9 mal, einige Male sehr schwer ohne jedoch festzukommen, da wir uns aber überall von unter dem Wasser liegenden Klippen umgeben sahen, waren wir eine halbe Stunde in nicht geringer Angst, das Schiff zu verlieren. Die ersten Stöße empfanden wir gegen Tagesanbruch & ich & die eine Hälfte der Mannschaft kamen nicht wenig verstört aus den Kojen. Wir waren während dreitägigem Sturm & dickem Wetter 1 1/2 Grad nördlich getrieben, anstatt daß der Strom gewöhnlich in dieser Jahreszeit südwestlich setzt. Der Vasco da Gama, welcher hier endlich condemnirt ist,1 hat vor zwei Monaten auf demselben Riff gesessen & ein Amerikaner auch.

So wie der Productenmarkt augenblicklich beschaffen, ist der Aufenthalt, welcher durch dies Unglück verursacht wird,

nur angenehm, da von manchen Artikeln als Thee, Cassia lignea, Rhabarber, Galanga die Preise billiger erwartet werden. Von Cassia lignea würde ich jetzt selbst nur Kleinigkeiten zu enorm hohen Preisen 13–13 1/2 $ an Bord bekommen können, da fast die ganze Aernte durch Streitigkeiten mit den Mandarinen im Innern zurückgehalten wird, sie wird aber Ende dieses oder Anfang nächsten Monats in Canton erwartet.

Von Macao hat sich fast aller Handel weggezogen, ohne daß er deshalb nach Hongkong gegangen ist, dagegen hat er sich ganz in Canton concentrirt, wo fast alle Häuser ihre Hauptetablissemente haben & die, welche noch nicht übergesiedelt sind, warten nur auf neue Häuser, deren hier jetzt viele gebaut werden, um auch herzukommen. In Macao sind nur noch drei oder vier Häuser & so lebhaft es früher gewesen sein muß, so todt fand ich es bei meiner Ankunft & was das schlimmste war, kein Mensch bekümmerte sich um den neuen Ankömmling, so daß ich sehr bedauerte keinen einzigen Empfehlungsbrief zu haben. Endlich fand ich Reiche auf, welcher mir doch einigermaßen, wenn auch nicht viele Auskunft über die Platzverhältnisse geben konnte. Von ihm hörte ich, daß Flechter Larkins & Co jetzt nur in Hongkong etablirt wären & erst später vielleicht auch nach Canton ziehen würden. Hongkong ist aber wo möglich wie ich höre, da ich noch nicht dort gewesen bin, noch todter als Macao, da selbst die Rüstfahrzeuge, einiger Verordnungen der engl. Regierung wegen weg bleiben & nach Macao kommen und diese Herren hätten mich, falls ich mich an sie gewandt, jedenfalls an irgend ein uns zum wenigsten unbekanntes Haus in Canton und hier adressirt. Russell & Co. sind sicher für den Einkauf sehr gut, aber es ist jetzt für den Productenhandel ohne Widerrede Number One wie die Chinesen sagen & ich fürchtete, daß ich mit den 18000 $ an einem Platze, wo so oft Ladungen von 100–150000 $ versandt werden, bei diesem Hause ohne alle Empfehlungsbriefe kaum solche Beachtung finden würde, als wünschenswerth & nothwendig ist, um eine gut assortirte kleine Ladung billig zu kaufen.

So bleiben nur, da uns die andern Häuser, wie Sie wissen kaum dem Namen nach bekannt sind, Reynvaan & Co., Boustead & Co. & vd. Burg, Romswinckel & Co. zu beachten. B. & Co. würden da die Esmeralda noch hier ist & auch weil wir in S. mit ihren Nebenbuhlern arbeiten, vielleicht nicht ihr Möglichstes gethan haben, vd. B., R. & Co. würden Ihnen nicht angenehm gewesenen sein & so entschloß ich mich, mich an Reynvaan & Co. zu wenden obgleich Ihnen R. in Batavia nicht gefiel. Er war natürlich angenehm überrascht & erklärte mir gleich, daß er Ihnen in B. keinen Besuch gemacht, weil vd. Burg mit dem er jetzt wie Sie wissen sehr gespannt ist, ihm die damalige China Wurzel & Galanga Geschichte gerade nicht zu u/ Gunsten dargestellt hätte. Er ist überdies mit manchen deutschen Einfuhrartikeln durch Consignationen von holländischen Häusern bekannt & hat mir die ausführlichste Auskunft versprochen. Auch ist ihm diese neue Verbindung bei der starken Concurrenz von holländischen Häusern vd Burg Romsw. & Co. von Basel, Friese (für die Factorei) & vielleicht noch Toelaer & Jonkman gewiß sehr angenehm & ich muß sagen, daß er sich sehr viele Mühe giebt. Was mich auch mit bewog an B & Co. zu gehen ist daß Sauer jetzt auf dessen Comptoir arbeitet. Derselbe soll nach Allem, was ich darüber höre, sehr gut mit dem chinesischen Handel namentlich auch in den nördlichen Häfen bekannt sein & ist jetzt sicher geneigter, ausführlicher Auskunft zu geben, als wenn ich mich an ein anderes Haus gewandt hätte.

Da fast alle Producte jetzt von Canton verschifft werden so wird die Christian VIII wahrscheinlich nach Whampoa heraufgehen. Capt. Bruhn, mit dem ich auf sehr gutem Fuße stehe, thut dies ohne andere Vergütung als Hafen- & Lootsgelder, welche ca. $ 250 betragen werden. Ich werde ihn natürlich nur herkommen lassen, wenn ich so viele Waren bekomme, daß die Leichterfracht nach Macao, welche sehr theuer ist, mehr als die Hafengelder &c. beträgt.

Gekauft habe ich bis jetzt ca. 140 Pic. Camphor à 19 $ a. B. mit 2 % Decort für baare Zahlung. Dies steht unter 5 ₤, ca. 4 3/4 ₤

ein & die Qualität ist gut; in den letzten Monaten soll nur sehr wenig von hier verschifft sein.

Vom cand. Ingber in sehr guter frischer Waare kaufte ich 200 Kisten à 3 $ 55 cs. an Bord mit 2 % Decort, welches nur ca. 8 – 8 1/2 s. einsteht, so wie 10 Kisten à 50 Catti Zinnober à 50 $ 90 cs. = ca. 53 1/2 $ an Bord. Auch nahm ich zum Versuch 10 Pic. Soya viel dicker & nicht so salzig als die Japansche, 10 $ p Pic.

Von Cassia lignea ist wie oben erwähnt, noch fast nichts angekommen. Die Esmeralda hat hier 10 Wochen danach gewartet und nur 500 Kisten bekommen, die letzten 100 Kisten wie ich höre à 13 $ a. B. p Pic. Heute sollen 100 Pic. à 13 1/2 $ verkauft sein. Im Januar hoffe ich, wenn überhaupt die Cassia dann herunterkommt, bedeutend billiger zu kaufen. Die Ladung der Esmeralda, welche Sie am Fuße finden ist nicht bedeutend & wie mir scheint sehr schlecht assortirt.

Von schwarzen Theen werden die Preise, welche bisher sehr hoch waren, niedriger erwartet, von grünen Theen ist dagegen erst wenig am Markt & die Preise sind 30 % höher als voriges Jahr, so daß ich darin Nichts für R. V & Co. werde thun können, von schwarzen Theen, hoffe ich aber Einiges zu bekommen.

Von Flores Cassiae & Sternanies werde ich nichts nehmen, da die Esmeralda den hamb. Markt damit reichlich versorgen wird. Sternanies zu 9–9 1/2 $ steht überdies nicht billig ein, ebenso wenig Flores Cassiae à 14 1/2 – 15 1/2 $.

Mit den Dollars komme ich gegen das neue Jahr hier an einen sehr guten Markt. Für die Carolus wenn es die rechte Sorte ist, denke ich ca. 9 % zu bedingen. Der Cours ist 4/6 d. p $ & die Dollars mit Kosten & 5 % Zinsen werden ungefähr ebenso viel kosten. Wechsel würden überdies jetzt schwer zu begeben sein & der Preis Cours wird noch niedriger erwartet.

Der Pilot kam hier zwei Tage nach dem Christian an. Die Frachten sind ₤ 3.10.15 s. nach England, nach dem Continent bietet sich über gar keine dar, Petersen muß also nach Manila, wohin er in einigen Tagen mit ca. 1500 Pic. Waitzen, wofür er ca. $ 350 à Fracht bekommt, segeln wird. Wie ich von Leuten

höre, welche [nachträglich vom Autor ergänzt: von] dort kommen, sollen aber auch dort keine Aussichten für Frachten sein & wenn es ihm in Singapore ebenso geht, wird er wol wieder zu Ihnen kommen.

Harkort & von Carlowitz sind noch beide hier. Ersterer denkt in ca. 8 Tagen nach Singapore & Calcutta zu gehen, Carlowitz in ca. 4–6 Wochen nach Singapore & dann wahrscheinlich nach dort. Sie haben noch Tuche, vorzüglich Spanish Stripes & Long Ells unverkauft, ich konnte aber zu keinen Einsendungen auffordern, da unter den Halbtuchen, welche sie noch haben, zu viele für dort unpassende Farben sind auch schienen die Preise, die allenfalls zu machen sein werden ihnen zu niedrig. Dagegen haben sie noch Gold & Silberdraht & wenn Harkort es nicht in Singapore verkaufen kann, wird er es Ihnen consigniren. Jap Han sagte mir früher, daß er von Suermondt & Co. zu 72–75 fl. p Bdl. von ca. 9 Unzen gekauft hätte, hier, höre ich aber von einem Passagier des McCezard, daß S & Co. dessen Gelddraht zu 80 fl. p Amsterd. Mark oder halbes Pfund verkauft haben. Jap Han gab mir eine Probe, welche sehr fein war, das von H. & C. ist viel gröber, sie glauben aber, daß das per McCezard, von welchem sie hier auch eine Probe gesehen haben im Verhältniß zu ihrem nur ca. 10–15 fl. mehr werth ist. Ich sagte ihnen, daß Preise wahrscheinlich etwas fallen würden, da sie hier aber nur ca. 30 $ p Catti bekommen können, hoffe ich doch, daß sie es Ihnen senden.

Ueber den Einfuhrhandel habe ich erst wenig gehört, ich hoffe aber darüber genaue Auskunft zu erhalten. So wie es jetzt scheint, werde ich nicht vor Ende Januar segeln & also Zeit haben mich nach Allem zu erkundigen, wenn die Leute nur geneigt sind auch gehörig zu antworten.

In einigen Tagen denke ich wieder nach Macao zu gehen da hier augenblicklich Nichts für mich zu thun ist, um zu sehen wie der Capt mit Löschen & Reparieren avancirt, & den Camphor der in Macao lagert zum Verschiffen fertig machen zu lassen.

Herrn Wilmans so wie Vaupel & Schröder &c. bitte ich herzlich zu grüßen. Für Sie habe ich einen sehr hübschen Nähkastentisch zu $ 20 bestellt. Ich wüßte dem Obigen nichts hinzuzufügen & verbleibe mit Freundschaft

Ihr G. T. Siemssen