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Canton, 23. Mai 1846.
Mein lieber Victor.
Da ich sehe, dass Du Dir wirklich in meinem Interesse so viel Mühe giebst wegen der Consulstelle, so kann ich nicht umhin, Dir in Bezug darauf, unabhängig von der allgemeinen Familien Epistel einige Worte zu sagen. Ich bin der Meinung, dass man aus der ganzen Stelle viel zu viel macht und zu viel Werth darauf legt; und wenn, wie ich höre, Preussen seine Absicht, China mit einem diplomatischen Agenten zu beglücken, durchführt, so wird dies wieder eine der unpractischsten Massregeln sein, die genommen werden können, gerade so wie die erste Idee, einen Regierungsrath, der in seinem Leben nichts von Manufacturen & Fabriken gesehen hat, zur Einholung commerzieller Informationen auszusenden. Die Geschichte hat fehlgeschlagen, was mir um Grubes willen sehr leid thut, keineswegs aber um die Ansichten, die er mitgebracht haben würde, denn viele seiner auf Muster hin gesammelten Auskünfte waren unbedingt unrichtig, wie ich es mit Waaren in der Hand, die ihm vorher auf seine Muster hin empfohlen worden waren, ausgefunden habe, denn sie waren unverkäuflich. Eine Sache hat Grube aber nach Hause berichtet und das ist, dass er die kostspielige Massregel sein würde, da ausser dem Salair noch Schreiber und Linguisten beigegeben werden müssten. – Dem handelt nun das
Preuss. Cabinet gerade zu entgegen. Ich möchte mal wissen, was ein chargé d‛affaires des Zollvereins in China machen soll. Der Zollverein |2. Seite, 65| ist den Chinesen unbekannt, sie kennen blos die Staaten nominell, die mit ihnen Verträge geschlossen haben; kommt nun Jemand wie wahrscheinlich Preuss. Seits pr. Post an (nicht wie andre Nationen mit Kriegsschiffen) ohne vorher einen Tractat machen zu wollen u. uebergiebt ein Creditiv, so werden sich die Leute sehr wundern, wo der Mann eigentlich herkommt, und die andern Nationen, die alle nur durch kaufmännische Consuls vertreten sind (England ausgenommen) werden grosse Augen machen und sich wundern über weggeworfenes Geld, denn wenn einmal eine Stelle da ist, muss sie auch würdig behauptet werde, mit Linguisten etc. und was würde der Mann nützen? Handelsberichte geben, die nicht aus lebendigem activen Verkehr, sondern vom Hörensagen zusammengesetzt sind, die Schiffe garantiren, die Frage ist, ob den Chinesen nicht die Garantie eines Handelshauses lieber ist als die einer ihnen brieflich durch unbekannte Grösse empfohlenen Person, die nicht imponirend aufgetreten ist; die politischen Zustände des Reiches der Mitte beobachten!
Wenn nun etwas vorkommt, was sich nicht mit Preuss. Politik verträgt, was dann? Von Pässen fordern ist hier nicht die Rede. Die deutschen Kaufleute beschützen! Womit? Die Kaufleute würden ihm wenig Dank wissen für seine Einmischung in rein mercantilische Sachen, und um sich etwas zu thun zu machen, würde er Regulationen für deutsche Schiffe ergehen lassen, die nur hemmend sein können, denn jetzt kommen wir besser weg mit unsern Schiffen, als die Engländer, die Consuls haben. –
Nach meiner Meinung würde die ganze Stelle eine sehr unnöthige sein, u. das Geld wäre weggeworfen, namentlich auch würden wir dadurch keine besonders wünschenswerthe Stellung mit unsern Nebennationen bekommen, denn jeder wüsste, dass es eine salva venia Dickthuerei wäre, und nichts dahinter.
Man soll um eine Stelle creiren, wenn man es für nöthig hält und die Verhältnisse kennt; man braucht nur hier ein paar Monate gewesen zu sein, um einzusehen, wie lächerlich die ganze Function sein würde. Wir sind nicht so wie zu Hause, dass wir ehrgeizig um einen Titel wären, und ich muss ganz offen gestehen, dass mir so sehr viel an der Ehre, Deutscher Consul hier zu sein, nicht gelegen ist, ich habe darum gebeten, weil ich glaube, Deutschland durch ein gutes Geschäft nützen zu können, dieses aber durch die durch die Stelle zu erlangenden Hülfsmittel zu erweitern. Wenn ich die Stelle bekomme, wird es mich freuen, aber unbesoldet würde ich sie nicht übernehmen. – Ich bin unter den Sächsischen Kaufleuten ziemlich gut bekannt, und mein Name muss jedem Staate Garantie geben, dass ich eine mir anvertraute Stelle nach Kräften ehrenvoll ausfüllen werde, aber wiederholt petiren werde ich nicht, ebenso wenig wie ich darum ein Partikelchen meiner Unabhängigkeit aufgeben will. – Ein Creditiv an den Kaiser mit der Bitte um Ertheilung des Exequaturs wird hier an Keying überreicht, dieser ertheilt das Exequatur ad iterim, sendet Petition nach Peking, von wo aus sie confirmirt wird – für einen hier bereits angesessenen Menschen liegt hierin nicht die geringste Schwierigkeit.
Ich bitte Dich von diesen Mittheilungen bescheidenen Gebrauch zu machen, und Acht zu geben, ob nicht Alles eintrifft, wie auseinandergesetzt, wenn eine diplomatische Preussische Person herauskommt.
Aufrichtigst
Dein Richard.
preuss., Preuß.preußisch
p, p., pr.per (lateinisch)
u, u.und
etc, etc., &c., &ct.et cetera (lateinisch)
BArch Koblenz Bundesarchiv Koblenz
BArch Koblenz Bundesarchiv KoblenzZSG 158Zeitzeugnisse
Carlowitz, Harkort & Co., KantonDas von Richard von Carlowitz und Bernhard Harkort zum 1. Januar 1846 eingerichtete Handelshaus Carlowitz, Harkort & Co. in Kanton bemühte sich zunächst vor allem um den Verkauf der aus Sachsen importierten Textil- und Eisenwaren aller Art, ging aber bald auch zum Export chinesischer Produkte über und plante zu diesem Zweck eine Niederlassung in Shanghai zu eröffnen, deren Leitung Bernhard Harkort übernehmen sollte. Doch dieses Vorhaben musste infolge des Zweiten Opiumkrieges verschoben werden. 1856, nach dem Ausscheiden Bernhard Harkorts, der in Kanton sein eigenes Unternehmen Harkort & Co. gründete und es später nach Japan verlegte, firmierte das ursprüngliche Handelshaus Carlowitz, Harkort & Co. um zu Carlowitz & Co.. Vgl.
Bohner, Von Dresden nach Kanton
;
Beutler, Carlowitz & Co.
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Regierung Sachsens
Deutscher Zollverein
Regierung Preußens
Kanton [Stadt in China]; auch: Canton, Guangzhou (Pinyin)
Dresden
Preußen
China; auch: chinesisches Kaiserreich, chinesisches Reich, chinesische Republik, Reich der Mitte
Ostasien; auch: East Indies (englisch), Indien, Ostindien, „Osten“Der Begriff Ostasien wird in der vorliegenden Edition in einem ganz weiten Sinne verstanden als Klammer für diejenigen Weltregionen, die für deutsche Kaufleute im langen 19. Jahrhundert auf Segel- und Dampfschiffen durch Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung an der Südspitze Südafrikas oder - seit 1869 - nach Durchfahren des Suezkanals über den Indischen Ozean oder durch Umrundung der Südspitze Südamerikas über den Pazifik erreichbar waren. In den historischen Quellen synonym verwendet werden die Begriffe Indien, Ostindien oder einfach „Osten“.
Großbritannien; auch: England, Great Britain, United Kingdom of Great Britain and Ireland, Vereinigtes Königreich Großbritannien und IrlandNach dem Zusammenschluss des 1707 gebildeten Königreichs Großbritannien mit dem nur noch formell selbständigen Irland im Jahr 1801 lautete die offizielle Staatsbezeichnung Großbritanniens bis 1927 Vereinigtes Königreich Großbritannien und Irland. Das Staatsgebiet umfasste auf den Britischen Inseln die vier Landesteile England, Wales, Schottland und Irland, hinzu kamen abhängige Territorien auf allen Kontinenten, deren größte Ausdehnung 1922 erreicht war. 1927, mit der Bildung des Irischen Freistaats, wurde die offizielle Staatsbezeichnung verändert zu Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland.
Frankreich
Russland; auch: Russia (englisch), Rußland
Vereinigte Staaten von Amerika; auch: United States (US), United States of America (USA), Vereinigte Staaten von Nordamerika
Deutschland; auch: Deutsches Kaiserreich, Deutsches ReichBis zur Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1871 kann von Deutschland nicht im Sinne eines Nationalstaates gesprochen werden. Doch in den Quellen wird der Begriff Deutschland auch zuvor häufig verwendet, wenn es den Urhebern nicht um eine Differenzierung zwischen den verschiedenen deutschen Teilstaaten ging.
Beijing (Pinyin) [Stadt in China]; auch: Pekin (englisch), Peking
Carlowitz-Maxen, Richard Julius vonRichard Julius von Carlowitz-Maxen (Richard von Carlowitz)Kaufmann, Konsul12886163018171886Richard von Carlowitz entstammte der sächsischen Adelsfamilie von Carlowitz, besuchte die Handelsschule in Leipzig und war anschließend für das Handelskontor von Carl & Gustav Harkort in Leipzig sowie die Verwaltung der Leipzig-Dresdner-Eisenbahn tätig. Um internationale Erfahrung zu sammeln, war er außerdem einige Jahre in New York für das Handelshaus Napier tätig. Im November 1843 ging er gemeinsam mit Bernhard Harkort auf eine von den Leipziger Handelshäusern Carl & Gustav Harkort sowie C. Hirzel & Co. ausgestattete Erkundungsreise nach Ostasien. 1846 gründete er gemeinsam mit Bernhard Harkort das Handelshaus Carlowitz, Harkort & Co. in Kanton, das er 1856 ohne Harkort unter der Firma Carlowitz & Co. weiterführte und das sich zu einem der größten deutschen Handelshäuser in Ostasien entwickelte und zudem verstärkt industrielle Investitionen vornahm. Er selbst zog sich 1871 nach Deutschland zurück und ließ sich, gesundheitlich angeschlagen, wieder in Sachsen nieder. Vgl.
Bohner, Von Dresden nach Kanton
;
Beutler, Carlowitz & Co.
, passim.
Carlowitz-Maxen, Victor KarlVictor Karl von Carlowitz-Maxen (Victor von Carlowitz)Legationsrat, Kämmerer104702953718091856Victor von Carlowitz war der älteste Bruder von Richard von Carlowitz und für diesen - ähnlich wie der Vetter Albrecht von Carlowitz - ein wichtiger Ansprechpartner. Victor von Carlowitz diente dem sächsischen König als Legationsrat und Kämmerer.
Grube, Friedrich WilhelmFriedrich Wilhelm GrubeBeamter, Kommerzienrat11688673016.02.179525.06.1845Friedrich Wilhelm Grube stand in den Diensten der Königlichen Regierung in Düsseldorf als er im Frühjahr 1843 vom preußischen Finanzminister Ernst von Bodelschwingh den Auftrag bekam, nach dem Bekanntwerden des zwischen Großbritannien und China geschlossenen Vertrages von Nanjing (29. August 1842) eine Erkundungsreise nach China zu unternehmen; er sollte klären, wie sich die Perspektiven des preußischen bzw. deutschen Handels mit China darstellten und ob der Abschluß eines Handelsvertrages geboten schien. Er trat diese Reise im August 1843 an, verfasste ausführliche Berichte über seine Erkundungen in China, auf den Philippinen, in den Straits Settlements und in Niederländisch-Indien, wo er jedoch einem schweren Fieber erlag und verstarb. Vgl.
Grube, Friedrich Wilhelm Grube
;
Ohrt, Grube‛s Reise
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Teilhaber; auch: Ahsocié, Associé, Gesellschafter, Partner, Theilhaber, Theilnehmer
Konsul der deutschen Staaten [als Forderung]Die Berufung gemeinsamer Konsuln der deutschen Staaten war vor der Reichsgründung von 1870/71 unüblich, wurde von den Kaufleuten vor Ort aber wiederholt gefordert und zwischen den Mitgliedern des Deutschen Zollvereins und anderen deutschen Staaten zeitweilig diskutiert.
Diplomat; auch: diplomatischer Agent, chargé d‛affaires (französisch)
Warenmuster; auch: Muster, sample (englisch)
Warenprobe; auch: Probekiste, Probensammlung, Warenprobenpacket
Lohn; auch: Bezüge, Gage, Gehalt, Salair, salary (englisch), Vergütung, wage (englisch)
Sprachexperte; auch: linguist (englisch), Linguist
Chinesen; auch: Chinese (englisch)
Handelsvertrag; auch: commercial treaty (englisch), convention of commerce (englisch), Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag, Handelsabkommen, Handels- und Schifffahrtsvertrag, Schifffahrtsvertrag, Tractat, Zollvertrag
Postverkehr; auch: Landverbindung, overland mail (englisch), Overlandmail, Postdampfer, Postschifffahrt, Postverlauf, Sattelkurier, Ueberlandweg
Geld; auch: Baares, Geldmittel, Kassa-System, money (englisch), Verkehrsmittel, Zahlungsmittel
Briten; auch: British (englisch), Britons (englisch), Engländer, English (englisch), Englishmen (englisch)
Konsularagent; auch: consular official (englisch), Consularagent, Consularbeamter, Konsularbeamter
Exequatur; auch: Exequatur ad iterimDer aus dem Lateinischen stammende völkerrechtliche Fachbegriff „Exequatur“ (zu deutsch: er möge ausüben) bezeichnet im Kontext des Konsulatswesens die Bestätigung des Gastlandes, dass ein von einem fremden Land ernannter Konsul sein Amt ausüben darf.