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Nr. 2.2.1.2.07

Richard von Carlowitz, Kanton, an seinen Bruder Victor von Carlowitz, Dresden, betr. die konsularische Vertretung der deutschen Interessen in Kanton, 23. Mai 1846

Brief

Regest:

Richard von Carlowitz, der im Januar 1846 gemeinsam mit Bernhard Harkort das Handelshaus Carlowitz, Harkort & Co. in Kanton eröffnet hat, wendet sich mit diesem Brief an seinen Bruder Victor von Carlowitz in Dresden, um diesem dafür zu danken, dass er sich bei der sächsischen Regierung für die Ernennung Richards zum sächsischen Konsul in Kanton verwendet hat. Er legt offen dar, dass seiner Meinung nach möglichst nur ein einziger deutscher Konsul ernannt werden sollte - und zwar ein praktisch erfahrener Kaufmann wie er selbst, kein besoldeter „diplomatischer Agent“ des Zollvereins, wie in Preußen gerade erwogen wird.

Canton, 23. Mai 1846.

Mein lieber Victor.

Da ich sehe, dass Du Dir wirklich in meinem Interesse so viel Mühe giebst wegen der Consulstelle, so kann ich nicht umhin, Dir in Bezug darauf, unabhängig von der allgemeinen Familien Epistel einige Worte zu sagen.1 Ich bin der Meinung, dass man aus der ganzen Stelle viel zu viel macht und zu viel Werth darauf legt; und wenn, wie ich höre, Preussen seine Absicht, China mit einem diplomatischen Agenten zu beglücken, durchführt, so wird dies wieder eine der unpractischsten Massregeln sein, die genommen werden können, gerade so wie die erste Idee, einen Regierungsrath, der in seinem Leben nichts von Manufacturen & Fabriken gesehen hat, zur Einholung commerzieller Informationen auszusenden.2 Die Geschichte hat fehlgeschlagen, was mir um Grubes willen sehr leid thut, keineswegs aber um die Ansichten, die er mitgebracht haben würde, denn viele seiner auf Muster hin gesammelten Auskünfte waren unbedingt unrichtig, wie ich es mit Waaren in der Hand, die ihm vorher auf seine Muster hin empfohlen worden waren, ausgefunden habe, denn sie waren unverkäuflich. Eine Sache hat Grube aber nach Hause berichtet und das ist, dass er die kostspielige Massregel sein würde, da ausser dem Salair noch Schreiber und Linguisten beigegeben werden müssten. – Dem handelt nun das Preuss. Cabinet gerade zu entgegen. Ich möchte mal wissen, was ein chargé d‛affaires des Zollvereins in China machen soll. Der Zollverein ist den Chinesen unbekannt, sie kennen blos die Staaten nominell, die mit ihnen Verträge geschlossen haben;3 kommt nun Jemand wie wahrscheinlich Preuss. Seits pr. Post an (nicht wie andre Nationen mit Kriegsschiffen) ohne vorher einen Tractat machen zu wollen u. uebergiebt ein Creditiv,4 so werden sich die Leute sehr wundern, wo der Mann eigentlich herkommt, und die andern Nationen, die alle nur durch kaufmännische Consuls vertreten sind (England ausgenommen) werden grosse Augen machen und sich wundern über weggeworfenes Geld, denn wenn einmal eine Stelle da ist, muss sie auch würdig behauptet werde, mit Linguisten etc. und was würde der Mann nützen? Handelsberichte geben, die nicht aus lebendigem activen Verkehr, sondern vom Hörensagen zusammengesetzt sind, die Schiffe garantiren, die Frage ist, ob den Chinesen nicht die Garantie eines Handelshauses lieber ist als die einer ihnen brieflich durch unbekannte Grösse empfohlenen Person, die nicht imponirend aufgetreten ist; die politischen Zustände des Reiches der Mitte beobachten!

Wenn nun etwas vorkommt, was sich nicht mit Preuss. Politik verträgt, was dann? Von Pässen fordern ist hier nicht die Rede. Die deutschen Kaufleute beschützen! Womit? Die Kaufleute würden ihm wenig Dank wissen für seine Einmischung in rein mercantilische Sachen, und um sich etwas zu thun zu machen, würde er Regulationen für deutsche Schiffe ergehen lassen, die nur hemmend sein können, denn jetzt kommen wir besser weg mit unsern Schiffen, als die Engländer, die Consuls haben. –

Nach meiner Meinung würde die ganze Stelle eine sehr unnöthige sein, u. das Geld wäre weggeworfen, namentlich auch würden wir dadurch keine besonders wünschenswerthe Stellung mit unsern Nebennationen bekommen, denn jeder wüsste, dass es eine salva venia Dickthuerei wäre, und nichts dahinter.

Man soll um eine Stelle creiren, wenn man es für nöthig hält und die Verhältnisse kennt; man braucht nur hier ein paar Monate gewesen zu sein, um einzusehen, wie lächerlich die ganze Function sein würde. Wir sind nicht so wie zu Hause, dass wir ehrgeizig um einen Titel wären, und ich muss ganz offen gestehen, dass mir so sehr viel an der Ehre, Deutscher Consul hier zu sein, nicht gelegen ist, ich habe darum gebeten, weil ich glaube, Deutschland durch ein gutes Geschäft nützen zu können, dieses aber durch die durch die Stelle zu erlangenden Hülfsmittel zu erweitern. Wenn ich die Stelle bekomme, wird es mich freuen, aber unbesoldet würde ich sie nicht übernehmen. – Ich bin unter den Sächsischen Kaufleuten ziemlich gut bekannt, und mein Name muss jedem Staate Garantie geben, dass ich eine mir anvertraute Stelle nach Kräften ehrenvoll ausfüllen werde, aber wiederholt petiren werde ich nicht, ebenso wenig wie ich darum ein Partikelchen meiner Unabhängigkeit aufgeben will. – Ein Creditiv an den Kaiser mit der Bitte um Ertheilung des Exequaturs wird hier an Keying überreicht, dieser ertheilt das Exequatur ad iterim, sendet Petition nach Peking, von wo aus sie confirmirt wird – für einen hier bereits angesessenen Menschen liegt hierin nicht die geringste Schwierigkeit.

Ich bitte Dich von diesen Mittheilungen bescheidenen Gebrauch zu machen, und Acht zu geben, ob nicht Alles eintrifft, wie auseinandergesetzt, wenn eine diplomatische Preussische Person herauskommt.

Aufrichtigst

Dein Richard.