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Nr. 2.2.1.2.08

Richard von Carlowitz, Kanton, an seine Familie in Dresden, betr. die in der Heimat kursierenden Gerüchte, die von ihm begleitete Expedition und Geschäftsgründung habe sich als ein Fehlschlag erwiesen, 23. Juli 1846

Brief

Regest:

Der von den beiden Leipziger Handelshäusern Carl & Gustav Harkort sowie C. Hirzel & Co. im Herbst 1843 auf eine ausgedehnte Schiffsexpedition nach Ostasien entsandte Richard von Carlowitz, der zum 1. Januar 1846 gemeinsam mit Bernhard Harkort im südchinesischen Kanton die Firma Carlowitz, Harkort & Co. eröffnet hatte, tritt in diesem Brief an seine Familie in Dresden vehement den in der Heimat kursierenden Gerüchten entgegen, die Leipziger Ostasienexpedition habe sich angesichts schlechter Absatzerfolge für die mitgebrachten Gewerbeerzeugnisse als ein Fehlschlag erwiesen.

Canton, 23. Juli 1846


Der Brief beginnt mit ausführlichem Dank für erhaltene Post aus Leipzig und eingehender Kommentierung der darin geschilderten familiären Geschehnisse.


Was Ihr zu antworten habt, wenn Jemand sagt, die von Harkorts veranstaltete Expedition sei eine voreilige gewesen und habe schlechte Resultate geliefert? Antwortet dann nur: Er verstünde gar nichts davon, und wenn er sich das nicht einleuchten lassen will, so fragt ihn, ob wohl jemals eine Geburt ohne alle Gefahr und Schmerzen gewesen sei, u. ob man wohl, um diesen transitorischen Zustand zu vermeiden, lieber das ganze Menschengeschlecht aussterben lassen würde? Verneint er dies, so ist er, wie wir in America sagen ‚a gone coon‘, d. h. geliefert.1

Ehe Deutschland dem modernen Fortschritte folgt, wird es noch lange dauern; man spricht von Handel, will ihn aber nur auf den alten ewig breit getretenen Wegen verfolgen; man erlaubt die Colonisirung u. Cultivirung anderer Länder, sieht zu, wie andre Leute das Fett von der Brühe schöpfen und wenn Freund Michel auch einmal seinen Schwarzwälder Rührlöffel in den Topf stecken will, schlägt man ihn auf die Finger; will er sich es nicht gefallen lassen, so stört ihn sein bunter Würfelrock am freien Bewegen der muskulösen Arme, und tausend Spinnenfäden ziehen ihn in das grosse Gewebe zurück, welches in dem langer Jahre ruhigen Brummen die Spinnen allmählich um ihn gesponnen haben.2

Solch ein Unding wollen viele Leute aus dem deutschen Handel machen. Wo waren wir und wo sind wir mit unserer Fabrikthätigkeit u. uns. Industrie? Der Handel mit America nimmt ab, da das Volk selbst mächtig erblüht und vorschreitet, das Maschinensystem zerstört die Handarbeit und das kleine Verdienst dabei; die ärgste Noth herrschte unter den Jüngern eines unsrer Hauptindustriezweige, der Leinenweberei (lese man nur einmal Freiligraths Gedicht: Aus dem schlesischen Gebirge – solche Bücher sind freilich in Deutschland verboten –)3 und der ganze Vertrieb unsrer Manufacte schien nach dem Versiegen der alten Abzugskanäle aufhören und in sich zerfallen zu wollen; – da ging ein neues Licht hier in China auf, ein Land wurde dem Verkehr geöffnet, das früher nichts oder wenig nahm, ein Land von mehr als 300 Millionen Einwohnern.4

Daran knüpften die Fabrikanten ihre ersterbende Hoffnung; sie selber konnten aber die Explorirung nicht vornehmen, und es war eine hochherzige, patriotische Unternehmung der Leipziger5 auf ihre Kosten die Ergiebigkeit der neu entdeckten Fundgruben zu untersuchen; es war noch Zeit mit den anderen Nationen zu gleichen shares von den Vortheilen zu participiren, die Sache wurde kaufmännisch und vernünftig betrieben durch Aussendung kleiner Waarenposten, die ganz auf gut Glück gingen, wie jeder, der sie sandte, vorher wusste; – und nun nachdem nicht Alles den kühnsten Hoffnungen entsprochen hat, räsonniren die Leute über die gebrachten Opfer zu späterem lohnenden Verkehr, der vielleicht vaterländische Industrie, eben weil wir durch China auch mit dem ganzen Osten bekannter werden, vom Untergange rettet.

Freilich werden Manche lieber Muster und preussische Regierungsräthe herausgesandt wissen wollen, die, wenn sie auch mit angestrengtem Eifer sich in die Theorie des Handels eingearbeitet haben, auf Muster hin nur unrichtige Informationen bekommen können.6 Das nennt man nachher genügende Explorirung ohne exponirt zu sein, hält sich von der practischen Unmöglichkeit der Betreibung eines vortheilhaften Handels mit China überzeugt und begreift nicht, wie andre Nationen den Handel treiben können und Deutschland nicht. Glücklicher Weise sind nicht alle Leute so engherzig, um das alte Perrückenlied mitzusingen. Wenn Miller, Taylor und Lymington 7 in Dalswinton die 1758 8 dort das erste Dampfboot konstruierten, in Deutschland gelebt hätten, wo wären wir jetzt mit der Dampfschiffahrt?9 Man würde es auch einen verunglückten Versuch genannt haben. Was sagen die überklugen Leute zu Hause wohl dazu, dass, als vor einigen Jahren die americanischen groben Baumwollwaaren hier zuerst auf den Markt kamen, und man sie gar nicht verkaufen konnte, man sie verschenkte. Die Leute lernten so nolens volens die Waare kennen, und später wurden Millionen Stücke davon mit grossem Nutzen verkauft. Von solchen Sachen versteht freilich der Krämergeist nichts. Uebrigens muss ich bemerken, dass sich ein gutes Geschäft nach und nach einrichten wird. Die Idee aber, die man noch jetzt in Deutschland hat, dass man nur einmal nach dem Osten zu riechen braucht, um gleich als reicher Mann zu sein, ist grundfalsch. Es geht Alles in der Welt nach und nach; warum soll die Einrichtung des deutschen Handels mit China so Knall und Fall gehen und gleich Goldberge einbringen!


Es folgen Ausführungen zu der Beschaffung von Übersetzungen chinesischer Bücher, zu der von Richard von Carlowitz befürworteten baldigen Berufung eines preußischen oder gemeinsamen deutschen Konsuls in Kanton und über das von Richard von Carlowitz oft als überheblich und konfliktschürend empfundene Auftreten der Briten gegenüber der chinesischen Bevölkerung, die vor dem Hintergrund des Ersten Opiumkrieges zu Ausländerfeindlichkeit neigte, was in Handgreiflichkeiten bis hin zu Brandstiftung und Überfällen zum Ausdruck kam.