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Canton, 22. Juli 1847.
Mein lieber Siemssen
Nachdem unsere Korrespondenz so lange brach gelegen hat, will ich wenigstens meinerseits Ihnen beweisen, dass das lange Stillschweigen bei mir keine veränderten Gesinnungen hervorgerufen hat, sondern dass ich Sie in Batavia ebenso herzlich wieder begrüsse als ich Ihnen damals meinen Abschiedsgruss dahin sendete. Sie haben sich freilich in der Zwischenzeit recht still gehalten und nur vom Hörensagen hat man dann und wann etwas von Ihrem Vorhaben gehört. Warum denn das? Glauben Sie etwa, dass ich einer von denen sei, die eine vermehrte geschäftliche Konkurrenz so unangenehm berührt, dass man die persönlichen freundschaftlichen Verhältnisse darüber vergessen sollte? – Keineswegs, mein lieber Siemssen, kommen Sie her, bringen Sie sich die besten europäischen und Indischen Connectionen mit, die Sie finden können, und doch sollen Sie bestens willkommen sein, es ist doch viel Platz für uns alle, und wenn es uns gelingt, zusammen das deutsche Geschäft in Flor zu bringen, so wird es wohl|2. Seite, 38| noch genug abwerfen für uns alle.
Die Waren, die wir von Deutschland hierherbringen können, sind so mannigfaltig nicht, als dass man nötig hätte, einen den andern grosse Geheimnisse darüber zu machen, und gerade diese Idee, die vielleicht bei Ihnen ebenso lebhaft ist wie bei mir, hat mich auf den Gedanken gebracht, Ihnen anzubieten, wenn Sie irgend bei Ihrem ersten Hierherkommen sich der Vermittlung eines etablierten Hauses bedienen wollen, sich an uns zu wenden. Die Handhabung der deutschen Artikel, denke ich, haben wir uns so ziemlich angeeignet und wir würden Ihnen zum Verkaufe Ihrer Waren, Besorgung für Rückfracht etc etc mit allen Kräften gern an die Hand gehen, Ihnen dabei nur eine Amerikanische Provision, say 2 1/2 % berechnend. Haben Sie sich dann persönlich umgetan und Ihre Lokaleinrichtungen getroffen, so werden Sie jedenfalls die Besorgung selbst übernehmen.
Ich mache Ihnen den Vorschlag, lieber Siemssen, ganz offen und ohne alle Umstände, weil ich hoffen darf, dass Sie mich gut genug kennen, um mich von vornherein allen Verdachtes zu überheben als wollte ich Gelegenheit suchen in Ihren Angelegenheiten herumzuschnüffeln und daraus schmutzigen Nutzen zu ziehen – wüsste ich, dass Sie meiner Offerte solche Motive unterlegten, so sollte es mir leid tun, gegenwärtige Zeilen geschrieben zu haben. Im Gegenteil ist meine Absicht nur die, Ihnen vielleicht möglicherweise behilflich zu sein und dann auch, da Sie doch wahrscheinlich irgendjemandem eine Kommission zahlen, uns dieselbe zuzuwenden, wenn Sie glauben, dass wir Ihnen ebenso gut dienen können als ein anderes Haus.
Haben Sie aber schon andere Einrichtungen getroffen, |3. Seite, 39| oder passt Ihnen die Annahme unserer Offerte nicht, so betrachten Sie sie als nicht gemacht, kommen Sie hierher und Sie sollen immer herzlich willkommen sein….
Ich werde mich freuen, von Ihnen zu hören oder Sie persönlich zu begrüssen und verbleibe freundschaftlichst der Ihre
Richard von Carlowitz
etc, etc., &c., &ct.et cetera (lateinisch)
StAHStaatsarchiv Hamburg
StAHStaatsarchiv Hamburg622-1/506Familien Siemssen und Vidal (1836–1947)
Carlowitz, Harkort & Co., KantonDas von Richard von Carlowitz und Bernhard Harkort zum 1. Januar 1846 eingerichtete Handelshaus Carlowitz, Harkort & Co. in Kanton bemühte sich zunächst vor allem um den Verkauf der aus Sachsen importierten Textil- und Eisenwaren aller Art, ging aber bald auch zum Export chinesischer Produkte über und plante zu diesem Zweck eine Niederlassung in Shanghai zu eröffnen, deren Leitung Bernhard Harkort übernehmen sollte. Doch dieses Vorhaben musste infolge des Zweiten Opiumkrieges verschoben werden. 1856, nach dem Ausscheiden Bernhard Harkorts, der in Kanton sein eigenes Unternehmen Harkort & Co. gründete und es später nach Japan verlegte, firmierte das ursprüngliche Handelshaus Carlowitz, Harkort & Co. um zu Carlowitz & Co.. Vgl.
Bohner, Von Dresden nach Kanton
;
Beutler, Carlowitz & Co.
.
Siemssen & Co., Kanton / HongkongDas 1846 von Georg Theodor
Siemssen etablierte Handelshaus Siemssen & Co. in Kanton war nach Wm. Pustau & Co. sowie
Carlowitz, Harkort &
Co. die dritte deutsche Firmengründung in China überhaupt. Das Unternehmen wurde rasch in
der chinesischen
Küstenschifffahrt aktiv, denn die in Hamburg gebauten, für Siemssen
& Co. fahrenden Segelschiffe waren den traditionellen chinesischen Dschunken technisch
überlegen, vor allem weil sie gegen den Wind kreuzen konnten, und sie
profitierten zudem vom Versicherungsschutz europäischer
Gesellschaften. Siemssen & Co. arbeiteten anfangs besonders eng
mit Behn, Meyer & Co. in
Singapur sowie Metzendorff & Wilmans in Batavia zusammen, knüpften aber
rasch ein eigenes Handelsnetzwerk, das bis nach Siam und in die USA reichte. Neben einem rechtlich
eigenständigen Kontor in Fuzhou, das
sich unter dem Namen Siemssen & Co. Fuzhou dem Teehandel widmete, wurde 1855 eine Niederlassung in
Hongkong eröffnet, 1856
eine weitere in Shanghai. Da der
Standort Kanton mit dem Zweiten
Opiumkrieg weiter an Bedeutung verlor, wurde der Hauptsitz der
Firma 1858 nach Hongkong
verlagert. Im Jahr darauf kehrte der Firmengründer Georg Theodor Siemssen nach Hamburg zurück und etablierte dort
die Schwesterfirma G. T.
Siemssen, die sich den europäischen und amerikanischen
Geschäftsverbindungen widmete. In China entwickelte sich Nikolaus August Siebs, der seit 1864
für Siemssen & Co. tätig war und 1881 zum Teilhaber aufstieg, zur zentralen
Persönlichkeit des Unternehmens, das 1865 zu den Mitbegründern der Hongkong and Shanghai Banking
Corporation zählte, sich an der Hongkong & Whampoa Union Dock
Company beteiligte und sowohl im Handel wie im Shipping weiter
expandieren konnte. Weitere Konsortial- und Tochtergesellschaften sowie
eigene Niederlassungen wurden in Hankou, Xiamen, Ningbo sowie Tianjin und Qingdao etabliert. Mit dem Ersten Weltkrieg gingen sämtliche
Niederlassungen in China verloren.
Doch mit Hilfe der Hongkong
and Shanghai Banking Corporation gelang ein Neustart: Siemssen
& Co. erlebten in Zwischenkriegszeit sogar ihre bis dahin größten
geschäftlichen Erfolge, vor allem durch den Export deutscher Mascinen, etwa
der Firmen DEMAG, Deutz, Rheinmetall-Borsig, Orenstein & Koppel,
Junkers, Dynamit etc. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg knüpften Siemssen
& Co. bald wieder Geschäftsbeziehungen nach Ostasien an. Vgl. Ernst
Hieke, Über die Anfänge des deutschen Handels mit Ostindien. Das
hamburgische Handelshaus Ross, Vidal & Co. und die Vorgeschichte von
Siemssen & Co., unveröffentlichtes Manuskript, in: Staatsarchiv Hamburg (StAH), 622-1/506, 27;
Möring, Siemssen &
Co.
.
T. E. Vidal & Co., BataviaAus dem von den beiden Brüdern Theodor Edmund Vidal und Camille Vidal 1828 etablierten Handelsstützpunkt Batavia der Kaufmannsreederei Roß, Vidal & Co. in Hamburg, ging bald darauf die eigenständige Firma T. E. Vidal & Co. hervor. Sie importierte in erster Linie Roheisen aus englischer und schwedischer Produktion nach Java, aber auch Glaswaren, Messer, Spielzeug und Tauwerk, außerdem Leder, Leisten und Seife aus deutscher Herstellung. Zucker, Reis und Gewürze bildeten die
Rückfracht nach Hamburg
. Als 1841 viele etablierte Handelshäuser in Batavia in eine finanzielle Krise gerieten, weil sie von der Javaschen Bank zuvor für den steigenden Import an europäischen Manufaktur- und Fabrikwaren in Ermangelung von Silbermünzen zu großzügig mit Krediten in Form von Papiergeld ausgestattet worden waren, standen T. E. Vidal & Co. relativ gut da. - Weitere Informationen zur Unternehmensgeschichte finden sich in: Ernst Hieke, Über die Anfänge des deutschen Handels mit Ostindien. Das hamburgische Handelshaus Ross, Vidal & Co. und die Vorgeschichte von Siemssen & Co., unveröffentlichtes Manuskript, in: Staatsarchiv Hamburg (StAH), 622-1/506, 27.
Kanton [Stadt in China]; auch: Canton, Guangzhou (Pinyin)
Batavia [Stadt auf der Insel Java]
Hamburg
Deutschland; auch: Deutsches Kaiserreich, Deutsches ReichBis zur Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1871 kann von Deutschland nicht im Sinne eines Nationalstaates gesprochen werden. Doch in den Quellen wird der Begriff Deutschland auch zuvor häufig verwendet, wenn es den Urhebern nicht um eine Differenzierung zwischen den verschiedenen deutschen Teilstaaten ging.
Carlowitz-Maxen, Richard Julius vonRichard Julius von Carlowitz-Maxen (Richard von Carlowitz)Kaufmann, Konsul12886163018171886Richard von Carlowitz entstammte der sächsischen Adelsfamilie von Carlowitz, besuchte die Handelsschule in Leipzig und war anschließend für das Handelskontor von Carl & Gustav Harkort in Leipzig sowie die Verwaltung der Leipzig-Dresdner-Eisenbahn tätig. Um internationale Erfahrung zu sammeln, war er außerdem einige Jahre in New York für das Handelshaus Napier tätig. Im November 1843 ging er gemeinsam mit Bernhard Harkort auf eine von den Leipziger Handelshäusern Carl & Gustav Harkort sowie C. Hirzel & Co. ausgestattete Erkundungsreise nach Ostasien. 1846 gründete er gemeinsam mit Bernhard Harkort das Handelshaus Carlowitz, Harkort & Co. in Kanton, das er 1856 ohne Harkort unter der Firma Carlowitz & Co. weiterführte und das sich zu einem der größten deutschen Handelshäuser in Ostasien entwickelte und zudem verstärkt industrielle Investitionen vornahm. Er selbst zog sich 1871 nach Deutschland zurück und ließ sich, gesundheitlich angeschlagen, wieder in Sachsen nieder. Vgl.
Bohner, Von Dresden nach Kanton
;
Beutler, Carlowitz & Co.
, passim.
Siemssen, Georg TheodorGeorg Theodor SiemssenKaufmann, Konsul101991322315.03.181624.11.1886Georg Theodor Siemssen ging im Auftrag des Handelshauses Roß, Vidal & Co. in den 1830er Jahren auf Expeditionsfahrten nach Ostasien und wurde schließlich für deren Niederlassung in Batavia, die Firma T. E. Vidal & Co. tätig. Er stand im engen Austausch mit seinen früheren Schulfreunden Theodor August Behn und Valentin Lorenz Meyer, die sich 1840 mit der Firma Behn, Meyer & Co., in Singapur selbständig gemacht hatten. Er selbst konnte sich dazu erst 1846 entscheiden und ließ sich mit der Firma Siemssen & Co. in Kanton nieder. 1852 wurde er zum Konsul der Hansestadt Hamburg in Kanton berufen, 1855 bzw. 1856 übernahm er auch die Aufgaben eines Konsuls der Hansestädte Bremen und Lübeck. Das von ihm gegründete Unternehmen entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschen Handelshäuser in China mit Verbindungen nach Südostasien, Europa und Amerika. Er selbst kehrte 1858 nach Hamburg zurück, konzentrierte sich mit der Firma G. T. Siemssen auf die Pflege der Geschäftsverbindungen in Europa und übernahm verschiedene Ehrenämter. Von 1862 bis 1873 gehörte er der Hamburgischen Bürgerschaft an. Vgl.
Möring, Siemssen & Co.
.
Teilhaber; auch: Ahsocié, Associé, Gesellschafter, Partner, Theilhaber, Theilnehmer
Angestellter; auch: Beamter (Privatbeamter), Employé
Provision; auch: provision (englisch), Umsatzprovision
Kommission, Kommissionsgebühr; auch: commission (englisch), Commission, Commißion