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Nr. 2.2.2.02

Arnold Otto Meyer, Hanseatischer Konsul in Singapur, an Carl Hermann Merck, Senatssyndikus der Hansestadt Hamburg, betr. einen Handelsvertrag mit dem Königreich Siam, 4. Juli 1856

Brief

Regest:

Arnold Otto Meyer, Teilhaber der Firma Behn, Meyer & Co. und zugleich Hanseatischer Konsul in Singapur setzt sich in seinem Schreiben an Carl Hermann Merck, den Senatssyndikus der Hansestadt Hamburg, dafür ein, möglichst rasch einen Handelsvertrag der Hansestädte mit dem Königreich Siam abzuschließen. Als Vorbild dient ihm der Freundschafts- und Handelsvertrag zwischen Großbritannien und Siam, der am 18. April 1856 ratifiziert worden ist und dem sich auch die Amerikaner bereits anzuschließen versuchen. Arnold Otto Meyer gibt auf Basis seiner eingehenden Erkundigungen detaillierte Empfehlungen für das weitere praktische Vorgehen. Ihm selbst gehe es vor allem darum, so legt er dar, dass Schiffe aus den Hansestädten künftig vermehrt in der Küstenschifffahrt zwischen Siam, Singapur und China beschäftigt werden, die bisher ganz überwiegend von chinesischen Kaufleuten und Reedern betrieben werde.

Ew. Wohlgeboren

werden ohne Zweifel bei Ansicht dieses meinen Brief vom 18. Juni erhalten haben, in Begleitung eines via Southampton gesandten Buches den Tractat Ihrer Majestät der Königin von Großbritannien mit den Königen von Siam enthaltend.1

Meine schon unter obigem Datum gegebenen Winke wegen der Art und Weise wie sich die Hansestädte am Genügentsten dem so eben definitive abgeschlossenen Vertrag anschließen können, muß ich heute durchaus bestätigen.

Ich habe mich genau und vielseitig erkundigt wie ein Anschluß am leichtesten zu bewerkstelligen sei und habe ich einstimmig die Antwort erhalten daß ein jedes Land einen Bevollmächtigten nach Siam zu schicken habe; daß ein Handelsvertrag durch einfache Correspondence dagen nicht abzuschließen möglich sei.

Mein Vorschlag geht demnach dahin daß Sie in Vereinigung mit den übrigen Hansestädten einen in diplomatischen Angelegenheiten bewanderten Herrn heraussenden begleitet von den nöthigen Accreditionen und Geschenken an die beiden Könige. –

Ich rathe dann zur möglichst raschen Expedition dieses Herrn, damit wir „das Eisen schmieden weil es warm ist“ denn es ist bekannt genug, daß die Großen des Landes den Absichten der Könige sehr zuwider sind, daß, sollte einer derselben sterben, es sehr zweifelhaft werden würde daß ähnliche Tractate abgeschlossen werden könnten. –

Von dem ersten Minister an bis auf die untersten Würdenträger hegen die Siamesen eine große Angst vor dem Einfluß der englischen Nation. Sie haben


Sr. Wohlgeboren

Herrn C. H. Merck Dr.

Syndicus der auswärtigen Angelegenheiten

Hamburg

von der Geschichte Calcutta’s gehört und wenden diese im Voraus auf Bangkok an! Daher haben die Siamesen es ungern gesehen daß ihnen sogleich ein Consul, in der Person des Herrn Hillier von Hongkong, von England zugeschickt worden ist. – Es ruht das gute Einverständniß demnach nur bei den Königen; von den Würdenträgern dürfen die Engländer nur Opposition erwarten.

Diese Abneigung scheint mir aber als gegründete Veranlassung daß alle fremden Nationen sich so rasch als möglich ähnliche Rechte auswirken als es die Engländer gethan, denn nur durch die Ausgleichung fremden Einflusses wird das Vertrauen der eifersüchtigen Eingeborenen wieder hergestellt werden.

Die hanseatischen Flaggen dürfen also auf günstige Aufnahme rechnen.

Für den Augenblick ist es nicht so sehr der directe Handel zwischen den drei Städten und Siam der mir einen Anschluß an den Tractat wünschenswerth scheinen läßt, als die Möglichkeit unsere Schiffe für die Fahrt nach Bangkok und zurück oder von B. nach China zu verchartern. – Bis heute kommen unsere Schiffe noch unter den alten Tractat, nach welchem sie die Abgabe nach Länge und Breite und Tiefe des Schiffes zu entrichten haben während einheimische Schiffe d. h. die des Königs davon frei sind! Für unsere Rheder strebe ich also jetzt; manche günstige Charter dürfte sich für unsere Schiffe bieten über Siam nach China zu gehen, oder Produckte hierherzubringen. – Wie unangenehm wenn wir noch für längere Zeit diesen Ausweg für unsere Fahrzeuge unbenutzt lassen müßten.

Der Handel in Landesproduckten liegt noch zu sehr in den Händen der Chinesen, welche ihn seit Jahren betrieben und daher gleichsam ein Monopol in demselben erlangt haben. Diese Leute lassen selbstverständlich ungern einen Dritten zu um ihnen Concurrenz zu machen. Daher kommt es denn auch daß die Belader des französischen Schiffes „Pur Sang“ mit den undenklichsten Schwierigkeiten zu kämpfen haben um Produckte für dasselbe zu bekommen, und diese selbst kosten viel mehr als wofür man sie hier bei uns kaufen kann! – So versicherte mich ein eben von Bangkok zurückgekehrter Kaufmann der nur aus dem Grunde die Reise dahin unternommen um sich von der Wichtigkeit des Platzes als Export-Hafen zu überzeugen. –

Erst nach und nach muß sich die Regierung, die eingeborenen Kaufleute und das Volk, an den Handel mit Europäern gewöhnen, und dann erst wird Siam als den Europäern wichtiger Handelsplatz wichtig werden. –

Um nur eins anzuführen. Bis heute kennt man in Bangkong eingeborenerseits garnicht den Werth der Zeit. – Gefällt es den Großen nicht ein Schiff zu expediren, so muß es warten & so lange warten bis man irgend einer Forderung des Mächtigen nachgegeben oder ihn durch Geschenke günstig gestimmt hat! –

Der neue Vertrag stellt nun freilich die Engländer gegen solche despotische Handlungsweise sicher allein versuchen werden es die Beamten immer dem Handel, der ihnen, wie bisher, keinen Vortheil bringt, störend in den Weg zu treten. –

Der americanische Gesandte Mr. Harris ist mit der Rectification des Tractates für die Vereinigten-Staaten zu Stande gekommen.2 Man sagt officiell solcher sei Wort für Wort wie der englische abgefaßt, nur mit den nothwendigen Namens-Veränderungen. –

Ein Gerücht dagegen will wissen es sei noch ein geheimer Articel hinzugefügt nach dem die V. Staaten sich anheischig machen Siam gegen den kriegerischen Angriff irgend einer Nation in Schutz zu nehmen. Verbürgen kann ich diese Nachricht nicht dagegen liegt sie sehr im Bereich der Wahrscheinlichkeit wenn man die politische Stimmung der Vereinigten Staaten Nord-Americas, England gegenüber, berücksichtigt. –

Der französische Gesandte welcher uns mit seinem Geschwader verlassen hat, ist von diesem Gerücht informirt. – Möglich daß er heraus findet wie viel Wahres daran ist. – Der Punkt muß ihm ebenso wichtig sein als jeder andern großen Seemacht. –

Ich komme nun noch auf die Geschenke zurück die eventualiter den Königen gemacht werden müssen. – Ich schreibe „müssen“ denn es ist eine althergebrachte Sitte, und es wird demnach als selbstverständlich erwartet daß irgend eine europäische Macht die ein Freundschaftsbündniß mit den Herrschern von Siam zu schließen wünscht, diesen Geschenke darbringt oder besser, solche mit ihnen auswechselt. –

Alle die letzten Gesandtschaften haben denn auch diese Etiquette beobachtet. –

Sir John Bowring brachte, für Großbritanien nicht sehr werthvolle Geschenke: für jeden der beiden Könige eine mit Diamanten gefaßte Uhr mit sinnbildlichen Gravirungen von Großbritannien & Siam, Pettschaften & s. w. zum Werth von circa $ 800.–. und außerdem für den ersten König einen Schreibtisch dessen Geräth ganz von Gold! – Die werthvolleren Gaben, welche bei der Rectification des Vertrages überliefert werden sollten, sind leider beim Ueberschiffen auf unserer Rhede verunglückt. –

Mr. Harris, der Amerikanische Gesandte überreichte Folgendes: Große Spiegel und brilliante Kronleuchter, Solar Microscope, eine Electrisir-Maschiene und wurden ähnliche Apperrate, reich gebundene Amerikanische Bücher & Feuerwaffen neuester Construction, einige mit vergoldeter Garnitur. –

Man hatte den Americanischen Gesandten vergeblich ersucht ein Modell des Electro Magnetischen Telegraphen, oder Modelle anderer nützlicher Maschinen mitzunehmen als eine Sprütze wie man sie in den V Staaten anfertigt und andere mehr.

Eine solche Feuersprütze oder noch besser ein Thelegraphen Apparrat würde sicher sehr willkommen sein. –

Der erste König versteht sich sehr gut auf Astronomie. Sir James Brooke schickte ihm daher vor einigen Jahren ein Fernrohr zum Werth von $ 400.–.

Der zweite König interessirt sich für’s Militair; irgend etwas wirklich Schönes was in dies Fach schlägt würde sehr gnädig aufgenommen & gewürdigt werden. – Revolver von Colt & Minie Büchsen besitzt er aber schon lange; es wird uns Deutschen nicht schwer fallen in dieser Branche Vorzügliches zu liefern. Büchsen von Herzberg oder aus Bayern, blanke Waffen aus Solingen, die vollständige Equipirung unseres nordischen Militairs aus dem schönsten Material würden das Interesse des Königs rege machen.

Dieser besizt auch Talent für Mechanic und wünscht ferner sehr seine Bibliothek mit werthvollen und glänzenden, illustrirten, Werken zu füllen.

Letzteres paßt außerordentlich gut für uns weil unsere deutschen Künstler jede andere Nation in diesem Genre überstrahlen.

Mit Globussen & deutschen Glaswaaren sind die königlichen Wohnungen gefüllt, allein Kunstwerke, als Oelgemälde und Statuen würden sehr gefallen.

Der erste König schnupft; eine Dose wäre also willkommen. –

Die Geschenke an den zweiten König müssen ungefähr ein Drittel des Werthes sein von denen welche dem ersten überreicht werden.

Einige der ersten Minister & Fürsten dürften auch Etwas erwarten, als einen Staatsdegen oder Parade Säbel. –

Aus dem Angeführten wird es nicht schwer sein dasjenige herauszufinden welches von unseren Städten gewählt werden sollte. –

Sollte ich noch vor Abgang der Post anderweitig Erkundigungen über Siam einziehen können so werde ich mir erlauben ein P. S. nachfolgen zu lassen. –

Beigehend empfangen Sie Abschrift des bis jetzt von mir geführten Protocolles welches Sie über hier in Consulatsangelegenheiten Geschehenes unterrichtet.


Ich verbleibe

Ergebenst

A. Otto Meyer.

Consul


Singapore

4. July 1856