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Nr. 2.2.3.05

Arnold Otto Meyer über die Auswirkungen der internationalen Wirtschaftskrise von 1857 auf die Firmen Arnold Otto Meyer in Hamburg und Behn, Meyer & Co. in Singapur, o. O. [Hamburg], o. D. [ca. 1890er Jahre]

Erinnerungsbericht

Regest:

Arnold Otto Meyer, der Anfang 1857 aus Singapur nach Hamburg zurückgekehrt war, um sich dort dauerhaft niederzulassen, schildert in seinen wahrscheinlich in den 1890er Jahren verfassten Lebenserinnungen die Auswirkungen der 1857 aufbrechenden internationalen Wirtschaftskrise, als das überraschend schnelle Endes des Krimkriegs (1853–1856) zum Preissturz für zahlreiche Produkte führte, nicht zuletzt für den aus Ostasien bezogenen Reis, und dadurch der internationale Wechselverkehr an den Rand des Zusammenbruchs geriet. Er legt dar, wie die verschiedenen Gläubiger der Firma Behn, Meyer & Co. an ihn herantraten, auf zusätzliche Garantien drangen und wie schwierig sich seine Versuche gestalteten, die drohende Zahlungsunfähigkeit durch den Transfer von Londoner Wechseln abzuwenden. Denn das Vertrauen in Wechsel sank rapide. Nur durch die Bereitschaft von engen Geschäftspartnern und Familienmitgliedern, immer neue Garantien zu stellen, gelang es Arnold Otto Meyer, sein Haus durch die Krise zu führen, das zwar überlebte, aber mit hohen Verlusten daraus hervorging, die zu kompensieren den Teilhabern kaum noch möglich war, da sie fast ihr gesamtes persönliches Vermögen hatten einsetzen müssen.

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Das Jahr (1857) und die darauffolgenden wird so leicht kein Kaufmann vergessen, der damals mitten im großen Geschäft stand.1 Im Anfang des Jahres 1857 war ich von Singapore nach Hamburg zurückgekehrt.2 Kaum war ich eingerichtet, brach im Herbst die Krise los. In Calcutta hatte Schreiber die Freunde Pehmöller beauftragt, monatlich einen Posten Häute (Kits) für unsere Rechnung nach London zu verladen und dagegen auf J. H. Schröder & Co. zu ziehen. Da hatte ich denn das Glück, wohl sechsmal den Besuch von Herrn Telge zu empfangen mit der Mittheilung, für den gezogenen Betrag einen Garanten zu bringen, denn die Häute brächten nur den halben Facturapreis. Was thun? Ich ging jedesmal zu August Behn, und der garantirte. Schröders kündigten hier auch bei Theodor Wille. Die Hamburger Börse und mit ihr Wille selbst waren darüber sehr aufgeregt. Wechsel auf London waren hier schlecht verkäuflich. Ich schickte daher meine Singapore Remessen nach London und bezog dagegen zwei dicke Silberbarren; wie zwei Zinnblöcke ohne Ohren sahen sie aus. Durch die Einfuhrliste hatte Krogmann Wind von meinem schönen Silber erhalten. Sofort war sein Sohn Carl3 bei mir am Contor und entführte es mir zum Credit von B. M. & Co. Wenn man dir das Silber so wegholt, so laß dir lieber von London Wechsel auf Hamburg kommen. Sie trafen ein, – aber nur wenige wurden eingelöst, voran die auf Lipmann & Geffken, die waren Gold. Später gingen auch die anderen ein. Eines Tages besuchte mich der alte Vorwerk. Er holte einen spannedicken Packen mit Wechseln hervor, schüttelte sie vor meinen Augen und sagte: Sehen Sie, morgen können alle diese Wechsel wertlos sein. Krogmann hatte eine unserer Reisladungen an H. J. Merck & Co. verkauft. Man frug sich: werden Merck sich halten können? – Krogmann brauchte Geld; für B. M. & Co. sollte ich Mbco 100 000,– anschaffen. Ich schrieb dafür Wechsel aus auf 3 Mt. dato. Wachsmuth & Krogmann acceptirten und mein Vater G. C. Lorenz Meyer indossirte. Ehe er es that, frug er seinen Associé und Sohn Friedrich Max: werden wir in 3 Monaten hunderttausend Mark bezahlen können? Auf die Bestätigung hin setzte er seinen Namen auf den Wechsel, der nun schlank discontirbar ward. W. & K. lösten den Wechsel bei Verfall ein.

A. Tesdorpf & Sohn4 ließen mich rufen: Lieber Herr Meyer, die Post ist herein; sie bringt Tratten Ihres Hauses gegen große Reisverladung per – ? – Wenn Sie unsere Briefe erinnern, so werden Sie finden, daß wir nur unter gewissen Bedingungen Reis haben wollten. Ihr Haus hat diese Bedingungen nicht erfüllt. Daher müssen wir eine Betheiligung ablehnen und müssen die Tratten zurückgehen lassen, es sei denn, daß Sie die Ladung für die alleinige Rechnung Ihres Hauses übernehmen. Tratten nach Singapore zurückgehen lassen, war gleichbedeutend mit einer Zahlungseinstellung, also übernahm ich die ganze Ladung für B. M. & Co.‛s Rechnung.

So steuerte ich denn durch die Krisis hindurch, aber wenn ich auch durchkam, die Folgen derselben trafen B. M. & Co. ganz furchtbar. Bis zum Ausbruch der Krisis waren alle Produktenpreise sehr hoch getrieben; nach der Krisis fielen sie, und je länger die Verkäufe hinausgezogen wurden, um so tiefer gingen die Preise. Einen Verlust von 33 % hätten wir schon gutmachen können, nicht aber einen von 50 %. Darauf kam es für B. M. & Co. hinaus. Es war eine schwere, bittere Zeit. Was ich mir bis dahin erworben hatte, verschwand, und mehr als das. Ich kam ins Debet. Johannes Mooyer hatte viel Geld ausgegeben für seinen Hausbau auf dem Hügel Sweet Briars und für seine Hausreise und Verheiratung. Er geriet ohne Weiteres ins Debet. Also was wir besaßen, das war an unsere Geschäftsfreunde abgeführt; ihr Verlangen nach fernerer Begleichung konnte von mir nicht mehr gestillt werden.

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