| Regest: |
Martin Hermann Gildemeister, der gemeinsam mit Louis Kniffler dauerhaft nach Japan gehen will, um dort ein eigenes Unternehmen zu etablieren, berichtet seinem Onkel, dem Bremer Senator Ferdinand Donandt, unterwegs auf einer Reise nach Hongkong von seiner ersten Eindrücken aus Japan. Obwohl die Japaner noch gar kein großes Interesse an europäischen Industriewaren entfaltet hätten, wird das Land ihm zufolge geradezu geflutet mit Einfuhren aus Europa und den USA. Die Handelsbeziehungen Japans mit China seien dagegen bereits sehr eng, wenn auch durch hohe Silberimporte etwas ins Stocken geraten. Martin Hermann Gildemeister legt seinem Onkel die Währungsverhältnisse Japans näher dar, die durch den vermehrten Import von Silber und fremden Münzsorten in Turbulenzen geraten waren. Im Hinblick auf einen Handelsvertrag zwischen Bremen und Japan, empfiehlt Gildemeister, sich den Bemühungen Preußens anzuschließen, zumal Bremen aus Kostengründen nicht in der Lage sei, einen besoldeten Diplomaten nach Japan zu entsenden, was aus Prestigegründen aber fast zwingend erforderlich sei. Die Geringschätzung von Kaufleuten ist ihm auf seiner Reise durch Japan deutlich vor Augen getreten. Abschließend führt Gildemeister noch aus, dass es ihm gelungen ist, japanische Kohle zu verkaufen, obwohl das Interesse daran in Hongkong - im Gegensatz zu Shanghai - nur sehr schwach sei. |
| Formalia: | 4 Blätter, handschriftlich beschrieben, teil beidseitig, teils einseitig; als Abschrift eines Auszugs gekennzeichnet; nachträglich von anderer Hand mit Vermerken versehen, die - sofern sie nur der Registratur dienten - in der Transkription nicht berücksichtigt werden. |
Auszug aus einem Privatbriefe von Herrn M. H. Gildemeister in Nangasaki.
Hongkong, 12. Mai 1859.
Von Japan aus hatte ich keine Zeit, Dir über alles näher zu berichten und jetzt thue ich dies auch nur kurz, um später ausführlicher mit besserem Urtheil schreiben zu können. Nur so viel sei erwähnt, daß meiner Ansicht nach in den ersten 4 bis 5 Jahren noch keine Seide in Japan zu spinnen ist. Die Japanesen müssen erst an den Consum von europ. Produkten gewöhnt werden, da sie in ihrem Lande selbst Alles haben, (wenn auch Vieles nicht so gut), was sie zum Leben nöthig haben. Dazu scheint jetzt die ganze Handelswelt ihr Augenmerk auf Japan gerichtet zu haben und wird Japan mit Manufacturen in diesem Jahre wirklich bombardirt. Allein von Batavia ist soviel eingeführt, daß man fast nichts mehr verkaufen kann oder nur bei einzelnen Posten und zu schlechten Preisen. Dort sind die Leute durch den Brand in Decima nun aber etwas abgekühlt, dafür werden aber bei der Eröffnung von Kanagara am 4. Juli (in der Bay von Jeddo) eine Masse Menschen von Amerika mit Ladungen eintreffen, so daß wir dort ein zweites Californien haben werden.
Jeddo ist eine große Stadt, hat aber fast gar keinen Handel, und so werden sich wenig Leute finden, die uns dort die Sachen abnehmen werden. Exporten, die bisher so schwer zu bekommen waren, werden sich wohl finden, wenn man das Land nur erst etwas näher kennen gelernt hat. Sehr bedeutend ist das Geschäft mit China bereits, das sich hauptsächlich auf die Einfuhr von Silbergeld in Japan begründet. Dieser Handel ist nur in der letzten Zeit dadurch etwas in‘s Stocken geraten, daß sich die Regierung weigerte, die Zufuhren von Silber einzulösen, was wohl bald einige diplomatische Verhandlungen hervorrufen wird. Die Sache verhält sich nämlich folgendermaßen: Bei dem geringen Vorrath von Silber in Japan hat dieses Metall dort einen weit höheren Werth im Verhältniß zu Gold als bei uns und überhaupt in der ganzen übrigen Welt. Die Japanesen haben nun eine Geldmünze, die Cobang, die bei ihnen zu 6 Thails ausgegeben wird, und die nach Ermittlung in der Holländischen Bank vor längerer Zeit dem Werthe von fl. 10. Holl. gleich kommt. Darnach stellte Holland bei all seinen Berechnungen den Grundsatz auf, 1 Japan. Thail sei fl. 1.60 c. – Der Thail ist eine fingirte Münze (gleich Mark Banco), die nur für Berechnung der Holländ. Factorei mit Japan eingeführt wurde, weil die Europäer keine Japan. Münzen in Händen haben sollten. Später wurde der Thail zur Erleichterung des Verkehrs in Papiergeld ausgegeben und hat in Japan einen feststehenden Cours in Itzibus oder der Japan. Silbermünze. – Bei Abschluß des Vertrags mit England1 erklärte sich Japan nun bereit, den Fremden für ihren Aufenthalt im Lande fremde Münzsorten zu wechseln, die gegen die Itzibus, Silber gegen Silber, abgewogen werden sollten, und wovon der ermittelte Werth dann durch die Fremden wieder in Thails oder Papiergeld angenommen werden müßte. Japan verstand dieses nun aber so, daß es für jeden Fremden nur eine Kleinigkeit, soviel wie er für seinen eignen Bedarf nöthig habe, wechseln sollte. Als nun die Engländer das erste Geld wechselten, sahen sie, daß sie für jeden Mexican. $ 4 7/10 Thails ausbezahlt erhielten, während sie nach der Holländ. Berechnung des Thails (1 fl. 60 c.) nur etwa 1 7/10 Thail pr. $ erwartet hatten. Dadurch kaufen sie alle Artikel, wie getrocknete Fische, Seegras etc., die in Japan in Masse zu kriegen sind, und von den Chinesen gern gegessen werden, außerordentlich billig, und so kamen zuerst Dent & Co., eines der ersten Häuser in China, mit Massen von Dollars, oft 10,000 Stück zur Zeit, um diese gewechselt zu erhalten, worauf bald andere Leute nachfolgten. Die Regierung löste mehrere Monate hindurch Alles ein, konnte zuletzt aber nicht mehr dagegen, da sie all das Silber gar nicht gebrauchen konnte und zuletzt hörte sie auf überhaupt nur noch etwas zu wechseln. Dadurch hat der Handel nun vorläufig etwas abgenommen, wird aber wol wiederkommen, da mit dem 4. Juli die Dollars im Volke coursiren können, wenn Japan nicht vorher noch diesen Artikel des Vertrags zu ändern sucht.
Was den Abschluß eines Vertrags zwischen Bremen und Japan betrifft, so habe ich Dir hierüber schon von Batavia aus geschrieben. Es würde mir nicht schwer fallen, dieses durch Vermittlung des Gouverneurs von Nangasaki zu thun (auf Grund der übrigen Verträge), jedoch kommen dabei einige Punkte in Betracht, die wohl berücksichtigt zu werden verdienen. Die übrigen Staaten werden nämlich alle diplomatische Consuln in Japan einsetzen; da Bremen dies aber natürlich nicht kann, und Kaufleute in Augen der Japanesen nur eine sehr niedrige Classe von Menschen ausmachen, so würde Bremen immer hinter allen anderen Nationen zurückstehen müssen, und würde von den Japanesen nur als eine Stadt aus lauter Kaufleuten oder niedrig stehenden Menschen bestehend, betrachtet werden. Aus diesem Grunde würde es besser für Bremen sein, wenn es sich von vorn herein einem größeren Staate, wie Preußen, anschlösse, und da letzteres den Zeitungen nach ja schon mit dem Ausrüsten einer Flotte und der Abfertigung eines diplomatischen Gesandten für China und Japan beschäftigt ist, so würde dies ja die beste Gelegenheit sein, um dadurch auch einen Vertrag für Bremen auszuwirken. Preußen würde dann doch wohl einen diplomatischen Consul für Japan oder wenigstens für China und Japan gemeinschaftlich unterhalten, durch den Bremen mit vertreten werden könnte. Der Handel mit Japan bietet augenblicklich keine so große Chancen dar, daß Bremen sich darum beeilen müßte. Für die Schifffahrt wäre es aber jedenfalls sehr wünschenswerth, da Schiffe gewiß gute Beschäftigung zwischen China und Japan finden werden. Dies gilt noch mehr für Hamburg, das 3/4 seiner Flotte fast hier in China hat. – Japan würde fremde Schiffe jetzt auch ohne Vertrag wohl handeln lassen, wenn es nicht vor Kurzem ein dänisches Schiff zurückgeschickt hätte. Dies hatte Dollars an Bord, und wurde nur deshalb weggeschickt, jetzt aber kann natürlich auch kein anderes Schiff angenommen werden.
Ein Exemplar des Holländ. Vertrags[nachträglich ergänzt: mit Japan] habe ich Euch neulich zugeschickt, ich dachte, daß es auch für die Handelskammer vielleicht von Interesse wäre, die ihn ja leicht übersetzen lassen kann.
Im Juli werden wir wahrscheinlich schon eine Dampfschiffverbindung zwischen Shanghai und Japan bekommen, die Distanz ist nur 1 1/2 Tagreisen für einen Steamer. Mehrere Bremer sind schon in Japan und andere werden folgen.
d. 20. Mai
In zwei Tagen wird die Mail von hier gehen und 1 Tag später werde ich mit dem „Schiller“ wieder nach Japan zurückkehren. Die Kohlen habe ich noch glücklich an die franz. Regierung verkauft, die damit einen Versuch machen will. In Shanghai gehen die japan. Kohlen sehr gut; hier, obgleich der Consum viel größer ist, will man noch nicht daran. Mit der Zeit, wenn die Japanesen erst gelernt haben, ihre Kohlen richtig zu bearbeiten, wird dies ein wichtiger Artikel für China werden, indem durch die vielen Steamer, die für Privatleute an der Küste mit Opium fahren, der Consum sehr groß wird. Die Japanesen haben von all ihren Minen, sowohl Kohlen, als Metall, bis jetzt nur die obersten Schichten abgenommen, die bekanntlich am schlechtesten sind; jetzt sind sie aber sehr darauf aus, das Minenwesen gründlich zu lernen, und namentlich für ihre reichen Kohlenläger werden sie alsdann gutes Geld lösen. Ende dieses Monats hoffe ich wieder in Nangasaki zu sein und Mitte nächsten Mts. wird Kniffler dann hinauf nach Kanagawa gehen.
Hinsichtlich des Vertrags erwarte ich nun deine weiteren Mittheilungen. Der Abschluß für Bremen würde keine Schwierigkeiten haben, aber wegen der späteren Verhältnisse würde, wie gesagt, der Anschluß an Preußen rathsamer sein. Möglich ist es auch, daß die Japanesen durch den Umgang mit Fremden das Vorurtheil gegen Kaufleute mit der Zeit verlieren, jedoch werden darüber noch mehrere Jahre hingehen. Der Amerik. Ministerresident hat selbst seinem Secretär verboten, in einem Laden etwas zu kaufen, allein um den Japanesen zu zeigen, daß, wenn er auch für den Handel sorge, er selbst sich doch nie damit befasse. Er mag dadurch auch vielleicht in höherer Achtung stehen, als der Holländ. Commissär, der als früheres Oberhaupt der Factorei2 immer noch mehr als Kaufmann betrachtet wird. –