|1. Bogen, 1. Seite|
Hanseatisches Consulat zu
Ningpo, 14ten. Februar 1868.
Ew. Magnificenz
Habe ich hiermit die Ehre nachträglich den Empfang des geehrten Schreibens vom 26ten. Juli v. J, worin Ew. Magnificenz geruhen mich interimistisch die hiesigen Consulatsgeschäfte wahrnehmen zu lassen, zu bestätigen und erlaube mir nun in den Einlagen Ihnen eine Liste der im Jahre 1867 hier angekommenen und abgegangenen Hamburgischen Seeschiffe zu behändigen sowie einige kurze Mittheilungen über den Handel am hiesigen Platze hinzuzufügen.
Unsere Provinz hat sich im letzten Jahr
ungetrübten Friedens erfreut und der Handel der Eingeborenen sich im Allgemein
günstig gestaltet indem für die hauptsächlichsten Landes Producte, besonders für
Grüne Theen, Seide und Baumwolle zu
verhältnißmäßig hohen Preisen guter Absatz erzielt werden konnte und wenngleich von Zeit zu
Zeit beunruhigende Gerüchte über eine Annäherung der im Norden des Reiches
laufenden Rebellion im
Umlauf waren so ist
Sr. Magnificenz
Herrn Syndicus C. H. Merck Dr.
Hamburg|1. Bogen, 2. Seite|
doch vor der Hand kein Grund vorhanden ähnliche Befürchtungen bestätigt zu sehen.
Was den Handel in Händen der Fremden anbelangt, so kann ich leider nur wenig günstig darüber berichten. Wie bereits im vorigen Jahre erwähnt nimmt die Cultur des Landes immer nach und nach zu und erzeugt der Boden hiesiger Provinz schon fast genügend Cerealien um dem Bedarf selbständig zu genügen. Aus diesem Grunde hat denn auch im verflossenen Jahre die Einfuhr von Reis sich weiterverringert und belief sich nur auf ca. 300,000 Piculs (zu 133 1/3 Pfund Engl.) und steht zu befürchten daß dieser bislang so bedeutende Geschäftszweig für Europäer schwerlich wieder von größerer Ausdehnung werden dürfte. –
Eine fernere Verminderung des Handels für Fremde hat seinen grund in der nahen Lage unseres Hafens zu Shanghai mit welchem Platze eine tägliche Verbindung durch große Dampfschiffe unterhalten wird, welche die Reise in 12 bis 14 Stunden zurücklegen. Chinesen, welche die Vortheile eines größeren Marktes wohl zu schätzen wissen bedienen sich mehr und mehr dieser Dampfschiffe um ihre Producte direct nach Shanghai an den Markt zu bringen anstatt dieselben wie früher hier am Platze zum Verkauf anzubieten und machen auf der anderen Seite fast ihre sämmtlichen Ankäufe von Importen als Manufacturwaaren,|1. Bogen, 3. Seite| Metalle &c &c in Shanghai und bringen dieselben dann selbst nach hier, auf diese Weise das Geschäft fast ausschließlich in ihre Hände bekommend, wodurch sich manche Europäer gezwungen sahen unseren Platz wieder zu verlassen. –
Eine genaue Aufstellung der Handelsbewegungen d/ Hafens befindet sich augenblicklich noch unter der Presse, sobald solche erhältlich, werde ich mir erlauben Ew: Magnificenz ein Exemplar derselben zugängig zu machen. –
Ich habe noch zu erwähnen daß es von der Chinesischen Regierung im Verein mit den verschiedenen Gesandtschaften in Peking beabsichtigt wird eine allgemeine Lootsen-Ordnung für sämmtliche dem Europäischen Verkehr geöffneten chinesischen Häfen einzuführen, worüber Ihnen ohne Zweifel von Shanghai aus bereits Details zugegangen sein dürften und wenngleich einige der intendirten Bestimmungen nicht ganz nach Wunsch der hiesigen Kaufleute abgefaßt sein dürften, so ist es doch wünschenswerth daß dem Loots-Wesen gehörige Aufmerksamkeit zugewandt wird, was bisher nur in geringem Maaße geschehen.
Ueber Geburten, Civilehen & Sterbefälle habe ich keine Register beizuschließen, da solche nicht vorgenommen.
Ich habe die Ehre mich zu zeichnen als
Ew. Magnificenz
Ganz Ergebener
W. Robertson
Stellvertretender Consul
Ew., Ew: Eure [Magnificenz]
v. J.vorigen Jahres
Se., Sr.Seiner
Dr.Doktor
Engl., engl.englisch
etc, etc., &c., &ct.et cetera (lateinisch)
d., d/dieser, diese, dieses
SHWAStiftung Hanseatisches Wirtschaftsarchiv, Hamburg
SHWAStiftung Hanseatisches Wirtschaftsarchiv, HamburgS/562Consulatsberichte
Regierung Chinas
Konsulat der Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck (Hanseatisches Konsulat)
Ningbo (Pinyin); auch: Nin-po, Ning-po, Ningpo
Hamburg
Bremen
Shanghai (Pinyin) [Stadt in China]; auch: Schanghai, Shang-hae, Shang-hai, Shanghae, Shanhay
Zhejiang (Pinyin) [Provinz in China]
Beijing (Pinyin) [Stadt in China]; auch: Pekin (englisch), Peking
Robertson, WilliamWilliam RobertsonKaufmann, KonsulWilliam Robertson amtierte von 1868 bis 1870 als stellvertretender Hanseatischer Konsul in Ningbo.
Merck, Carl Hermann (seit 1831: Dr.)Carl Hermann MerckJurist, Politiker11689138603.05.180916.10.1880Carl Hermann Merck studierte Jura und wurde 1831 promoviert. Anschließend ging er für einige Jahre auf Reisen, was ihm durch ein ererbtes Vermögen möglich war. Nach seiner Rückkehr nach Hamburg im Jahr 1839 engagierte er sich u.a. für den Eisenbahnbau. 1843 zum Ratssekretär berufen, wählte man ihn 1847 zum Senatssyndikus und betraute ihn wenig später zugleich mit den auswärtigen Angelegenheiten Hamburgs - eine Aufgabe, die er bis zu seinem Tod mehr als 30 Jahre lang wahrnahm. Für die Konsuln der Hansestadt in anderen Ländern war er über Jahre der wichtigste Ansprechpartner, der erheblichen politischen Einfluss besaß. Vgl.
Beneke, „Merck“
.
Konsulatsverwalter; auch: Consulatsverweser
Konsul der Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck (Hanseatischer Konsul)
Senatssyndikus der Hansestadt Hamburg
Tee; auch: tea (englisch), Teehandel, TheeTee und Teehandel sind wegen ihrer großen Bedeutung für die Export- wie die Importländer im 19. Jahrundert schon häufiger Gegenstand eingehender wirtschaftshistorischer Untersuchungen gewesen. Aus der jüngeren Forschungsliteratur seien nur zwei Studien hervorgehoben:
Rappaport, Thirst for Empire
;
LIU, Tea War
.
Seide; auch: Abfallseide, rohe Seide, Rohseide, Seidenhandel, silk (englisch)
Baumwolle, Baumwollhandel; auch: Rohbaumwolle, Rohbaumwollhandel
Kaufleute, fremde; auch: ausländische Firmen, ausländische Kaufleute, ausländische Unternehmen, fremde Firmen, fremde Unternehmen
Dampfschiff; auch: Dampfbarkasse, Dampfboot, Dampfer, steamboat (englisch), steamer (englisch)
Lotse; auch: Lootse, Lotsendienst, Loots-Wesen, Lootsen-Ordnung, pilotage (englisch)
Hafen; auch: free port (englisch), Freihafen, port (englisch), VertragshafenHäfen spielten für den Handel mit und in Ostasien im langen 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle, zum einen als „Freihäfen“, wie zum Beispiel Singapur, in denen Waren ein- und ausgeführt werden konnten, ohne mit Zöllen belastet oder durch nichttarifäre Handelshemnisse beschränkt zu werden, zum anderen - und das war die häufigere Form - als „Vertragshäfen“, die zumeist nicht freiwillig, sondern unter Androhung von militärischer Gewalt oder auch erst nach einer militärischen Niederlage von den betreffenden Territorialstaaten, vor allem China und Japan, für den internationalen Handel geöffnet wurden. Dies geschah in der Regel auf der Basis eines mehr oder weniger erzwungenen Handelsvertrages, der keine gleichen Rechte für die Vertragspartner vorsah, sondern in erster Linie den Interessen der ausländischen imperialen Mächte entsprach und deshalb als Ungleicher Vertrag bezeichnet wurde. Über die Vertragshäfen wurde in China, Japan und anderen Ländern Ostasiens eine kommerzielle Revolution mit tiefgreifenden Veränderung für alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft in Gang gesetzt. Vgl.
Fairbank, Trade and Diplomacy
;
HAO, Commercial Revolution
;
Hoare, Japan‛s Treaty Ports
;
So/MyersTreaty Port Economy
;
Bickers/Jackson, Treaty Ports
;
Brunero/Villalta Puig, Life in Treaty Port China and Japan
.
Preis; auch: Außenhandelspreis, Bruttopreis, Einkaufspreis, Facturapreis, Kaufpreis, Listpreis, Preisentwicklung, Preisverfall, price (englisch), Selbstkostenpreis, value (englisch), Verkaufspreis, Waarenwerth, Weerth, Wert, Werthbemessung
Syndikus; auch: Sindicus, SyndicusSchon seit der Frühen Neuzeit wurden in den Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck zunächst zeitweise, später dauerhaft Juristen mit Fachausbildung und oft auch Promotion mit dem Amt des „Syndikus“ betraut. Ihre Aufgaben lagen nicht nur in der Leitung von Kanzlei und Archiv sowie in der Rechtsberatung des Rats bzw. Senats der Stadt, sie vertraten diese auch bei Gericht und in Verhandlungen mit anderen Staaten; teils nahmen sie selbst richterliche Aufgaben wart. Mit der Einführung der Gewaltenteilung und entsprechenden Verfassungsreformen zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Aufgaben und Befugnisse der Syndici eingeschränkt. Vgl. exemplarisch:
Bruns, Lübecker Syndiker
.
Plantage; auch: Cultur, Estates-Geschäft, Pflanzung, Plantagengeschäft, Plantagengesellschaft
Cerealien„Cerealien“ ist ein Sammelbegriff für verschiedene Getreidesorten.
Picul [Gewichtseinheit]; auch: Pecul, Pekul, Pikkel, pikolIn China und anderen Ländern Ostasien war das „Picul“ im 19. Jahrhundert eine weit verbreitete Gewichtseinheit, die in etwa dem entsprach, was ein erwachsener Mann mittels einer Schulterstange und zwei daran befestigten Körben tragen konnte. Dabei bestand jedoch eine große regionale Variationsbreite, die sich zwischen 39 und 69 Kilogramm für ein Picul bewegte, das sich wiederum in 100 Catties aufteilen lies. In Hongkong versuchten die Briten 1844 eine Vereinheitlichung durchzusetzen: Ein Picul sollte genau 133 1/3 englischen Pfund entsprechen, was sich aber nicht durchsetzen ließ. Nach moderner Definition entspricht ein Picul exakt 60,478982 Kilogramm.
Pfund [Gewichtseinheit]; auch: ℔, lb., lbs., libra (lateinisch), pound (englisch)Die aus dem lateinischen Begriff „libra“ abgeleitete Gewichtseinheit Pfund wird sowohl für das englische Pfund, das etwa 453,592 Gramm entspricht, als auch für das deutsche Pfund verwendet, das 500 Gramm entspricht.
Europäer, Europäerin; auch: Westländer
Chinesen; auch: Chinese (englisch)
Manufakturwaren; auch: Manufacte, Manufaktur, Manufacturwaaren
Eheschließung; auch: Heirat
Tod; auch: decapitation (englisch), Enthauptung, execution (englisch), Hinrichtung, Mord, Sterbefall, Todesfall, Todestag, Todestrafe