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Nr. 2.2.3.21

Gustav Dufresne, Berlin, an Edgar Roß, Hamburg, betr. eine vertrauliche Denkschrift über die Aufgaben und Ziele der neu zu errichtenden Deutschen Bank, 20. Juli 1869

Brief

Regest:

Der vom Gründerkreis der Deutschen Bank wegen seiner praktischen Erfahrungen als Mitarbeiter der britischen Chartered Bank of India, Australia and China in Batavia zu ihren Beratungen hinzugezogene Gustav Dufresne wendet sich im Juli 1869 an Edgar Roß, den Teilhaber des Handelshauses Roß, Vidal & Co. und zugleich Verwaltungsratsmitglied der Norddeutschen Bank in Hamburg, um ihn über den Stand der Beratungen zu informieren und ihm eine vertrauliche Denkschrift über die Aufgaben und Ziele der neu zu etablierenden Bank zu übermitteln. Darin wird konstatiert, dass es bisher kein deutsches Bankinstitut gibt, das sich - ähnlich wie britische, französische und niederländische Häuser - der Finanzierung des deutschen Überseehandels widmet, obwohl dieser, wie weitere Ausführungen zum Tuch- und Seidenwarenhandel verdeutlichen, erhebliche Bedeutung gewonnen und mit seiner Ausrichtung nach Ostasien nun auch globale Dimensionen erreicht hat. Damit eröffnen sich, so legt die Denkschrift weiter dar, für ein deutsches Kreditinstitut vielfältige und lukrative Geschäftsfelder, insbesondere im Bereich des An- und Verkaufs von Wechseln, des Handels mit Devisen, der Vorschüsse auf Warengeschäfte, der Abwicklung des örtlichen Zahlungsverkehrs, der Hereinnahme von Einlagen sowie möglicherweise der Notenausgabe. Als wichtigster Schritt zur erfolgreichen Etablierung einer Bank, die sich diesen Aufgaben widmen will, wird die Gründung einer Niederlassung in London gesehen. Anschließend sei an eine Niederlassung in New York sowie weitere in Indien, China und Japan zu denken.

Privatim Herrn Edgar Ross in Firma Herren Ross, Vidal & Co., Hamburg


Im Verfolg unsrer jüngsten Unterhaltung gereicht es mir zum Vergnügen Ihnen, speziell auch als Vertreter der Norddeutschen Bank in den bisherigen Verhandlungen, Bericht über das weiter Geschehene abzustatten und Namens der hiesigen Herren um Ihre fernere gütige Mitwirkung zu bitten. Von meiner kleinen Reise, auf der ich, wie Ihnen schon mitgetheilt, überall die lebhafteste Sympathie für das Projekt einer deutsch-überseeischen Bank antraf, zurückgekehrt habe ich den hiesigen Herrn ein Memoire vorgelegt, das natürlich nur bestimmt sein kann, in allgemeinen Umrissen die Basis des Unternehmens anzugeben. Ich beehre mich, Ihnen einliegend ein Exemplar dieses Exposés zu begleiten, worauf hier die Ihnen bekannten hiesigen Herren bereit sind, die Sache aufzunehmen in der Voraussetzung, dass auch Sie und die dortigen Herren ihnen dabei Ihre Mitwirkung gewähren. Da die Jahreszeit ungünstig ist, um schneller mit dem Projekt voranzugehen, so haben mir die Herren – in Anbetracht, dass ich inzwischen alle anderen Pläne und Arbeiten werde ruhen lassen müssen – ausser meinen Auslagen eine Vergütung von Rd. 1.000 bis 1. Octbr. zugesagt, wogegen ich mich selbstverständlich allen nöthigen Vorarbeiten unterziehe. Die Zwischenzeit soll nun dazu benutzt werden, die Mitwirkung solcher Firmen & Persönlichkeiten zu gewinnen, die dem Projekt, wenn man damit vor die Öffentlichkeit tritt, eine gute Aufnahme beim Publikum zu sichern geeignet scheinen und den Aufruf mitunterzeichnen sollen. Im Auftrage der hiesigen Herren ergeht daher meine ergebene Bitte an Sie dahin, dass Sie sich gütigst der Mühe unterziehen wollen, sich mit Herrn Senator Godeffroy und Herrn Director Maas darüber zu besprechen, welche Herren ausser den Genannten es gerathen sein dürfte, dort zur Mitunterzeichnung eines natürlich weiterer Berathung vorbehaltenden Prospectus & zur Formierung eines Gründungs Comités aufzufordern. – Zunächst möchte ich dabei hinweisen auf die Herren C. Eggert, J. A. Schön, P. Siemsen1 oder Woldemar Nissen, dort, Herrn Wm Pustau in Altona und Herrn Jacob, Associé der dortigen Firma H. C. Bock & Co. Die 5 Erstgenannten habe ich dort gesprochen und begegnete bei Allen, namentlich aber bei den Herren Eggert, Schön und Pustau einem sehr regen Interesse für den Plan. Herr Jacob, der die Preuss. Expedition nach Ost-Asien mitgemacht hat und von competenter Seite sehr empfohlen wird, war zur Zeit abwesend.2 Wichtig wäre es jedenfalls, wenigstens Eines der grössten Deutschen Häuser in China von vornherein mit der Sache zu identificieren, ob Herr Siemsen oder Herr Nissen, die bekanntlich bei der Hongkong-Shanghai Bank & Comp. ein grosses Interesse haben, mit in ein Gründungs Comité werden treten wollen, möchte ich noch nicht behaupten, Herr Wm Pustau aber wäre gewiss dazu zu bestimmen, obschon auch er in der genannten Bank interessiert & sein Partner in Hongkong gerade jetzt Vice chairman ist. – Es versteht sich von selbst, dass die Herren es Ihrem Beschluss überlassen, welche von den Genannten & welche weiteren Persönlichkeiten Sie zum Miteintritt in das Gründungs Comité einladen wollen.

An Herrn Consul H. H. Meier, der von Anfang an den Vorberathungen beigewohnt und der Sache sein regstes Interesse geschenkt hat, schreibe ich heut in gleichem Sinne.

Ich füge Ihnen hierbei ein Concept eines Briefes, den man beabsichtigt, unter Begleitung meines Memorias an die folgenden Herren zu senden, um sie zur Theilnahme an dem Gründungs Comité aufzufordern, nämlich:

Herrn Comm. Rath Wendelstaedt, Cöln (Schaaffh. Bkverein)

Herrn Al. Heimendahl, Crefeld, Firma Jacob Beckerath Sohn,

Herrn Gustav Gebhard, Elberfeld, Firma Gebhard & Co.

Herrn Frege & Co., Leipzig,

Herrn Leopold Schöller, Düren,

Herrn Ludwig Bamberger, Paris,

Herrn Herrm. Marcuse, Ffurt a./M. (früher Marcuse & Baltzer, New York).

Diese Briefe würden natürlich von den hiesigen Herren ausgehen, die Sie und die dortigen Herren, so wie Herrn Consul Meier ersuchen, sie mit unterzeichnen zu wollen.

Im Auftrage der hiesigen Herren habe ich sie schliesslich nun noch um Ihre gütigen Andeutungen über etwaige andere Schritte, die Sie gerathen achten möchten, zu bitten, so wie ferner um Ihre recht baldige gefällige Rückäusserung, da ich gern sofort die Briefe absenden und Ende dieser Woche zur Ordnung meiner Angelegenheiten nach Amsterdam abreisen möchte.

Ihre Mittheilungen bitte ich, entweder an Herrn Victor von Magnus oder auch an mich Adr.: Herrn F. Mart. Magnus richten zu wollen.

Mit Hochachtung

Ihr Ergebener

gez.: G. Dufresne.

Confidentiell

Berlin im Juli 1869


Während auf allen Haupthandelsplätzen der Welt das deutsche Element in sämmtlichen übrigen Geschäftsbranchen bereits eine hervorragende Stellung einnimmt, ist im Bankfache allein stets noch die Vermittelung des überseeischen Verkehrs beinahe ausschließlich in den Händen Englischer Credit-Institute.

Englische Capitalisten waren auf diesem Felde die Pioniere zunächst im Osten und die Geschichte der Oriental Bank namentlich zeigt, welche Erfolge das Unternehmen krönten, dass sich zuerst die Aufgabe stellte, den Verkehr zwischen dem Osten und Europa zu fördern und zu vermitteln. Die Oriental Bank Corporation vertheilte ihren Actionairen zuletzt eine Dividende von 12 %, bei einem Kapitale von £ 1 500 000 Stl. Hat sie bereits eine Reserve von £ 444 000 Stl. angesammelt und ihre Actien stehen jetzt 64– 68 % Praemie. Von anderen Nationen angehörigen Instituten verdient zunächst Erwähnung das Comptoir d‛Escompte de Paris, das seit 8 bis 9 Jahren Etablissements in Ostindien, China und Japan eröffnet und – obschon der Stütze namhafter französischer Häuser an verschiedenen Plätzen im Osten entbehrend, ja selbst vielfach behindert durch die Beschränkungen, die eine schutzzöllnerische Handelspolitik dem internationalen Verkehre Frankreichs mit dem Osten auferlegt, – zeigen die Operation dieser Branchen doch so glänzende Resultate, daß die Direction in ihrem letzten Jahresberichte auf die Etablissements in Indien, China, Japan als eine wesentliche Stütze dieser großartigen Schöpfung des Jahres 1848 hinweisen mochte. In diesem Zeitraum vom 1. Juli 1867 bis 15. Juni 1868 haben die Branchen Calcutta, Bombay, Hongkong, Shanhay, Réunion und London dem Comptoir d’Escompte an Zinsen und Gewinnen eine Total-Summe von ca. frcs. 4 250 000 verdient und der letzte Jahresbericht hebt besonders den hohen Werth der Branchen in Zeiten hervor, wo niedrige Disconto-Sätze in Europa die Gewinne sehr geschmälert haben würden, hätten die Branchen nicht die Ausgleichung geboten. Außer den Engländern und Franzosen haben nur noch die Holländer einen Versuch auf diesem Terrain gemacht. Die 1863 mit einem verhältnißmäßig kleinen Capital errichtete Rotterdamer Bank meinte nämlich, von einer in Batavia etablirten General-Agentur aus Branchen in Singapore und später in Indien und China organisiren und trotz ihrer beschränkten Mittel dieses Indische mit einem ausgedehnten und speculativen Europäischen Fonds- und Arbitrage-Geschäft verbinden zu können. Sie mußte bald ihre Mittel unzureichend finden und beschränkt jetzt ihre Thätigkeit auf ihr Central-Bureau in Rotterdam und eine General-Agentur in Batavia mit einer Unter-Agentur innen Soerabaya, nachdem sie ihr Etablissement in Singapore eingezogen. Ein großer Fehler in der Organisation dieses Unternehmens lag darin, daß man sofort Gestion in die Hand einer in Batavia bestehenden Firma legte, deren Associé Director in Rotterdam wurde und die von Anfang an durch feste Kapital-Anlagen auf hypothekarische Sicherheit etc. den Operationen eine Richtung gab, die sorgfältig hätte vermieden werden müssen. Dennoch fasste die Rotterdamer Bank festen Fuß in Batavia und nach den gemachten Erfahrungen werden die jüngsten Personal-Veränderungen ohne Zweifel auch dieses Institut wieder grösserer Prosperität zuführen, als dasselbe sich im letzten Jahr daran zu erfreuen hatte. –

Die Errichtung einer Deutschen Bank, deren Aufgabe es sein würde, vermittelnd und erleichternd einzutreten in den überseeischen Verkehr Deutschlands und den Weg zu verfolgen, den z. B. die Oriental Bank mit so ausgezeichnetem Erfolge eingeschlagen hat, darf ein Bedürfniß genannt werden, dessen Befriedigung nicht allein von den deutschen Firmen im Auslande, sondern auch von den deutschen Industriellen mit Freuden begrüßt werden und überall auf die thatkräftigste Sympathie und Unterstützung rechnen dürfte. Die deutsche Flagge trägt den deutschen Namen jetzt in alle Welttheile, hier wäre ein weiterer Schritt, dem deutschen Namen im ferneren Gegenden Ehre zu machen und endlich Deutschland auf dem Felde der finanziellen Vermittelung eine Stellung zu erobern, – angemessen derjenigen, die unser Vaterland bereits auf dem Gebiete der Civilisation, des Wissens und der Kunst einnimmt. Aber nicht ausschließlich deutsche Mitwirkung braucht dies Unternehmen zu stützen, das sich auf den cosmopolitischen Standpunkt stellen sollte. Die Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit Englischer Bank-Directoren hat oft ihre Aufgabe verkannt und Häusern ihre legitimen Geschäfte erschwert, statt sie zu erleichtern, während die deutschen Leiter des Etablissements des Comptoir d’Escompte diesem Institut im Osten große Popularität zu sichern wussten. Die Etablissements einer solchen Deutschen Bank würden überall sofort eine gute Clientele finden und was eine solche vermag, illustrirt am besten die Hongkong und Shanghai Banking-Corporation. Dieselbe wurde im Jahre 1865 von den größten in China ansässigen Europäischen Firmen gegründet und hat ihren Sitz in Hongkong mit Branchen in Shanghai, London und Calcutta, denen sie jetzt auch eine in Bombay hinzufügt. Sie hat im letzten Jahre ihren nun auf $ 700 000. angewachsen Reservefonds um $ 200 000. vermehrt und 12 % Dividende gezahlt. Ihr Capital ist bis jetzt $ 3 000 000., doch hat sie bereits die Nothwendigkeit erkannt, ihr Capital zu vergrößern und neuerdings in 4 voneinander ziemlich entfernten Raten Einzahlungen ausgeschrieben um ihr Capital bis 1. Januar 1873 auf $ 5 000 000. zu bringen. Die Actien sind jetzt ca. 35 % über pari notirt.

Es dürfte überflüßig erscheinen hier durch Zahlen die Bedeutung des deutschen, überseeischen Geschäfts constatiren zu wollen. Die officiellen Ziffern des directen transatlantischen Imports

(: in 1868 Mark Bco. 81 493 350. in Hamburg

in 1868 Louis d’or 45 451 098. in Bremen :)

geben nur eine schwache Idee davon, da sie natürlich weder die bedeutenden Summen der von transatlantischen Häfen via England, Holland, Belgien und Frankreich für deutsche Rechnung importirten Waaren einschließen, noch von den für deutsche Rechnung auf anderen Plätzen realisirten sehr ausgedehnten Waaren-Transaktionen irgendwelche Notiz nehmen können. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Vermittelung dieses ganzen Verkehrs fast ausschließlich durch Englische Hände geht. Mit Ausnahme von New York – wo bereits die Devisen auf viele deutsche Wechselplätze notirt werden – von Buenos-Aires – wo einzeln auf Hamburg und Cöln gezogen wird – und endlich von Rio de Janeiro3 – wo Hamburg notirt ist; – werden die Rembourse für diese Geschäfte beinahe ohne Ausnahme über London genommen. Trotz der Bedeutung der verschiedenen Plätze für unsere deutsche Industrie und der großen Summen die also fortwährend nach Deutschland zu remittiren waren, haben bisher die deutschen Devisen in Indien und China gar nicht, in Südamerika so wenig introducirt werden können, weil es an einem mächtigen und einer so großen Aufgabe gewachsenen Institute fehlte. Nur durch stete Frage und Angebot läßt sich auf jenen entfernten Märkten die deutsche Devise einführen, da für die gewöhnliche Arbitrage die Daten der Basis und der Realisation zu weit auseinander liegen und daher, um den Arbitrageur gegen Verluste durch Coursfluctuation zu schützen, zu große Gewinn Margen erheischen.

Geben nun einerseits die officiellen Hamburger und Bremer Handels Statistics kein genügendes Bild von der Ausdehnung des Import-Geschäfts – über die gesamte Export Bewegung sind officielle Zahlen gar nicht vorhanden. Nur über den Export nach den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika bestehen officielle Angaben: der deklarirte Werth aller vom 1. Juli 1866 bis 30. Juni 1867 in die Ver. Staaten aus Deutschland importirten Waaren zum Beispiel $ 55 146 385. davon aus Norddeutschland allein $ 50 702 753. (direct ca. $ 26 000 000., indirect ca. $ 24 000 000. :) und aus den Süddeutschen Zollvereins-Staaten $ 4 443 572. –

Nachweislich giebt es indessen bereits gewisse Industrie-Zweige in Deutschland, die ihren Debouché fast ausschließlich auf überseeischen Märkten finden, während für andere das Rohmaterial zu lebhaften directen Relationen Anlaß giebt. Es sei hier nur erinnert an die Tuch-Industrie (: Lennep, Aachen, Eupen, Berlin, Görlitz, Sachsen.) mit ihrem Export nach Nord- und Süd-Amerika, China, Japan und Ostindien – Remscheid, Solingen, Iserlohn mit großem Handel nach Nord-Amerika, Brasilien, La Plata, Westküste von Süd-Amerika, China und Japan4 – die Elberfelder Zanella-Fabrikation, die etwa 6000 Webestühle beschäftigt mit einer jährlichen Produktion von über rs 20 000 000. und die bereits auf den Nord-Amerikanischen Märkten Leeds und Bradford beinahe ganz verdrängt hat, – das bedeutete türkischroth Garn Geschäft des Wupperthales hauptsächlich nach Ostindien – den großen Seidenhandel von Crefeld und Elberfeld (: Umsatz der Station etwa 24 fl. 3 000 000. pr. Monat :) und die lebhafte Betheiligung dieser Gegend in dem chinesischen und japanischen Seidenhandel (: Kayser Siegfried mit Häusern in London und Lyon und Commanditen in China, Japan, New York, Mailand, Turin, Basel und Zürich :) – die stets wachsende Baumwollen Industrie von Rheinland, Westphalen, Franken, Voigtland, Sachsen, Schlesien, an die Leinenproduction von Schlesien, Sachsen und Westphalen u. s. w. – Will man endlich den Erwartungen Raum geben, die im Allgemeinen auf dem Continent an die bevorstehende Eröffnung des Suez Canals geknüpft werden, so steht dem deutschen Handel mit dem Osten dadurch eine großartige Entwicklung befuhr die man in Oesterreich bereits mehrfach zu exploitiren bestrebt ist.

Bei einem so bedeutenden Interesse Deutschlands am Welthandel und dem noch wichtigeren Einfluß, den das deutsche Element sich auf allen großen Handelsplätzen gesichert hat, kann also die Lebensfähigkeit eines Instituts keinem Zweifel unterliegen, dessen leitender Gedanke wäre, jenes Interesse zu fördern und diesen Einfluss zu kräftigen und zu fördern. Ein solches Unternehmen – hervorgegangen aus dem Bedürfniß der Emancipation von fremder Bevormundung, genährt durch den mit den erleichterten Communikationsmitteln stets wachsenden Verkehr Deutschlands mit den überseeischen Handels-Central-Punkten – und getragen durch deutsche auf in den verschiedensten Weltgegenden gesammelte Erfahrungen gestützte Intelligenz – ein solches Unternehmen trägt so viele Elemente des Gedeihens in sich, daß demselben mit Sicherheit auch gleich lohnende Resultate prognosticirt werden dürfen, als die Operationen der Oriental Bank, der Chartered Mercantile Bank of India, London & China, der Chartered Bank of India, Australia & China, des Comptoir d’Escompte und der Hongkong & Shanghai Banking Corporation ihren Theilhabern gewährt haben.

Zur practischen Ausführung dieses schon so vielfach und von so verschiedenen und einflußreichen Seiten angeregten Projectes übergehend, wäre zunächst der Wirkungskreis der zu begründenden Bank zu präcisiren und der modus operandi zu bestimmen. – Es würde selbstverständlich erforderlich sein, an denjenigen überseeischen Plätzen, die die besten Chancen des Erfolges bieten, Branchen zu errichten. Nur anfänglich wäre ein Anlehnen an andere überseeische Banken oder Privat-Firmen thunlich, da eine Beschränkung auf von Europa zu initiierenden Operationen, deren Realisation allenfalls fremden Händen anvertraut werden könnte, den Wirkungskreis der Bank allzusehr einengen müßte. Die Thätigkeit der Branchen wäre etwa wie folgt zu bestimmen:

A. Ein- und Verkauf von Wechseln auf Europa, gesichert je nach den Verhältnissen durch die Position der Zieher und der Bezogenen, Dokumente über Waarenverschiffungen oder bestätigte Credite. Hierin liegt eine Hauptquelle des Gewinns der Banken, die eine solche Position einzunehmen gewußt haben, daß ihr Papier von 1/2 bis 2 % mehr als Privatpapier werth ist und im Europäischen Disconto-Markt leichter und zu billigeren Sätzen begebbar wird. Die Producten-Verschiffungen concentriren sich in gewissen Saisons, während deren natürlich das Wechselangebot am größten ist und die Course sich demgemäß drücken, davon machen die Banken Gebrauch um später die Frage der Rimessen zu besseren Coursen zu befriedigen, sobald das Angebot der Producten Tratten abnimmt oder ganz aufhört.

B. Operation in Contanten und von Europa initiirte Wechsel-Transactionen zu denen z. B. die regelmäßigen Trassirungen der Englischen Regierung auf Bombay und Calcutta häufig je nach den Cours-Constellationen Anlaß bieten. Silbersendungen aus Europa nach Indien und China lassen oft gute Rechnung. Bekanntlich bestehen Münzen in Bombay, Madras, Calcutta, Hongkong, Shanghai und Japan.

C. Vorschüße auf Aussendungen von Manufacturen, wie sie in verschiedenen Formen bereits sowohl von den alten Englischen Banken und dem Comptoir d’Escompte als auch vielfach von Holländischen Credit-Instituten und Englischen Privat-Banquiers gegeben werden. Die Sicherheit dieser übrigens von Coursschwankungen unabhängigen Geschäfte scheint beinahe eine vollkommene, da außer der in gehöriger Form verpfändeten Waare der Vorschußnehmer und der Consignatair verantwortlich bleiben, oder da, wo Beide eine und dieselbe Firma sind, die Connoissemente an die eigene Branche respective an Correspondenten gehen können, bei denen sie gegen Zahlung auszulösen wären. Vermutlich in China und Japan wären solche Vorschuß-Conditionen für die dortigen Häuser durchaus acceptable, da daselbst alle Importe per comptant verkauft werden. Die Commissionen variiren je nach den Verhältnissen von 1/2 % pr. 3. Monat bis zu 2 1/2 % Prozent pr. Jahr mit entsprechender höherer Zinsberechnung bei Baarauslagen. Was indessen diese Transactionen für ein Bank-Institut besonders lohnend macht, ist daß sie nicht ein Festlegen von Capital bedingen, sondern daß die Vorschüsse durch Accepte geleistet werden, wo denn natürlich in den Händen der Vorschußnehmer Bankpapiere besser und leichter discontabel ist als Privat-Accepte, während der Bank wiederum die freie Roulance ihres Capitals nicht behindert wird. Diese Art Geschäfte würde sofort mit den zahlreichen überseeischen Häusern einzuleiten sein, deren in Europa ansäßige Associés die finanziellen Dispositionen in Händen haben.

D. Local-Geschäfte der verschiedenen Branchen die sich etwa bezeichnen ließen, als:

1. Giro Verkehr

2. Discontirung localer Wechsel

3. Vorschüße und Unterpfand von Waaren, Contanten und so weiter

4. Ein- und Verkauf von Contanten

5. Annahme von verzinsbaren Depositen

6. Später auch wohl an einzelnen Plätzen Noten Ausgabe

Auf den verschiedenen Plätzen werden diese Operationen je nach den Usancen verschiedener Natur sein. In New York ist z. B. ein großes Geschäft zu machen in localem Discont, Beleihung von Gold oder Currency. In Japan wird localer Emploi mehr in Darlehn auf Unterpfand von Waaren und in Ankäufen von Boos – der Japanischen Münze, die zur Zeit, wenn die inländischen Händler ins Inland zurückkehren stark gefragt ist – zu suchen sei; während in China Vorschüße auf Dollars hohe Zinsen gewähren und den Mangel an localem Discont ersetzen, der wiederum in Singapore und Britisch-Indien wo die Import-Häuser längere Credite geben und dafür Accepte bekommen leicht zu finden ist. Ähnlich liegt dies Geschäft in Süd-Amerika, wo die pagarés, die die zweite Hand den Importeurs giebt Gelegenheit zu remunerativer Geldbelegung bieten. Sorgfältig wäre hierbei immer langes Festlegen von Capitalien zu vermeiden, selbst zu hohen Zinsen, da nur ein schneller Umsatz günstige Resultate liefern kann. Vorschüße auf hypothecirten Grundbesitz, Plantagen oder Erndten wären grundsätzlich auszuschließen und nur als additionelle Sicherheit in solchen unglücklichen Fällen zuläßig, wo keine andere Garantie erhältlich ist.

Localer Emploi von Fonds sollte immer nur als ein Moment in Wechseloperationen angesehen werden und dienen, die für spätere Wechselankäufe bestimmten Fonds zeitweise zu verwenden so lange die Mittel nicht etwa localen Depositen entsproßen sind. Der auf den überseeischen Plätzen durchgängig erreichbare höhere Zinsfuß darf Anhäufung von Capitalien bei den Branchen durchaus nicht rechtfertigen.

E. Wechsel- und Contanten-Arbitragen der Branchen untereinander. Zwischen Indien und China geben z. B. das Opium-Geschäft nach China und der Export von Sycee Silber nach Indien den Banken Stoff zu einem sehr regen und häufig sehr lucrativen Verkehr.


Außerdem würde in den Wirkungskreis der Bank das Verleihen von Crediten zur Erleichterung von überseeischen Waarenbeziehungen gezogen werden müssen in gleicher Weise wie das bisher von Englischen Banken und von Häusern wie Baring Brothers, J. S. Morgan & Co., F. Huth & Co., Frühling & Goeschen, J. C. Hambro & Sohn, J. C. im Thurm & Co. und Vielen anderen geschieht.

Zur Erreichung dieser Zwecke wäre zunächst eine unerläßliche Nothwendigkeit die Errichtung einer Branche in London. Nicht allein ist London noch die Metropole des Welthandels und die Introduction der deutschen Devise auf den überseeischen Plätzen nur graduell erreichbar, sondern die vorerwähnten Vorschüsse auf namentlich von Manchester verschiffte Manufacturen würden auch in London zu leisten sein, während vielerlei wichtige Momente das Etablissement einer solchen Londoner Branche als ein in sich selbst schon Vortheil versprechendes Unternehmen hinstellen, das sofort dem Institut eine geeignete remunerative Beschäftigung bieten würde. Die ausgedehnten Beziehungen zwischen England und Norddeutschland werden noch durch kein in London und Berlin ansäßiges Bank-Institut exploitirt, die Preußische Valuta ist in London kaum notirt und deutsche Fonds werden eben so wenig in London als Englische in Berlin verhandelt. Ein Etablissement in London wäre auch ferner schon dadurch bedingt, weil daselbst ein wachsames Auge gehalten werden muß, auf Alles, was die mit den verschiedenen Plätzen engagierten Firmen betrifft, so wie auch auf die Preis-Fluctuationen der hauptsächlichsten Artikel, wie Baumwolle, Seide, Thee, Caffee, Zucker etc. Die Branchen die von London aus leichter auf den überseeischen Hauptplätzen zu organisiren wären, müßten auf eine Local-Bank in London, wie die Union Bank, London Joint Stock Bank, London & Westminster Bank oder City Bank ziehen um dem Publikum eine doppelte Garantie zu bieten, die dem Papier der Branchen auch einen entsprechenden höheren Werth verleihen würde.

Als danach zuerst zu organisirende Branche möchte sich wohl New York empfehlen, woselbst freilich die Gesetzgebung die das ganze verantwortliche Capital mit einer hohen Steuer belastet zur Commanditirung einer bestehenden Firma nöthigen würde. Die großen Handelsbeziehungen zwischen Nord-Amerika und Deutschland würden ein reiches und lucratives Feld bieten, das überdies noch durch die Branchen auf anderen Plätzen, wie namentlich in China und Japan und Süd-Amerika, später stark ausgedehnt werden würde. Das bedeutende Amerikanische Geschäft von Japan und China in Seide und Thee, von Java in Caffe, Britisch Indien in Indigo, Saaten etc. von Süd-Amerika in Caffe bedarf noch der englischen Credit-Vermittlung (: Baring Brothers, J. S. Morgan & Co. :) und ein Theil dieser Geschäfte würde ohne Zweifel einer in New York und London etablirten Deutschen Bank mit Branchen in Indien, China und Japan zufallen. Bereits ist der Verkehr speziell zwischen Japan, China und Nord-Amerika so lebhaft, – und er wird gestützt und gehoben durch die Pacific Steam Navigation Company mit ihrer Linie San Francisco – Japan und die Eröffnung der directen Eisenbahn-Verbindung zwischen New York und San Francisco – daß noch vor Kurzem von competenter Seite die Idee einer Amerikanisch-Chinesisch-Japanischen Bank angeregt wurde. Das bereits bestehende ausgebreitete Fonds und Wechsel Arbitrage-Geschäft zwischen New York und Deutschland würde für die Bank mit Nutzen zu exploitiren sein.

Es würde zu weit führen nach diesen Prämissen schon jetzt in eine weitere detaillirte Auseinandersetzung der Vortheile zu treten, die die Bank von Branchen in Yokohama, Shanghai, Hongkong, Singapore, Calcutta, Bombay, Rio de Janeiro, Buenos Aires anticipiren darf, oder welche Branchen zuerst und welche erst später aufzunehmen wären. Die dazu erforderlichen Persönlichkeiten können sich erst finden, sobald das Institut eine Existenz hat. Wichtiger ist es, alsbald ins Auge zu faßen, welche Schritte zu thun sind, nachdem die Conzession im Norddeutschen Bunde und in England erlangt & das Capital gesichert ist: Die Andeutung möchte daher hier am Orte sein, daß ein Verständniß mit der Preußischen Bank nothwendig wäre, insofern als auf 6. Monats-Accepte des zu begründenden Instituts stets bei der Preuß. Bank gut u. leicht discontabel sein müßten. In gleicher Weise wäre eine geeignete Introduction bei der Bank of England eine Bedingung für die Aufnahme des jungen Instituts im Londoner Disconto Markt. Die Zeit muss lehren, in wie weit ein Zusammengehen mit den älteren Englisch-Indischen Banken und dem Comptoir d’Escompte wünschenswerth und möglich sein wird.

Einen Punkt der Untersuchung wird die Frage der Gesetzgebung in England ausmachen, mit Bezug auf die Modalitäten der Zulassung einer fremden Gesellschaft mit limitirter Verantwortlichkeit, doch ist hierin keine ernste und unüberwindliche Schwierigkeiten zu erwarten und es wäre vielleicht der Ausweg eines Local Board in London zu empfehlen.

Der Gedanke einer deutsch-überseeischen Bank – eingeführt, durch achtungsgebietende Namen die dem jungen Institut sofort den Stempel der Solidität aufdrücken würden, gestützt zunächst durch jene deutschen Stämmen entsprossenen Firmen, die den deutschen Namen bereits in allen Welttheilen zur Geltung zu bringen wußten und endlich genährt durch die immermehr sich entwickelnde deutsche Thätigkeit auf dem Gebiete des Handels und der Industrie, vereinigt somit alle Elemente der Lebensfähigkeit, die nicht allein dem deutschen Geldmarkt eine neue glänzende Aera zu eröffnen versprechen, sondern auch den Unternehmern bei besonnener Leitung reichlich lohnende Durchschnitts-Resultate liefern werden.

G. Dufresne