| Regest: |
Gemeinsam mit Hermann Melchers hatte Adolf André im Juni 1866 die Firma Melchers & Co. in Hongkong gegründet und 1877 die Leitung ihrer neu eingerichteten Filiale in Shanghai übernommen. Im vorliegenden Privatbrief beschreibt er die gut gehenden Geschäfte an diesem wichtigen neuen Umschlagplatz des Welthandels, wobei das Schiffsgeschäft allerdings noch gestärkt werden müsse, und legt seine Überlegungen zur Fortführung der Partnerschaft dar. Deutlich wird, dass er Befürchtungen hegt, trotz seiner anerkannten Verdienste um das Familienunternehmen Melchers persönlich vor einer ungewissen beruflichen Zukunft zu stehen. Er fordert deshalb die Zusicherung eines festen Anteils von nicht weniger als 20 Prozent an der in China mitbegründeten und nunmehr florierenden Firma, nicht nur eine Verlängerung des bestehenden Vertrages. |
| Formalia: | 8 Blätter, auf der Vorderseite jeweils mit gedrucktem Briefkopf, handschriftlich beidseitig beschrieben, mit eigenhändiger Unterschrift, mit Anlage vom 1. Dezember 1879 im Umfang von 1 Blatt. Der Urheber des Briefes verwendet zahlreiche, in Hongkong auch bei Deutschen übliche Anglizismen, die in der Transkription unverändert wiedergegeben werden, genau wie einige französiche Redewendungen. |
Gedruckter Briefkopf:
1879
Private
Mein lieber Melchers
Ich schrieb Ihnen direct privat am 24 pto. laut einl. Copie, habe Ihnen heute zu danken für Ihre lieben Zeilen vom 4 & 18 Septbr, beide mit Copien von Hongkong Briefen (Pollack und Gute Hoffnungshütte), die allerdings sehr viel zu wünschen lassen. – Sie haben ganz Recht, solche Briefe sollten nicht aus unserem Office gehen, – ich freue mich, daß Reiners das auch selbst schon eingesehen hat. – Die einzigste Entschuldigung ist, daß sich hier bei Abgang der Mails wirklich oft Alles derartig drängt, daß man nicht im Stande ist, so zu controllern resp. Sachen umschreiben zu lassen, die man gern geändert hätte.
Ich habe Ihnen eigentlich von hier aus nur wenig zu berichten, – das Geschäft macht sich recht erfreulich und kann ich einen stetigen Aufschwung constatiren, – es soll mich nicht wundern, wenn mit der Zeit Shanghai Hongkong überflügelt. – Es fehlt uns hier allerdings das Schiffsgeschäft, – wir müssen sehen, daß wir mit der Zeit mehr Steamer nach hier bekommen to be put on the benth for London, – ferner war hier im Zinsen resp. Wucher Geschäft bislang nur wenig zu machen, da das jetzige Stamm-Capital nicht dafür genügt. Ich habe jetzt Shanghai mit Pfund 100/m fundirt, und glaube auch diese line of business wird sich hier gut machen.
Die momentane Hausse in Exchange Coffee wird nicht unbenutzt vorüber gehen, – ob Silber noch weiter steigen wird, Dieu le sait; – wir schaffen jedenfalls nach Europa, was wir nur mobil machen
Gedruckter Briefkopf
können, und man darf sich nicht ärgern, wenn es später zu noch besseren Coursen habe geschehen können. – Ich kann immer noch den Kummer nicht verwinden, daß wir im Juni keinen besseren Nutzen von der Hausse gezogen haben. –
Georg Mendel ist gestern angekommen, gefällt mir ganz gut & wird uns hoffentlich eine fixe Hülfe. –
Ich rechne darauf, daß Krebs spätestens im Februar hier sein wird, ich möchte dann gern nach Hongkong herunter, – meine Frau ist sehr gern hier in Shanghai, es wird ihr aber auch in Hongkong schon wieder gefallen; – wie lange wir dann noch in Hongkong bleiben, ist ja am Ende unbestimmt, Wir würden uns beide herzl. freuen, wenn Sie lieber Melchers 6 Monate vor unserer Abreise heraus kämen, und dann mit uns zusammmen zurückreisten.
Die Zeit fliegt so rasch dahin, – wenn diese Zeilen bei Ihnen eintreffen, ist bereits ein Jahr unseres neuen Contracts verstrichen und ich kann mir nicht helfen, daß mich oft ein peinliches Gefühl beschleicht, daß nach noch weiteren 4 Jahren sich mir eine unbestimmte Zukunft erschließt.
Verzeihen Sie, lieber Melchers, daß ich das überhaupt ausspreche, denn ich weiß ja, wie freundschaftlich Sie mir gesinnt sind, und daß Sie bestimmt die Absicht haben, auch später mit mir zusammen zu bleiben, – dennoch wir alle sind Menschen, und es
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können mal Zeiten kommen, wo die Geschäfte nicht smooth gehen und wo man wünschen möchte, das alte Blut durch neues und vielleicht tüchtigeres zu ersetzen – wo ich momentan selbst alles thue um neue Kräfte einzuschulen, und überhaupt mein ganzes Sinnen und Trachten nur dahin geht, die Firma größer und größer zu machen, können Sie es mir nicht verargen, wenn mal ein Gefühl über mich kommt, daß nach wenigen Jahren ich selbst ausgeschlossen werden könnte, an den Früchten meiner Thätigkeit theilzunehmen. – Als wir unseren letzten Contract abschlossen, war ich noch ledig und sah die Welt mit anderen Augen an, – jetzt habe ich ich eine liebe gute Frau mir zur Seite, die gern Alles, was es auch sein muß, mit mir trägt, der ich dafür aber auch nicht wünschen möchte, daß ich in 4 Jahren noch einmal von vorn anfangen müßte, um auf’s Neue aufzubauen.
Mit 40 Jahren kann ich mich noch nicht auf’s faule Pferd setzen, wir haben früher wohl mal darüber gesprochen, daß ich mich in London oder Hamburg aufsetzen solle, aber das steht bei mir fest, dazu habe ich nach 18jähriger Thätigkeit in China dann keine Lust mehr, wenigstens will ich mein Geld auf einem mir unbekannten Terrain dann nicht mehr riskiren, – kann ich nicht in Bremen wohnen, wo meine Frau & ich bekannt sind,
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well then I rather stop in China – glauben Sie nicht, mein lieber Melchers, daß ich diese Zeilen schreibe auch nur in dem allerleisesten Mißtrauen, daß Sie nach Ablauf unseres jetzigen Contracts nicht die Absicht hätten, mit mir somehow or other zusammen zu bleiben, – Sie sind mir durch mehr als 13 Jahre ein treuer ehrlicher Freund gewesen, und nur dies giebt mir den Muth, Ihnen offen zu schreiben, was mir zu schreiben das Herz drückt. Verstehen Sie mich darum nicht falsch, ich komme nicht um etwas zu bitten, was Sie vielleicht nicht mit Ihren Interessen vereinbar halten, – ich habe unseren letzten Contract gezeichnet & werde ihn
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ehrlich und treu bis ans Ende halten, was Sie auch beschließen mögen, aber nur das eine bitte ich Sie, erklären Sie mir ganz offen, ob Sie mir nach jener Zeit einen Antheil in der Firma lassen wollen. –
Um einen Contract auf eine gewisse Reihe von Jahren ist es mir nicht zu thun, ich wünsche wenn unser jetziges Agreement zu Ende etwas Sicheres für mein Leben zu haben, was mich auch bis zu meinem Tode in Thätigkeit erhält, und das kann nur sein, wenn Sie mir sagen, daß ein gewisser Antheil in der Firma say not less than 20 % solange ich mitwirken kann oder will, mir gehören soll. – Ich habe mich
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länger gesträubt, dies niederzuschreiben, denn es ist mir peinlich und gegen mein Gefühl etwas zu prätendiren, was sich am Ende im Laufe von Jahren ganz von selbst durch die gegenseitigen Interessen macht, – ich bin indeß überzeugt, daß wenn Sie sich in meine Lage versetzen, Sie ebenso denken und handeln würden wie ich. – Ich spreche mich Ihnen daher ganz offen aus, denn ich muß dies peinliche Gefühl einer unbestimmten Zukunft von meinem Herzen schaffen, – glauben Sie, daß es in Ihrem Interesse liegt, daß ich nach Ablauf unseres jetzigen Contracts ausscheide, so sagen Sie es mir ganz offen, ich würde in einem solchen Falle selbst auszutreten wünschen, – ich gebe Ihnen zugleich mein Treuwort, daß die Firma bis zu meinem Ausscheiden nicht darunter leiden soll, und ich die nächsten 4 Jahre grade so wie bislang all‘ meine Energie an den weiteren Aufbau von M & Co. setzen werde. – Geniren Sie Sich in keiner Weise in Ihrem Entschluß; – Sie kennen mich ja durch 13 Jahre als einen anständig denkenden Menschen und brauchen nicht zu fürchten, daß ich von dem was ich einmal versprochen, auch nur ein Handebreit abgehen werde. –
Auf der anderen Seite, können Sie es mit Ihren Wünschen und Ihren Interessen vereinen, daß Sie mir ein bleibendes Interesse von nicht weniger wie 20 % in der Firma zusagen, dann bitte ich Sie thun Sie es gleich, – Sie
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geben mir dadurch eine doppelt freudige Thätigkeit und reißen mich aus diesem peinlichen Gefühl der Ungewißheit. Ob ich in common fairness beanspruchen darf, was ich heute wünsche, darüber will ich mich nicht auslassen, – wir haben ja die Firma zusammen gegründet und nach & nach aufgebaut, und ich weiß, daß Sie mir meinen Theil der Arbeit nicht dabei absprechen. –
Gehen Sie auf meinen Vorschlag ein, dann werde ich proponiren, daß die Sache späterhin ungefähr wie in einl. Memo angegeben, arrangirt würde, – mit Pfund 300/m Stamm Capital sollte die Firma genügend fundirt sein und wollen Sie mehr wie Pfund 175/m
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hergeben, so könnte solches ja immer als separate zu 6 % geschehen. – In zu großen Mitteln liegt immer eine größere Gefahr, und wenn man selbst nicht persönlich dabei, bin ich mehr für Einschränkung. Der Satz „In zu großen Mitteln liegt immer eine größere Gefahr, und wenn man selbst nicht persönlich dabei, bin ich mehr für Einschränkung.“ wurde nachträglich von anderer Hand unterstrichen und ergänzt um den Kommentar: „Wahr!“
Alle minor points sind mir gleich, Sie können abändern in dem Memo was Sie wollen, – solange Sie mir wenigstens 20 % Antheil zugestehen, bin ich zufrieden. –
Im Anfang würde man mit 40 % wohl für China Partners1 auskommen, und könnte dann nach Umständen ja immer 5 % zulegen.
Ich kann nicht weiter schreiben, die Post drängt, überlegen Sie Sich in Ruhe, was Sie thun wollen und beschließen sie ganz nach
Gedruckter Briefkopf
Ihren Wünschen und Interessen. Was ich wünsche, wissen Sie, und daß es meine Freude und mein Glück sein würde, lebenslang mit Ihnen zusammen zu bleiben, – indessen aber damit think of me, beschließen Sie was Sie für richtig halten und ich werde mich, wie es auch kommt, darin fügen. –
Ich bitte Sie herzlich, mich jedoch unter allen Umständen aus der Ungewißheit zu reißen, telegraphiren Sie mir
No, – dann verstehe ich daß Sie keinen Entschluß zu fassen wünschen und kommen Sie dann bitte gar nicht auf die ganze Sache zurück,
telegraphiren Sie dagegen
Yes, dann betrachte ich es als
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abgemacht, daß mir nach Ablauf unseres jetzigen Contracts ein Interesse von nicht weniger als 20 % [nachträglich ergänzt: dauernd] verbleibt. –
Ich sehe Ihrer Depesche ca. um Weihnachten hier entgegen. –
Mit den herzlichsten Grüßen an die lieben Ihrigen und an Sie
Ihr treuer Freund
Gedruckter Briefkopf
Memo: of contract for life between Mr. Hermann Melchers and Adolf André to commence on 1st. Janr 1884 –
–––
Melchers & Co. Hongkong & Shanghai Capital Pounds 300,000. –
–––
| Hermann Melchers | Pounds 175000 – | 35 % | 40 |
| Adolf André | Pounds 125000 – | 20 – 25 % | 20 |
| China partners | 45 – 40 % | 40 | |
| 100 % |
Home property in Hongkong to be taken over at cost by
| Hermann Melchers | 2/3 rd. |
| & Adolf André | 1/3 rd. Die gesamte Passage von „Home property…“ bis „… 1/3 rd.“ wurde nachträglich am linken Rand von anderer Hand mit einem schwarzen Fragezeichen versehen und außerdem mit einem blauen Stift kreuzweise durchgestrichen. |
Firm paying pounds – . – rent pro anno the house to be kept in good repair for acct. of the firm & all taxes to be paid by the firm
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Director fees2 st…gth
half managing partners
half firm
In case of emergency Ad André binds himself to go out to China at a moments notice & to stay there as long as necessary.
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Ad André to do all the work in Europe residing in Bremen but to make regular voyages to London, Hamburg etc. etc. Die gesamte Passage von „Ad André…“ bis „… etc.“ wurde nachträglich am linken Rand von anderer Hand mit einem schwarzen „no“ versehen und außerdem mit blauem Stift kreuzweise durchgestrichen.