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Shanghai, den 3 December 1879
Der hauptsächlich auf Ueberproduction und Ueberführung der Märkte zurückzuführende Druck, welcher seit 1872 auf den verschiedenen Gebieten des Ostasiatischen Handels und Verkehrs lastet, ist auch rücksichtlich der Schifffahrt zu Tage getreten. Unter dem Einflusse des Suezkanals sind nicht blos in die Ostasiatischen Küstenfahrt, sondern auch in die Fahrten zwischen Europa und Ostasien eine das Bedürfnis übersteigende Zahl von Dampfern eingestellt worden. Die hieraus entstehenden ungesunde Konkurrenz hat einen zum Theil die Existenz der Rhedereien gefährdende Rückgang der Frachtsätze
An
das Auswärtige Amte
in
Berlin.|1. Blatt, 94, Rückseite|
für Dampf- und insbesondere für die den Dampfern an sich nicht gewachsenen Segel-Schiffe zur Folge gehabt. Sie hat außerdem auch den Handel [nachträglich ergänzt: insofern] benachtheiligt, als mitunter die Waarenpreise in den Abgangshäfen durch den Rückgang der Frachten hinausgetrieben, in den Bestimmungshäfen aber durch die gleichzeitige Ankunft von Ladungen herabgedrückt worden sind.
Durch bittere Erfahrungen gedrängt haben – anscheinend im August d J – 9 größere Dampferrhedereien, wie der hiesige Agent einer dieser Rhedereien bestätigt, den im Abdruck beifolgenden Vertrag mit Bezug auf ihre zwischen Ostasien und Europa laufenden Dampfer unterzeichnet. Diese Vereinbarung regelt die Zahl der Fahrten, die Abgangszeiten der Dampfer und die Höhe der Frachtsätze; sie bewilligt den Abladern, welche ausschließlich durch|2. Blatt, 95, Vorderseite| Vertrags-Dampfer verschiffen, Retourkommissionen und stipulirt eine Verpflichtung zur gemeinsamen Entschädigung für Mindereinnahmen, welche daraus entstehen mögen, daß Vertragsdampfer durch Konkurrenz gezwungen werde, ihre Frachtsätze unter die Normalraten herunterzusetzen. Die Tragweite des Abkommens läßt sich aus der Thatsache ermessen, daß im Jahre 1878 zu Shanghai 130 den betreffenden Vertrags-Rhedereien gehörige Dampfer von 213171 Tons Register Tragfähigkeit ankamen. Hervorzuheben ist, daß die Deutsche Dampfschiffs-Rhederei Gesellschaft in Hamburg den Vertrag nicht unterzeichnet hat.
Die Vereinbarung hat schon jetzt zu einem Steigen der Frachtraten nach Europa geführt. Deutsche, in der Ostasiatischen Küstenschifffahrt beschäftigte Segelschiffe, welche weder ihre Unterhaltungskosten zu decken noch annehmbare|2. Blatt, 95, Rückseite| Frachten nach Europa abzuschließen vermochte, haben solche erlangt und schicken sich in größerer Zahl an, die hiesigen Gewässer zu verlassen.
Allerdings ist auch auf dem Gebiete der Schifffahrt eine völlig freie und gesunde Konkurrenz im Interesse der Consumenten von Ladungen nur wünschenswerth. Erwägt man aber, daß in der Ostasiatischen Fahrt die Unterhaltungskosten der Schiffe durch die Frachten theilweise nicht mehr gedeckt wurden, daß die erdrückende Konkurrenz zur Selbstvernichtung führte und mitunter auch den Handel geschädigt hat, so wird man nur Interesse für ein seinem Wesen nach provisorisches Unternehmen empfinden können welches geeignet ist, im Frachtmarkte der Ostasiatischen Fahrt heilsame und wahrhaft freie Verhältnisse wieder anzubahnen.
CLueder
d. J., d Js, d. Js., ds. Js.dieses Jahres
BArch BerlinBundesarchiv Berlin
BArch BerlinBundesarchiv BerlinR 901Auswärtiges Amt, Handelspolitische Abteilung (1869–1920)
Deutsche Dampfschiffs-Rheederei zu Hamburg (Kingsin-Linie)Die 1871 gegründete Deutsche Dampfschiffs-Rheederei zu Hamburg (Kingsin-Linie) war eine private Gesellschaft, die mit ihren
Fracht- und Passagierschiffen
regelmäßig zwischen Hamburg und China verkehrte. 1883 wurde auch Japan in die Routen mit einbezogen. Seit 1887 bot die Kingsin-Linie sogar einen zweiwöchentlichen Post- und Passagierdienst nach Ostasien an. Angesteuert wurden dabei alle großen Häfen in China und Japan, darunter Hongkong und Yokohama. Außerdem beförderte die Kingsin-Linie nun Frachten, die für Ziele in Java, Sumatra, Cochinchina, Siam, China, den Philippinen oder entlang des Amurs (Heilong Jiang) bestimmt waren. 1890 wurde die Kingsin-Linie von der HAPAG übernommen, die nun den regelmäßigen China-Verkehr mit anbot. Vgl.
Eberstein, Hamburg - China
, S. 160, 175;
Seiler, Ostasienfahrt
.
Regierung Deutschlands, Deutsches Reich (1871–1918), Auswärtiges Amt
Shanghai (Pinyin) [Stadt in China]; auch: Schanghai, Shang-hae, Shang-hai, Shanghae, Shanhay
Berlin
Suezkanal; auch: Suez CanalDer von Ferdinand de Lesseps angestoßene und maßgeblich vorangetriebene Bau des Suezkanals in den Jahren 1854/59 bis 1869 erforderte erhebliche finanzielle Mittel und bewirkte eine starke Abhängkeit des bis dahin unter osmanischer Oberherrschaft stehenden Ägyptens von internationalen Anleihen. Formell blieb Ägypten zwar ein selbständiger Staat, doch de facto übernahm die von Großbritannien und Frankreich eingerichtete Staatsschuldenverwaltung die Regierungsgeschäfte. Zudem erwarb Großbritannien die ägyptischen Anteile an der Suezkanal-Gesellschaft und besetzte 1882 schließlich das gesamte Land, um den Seeweg nach Ostasien abzusichern. - Vgl. zum Bau des Kanals und seiner Finanzierung:
Lesseps, Entstehung des Suezkanals
;
Idrissi, Ferdinand de Lesseps
;
Bonin, Suez
. Zu den Auswirkungen auf Ägypten und den Nahen Osten:
Haikal, Lion‛s Tail
;
Huber, Channelling Mobilities
;
Carminati, Seeking Bread
. Zu den Auswirkungen auf die Handelsströme zwischen Europa und Ostasien:
Bogaars, Effect of the Opening
;
Curli, Italy and the Suez Canal
.
Europa; auch: Europe (englisch)
Ostasien; auch: East Indies (englisch), Indien, Ostindien, „Osten“Der Begriff Ostasien wird in der vorliegenden Edition in einem ganz weiten Sinne verstanden als Klammer für diejenigen Weltregionen, die für deutsche Kaufleute im langen 19. Jahrhundert auf Segel- und Dampfschiffen durch Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung an der Südspitze Südafrikas oder - seit 1869 - nach Durchfahren des Suezkanals über den Indischen Ozean oder durch Umrundung der Südspitze Südamerikas über den Pazifik erreichbar waren. In den historischen Quellen synonym verwendet werden die Begriffe Indien, Ostindien oder einfach „Osten“.
Hamburg
Lueder, Carl ConradCarl Conrad LuederKonsul, Diplomat10.10.184023.12.1892Carl Conrad Lueder stammte aus Mecklenburg-Schwerin, studierte Jura und betätigte sich anschließend für verschiedene Handelshäuser in Bremen. 1868 trat er in den konsularischen Dienst des Norddeutschen Bundes, zunächst in Alexandrien, dann in Ostasien, wobei er mehrfach zwischen Kanton und Shanghai wechselte. 1876 übernahm er die Leitung des deutschen Konsulats in Shanghai und baute es zu einem Generalkonsulat des Deutschen Reichs aus. Von 1878 bis 1880 amtierte er als deutscher Generalkonsul in Shanghai. 1880 wechselte er nach Bogotá in Kolumbien, wo er bis zu seinem Tod das Amt des deutschen Generalkonsuls und Ministerresidenten inne hatte. Vgl.
Keipert, Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes
, Bd. 3 (2008), S. 134f.
Generalkonsul des Deutschen Reichs
Schifffahrt; auch: Schifffahrtsbranche, Schifffahrtsgesellschaft
Küstenschifffahrt; auch: Cabotage, coast shipping (englisch)
Dampfschiff; auch: Dampfbarkasse, Dampfboot, Dampfer, steamboat (englisch), steamer (englisch)
Fracht [Frachtkosten]; auch: Frachtpreis, Frachtrate, Frachtspesen
Reederei; auch: Rederei, Rhederei
Preis; auch: Außenhandelspreis, Bruttopreis, Einkaufspreis, Facturapreis, Kaufpreis, Listpreis, Preisentwicklung, Preisverfall, price (englisch), Selbstkostenpreis, value (englisch), Verkaufspreis, Waarenwerth, Weerth, Wert, Werthbemessung
Hafen; auch: free port (englisch), Freihafen, port (englisch), VertragshafenHäfen spielten für den Handel mit und in Ostasien im langen 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle, zum einen als „Freihäfen“, wie zum Beispiel Singapur, in denen Waren ein- und ausgeführt werden konnten, ohne mit Zöllen belastet oder durch nichttarifäre Handelshemnisse beschränkt zu werden, zum anderen - und das war die häufigere Form - als „Vertragshäfen“, die zumeist nicht freiwillig, sondern unter Androhung von militärischer Gewalt oder auch erst nach einer militärischen Niederlage von den betreffenden Territorialstaaten, vor allem China und Japan, für den internationalen Handel geöffnet wurden. Dies geschah in der Regel auf der Basis eines mehr oder weniger erzwungenen Handelsvertrages, der keine gleichen Rechte für die Vertragspartner vorsah, sondern in erster Linie den Interessen der ausländischen imperialen Mächte entsprach und deshalb als Ungleicher Vertrag bezeichnet wurde. Über die Vertragshäfen wurde in China, Japan und anderen Ländern Ostasiens eine kommerzielle Revolution mit tiefgreifenden Veränderung für alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft in Gang gesetzt. Vgl.
Fairbank, Trade and Diplomacy
;
HAO, Commercial Revolution
;
Hoare, Japan‛s Treaty Ports
;
So/MyersTreaty Port Economy
;
Bickers/Jackson, Treaty Ports
;
Brunero/Villalta Puig, Life in Treaty Port China and Japan
.
Vertreter, Vertretung; auch: agency (englisch), agent (englisch), Agent, Agentur, Alleinvertretung, Handelsagentur, representation (englisch), representative (englisch), Vertretungsgebiet, Vertretungsvertrag
Kommission, Kommissionsgebühr; auch: commission (englisch), Commission, Commißion
Tonne [Gewichtseinheit]; auch: t., ts., ton (englisch) Die Gewichtseinheit Tonne war im 19. Jahrhundert noch nicht normiert. Sie wurde teilweise auch noch als ein Raummaß verwendet, also etwa für eine Tonne voll Bier, Getreide, Fisch oder Salz mit ganz unterschiedlichem Gewicht. Für die Tonne als Gewichtseinheit setzte sich im 19. Jahrhundert im deutschen Sprachraum das metrische Maß von 1.000 Kilogramm durch. Im angelsäsischen Sprachraum dagegen ist weiterhin zwischen der metrischen Tonne (metric ton), der britischen „long ton“ (~ 1.016 Kilogramm) und amerikanischen „short ton“ (~ 907 Kilogramm) zu unterscheiden.
Geschäftskosten; auch: costs (englisch), Handlungs-Unkosten, Kosten, Schiffs-Unkosten, Spesen, Unkosten
Konsum; auch: Consumption, Consumtion, Konsument, Verbrauch, Verbraucher
Frachtfahrt; auch: Befrachtung, Frachtschifffahrt, Verfrachtung