| Regest: |
Hermann Melchers antwortet mit diesem Brief auf die Vorschläge Adolf Andrés zur Fortführung der gemeinsamen Teilhaberschaft an der Firma Melchers & Co. in Hongkong, die dieser ihm am 7. November 1879 unterbreitet hatte. Vgl. Dokument Nr. 2.3.2.04 Anders als André gefordert hatte, stellt er ihm mit Rücksicht auf die Interessen der Unternehmerfamilie Melchers und die offene Zukunft aber keinen festen, auf Lebenszeit angelegten Anteil an der Firma Melchers & Co. in Hongkong und ihrer prosperierenden Niederlassung in Shanghai in Aussicht, sondern offeriert ihm eine Verlängerung des bestehenden Vertrages um zehn Jahre. |
| Formalia: | 3 Blätter, maschinenschriftlich einseitig beschrieben, Abschrift. |
Abschrift
Bremen, 30. December [nachträglich ergänzt zu 1879: 79]
Mein lieber André,
Im alten Jahre noch will ich zurück kommen auf Ihren lieben Brief vom 7ten vor. Mts., in dessen Beantwortung ich Ihnen allerdings schon mit voriger Mail, laut einl. Copie, einige Zeilen geschrieben habe, und muss ich erwähnen, dass ich in Antwort auf meine darin erwähnte Depesche, die liebe Ihrige vom folgenden Tage, Ihren Dank enthaltend, empfing.
Dass Sie sich mir gegenüber ganz offen aussprechen, finde ich sehr gerechtfertigt, denn gegen wen wollten sie das sonst thun, wenn nicht gegen mich, auch habe ich Ihnen ja nie etwas vorenthalten, was ich auch heute nicht thue. Obgleich ich es vollkommen in der Ordnung fand, dass Sie unseren jüngsten Contract, der jetzt noch 4 Jahre läuft, zeichneten, da es von jeher ein Übereinkommen zwischen uns war, dass die Firma schliesslich mir gehöre die Passage „da es von jeher ein Übereinkommen zwischen uns war, dass die Firma schliesslich mir gehöre“ wurde nachträglich handschriftlich unterstrichen, so war es doch auch mir ein peinliches Gefühl, dass Sie nach Ablauf des Contract’s nicht mehr mit mir, resp. uns1, zusammenarbeiten sollten. Allerdings habe ich früher gewünscht, dass Sie sich nach ihrer definitiven Rückkehr, für uns in London oder Hamburg niederlassen möchten; abgesehen davon, dass wir uns in London von meinem Bruder und von Baths nicht mehr würden trennen können, kann ich auch Sie nicht mehr darin verdenken, wenn Sie demnächst keine Lust mehr dazu hätten, dass Sie vielmehr wünschen, hier in Bremen zu leben, was auch uns Allen eine Freude sein wird.
Aus meiner Depesche haben Sie bereits ersehen, dass ich im Princip mit Ihnen einverstanden bin, dass ich aber verschiedene Punkte noch abändern würde, und so bitte ich Sie, zunächst von dem lebenslänglichen Contract abzusehen, wogegen ich gern bereit bin, Ihnen für 10 Jahre nach Ablauf unseres jetzigen Contracts, also bis Ende 1893, einen Contract zu offerieren. Wir haben dann noch eine lange Reihe von Jahren vor uns, und die Hoffnung, alsdann noch länger zusammen zu bleiben, denn, kommt Zeit, kommt Rath! Es wäre möglich, dass ich mich um die Zeit auch schon mit Rücktritts-Gedanken trüge, wobei ich mich indessen nur davon leiten lassen würde, was für C. Melchers & Co. und die China-Firmen2 das Beste wäre, insofern als ich dieselben meiner Familie erhalten will. Wenn ich selbst auch keine Familie habe, so ist es doch nicht ausgeschlossen, dass ich mich noch verheirathe, immerhin aber habe ich bei dem Obigen meine beiden Neffen im Auge.3
Was Ihre Betheiligung von 20 % anbetrifft, so bin ich damit einverstanden, in der Voraussetzung, dass 40 % für C. Melchers & Co. verbleiben, bei welcher Vertheilung also 20 % für je 2 Partner in China,4 zus. 40 %, überblieben; für den Fall aber, dass wir mit 40 % für die China Teilhaber nicht auskommen, würden Sie und C. Melchers & Co. à rata des Antheil’s abgeben müssen, was Sie correct finden werden, umsomehr als wir uns danach richten können, auf welchen Punkt ich nachstehend noch weiter zurück komme. –
Was die von ihnen erwähnte Vertheilung des Capital‘s anbelangt, so ist der Punkt von geringerer Bedeutung die Worte „geringerer Bedeutung“ wurden nachträglich handschriftlich unterstrichen obschon ich voraussetze, dass Sie Ihr Capital im Hause lassen, wenigstens zum grösseren Theile, worauf man ja noch zurück kommen kann. Meine Betheiligung mit einer bestimmten Summe wäre doch immer mehr oder weniger imaginär, denn, wenn es sein muss, trete ich, resp. C. M. C. doch mit grösseren Summen an.
Das House Property in Hongkong muss, wie bisher, zur vereinbarten Summe in den Büchern stehen bleiben, der Firma gehörig. Zu- oder Abschreibungen auf diesem Conto führen über kurz oder lang nur zu Differenzen mit den jüngeren Associés, was ich unter allen Umständen zu vermeiden wünsche.
Dass Sie zu jeder Zeit, wenn nöthig, bereit sein wollen, wieder nach China zu reisen, ist mir sehr willkommen, da man auf die Weise den jüngeren Associés gegenüber am besten das Schwert in Händen behält; die Passage „den jüngeren Associés gegenüber am besten das Schwert in Händen behält;“ wurde nachträglich handschriftlich unterstrichen auch ist es mir erwünscht, wenn Sie, abwechselnd mit mir, die in Europa zu machenden Reisen übernehmen, sowie wir ja alles gemeinschaftlich berathen und überlegen würden, wogegen die officielle Leitung in Europa mir resp. C. M. C. überlassen bleiben muss, derart, dass z. B. alle Correspondenzen an C. M. C. gehen müssen. Ich hoffe nicht, dass solches zu Disharmonien Anlass geben wird und bitte Sie schon heute, dieses Punktes stets eingedenk sein zu wollen. Da wir bis zu Ihrer Rückkehr noch zweifelsohne ein neues Contor erbaut haben werden, nehmen wir derlei Rücksicht auf Sie, indem wir Ihnen ein Privat Contor einrichten.
Dass die Director fees5 in China halb für die China Partners und halb für die Firma sein sollen, ist sehr gerechtfertigt, da die Partner diese Einnahmen doch lediglich der Firma zu danken haben und überdies ihre Zeit der Firma entzogen wird, im Übrigen ist dies ein Punkt von untergeordneter Bedeutung, der später bei Aufmachung eines neuen Contract’s, nebst anderen Punkten, berücksichtigt werden muss. Da es mir überflüssig erscheint, schon jetzt einen officiellen Contract über diese Vereinbarungen aufzumachen, bitte ich Sie, diesen Brief als Anhaltspunkt aufzuheben, da ich mich an meine Offerten gebunden betrachten werde, nachdem Sie dieselben acceptiert haben. – Ich zweifle nicht, mein lieber Freund, dass Sie mein Entgegenkommen, wozu ich indessen immer bereit war, als fair anerkennen, und möchte ich nur noch den Wunsch hinzufügen, dass wir, nach Verlauf der vielen Jahren, die wir also noch zusammen arbeiten würden, noch länger zusammen bleiben, worüber sich aber unmöglich schon heute Vereinbarungen treffen lassen, denn, der Mensch denkt und Gott lenkt!
Was nun unsere Partner anbelangt, so muss ich offen gestehen, dass es in unserem Interesse sein würde, wenn Reiners und Krebs sich nach Ablauf unseres jetzigen Contract’s zurück ziehen wollten, damit wir alsdann Jantzen und St. Michaelsen mit je 20 % als Associés aufnehmen könnten. Von Reiners glaube ich nun wohl, dass er nach Verlauf einiger Jahre Lust hat, sich nach Europa zurück zu ziehen, wogegen Krebs wohl gern noch länger bleiben wird.6 Letzterer kann sich eigentlich über sein Geschick nicht beklagen, denn, offen gestanden, ist er bei seinen Anlagen nicht würdig, Associé zu sein einer Firma wie der meinigen. Der gute Mann hat mir während seines Aufenthalts in Europa wieder Kummer gemacht und ist mir selten eine Persönlichkeit vorgekommen, die so wenig mit Menschen zu verkehren versteht, ganz abgesehen davon, dass ich überhaupt nie eine eigene selbständige Ansicht von ihm gehört hätte. Dort in China kann er nicht anders sein, und da ich befürchten muss, dass unter seinem Management eine jede Firma den Krebsgang wandeln muss,7 so erheischt es unser eigenes Interesse, uns davor zu schützen, weshalb Sie wohlthun würden, ihm Sparsamkeit anzuempfehlen, damit er sich Einiges verdient, indem ich einen Contract mit ihm n/ Ablauf des Jetzigen, nicht eingehen würde. – In mancher Beziehung thut mir dies sehr leid, da K. eine treue Seele ist, aber bei den Transatlantischen Geschäften8 kommt zu viel aufs Management an, und in erster Linie müssen wir das Interesse unserer Firma vor Augen haben. Überlegen Sie sich bitte diesen Fall, und wenn Sie meinen, dass wir besser thun, ihn mit 10 % Antheil, sofern er damit einverstanden ist, noch länger zu behalten, so habe ich vielleicht auch nichts darwider, wenn sich die neuen Associés mit je 15 % begnügen.
Bald nach Empfang dieser Zeilen werden Sie nun n/ Hongkong übersiedeln, woselbst Ihre Anwesenheit sicherlich auch den erwünschten Aufschwung mit sich bringen wird, und setze ich voraus, dass Sie wenigstens zwei Jahre da bleiben. Ich bin nicht abgeneigt, vor Ihrer Abreise n/ Hongkong zu kommen, um ca. 1 Jahr da zu bleiben, vielleicht mit Krebs als Chef de Bureau, eventuell aber könnte ich auch hinaus reisen, nachdem Sie hier angekommen sind, worüber ich gelegentlich Ihrer Ansicht entgegen sehe, wie mir überhaupt Ihre Ansichten über sämtliche Dispositionen willkommen sein werden. –
Schliesslich, mein lieber André, wünsche ich Ihnen und Ihrer lieben Frau ein recht glückliches neues Jahr, in jeder Beziehung, sowohl Geschäftlich, wie auch Gesundheitlich, und nehmen Sie mir es nicht übel, wenn ich Sie bitte, Ihre Fonds etwas zusammen zu halten, was ich nur in Ihrem eigenen Interesse thue, indem Sie später in Europa jedenfalls mehr Vergnügen von Ihrem Gelde haben können. – Mit herzlichen Gruss
Ihr getreuer