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Nr. 2.3.2.06

Adolf André, Teilhaber und Leiter der Niederlassung Shanghai der Firma Melchers & Co. in Hongkong, aus Shanghai, an Hermann Melchers, Teilhaber der Firmen C. Melchers & Co. in Bremen sowie Melchers & Co. in Hongkong, nach Bremen, betr. Fortführung der Teilhaberschaft, Personalpolitik und Management der Niederlassung Shanghai, 31. Dezember 1879

Brief

Regest:

Adolf André, Teilhaber der Firma Melchers & Co. in Hongkong und Leiter ihrer Niederlassung in Shanghai, legt Hermann Melchers, Teilhaber der Firmen C. Melchers & Co. in Bremen sowie Melchers & Co. in Hongkong, in diesem Brief seine Überlegungen zum Umgang mit dem Teilhaber Wilhelm Reiners dar, mit dessen Verhalten und Leistung für das sowohl in Hongkong als auch in Shanghai sehr rasch expandierende Unternehmen er unzufrieden ist. Er formuliert Bedingungen und Auflagen für ein möglicherweise vorzeitiges Ausscheiden des bisherigen Teilhabers.

Gedruckter Briefkopf:

MELCHERS & Co.

HONGKONG & SHANGHAI

Shanghai, 31 Decbr

1879

Private

Mein lieber Melchers

Ich schrieb Ihnen privat am 25t. ds. laut einliegender Copie, – einige Tage nachher wurde ich sehr unangenehm überrascht durch den eingetroffenen Brief von Reiners. – Es ist die erste und einzige Nachricht, die ich von ihm über sein Augenleiden erhalte, ich bin sehr verstimmt und weiß nicht, was ich dazu sagen soll. – Ist die Sache wirklich so schlimm, wie Reiners jetzt schreibt, nun dann ist’s allerdings sehr traurig für ihn, und wir können ihm am Ende nichts in den Weg legen, daß er einen kurzen trip nach Hause macht, um sich curiren zu lassen.

Einliegend Copie meiner Antwort an Reiners, – ich habe ihn darin angedient erst noch mal einen anderen Arzt in Hongkong zu consultiren, und wenn dann die Sache in 2 Monaten noch gefährlich ist, Sie p. Telegraph um Ihre Einwilligung zu einer Hausreise zu bitten. – Ist die Sache wirklich so schlimm, so können wir, wie gesagt anständigerweise am Ende nichts dagegen machen, – ich kann mich aber des Gedankens nicht erwehren, daß Reiners Wunsch einen trip nach Europa zu machen, ihn diese Gelegenheit mit beiden Händen ergreifen läßt. – Ist letzteres der Fall so werden Sie in Bremen sehr rasch ausfinden können, wie der Hase läuft, indem Sie all und jede Geschäftsreisen speciell auch nach Amerika untersagen, und darauf bestehen, daß Reiners nach beendigter Cur sofort auf directem Wege wieder nach China abreißt. –

Gedruckter Briefkopf

Es ist dies am Ende das Wenigste was wir verlangen können, – denn ich finde Reiners geht sehr rücksichtslos gegen uns zu Werke, – ohne mal Dr. von der Horck in Hongkg., der ein Specialist für Augen ist, zu consultiren, faßt er auf die einfache Aussage von Dr. Gerlach sofort den Entschluß, nach Europa zu reisen. – Kein Wort des Bedauerns, daß die Shanghai Firma1 dadurch wieder unter Krebs Management gelangt & kein Wort, daß er selbst wieder nach Europa gehen wird, ohne mal Shanghai und unser hiesiges Etablissement gesehen zu haben. – Ich mag ihm ja Unrecht thun, aber ich bin so disgusted, daß ich meinem Ärger Luft machen muß. –

Offen gesagt, im Interesse der Firma sehe ich gar keine Unglück darin, wenn Reiners nicht hier nach Shanghai

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kommt, pushing ist er doch nicht, daher würde er Jantzen und Michaelsen in ihrer Thätigkeit nicht so viel Gerechtigkeit wiederfahren lassen, als wie Krebs es thun wird und muß, – auf Krebs kann ich mich wenigstens verlassen, daß er den guten Willen hat und Bücher und dergl. in schönster Ordnung halten wird, – ich darf es mit Stolz sagen, daß unser Geschäft hier jetzt in einem derartig schönen Schwunge ist, daß auch unter Krebs Leitung mit den beiden Obigen zur Seite die Sache weiter aufblühen wird, – ist das mal nicht der Fall well dann telegraphire ich Ihnen, und bitte Sie uns persönlich zu Hülfe zu kommen. –

Mit dem Hongkong Management bin ich sehr sehr unzufrieden, – Sie

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glauben nicht, wie manches da in diesem Jahr versäumt ist, – hätte ich nicht noch von hier aus Reiners stricte Ordre gegeben, 500 tons nailrods für Hongkong zu bestellen, so würde die ganze Eisen Hausse da spurlos an uns vorüber gegangen sein. Unser Blei ist Alles im niedrigsten Moment verschleudert, und bei dem beständig steigenden Markt hat Reiners nie den Versuch gemacht, etwas für uns davon abzubekommen. Doch das sind Unterlassungssünden, mehr ärgert es mich, daß Reiners sich um die Bücher etc. glaube ich gar nicht bekümmert und sich nie ein klares Bild der einzelnen Costen macht. – Seit einem halben Jahre dränge ich ihn um genaue Aufgabe über Lammert’s Conto etc. etc; – aber es kommt nichts dernach, ganz einfach, weil er zu bequem ist sich selbst in die Sachen hineinzuarbeiten. Ich kam vor 14 Monaten in Hongkong

noch grade in Zeiten, um zu verhindern, daß wir bei Lammert nicht ganz bösartig hineinfielen, – ich habe während meiner Anwesenheit in Hongkong das Conto um mehr als $ 25,000 verbessert, und trotzdem verlieren wir noch ziemlich viel, – was Alles bei scharfem Aufpassen hätte vermieden werden sollen. – Wir haben im vorigen Jahre bereits $ 5000 – auf Lammert abgeschrieben, aber es soll mich nicht wundern wenn wir in diesem Jahr noch weitere $ 10000 abschreiben müssen. – Genau weiß ich’s nicht, denn Reiners kommt mit keinem Statement über. –

Doch genug der Klagen, – es ist mir ecklig solche überhaupt vorzubringen, – ich freue mich nun in zwei Monaten nach Hongkong zu kommen, und mit Gott wird es mir gelingen, den Concern2 auch da wieder so in Schwung zu bringen, wie es sein soll und muß. –

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Gedruckter Briefkopf

Reiners hat ja sonst manche gute Seiten, und man muß immer berücksichtigen, daß es nur wenige Leute gibt, die nach allen Seiten hier einen großen Concern richtig zu managen verstehen, – ich finde beim Durchlesen der vorstehenden Zeilen, daß ich ziemlich stark geschrieben habe, aber wenn das Herz voll ist läuft der Mund über. – Ich verlasse mich darauf, daß Sie alles Geschriebene strictly entre nous halten, – es nützt nichts, Reiners nachträglich noch Vorwürfe zu machen & würde nur böses Blut setzen. – Sie sagen in Ihrem jüngsten Briefe, daß es Ihr großer Wunsch sei, daß Reiners sich in 1 á 2 Jahren zurückzöge, hier bietet sich wirklich die gute Chance, – ich glaube daß Reiners ungern nach Shanghai geht, und wenn Sie ihm andienen, daß er ganz in Shanghai bleiben solle für den Rest der Contractzeit, so wird

er vielleicht sehr willig sein, gegen eine anständige Entschädigung gleich in Europa zu bleiben. – Sie können ihm gern für die nachbleibenden 4 Jahre $ 20,000 – [nachträglich ergänzt: oder dergl.] zugestehen, wir würden solchen Betrag dann auf ein separates Conto bringen und Reiners 20 % Antheil am Profit in jedem Jahre dagegen buchen bis das Conto saldirt ist. – Ich sollte doch sagen, daß wir das in ca. 2 Jahren managen würden und dann könnten wir Jantzen und Michaelsen langsam in Reiners Antheil eintreten lassen. – Ich werde nicht eher von China fortgehen, als bis alle Sachsen richtig in shape sind, und wenn etwas aus obigen werden sollte, würde ich nach 2 Jahre die neuen Leute 6 á 9 Monate managen lassen bei persönlicher Anwesenheit, – ich gehe dann auch noch mal wieder 3 á 6 Mt. nach Shanghai. – Können Sie nicht freundschaftlich mit Reiners zu Stande kommen

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Gedruckter Briefkopf

dann dirigiren Sie ihn prompt wieder heraus für Shanghai, und unsere Wünsche müssen sich dann später realisiren.

Sollten Sie mit Reiners wegen Austreten ein Abkommen treffen, dann vergessen Sie nicht die folgenden 2 Bedingungen zu stipuliren

1., daß er sich nicht in China etabliren noch in irgend einer China Firma ein Interesse nehmen resp. irgend eine andere Firma in Europa vertreten darf.

2., daß er sich verpflichtet, allen seinen Einfluß aufzuwenden, daß das Russ. Consulat der Firma M & C. verbleibt.

Das Russ. Consulat ist sehr werthvoll, ich übernehme dasselbe natürlich acting, sobald ich nach Hongkg. komme. – Später müssen wir dasselbe dann einem der Juniors übertragen. –

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Ich habe keine Zeit, Ihnen heute noch weiter zu schreiben, – ich muß meine geschäftlichen Mittheilungen überhaupt bis morgen verschieben. –

Das Jahr 1879 ist in wenigen Stunden zu Ende und rufe ich Ihnen von ganzem Herzen ein Prosit Neujahr zu, möge 1880 Ihnen in jeder Beziehung nur Gutes bringen, und vor allem auch Fortune in Geschäften mit uns sein. –

In herzlicher Freundschaft

Ihr getreuer

Adolf André

Lassen Sie Sich durch den Inhalt dieses Briefes nicht verstimmen, man weiß nie, wo’s gut für ist, und vielleicht turns the whole affair into a good chance for us – Ihr

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