PDF

Nr. 2.3.1.14

Johann Heinrich Focke, deutscher Generalkonsul in Shanghai, an Otto von Bismarck, Reichskanzler des Deutschen Reichs, betr. die Gründung der China Shippers Mutual Steam Navigation Company Limited, 28. November 1882

Bericht

Regest:

Johann Heinrich Focke, der deutsche Generalkonsul in Shanghai, informiert Otto von Bismarck, den deutschen Reichskanzler, über die bevorstehende Gründung einer britischen Aktiengesellschaft, die sich der Überseeschifffahrt zwischen Großbritannien und Ostasien widmen will. Die Aktien der China Shippers Mutual Steam Navigation Company Limited mit Sitz in London sollen über die Hongkong and Shanghai Banking Corporation und die London & County Bank an allen wichtigen Handels- und Börsenplätzen der Welt zur Zeichnung angeboten werden. Hinter der Gründung, so führt Focke aus, stehen angesehene Handelshäuser, die mit ihren eigenen Aufträgen für ausreichende Beschäftigung der neuen Gesellschaft sorgen können und denen laut Statut eine privilegierte Gewinnbeteiligung gegenüber allen anderen Aktionären zugesichert wird. Focke stuft das als entscheidenden Unterschied zu anderen Schifffahrtsgesellschaften ein, denn auf diese Weise werde die Solidarität zwischen den Handelshäusern als Befrachtern und der neuen Gesellschaft als Verfrachterin gefördert. Die Einführung dieses Prinzips, das bisher schon in der Seeversicherung oder bei den Banken Anwendung finde, in die Schifffahrtsbranche stelle ein handelspolitisch bedeutsames Novum dar und verdiene auch bei den in Deutschland etwa sich neu bildenden Schifffahrtsunternehmen höchste Beachtung.

Shanghai, den 28ten. November 1882.

Euerer Durchlaucht verfehle ich nicht ganz gehorsamst zu berichten, daß demnächst ein neues Unternehmen von hervorragender Bedeutung ins Leben treten wird, welches die Ausbeutung des Frachtverkehrs zwischen England und Ostasien zum Gegenstand hat.

Die in der Bildung begriffene Aktiengesellschaft wird den Namen The China Shippers Mutual Steam Navigation Company Limited tragen, in England domizilirt sein und ein in 5000 Aktien à 20 Pfund Sterling zerlegtes Kapital von einer Million Pfund Sterling bei den Agenturen der Hongkong u. Shanghai Bank an sämmtlichen Plätzen Ostasiens ferner in Hamburg, Newyork, Boston und Sanfranzisko sowie bei der London & County Bank in London gleichzeitig bis zum 6. December d. J. zur Zeichnung auflegen. Die Gründer sind angesehene Firmen des


Seiner Durchlaucht

Dem Fürsten von Bismarck.

Anglo-Chinesischen Handelsverkehrs, deren eigenes Frachten-Kontingent nach ihrer Angabe bedeutend genug ist, um eine regelmäßige, vierzehntägige Dampferlinie reichlich zu beschäftigen. Weitere Einzelheiten sind aus dem Prospekt, den ich nebst einem darauf bezüglichen Zeitungsausschnitt ehrerbietigst beizulegen nicht unterlasse, ersichtlich.1

Das unterscheidende Merkmal des Unternehmens im Gegensatze zu anderen Schiffahrtsgesellschaften besteht in dem Statut, daß nach Abzug einer zehnprozentigen Dividende, die allen Aktionären gleichmäßig zu Gute kommt, nur ein Viertel des etwaigen Ueberschusses vom Nettogewinn in der gleichen Weise vertheilt werden wird, während die übrigen drei Viertel einen ausschließlich den hauptkontribuirenden Aktionären ratenweise zukommenden Bonus bilden. Außerdem werden, obgleich dies nicht ausdrücklich gesagt ist, falls Ueberzeichnung des Kapitals erfolgt, aller Wahrscheinlichkeit nach bei der Zutheilung von Aktien diejenigen Applikanten, von welchen die Zuführung von Frachtverdienst erwartet werden kann, bevorzugt werden.

Die auf solche Weise hergestellte Solidarität der Interessen zwischen den Ver- und Be-frachtern des ostasiatischen Markts ist die Anwendung eines auf anderen Gebieten unseres Verkehrslebens bereits bewährten Systems. So habe ich in dem gehorsamsten Bericht vom 2. April 1881 No. 45 betreffend das See-Assekuranz Geschäft in Shanghai (abgedruckt im Deutschen Handelsrechte 1881 Band I pag. 566) nachgewiesen, wie es hauptsächlich vermöge der strikten Durchführung des Gegenseitigkeitsprinzips zwischen Versicherungs-Nehmer und -Geber den lokalen Gesellschaften gelungen ist, unter ungünstigen Konkurrenzbedingungen den größten Teil des ostasiatischen Assekuranz-Geschäfts an sich zu reißen. Ein anderes Beispiel bietet die Hongkong & Shanghai Bank, welche den hiesigen Geldverkehr beherrscht, indem die vorwiegend aus in China angesiedelten Firmen bestehenden Aktionäre gleichzeitig ihre Kunden sind. Die Einführung dieses gleichen fruchtbaren Gedankens in ein neues Wirtschaftsgebiet ist daher eine Thatsache von handelspolitischer Bedeutsamkeit, welche die Beachtung auch der in Deutschland sich etwa neu bildenden Schiffahrts-Unternehmungen, mögen dieselben den Verkehr mit Ostasien oder mit anderen Ländern betreffen, meines Ermessens in höchstem Maße verdient.

Focke