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Nr. 2.3.2.08

Preußisches Ministerium für Handel und Gewerbe, Berlin, an die Handelskammer Elberfeld, betr. die Seiden- und Baumwollindustrie in Shanghai und den deutschen Maschinenexport, 29. März 1890

Brief

Regest:

Das Preußische Ministerium für Handel und Gewerbe übermittelt der Handelskammer Elberfeld einen ausführlichen Bericht über die aktuelle Lage der Seiden- und Baumwollindustrie in Shanghai und bittet darum, ihn interessierten Kreisen zur Kenntnis zu bringen. Der mit einem kurzen Anschreiben übermittelte Bericht nennt die in Shanghai etablierten und nach Möglichkeit persönlich besuchten Fabriken der Seiden- und der Baumwollindustrie, die sich teils in ausländischer, teils in chinesischer privater oder staatlicher Hand befinden, woraus sich Spannungen ergeben. Nicht überall wurde dem Berichterstatter der Zugang gewährt. In beiden Branchen zeigt sich nach seinen Beobachtungen jedoch, dass der Übergang von der auf Handarbeit beruhenden Produktion hin zur industrieller Fertigung mit Maschinen in vollem Gange ist. Im Bereich der Baumwollindustrie sind deutsche Handelshäuser, darunter die Firmen Telge & Co. sowie Carl Rohde & Co. am Ausbau der Fabriken beteiligt, indem sie Maschinen liefern und Finanzierungen bereitstellen. Der Berichterstatter skiziert, welche Möglichkeiten des vermehrten Absatzes deutscher Maschinen er in den beiden ausführlich beschriebenen Branchen sowie in zahlreichen anderen Branchen sieht. Er betont, dass sich die bereits bestehenden Fabriken sämtlich in nichtdeutscher Hand befänden, entsprechende Angebote also wesentliche Vorteile gegenüber den Angeboten der Konkurrenz bieten müssten, sieht angesichts der erkennbaren industriellen Entwicklung Shanghais aber gute Chancen für die deutsche Industrie, auf diesem Markt besser Fuß zu fassen, gerade im Bereich des Maschinenbaus. Als Vorteile nennt er die günstigen Arbeitskräfte und die guten Schifffahrtsverbindungen, als mit zu bedenkende Nachteile den mangelnden Marken- und Patentschutz und das für Ausländer wenig vorteilhafte Zollsystem.

Ministerium für Handel und Gewerbe

Berlin, den 29. März 1890.

Der Handelskammer übersende ich die abschriftlich beiliegende, mir aus Shanghai zugegangene Mittheilung über die dortigen Seiden- und Baumwoll-Industrie mit dem Ersuchen, deren Inhalt in geeignet scheinender Weise zur Kenntniß betheiligter deutscher Kreise zu bringen.

Hierbei ist von unterrichteter Seite darauf hingewiesen worden, daß etwaige Unternehmungslustige gut thun würden, wenn sie sich die erforderlichen Kapitalien in Europa beschafften, weil im Auslande Geld nur unter ungünstigen Bedingungen zu haben sei.

Der Minister für Handel und Gewerbe

In Vertretung.

Magdeburg.


An

die Handelskammer

zu

Elberfeld.

Abschrift.

Die Seidenindustrie.

Es sind zur Zeit in Shanghai vier Etablissements in Betrieb, die sich mit dem Abspinnen von Seidencocons zu Seidenfäden beschäftigen. Zwei dieser Anlagen (1) werden von Russell & Co. (die eine (a) gehört der Firma eigenthümlich, die andere (b) ist den chinesischen Eigentümern abgepachtet), eine (2) von Jardine, Matheson & Co. und die vierte (3) von Chinesen betrieben.1 Eine Besichtigung wurde nur von Jardine, Matheson & Co. und den chinesischen Besitzern gestattet, während Russell & Co. den Eintritt in ihr Etablissement ablehnten, obgleich auch ihre Betriebe keine Einrichtungen zeigen sollen, die von den in Europa gebräuchlichen abweichen.

Die größte der vorhandenen vier Anlagen ist die von Russell & Co. gepachtete, chinesische Spinnerei mit etwa 300 Bassins (frz. Cassinet engl. basin, Wasserschalen, in denen die abzuspinnenden Cocons schwimmen), von denen aber nur die Hälfte in Betrieb sein soll. Die andere Russel & Co. gehörige Filatur, sowie die Jardine, Matheson & Co.‘sche haben je 200 Bassins und die chinesische 180. Der Zweck dieser Anlagen besteht darin, im Gegensatz zu dem direct von den chinesischen Producenten im Innern gekauften Seidengarn, ein Garn herzustellen, dessen Faden eine gleichmäßige und bestimmtes Stärke hat.

Die Seidenzüchter im Innern, welche den Shanghai Markt versorgen, sind meist kleine Bauern, von denen jeder einzelne nur sehr geringe Mengen, oft nicht mehr wie ein kg, herstellt. Es folgt daraus, daß diese zusammengekaufte Seide sehr ungleichmäßig ist; dazu kommt, daß das Abspinnen selbst, welches jede Familie mit den einfachsten Vorrichtungen für sich besorgt und welches sie daher nur kurze Zeit im Jahr beschäftigt, wesentlich schlechter ausgeführt wird, als mittels Maschinen von einer Fabrikspinnerei, die sich das ganze Jahr hindurch mit dieser Arbeit beschäftigt. Die Ungleichmäßigkeit der Fadenstärke hat dann bei der Weberei in Europa wesentliche Betriebserschwernisse zur Folge, die den Werth einer solchen Seide bedeutend herabmindern. In den Filaturen werden neue Seidenfäden hergestellt, bei welchen der Fabrikant genau angeben kann, wie viel Coconfäden zu einem Faden zusammengedreht sind und bei denen der Käufer sicher ist, daß die gewünschte Stärke des Fadens durch den ganzen Strang überall die selbe ist. Es wird in den hiesigen Fabriken mit einer Genauigkeit gearbeitet, daß man das Gewicht einer bestimmten Länge des Fadens bis auf wenige Prozent genau angeben kann. Um sicher zu gehen, werden mit den Fabrikaten derjenigen Arbeiterinnen, die man im Verdacht hat, daß sie nicht gleichmäßig spinnen, dauernd Stichproben vorgenommen. Für diese Untersuchungen sind besondere Apparate vorhanden, welche die Ausführung einer Probe in wenigen Minuten gestatten. Eine Probe der verdächtigen Seide wird auf einen Haspel mit Zählwerk, welches durch einen Glockenschlag anzeigt, daß 100 Yards abgewickelt sind, abgemessen und dann an einer Zeigerwaage gewogen. Die Einrichtung der Spinnmaschinen ist genau die, wie sie in den Spinnereien Oberitaliens gebräuchlich ist. In einem halbkreisförmigen Bassin von etwa 60 cm Durchmesser schwimmen die abzuwickelnden Cocons, die vorher durch Bürsten von den schlechten Theilen befreit sind, in warmem Wasser, welches durch Dampfröhren geheizt wird; jedes Bassin wird von einer Arbeiterin bedient, welche je nach ihrer Geschicklichkeit 2–5 Fäden herstellt, die nach Maßgabe der eingegangenen Bestellungen je aus den Fäden von 3 und mehr Cocons zusammengewickelt werden. Dieser Arbeiterin ist ein Kind beigegeben, welches das Abbürsten der Cocons besorgt und sonstige Hilfsleistungen verrichtet. In den Strängen liegen die einzelnen Lagen des Fadens nicht glatt nebeneinandner, sondern über Kreuz, um später bei dem Abwickeln eine Verwirrung derselben zu vermeiden.

Das Jardine, Matheson & Co.’sche Etablissement liegt am rechten Ufer des Soochow Creeks direct oberhalb der Streichholzfabrik (A. IV. 2.)2. Die sämmtlichen Bassins sind zusammen in einem großen Saale im ersten Stock des Gebäudes aufgestellt, in dessen untern Räumen die Dampfmaschine, Lagerräume, Bureau u. s. w. untergebracht sind. Es werden täglich (nur Tagesarbeit) etwa 1200 Stränge Seide mit einem Gewicht von ungefähr 50 kg hergestellt. Der Preis dieser Seide ist etwas 60 frcs pro kg, während für die direct von den Producenten gekaufte Seide nur die Hälfte erzielt wird. Als einen besondere Unsicherheit in das Geschäft tragenden Factor wurde von dem begleitenden Beamten der Umstand hervorgehoben, daß der Einkauf der Cocons im Innern des Landes nicht durch Europäer besorgt werde, sondern chinesischen Zwischenhändlern überlassen werden müsse. Außer den Abfällen, die durch das Abbürsten der Cocons entstehen, wird auch die Seide gewonnen, welche im Innern des Cocons um den Wurm sitzt. Diese Prozedur, die einen höchst unangenehmen Geruch verbreitet, wird von Hand besorgt; es waren einige 20 Arbeiter damit beschäftigt. Diese gesammte Abfallseide (waste silk) wird nach Angabe des begleitenden Beamten in Ballen gepresst und geht unverarbeitet nach Europa. Die getrockneten Würmen werden als Düngemittel verkauft. Das europäische Personal dieser Filatur besteht aus einem Leiter, einem Assistenten und 2 Aufsichtsfrauen (sämmtlich Italiener). Die chinesische Filatur, ebenfalls am rechten Ufer des Soochow Creeks aber mehr in der Stadt gelegen, arbeitet zur Zeit mit etwa 180 Bassins, die in mehreren Sälen vertheilt sind. Es sind indeß bereits Erweiterungsbauten fertig gestellt, in denen der Betrieb in der nächsten Zeit begonnen werden soll. Europäer werden in dieser Filatur nicht beschäftigt. Sie soll in der ersten Zeit ihres jetzt achtjährigen Betriebes mit starken Verlusten gearbeitet haben, jetzt dagegen mit Gewinn betrieben werden. Die Spinneinrichtungen sind genau dieselben, wie in dem Jardine’schen Etablissement. Die Maschinen sind französischen Ursprungs. Die tägliche Production ist etwa 1 picul 20 kätties (1 picul = 100 kätties = 62,4 kg). Während in dem Jardine’schen Etablissement jede Arbeiterin im allgemeinen gleichzeitig nur 2 Stränge wickelte, sah man hier fast überall jede Arbeiterin 4 Stränge spinnen. Es wird nur bei Tage gearbeitet. Der Preis der Seide wurde ebenfalls zu 60 frcs pro kg angegeben. Etwas besonderes ist sonst von dieser Anlage nicht zu erwähnen.

Außer den Filaturen ist noch eine von Chinesen betriebene Seidenhaspelei (4) vorhanden. Das Rohmaterial dieses Etablissements ist nicht der Seidencocon, sondern das von dem Producenten gekaufte, von demselben selbst abgesponnene Seidengarn, dessen Mängel bereits oben bezeichnet sind. Der Seidenfaden wird in dieser Fabrik noch einmal abgewickelt und dabei sauberer gedreht, die Brüche beseitigt u. s. w. (to reel). Die so hergestellte Seide ist nicht so gut, wie die in den Filaturen direct von den Cocons angesponnene und erzielt nur einen um etwa 10 frcs niedrigeren Preis als diese (etwa 50 frcs pro kg). Es sind ungefähr 400 Haspel vorhanden, die früher mittels Dampf betrieben wurden. Der Besitzer hat aber den Dampf abgestellt, weil die vielen Brüche des Rohmaterials ein zu unregelmäßiges Arbeiten nöthig machen; jetzt werden alle Haspel von Hand betrieben (jeder Haspel eine Arbeiterin). Es sind auch in dieser Fabrik nur Weiber beschäftigt mit Ausschluß des Aufsichtspersonals, unter dem sich im übrigen kein Europäer befindet. Es wird nur am Tage gearbeitet. Die Fabrik ist nicht an die Wasserwerke angeschlossen, sondern reinigt ihr Wasser selbst (vergleiche Wasserwerke Schluß).3

Schließlich ist noch ein der Firma Jardine, Matheson & Co. gehöriges Etablissement zu erwähnen, dessen Betrieb geheim gehalten wird. Der Zutritt wurde nicht gestattet. Es ist an der Yangtze pro Road am linken Ufer des Wusung gelegen in Räumen, die für eine (nicht in Betrieb gesetzte) Papiermühle bestimmt gewesen sein sollen. Der mich in der Jardine’schen Filatur begleitende Beamte, Vorsteher des Seidendepartements in dieser Firma, theilte mir mit, daß dieses Etablissement erst im nächsten Frühjahr in Betrieb gesetzt werden soll. Nach anderen Angaben aber soll bereits gearbeitet werden, was den rauchenden Schornsteinen nach zu urtheilen, wahrscheinlicher ist. Das Etablissement, welches als Waste Silk Mill bezeichnet wurde, soll sich nach einer Quelle mit dem Reinigen von Abfallseide beschäftigen, wesentlich um die hiesigen billigen Arbeitskräfte benutzen zu können und um Fracht zu ersparen; nach andern Angaben soll auch die weitere Verarbeitung der gereinigten Abfallseide zu Ostern dort betrieben werden.


Die Baumwollindustrie.

Um die verschiedenen Etablissements ohne Umschreibung erwähnen zu können, sei zunächst angeführt, daß die Actiengesellschaft, an welcher auch die chinesische Regierung betheiligt sein soll, sich die Shanghai Cotton Cloth Mill Company (1) nennt; die auf die Initiative des hiesigen T… eingerichtete Baumwollspinnerei von 12 000 Ringspindeln ist als New Cloth Mill bezeichnet; sie soll eine Erweiterung des dritten Etablissements, der zur Zeit in Betrieb befindlichen Egreniranstalt sein. In Bezug auf das Monopol der Shanghai Cotton Cloth Mill Company, welches auf 10 Jahre gegeben sein soll, führte der Gewährsmann an, daß die Egreniranstalt die Erlaubniß, in der New Cotton Cloth Mill spinnen und weben zu dürfen gegen eine Geldsumme von der Shanghai Cotton Cloth Mill erworben habe; dagegen habe sich eine Baumwollegreniranstalt (16 Egrenirmaschinen) ganz kleinen Umfangs, die auf der Pootung (rechten) Seite des Flusses in Betrieb sei und deren Actienbesitzer den verschiedensten Nationen angehören, geweigert, das Monopol anzuerkennen und der Aufforderung der chinesischen Regierung, den Betrieb einzustellen, nachzukommen.4 Die für die weitere Entwicklung der Baumwollindustrie Shanghai‛s so wichtige Angelegenheit sei indeß noch nicht erledigt und harre zur Zeit der Entscheidung der Centralregierung in Peking.

Die Shanghai Cotton Cloth Mill steht zwecks Aufnahme eines Darlehns von 250 000 Taels zur Weiterführung ihrer Bauten mit hiesigen Firmen (Telge & Co. und Rohde) in Unterhandlung, die ihrerseits das Geld bei der deutsch-asiatischen Bank zu erlangen suchen. Einen kleineren Betrag (25 000 Taels) soll Telge & Co. bereits vorgeschossen haben. In dem aufzunehmenden Vertrage soll unter anderen auch stipulirt werden, daß für den Fall, daß die Gesellschaft ihren Verpflichtungen nicht nachkommt, der Betrieb der Fabrik an die Verleiher übergeht.

Im Laufe des Jahres ist an der Fertigstellung der Anlagen, welche 5–6 km unterhalb der Stadt (außerhalb der Niederlassung) am linken Ufer des Wusungflusses gelegen sind, weiter gearbeitet worden. Das Fabrikgebäude ist eine zweigeschossige Anlage, von etwa 150 m Länge; es besteht aus 2 Flügeln, die durch einen mit einer Kuppel gekrönten Zwischenbau verbunden ist. Zur Zeit ist der flußaufwärts gelegene Flügel fertig gestellt und bereits mit zahlreichen Maschinen angefüllt; das Mauerwerk des andern ist bis etwa 1 m über dem Erdboden hochgeführt. Eine mächtige Dampfmaschine, die, in dem Zwischenbau aufgestellt, die gesammten Arbeitsmaschinen betreiben wird, ist ebenfalls beinahe fertig. Die Fabrik wird etwa 20 000 Spindeln und 400 Webstühle (looms) betreiben. Die Maschinen sind zu einem großen Theil schon betriebsfähig hergestellt; andere harren der Auspackung und der Rest soll bereits bestellt sein. Sie sind theils aus Amerika (Massachusets und New-England), theils aus England bezogen. Die deutsche Industrie befaßt sich angeblich nicht mit der Anfertigung solcher Maschinen, es sollen sogar die in Deutschland in Betrieb befindlichen Spinnereien und Webereien ihre Maschinen aus England beziehen. Das Etablissement wird die sämmtlichen mit der Baumwolle vorzunehmenden Manipulationen, von dem ersten Reinigen vor dem Egreniren bis zur Weberei, auf maschinellem Wege ausführen. In der jetzt in Betrieb befindlichen Egreniranstalt wird z. B. die Baumwolle, ehe sie in den Egrenirmaschinen (engl. gins) vom Samen befreit wird, erst durch Handarbeit von den anhaftenden, groben Unreinigkeiten gesäubert, während in der Shanghai Cotton Cloth Mill auch diese Arbeit durch Maschinen besorgt wird. Ebenso sollen die Egrenirmaschinen wesentlich besser construirt sein und bei weitem mehr leisten. Der Zeitpunkt der Betriebseröffnung der Fabrik wurde als „sehr bald“ bezeichnet, wird aber wohl wesentlich von dem Ausfall der oben erwähnten Transactionen abhängig sein. Zur Zeit wird an der Aufstellung der Arbeitsmaschinen, sowie an dem Bau des Fluß abwärts gelegenen Flügels weiter gearbeitet. Es ist eine kleine Maschinenreparaturwerkstätte mit Dampfbetrieb in Thätigkeit. Das ausländische Personal besteht zur Zeit aus dem leitenden Ingenieur und drei Assistenten.

Die New Cotton Cloth Mill, in der Nähe der Egreniranstalt am linken Ufer des Wusung gelegen, ist zur Zeit in einem ähnlichen Stadium der Fertigstellung, wie die Shanghai Cotton Cloth Mill. Nur sind noch nicht so viel Arbeitsmaschinen aufgestellt; die meisten stehen noch unausgepackt in den Lagerräumen der Gesellschaft.

So weit die Beschreibung der einzelnen Etablissements, die als nächstliegende Nutzanwendung den Exportfirmen an die Hand geben könnte, welche Arten von Maschinen zur Zeit hier am ersten auf Absatz hoffen könnten und in welcher Richtung die Angebote zu machen wären. Ein Erfolg wird sich in dieser Richtung höchstens dann erwarten lassen, wenn man gegen die Leistungen anderer Länder ganz wesentliche Vortheile bieten könnte, da die Etablissements alle in den Händen Nichtdeutscher sind, die in ihrer Kenntniß der Bezugsquellen und ihrer Neigung natürlich in erster Linie ihr Heimatland bevorzugen. Am ersten werden sich vielleicht noch Maschinen zum Reinigen von Wolle, Federn u. s. w. verkaufen lassen, da diese Manipulation zur Zeit überall von Hand betrieben wird.

Dagegen läßt sich aus dem Vorhergehenden recht wohl der Schluß ziehen, daß Shanghai ein Platz ist an welchem auch deutsche Industrielle mit eigenen Anlagen erfolgreich in den Wettbewerb eintreten können. Die vielseitigen Anfänge industrieller Thätigkeit sind in Shanghai bereits vorhanden und es läßt sich bei den günstigen Vorbedingungen dieses Platzes wohl mit einiger Sicherheit behaupten, daß eine weitere und baldige Entwickelung der Industrie zu erwarten steht. Die Communicationsverhältnisse dieses Ortes, die sich ja zur Zeit in China allein auf die Wasserwege beschränken, sind außerordentlich günstig. Gleich bequem vom Meere und vom Innern aus erreichbar, bietet die Stadt an ihren weitläufigen Flußufern, an denen die Oceandampfer größter Abmessungen anlegen können, an den vom Fluß abzweigenden, für kleinere Schiffe praktikabeln Wasserläufen, noch zahllose Bauplätze, auf welchen industrielle Etablissements mit den günstigsten Zufahrten errichtet werden können. Die billigen chinesischen Arbeiter, die zu mechanischen Arbeiten leicht anzulernen sind, geben eine weitere günstige Unterlage für die Industrie. Der Tagelohn läßt sich in einem allgemeinen Durchschnitt für Weiber auf etwa 60–70 Pfennige, für Männer auf 90 Pfennige bis 1,20 M. angeben; er steigert sich natürlich bei Arbeiten, für welche eine besondere Geschicklichkeit erforderlich ist, manchmal wesentlich; es sind jedoch in einem Etablissement immer nur einige, wenige Arbeiter vorhanden, die solche höheren Löhne beziehen. Es kommt weiter hinzu, daß das Zollsystem einer hiesigen einheimischen Industrie wesentliche Vorsprünge gegen ausländische Concurrenz giebt, und es mag noch hervorgehoben werden, daß für den Verkauf im Inlande Patent- und Musterschutz nicht vorhanden sind. Schließlich scheint es auch unschwer möglich zu sein, industrielle Etablissements, die zweckmäßig angelegt sind und sich im guten Betriebe befinden, sei es durch Verkauf an Europäer oder auch an Chinesen günstig zu realisiren, was mit Rücksicht auf die Möglichkeit einer späteren Rückkehr des Unternehmers nach Deutschland von Interesse sein dürfte.

In erster Linie würde natürlich die Entstehung einer deutschen Industrie für solche Artikel erwünscht sein, die nicht oder nur in geringem Maße von Deutschland bezogen werden. Indessen wird man darin nicht zu ängstlich sein dürfen, sondern die Einschränkung höchstens auf solche Gegenstände ausdehnen dürfen, die ganz allein oder doch überwiegend aus Deutschland kommen; wo aber bereits fremde Nationen die Herstellung solcher Fabrikate hier an Ort und Stelle in die Hand genommen haben, wird man zweckmäßig Rücksichten jener Art fallen lassen.

Zunächst wird bei dem reichen, hier zur Verfügung stehenden Rohmaterial für die weitere Anlage von Etablissements der Seiden- und Baumwollindustrie, wie sie oben geschildert sind, durchaus noch genügender Platz sein. China und Japan consumiren zur Zeit etwa 7/8 der ganzen indischen, besonders in Bombay concentrirten Baumwollindustrie, die beinahe 3 Millionen Spindeln und 20 000 Webstühle beschäftigt, denen hier in der nächsten Zukunft nur 30–40 000 Spindeln gegenüberstehen werden. Mechanische Seidenwebereien sind in China noch gar nicht vorhanden; die Verarbeitung der Abfallseide erfolgt ebenfalls fast ganz in Europa. Eine Entwickelung auf dem Gebiete der Weberei und Spinnerei darf daher wohl mit Sicherheit in baldiger Zukunft erwartet werden. Mit der Anfertigung der in diesem Industriezweige erforderlichen Maschinen soll sich Deutschland noch sehr wenig oder gar nicht beschäftigen. Die Errichtung also einer Fabrik solcher Maschinen hier bietet auf der einen Seite sowohl gute Aussicht auf Erfolg und schädigt andererseits keineswegs die heimische Industrie. Bei den zahlreichen Wasserbauten, die an der Küste Chinas auszuführen sind, dürfte auch eine Fabrik von Baggern, Excavatoren, Dampframmen und sonstigen Baumaschinen günstigen Boden finden. Guten Absatz würde auch eine Lampen- sowie Ofenfabrik, besonders der gegossenen sogenannten amerikanischen Öfen haben, beides Gegenstände die sich auch bei den Chinesen einer stets zunehmenden Beliebtheit erfreuen und heutzutage hauptsächlich aus Amerika bezogen werden. Eine Glashütte und eine Spiegelmanufaktur fänden ebenfalls eine gutes Feld der Thätigkeit. Ein unmittelbares Bedürfniß für Shanghai dürfte noch die Errichtung einer Dampftischlerei und Möbelfabrik sein, die das Monopol von Hall & Holtz abzulösen hätte. Bei der umfangreichen Bauthätigkeit in Shanghai würde auch die Anfertigung von Bautischlerarbeiten günstige Ergebnisse erzielen. Die Aufstellung eines Ringofens für die Anfertigung von Blendziegeln und Formsteinen an einem der Canäle würde sich voraussichtlich gut rentiren. Ob für die Herstellung von Cement die erforderlichen Materialien vorhanden sind, ist mir nicht bekannt, für den Absatz einer Cementfabrik ist jedenfalls genügender Markt vorhanden. Die vorhandene Eisfabrik genügt den Bedürfnisse keineswegs; eine Bierbrauerei zur Herstellung billigen deutschen Bieres würde allein in der Stadt und zur Versorgung der Passagierdampfer genügenden Absatz finden können.

Wenn im Vorhergehenden einige Spezialbranchen besonders bezeichnet sind, von denen man wohl annehmen kann, daß sie günstigen Boden für ihre Entwickelung finden werden, so sollen damit andere Industriezweige keineswegs als aussichtslos bezeichnet werden. Es ist vielmehr hier Gelegenheit noch für manche andere Arten vorhanden, die einzeln aufzuführen hier nicht der Platz sein kann, und man wird nicht in der Annahme fehlgehen, daß sich diese Gelegenheiten stetig vermehren werden. Um billig zu produciren, ist vor allem allgemein im Auge zu behalten, daß die Verwendung von Europäern auf das allergeringste Maß beschränkt werden muß, daß solche zwar zur Anlernung eines Stockes geschulter Arbeiter natürlich in der ersten Zeit erforderlich sind, daß aber ihre Rückkehr oder anderweitige Verwendung in möglichst kurzer Zeit in Aussicht zu nehmen ist. In jedem einzelnen Falle wird der Unternehmer gut thun, die für sein spezielles Fach erforderlichen Erkundigungen vorher an Ort und Stelle einzuziehen.