| Regest: |
Nach gut dreijähriger Geschäftstätigkeit erstattet Ferdinand Rinkel, Vorstandsmitglied und Leiter der Filiale Shanghai der Deutsch-Asiatischen Bank, dem Aufsichtsrat im Februar 1893 ausführlich Bericht über die Entwicklung der Bank, die bisher - abgesehen von der Präsenz der meisten ihrer Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder in Deutschland - nur in China mit zwei Niederlassungen vertreten ist, in Shanghai und Tianjin. Zu der erhofften Beteiligung an Eisenbahnprojekten im nordöstlichen China ist es bisher nicht gekommen, was Rinkel in erster Linie auf das Fehlen einer starken Zentralregierung zurückführt. Sich stattdessen auf die Handelsfinanzierung zu konzentrieren, hält Rinkel für wenig aussichtsreich. Um die Geschäfte ausgewogener gestalten zu können, plädiert er vielmehr für den raschen Ausbau der Organisation durch Eröffnung weiterer Niederlassungen, zum einen in London, zum anderen in Britisch-Indien. (Der Aufsichtsrat folgt diesen Vorschlägen jedoch nicht, sondern dringt auf eine zurückhaltende Geschäftspolitik.) |
| Formalia: | 4 Blätter, maschinenschriftlich einseitig beschrieben und als „auszugsweise Abschrift“ gekennzeichnet. Die in der Abschrift kenntlich gemachten Auslassungen wurden mit … markiert. Einzelne, beim Maschineschreiben versehentlich vertauschte sowie überschüssig gesetzte oder ausgelassene Buchstaben werden in der Transkription stillschweigend umgestellt, gestrichen oder ergänzt. |
[Handschriftlich ergänzt und rot unterstrichen: Bericht über die bisherige Geschäftstätigkeit]
[Handschriftlich ergänzt und rot unterstrichen: Februar 1893]
(Auszugsweise Abschrift)
Bei der Begründung der Deutsch-Asiatischen Bank war in erster Reihe die Erwartung einer baldigen Erschliessung Chinas und damit zusammenhängend die Möglichkeit einer ausgedehnten Beteiligung deutschen Kapitals bei Einführung moderner Verkehrseinrichtungen massgebend.1
Die abgelaufenen drei ersten Geschäftsjahre der Bank haben keine Erfüllung dieser Erwartungen gebracht und auch die nächsten Jahre werden voraussichtlich in dieser Richtung keine Wandlung bringen. Der Grund hierfür ist in dem eigenthümlichen Verwaltungssystem Chinas zu suchen, welches einer organischen Entwicklung dieses grossen Reiches geradezu entgegensteht. Die sogenannte Central-Regierung in Peking ist nämlich nichts weiter als eine kritische Behörde für die ihr untergebenen Beamten des ganzen Reiches, kein Ausgangspunkt von Instruktionen und Anordnungen allgemeiner administrativer Natur, wie man aus dem ihr fälschlich beigelegten Namen schliessen könnte. Den Generalgouverneuren allein bleiben solche Massregeln überlassen. Sind diese Beamte nun der Einrichtungführung europäischer Verkehrseinrichtungen geneigt, so werden sie unabhängig voneinander, jeder in seiner Provinz nach dieser Richtung tätig sein und die Mittel für ihre Unternehmungen entweder aus den Überschüssen ihrer Bezirke decken oder sich durch Aufnahme von Anleihen unter ihrem Amtssiegel das nötige Geld zu verschaffen suchen. Ein Generalplan, wie am besten in einheitlicher Form die Hilfsquellen des ganzen Landes erschlossen werden könnten, besteht also nicht. … Dabei ereignet es sich zuweilen, dass ein Gouverneur die Einrichtungen seines Amtsvorgängers, welche dieser mit grossem Kostenaufwande (aus öffentlichen Mitteln) getroffen hat einfach zerstört … ohne die Regierung in Peking weiter darüber zu befragen. … Die grosse Masse des Volkes unterstützt das Verhalten der Beamten oder steht diesen Vorgängen teilnahmslos gegenüber, während die reiche Klasse der Chinesen, welcher im Allgemeinen eine grosse Intelligenz und Unternehmungslust innewohnt, sich von der Behandlung öffentlicher Angelegenheit aus Furcht vor Erpressungen ängstlich fernhält.2 Wäre das Erpressungssystem in der chinesischen Beamtenwelt nicht so stark ausgeprägt, dann würde das Privat-Capital, welches jetzt zum grössten Teil unbenutzt in den Kellern der Chinesen ruht, sicherlich für die Förderung moderner Verkehrseinrichtungen nutzbar gemacht werden. Eine Änderung dieser Verhältnisse kann aber bei der conservativen Gesinnung der Chinesen nicht in Aussicht genommen werden. Es entfällt sonach der s. Zt. für die Errichtung unserer Bank hauptsächlich massgebend gewesenen Beweggrund.
Wir werden nun zu erörtern haben, was geschehen muss, um dem nun einmal begonnenen Werke auf einem anderen Gebiete als dem der chinesischen Regierungsgeschäfte eine Basis für seine Fortexistenz und Entwickelung zu bieten. Hierbei handelt es sich zunächst um die Frage: Ist die Bank in ihrer jetzigen Verfassung und ohne die Möglichkeit grösserer Finanzgeschäfte mit der Regierung abzuschliessen, befähigt, aus dem lokalen Export- und Import-Handel allein befriedigenden Nutzen zu ziehen?
Bei der Beantwortung dieser Frage sind folgende Punkte zu berücksichtigen. Shanghai ist ein Handelsplatz von grosser aber nicht massgebender Bedeutung im asiatischen Verkehr. Es ist ein Markt für den Absatz von europäischen, meist englischen Fabrikaten einerseits und Verschiffungsplatz für chinesische Rohprodukte andererseits, welche ihren Weg nach Frankreich, England, Russland und Amerika nehmen. Deutschland bezieht nur geringe Waarenmengen von China und, da es auch nur wenig nach dorthin direct liefert, so ist der rein deutsche Verkehr mit China nicht genügend eine Bank hinreichend zu alimentieren. Wenn trotzdem der Handel von Shanghai zum grossen Theile in deutschen Händen ruht, so liegt das an der grösseren Rührigkeit unserer deutschen Landsleute. Die Verbindung mit denselben bildet denn auch eine ausgezeichnete Grundlage für den Betrieb unserer Bank.
Eine Industrie hat Shanghai nicht …].
Die aus dem Handelsverkehr herrührenden Courswechselumsätze bilden die Haupteinnahmequelle der dort ansässigen Banken. Dieselben verkaufen Tratten auf Europa, meist auf London, und kaufen die aus den Verschiffungen herrührenden Documentenwechsel. …
Unsere Bank ist aus Mangel an solchen Niederlassungen dagegen nicht befähigt, an dem grossen Wechselverkehr in Shanghai entsprechenden Antheil zu nehmen, denn sie hat aus diesem Grunde nicht die Möglichkeit, auf andere Plätze zurückzugreifen. …
Die von den chinesischen Behörden ins Ausland zu remittirenden Beträge für die Bestallung ihrer Gesandten etc. entgehen uns ebenfalls mangels europäischer Filialen fast vollständig.3 Die Chinesen haben ein erklärliches Vorurteil dagegen, einer Bank den Auftrag zu Remittirungen ins Ausland zu überschreiben, von welcher sie wissen, dass dieselbe keine eigene Vertretung in Europa hat. Bei der grossen Entfernung fürchten die Chinesen Störungen oder Missverständnisse in der Ausführung solcher Aufträge und lassen uns in Folge dessen bei ihren Auszahlungen in London, die sich auf grosse Summen belaufen, gar nicht erst concurriren. …
Was das Courswechselgeschäft erheischt, nämlich Vertrauen zur Bank, wird uns Angesichts der Zusammensetzung unseres Aufsichtsrathes und der damit verbundenen Credite,4 sowie mit Rücksicht auf die Schwächung, welche die übrigen östlichen Banken in starkem Masse in den letzten Jahren erlitten haben,5 von europäischen und chinesischen Kaufleuten voll und ganz entgegengebracht. Unsere Tratten sind gegenwärtig die beliebtesten im Markte. …
In Tientsin ist der Wechselverkehr ein sehr einseitiger, da zumeist nur Wechsel seitens der Kaufleute angeboten, aber nur selten deren verlangt werden. Dieser Umstand wird von uns auch nach Möglichkeit ausgenutzt, d. h. wir kaufen die angebotenen Wechsel in Tientsin und verkaufen dagegen unsere europäischen Ziehungen in Shanghai.
Zur Erleichterung unseres Courswechselverkehrs sind uns seitens der Mitglieder des Consortiums umfassende Trassierungscredite eröffnet worden. …]
Eine weitere Schwierigkeit entsteht unserer Bank durch den Umstand, dass wir das sehr bedeutende Geschäft in Document-Wechseln gegen Verschiffungen, welche von England nach Shanghai vorgenommen werden, von China aus zu bearbeiten haben. Der Kauf dieser Wechsel bietet schon aus dem Grunde für uns so grosse Schwierigkeiten, weil der Erwerb von in Taels auf Shanghai gezogenen Wechseln auf Grund von Coursen für uns in Europa geschehen muss, welche bereits 24 Stunden früher massgebend waren. Dass bei dem schwankenden Preise des Silbers diese Form des Geschäftsbetriebes geradezu eine Gefahr für die Bank in sich birgt, braucht nicht erst des Näheren ausgeführt zu werden. …
Die sich aus dem Courswechselverkehr zwischen London und Shanghai ergebende Nothwendigkeit für die Beobachtung der in Frage kommenden Waarenfirmen und der Waarenmärkte im Allgemeinen hat zunächst dazu geführt, dass unsere Bank mangels entsprechender Einrichtungen in Europa die Controlle bei Ertheilung von Limiten von Shanghai aus vornehmen musste. Die Schwierigkeit, dies mit hinreichender Sicherheit zu thun, hat schliesslich seit ungefähr Jahresfrist zu einer Änderung geführt, welche dahin geht, dass in Berlin die bezügliche Controlle übernommen worden ist.6 Es wird indessen wohl zugegeben werden, dass auch die jetzige Form der Bearbeitung dieses Geschäftes unzureichend ist, da die Controlle über das englische Geschäft von Berlin sehr schwierig ist, und es sich auch jetzt meist nur um eine Sichtung des von Shanghai oder London hierher gesandten Materials, nicht aber um eine selbständige Erweiterung unserer Beziehungen zu den englischen Kaufleuten handelt.
Für den Betrieb eines anderen wesentlichen Geschäftszweiges, welcher die Thätigkeit unserer Bank bilden soll, nämlich die Ausleihung von Geldern, besteht während des grössten Theils des Jahres ein Missverhältnis zwischen den uns zufliessenden Depositen und unserem Capital auf der einen Seite und der Möglichkeit einer geeigneten Verwendung dieser Gelder auf der anderen Seite, solange wir hierbei nur auf Shanghai und Tientsin beschränkt sind. Um nämlich dauernde Beziehungen zur Chinesischen Regierung herzustellen sind wir gezwungen, grössere Beträge von festen Depositen von den Behörden anzunehmen. Wir haben uns hierbei auf Summen beschränkt, die wir ohne Störung unserer Beziehungen zu der Regierung nicht abweisen konnten, zum Theil aber auch schon die Annahme sehr bedeutender Beträge ausgeschlagen, deren Überweisung uns bei weiterer Ausdehnung unserer Bank von Nutzen sein würde. …
Bei objektiver Betrachtung des Gesagten werden wir daher die Frage, ob die Bank in ihrer jetzigen Verfassung befähigt ist, aus dem lokalen Import- und Export-Handel allein befriedigenden Nutzen zu ziehen, verneinen müssen.
Die Fortführung unserer Bank wird uns mit Nothwendigkeit zu einer Ausdehnung und zwar zunächst in Europa zwingen, nicht nur um eine genügende Aufsicht über die Geschäfte der Bank zu ermöglichen, sondern auch um eine Erweiterung und veränderte Gestaltung unseres Geschäftsverkehrs herbeizuführen.
In Ausführung des Gedankens, den asiatischen Verkehr für uns nutzbar zu machen und im Anschluss an die bereits bestehende Organisation in China werden wir zunächst und in erster Reihe unser Augenmerk auf London zu richten haben. Dieser Platz bildet den Centralpunkt für den Verkehr mit Asien. Ein grosser Theil des Warenhandels mit Indien und China findet in London auch finanziell seine Erledigung. Die in den genannten Ländern zum Verkauf gelangenden europäischen Waaren entstammen zumeist den Industriebezirken Englands. Die sich in diesem Lande concentrierende finanzielle und politische Macht beherrscht fast ausschliesslich das ganze asiatische Gebiet. Die Werthbemessung des in ganz Asien als Zahlungsmittel benutzten Metalls – des Silbers – erfolgt nach den jeweilig im Londoner Silbermarkte zum Ausdruck gelangenden Ansichten. Das Abhängigkeitsverhältnis, in welchem die asiatischen Länder zu England stehen, geben dem letzteren Lande einen so grossen Einfluss auf die Gestaltung des Silberpreises, dass die Stellung desselben diesem Metall gegenüber geradezu ausschlaggebend für seine Werthbemessung ist.
Aus diesen Gründen wird es sich ganz von selbst ergeben, dass bei Bearbeitung der Bankgeschäfte mit Asien der Londoner Platz als leitender ins Auge gefasst werden muss. Die oben geschilderten Schwierigkeiten welche der Bank in ihrer jetzigen Verfassung erwachsen, werden zum weitaus grössten Theile durch eine Niederlassung in London in zufriedenstellender Weise beseitigt werden. …
Da wir ausserdem auf die Erlangung von festen Depositen in England rechnen können, so wird es voraussichtlich schon nach kurzer Zeit unseres Bestehens in London möglich sein, gänzlich auf die der Bank eingeräumten Trassirungscredite zu verzichten und dadurch aus einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Mitgliedern des Consortiums herauszukommen, welches sich mit der Vorstellung von einer selbständigen Bank an und für sich nicht verträgt. …
Unsere langen Trassirungen auf N. M. Rothschild & Sons sind bisher in Höhe von 200.000 Pfund Sterling durch das Consortium gegen Zahlung einer Provision von ½ % garantirt worden. Ein Theil dieser Provision, welche unsere Concurrenzfähigkeit natürlich beschränkt, wird sich bei Einrichtung einer Filiale in London deswegen sparen lassen, weil wir alsdann voraussichtlich durch freundschaftliches Zusammengehen mit dem genannten Bankhause in der Lage sein werden, die uns von China zugehenden Documentenwechsel als Sicherheit für jene langen Trassirungen deponiren zu können. …
Es versteht sich von selbst, dass unsere Londoner Niederlassung ausschliesslich dem Betriebe asiatischer Geschäfte zu dienen hätte. Abgesehen von der Annahme von Depositen würde sie dauernd europäischen Geschäften fernzubleiben haben, wodurch eine Conkurrenz unserer Bank mit den uns befreundeten Instituten vollkommen ausgeschlossen sein würde. …
In weiterer Ausführung unseres Programms werden wir nach erfolgter Einrichtung einer Londoner Niederlassung mit Nothwendigkeit in demjenigen Lande Stützpunkte suchen müssen, welches die grösste Rolle im asiatischen Verkehre spielt, in Indien nämlich. Unter einer zielbewussten Verwaltung hat dieses von ca. 350 Millionen Menschen bewohnte Land ein Netz von Eisenbahnen erhalten, welches die grossen Hilfsquelle dieses Reiches immer mehr erschliesst. Daneben entwickelt sich bereits eine grosse Industrie, welche in erster Reihe darauf abzielt, die im Lande selbst gewonnenen Rohprodukte in fertige Waaren umzuwandeln, anstatt solche vom Auslande zu beziehen. …
Die Finanzirung des ganzen europäisch-indischen Handels findet bis auf Bruchtheile vorläufig durch englische Banken statt. Eine Coursnotiz für Deutsche Reichsmark-Wechsel existiert in Indien noch nicht, trotzdem dieselbe von unseren dortigen Landsleuten seit Jahren angestrebt wird. Neben dem speciell deutschen Verkehr ruht ein großer Theil des englischen Handels in den Händen deutscher Firmen, auf deren Unterstützung wir im Falle unserer Etablirung in Indien werden rechnen können. Unsere Niederlassungen in China werden dann auch erst zu ihrem wahren Werthe gelangen. Der directe Verkehr zwischen diesem Lande und Indien ist in stetem Wachsen begriffen. Die Gleichartigkeit des Zahlungsmittels begünstigt die Entwickelung des indisch-chinesischen Handels ausserordentlich, daneben sichert die grössere Nähe Indiens zu China Beiden einen Vorsprung vor europäischen Ländern für den Austausch ihrer Waaren. …
Die für uns in Frage kommenden Plätze sind Bombay und Calcutta. … Die früher bereits angedeuteten Schwierigkeiten und das Misstrauen, unter welchen unsere Concurrenz augenblicklich arbeiten , lassen es wünschenswerth erscheinen, mit der oben beschriebenen Organisation, falls dieselbe die Zustimmung des Aufsichtsraths erhält, schleunigst vorzugehen. … Die Ablehnung einer weiteren Ausdehnung unserer Bank wäre dagegen gleichbedeutend mit einer Verzichtleistung auf unsere chinesischen Niederlassungen, welche, wie wir nachgewiesen zu haben glauben, in ihrer jetzigen isolirten Stellung in befriedigender Weise niemals werden arbeiten können. …
Berlin, im Februar 1893