|1. Blatt, Vorderseite, 121|
Stiller Ozean, den 27. Juni 1896
an Bord der „Empress of China”
E. H. beehre ich mich im Nachstehenden einige Bemerkungen über die Lage der Verhältnisse in China zu übersenden, die zum Verständniß derselben beizutragen geeignet sein könnten.
Es folgen, fortgesetzt bis Seite 127, Ausführungen zur finanziellen Lage und industriellen Entwicklung Chinas.|2. Blatt, Vorderseite, 127|
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Was die Eisenbahnfrage anbetrifft, so ist am 11. Juni von der in Shanghai erscheinenden chinesischen Zeitung Shen pao das Projekt eines amerikanischen Syndicats veröffentlicht worden, von dem ich in der Anlage auszugsweise Uebersetzung beifüge. Ich möchte annehmen, dass es dasjenige ist, welches von dem bekannten amerikanischen Banquier Wharton Barker der chinesischen Regierung im Oktober-November v. J. unterbreitet wurde. Nach mir anderweitig zugegangenen Mittheilungen soll der von mir bereits früher erwähnte Mr. Georg Wilson für die Eastern Contract Co. Limited, bei der die South western Bank, die Banque Ottomane, die Firmen Raffael in London und Malcolm (Amerikaner) betheiligt sein sollen, mit Kantonesen, durch den Taotai Lin yen vertreten, ein Abkommen vereinbart haben, durch das sich die englische Gesellschaft zur Aufbringung eines Kapitals für Eisenbahnbau ohne staatliche Garantie verpflichtet. Die Einnahmen sollen wie folgt vertheilt werden: 25 % für das Gründungskapital, 25 % für die|2. Blatt, Rückseite, 128| Verwaltungsspesen, 25 % für die chinesische Regierung und 25 % für den chinesischen Konzessions-Inhaber
Dieses Abkommen dürfte wie die in dem Kaiserlichen Edikt vom 24. April erwähnten Anerbietungen anderer Cantonesischer Syndikate auf der Fiktion beruhen, daß die Einzahlungen von den Chinesen selbst geleistet worden seien, während es sich unzweifelhaft nur um solche durch fremde Syndikate oder Firmen geleistete handeln kann, für die die Cantonesischen Syndikate nur die Namen hergeben. Ein immerhin sehr zweifelhaftes Geschäft, an dem eine Betheiligung deutschen Kapitals nicht empfehlenswerth erscheinen wird.
Wenn ich die Verhältnisse in China richtig beurtheile, so scheint mir der Bau der bis jetzt in Aussicht genommenen Bahnen mit chinesischem Kapital höchst zweifelhaft; ich bin im Gegentheil der Ansicht, dass wenigstens für alle längeren Linien das erforderliche Kapital nur durch fremde Anleihen beschafft werden kann, sowie daß günstige Ergebnisse nur durch maßgebenden fremden Einfluss bei Bau und Verwaltung dieser Bahnen erzielt werden können. Es wird sich aber, wenn|3. Blatt, Vorderseite, 129| deutsches Kapital bei solchen Unternehmungen Verwendung finden soll, empfehlen, sich mehr der chinesischen Auffassung anzupassen, als zu versuchen, die chinesische Regierung und Behörden zur Annahme von zu Hause fest ausgearbeiteten Projekten zu veranlassen. Jedenfalls muß den Unterhändlern ein bedeutender Spielraum gelassen und wenn überhaupt Erfolge erzielt werden sollen, die Entscheidung mehr als bisher an Ort und Stelle verlegt werden.
Ich habe im Verlauf meiner Mittheilungen wiederholt Veranlassung gehabt, auf die Beziehungen der deutschen, am Regierungsgeschäft interessierten Firmen, besonders der Herren Mandl & Co. und Carlowitz & Co. zu der Deutsch-Asiatischen Bank zurückzukommen und erlaube mir bei dieser Gelegenheit, hier mit Bezug auf dieselben das Folgende zu erwähnen:
Die Deutsch-Asiatische Bank besitzt, in ihrer jetzigen Form und Ausdehnung, nicht die Mittel, sich genügende Informationen über das, was in chinesischen Kreisen und namentlich auch in der Umgebung der verschiedenen|3. Blatt, Rückseite, 130| General-Gouverneure angeht, zu verschaffen. Sie ist, wenn sie solche Informationen überhaupt erhalten will, auf die Mithilfe anderer Firmen angewiesen, die selbstverständlich für die Unterstützung, die sie auf diese Weise leisten, einen Vortheil erwarten. Solche Firmen schroff zurückzuweisen und sie eventuell sogar zu bekämpfen, heißt nicht allein die Deutsch-Asiatische Bank einer sehr werthvollen Informationsquelle berauben, sondern dürfte diese Firmen über kurz oder lang in das Lager der Gegner der Bank treiben, was meiner unmaßgeblichen Ansicht nach kaum als ein wünschenswerthes Resultat zu bezeichnen sein dürfte.
Es folgen, fortgesetzt auf S. 131, Ausführungen zur Reorganisation des chinesischen Militärs |4. Blatt, Vorderseite, 131|
…
gez. B.
E. H.Ehrenwerte Herren
v. J.vorigen Jahres
gez., gez:gezeichnet
PA AAPolitisches Archiv des Auswärtigen Amts, Berlin
PA AAPolitisches Archiv des Auswärtigen Amts, BerlinRZ 201Deutsches Reich, Zentrale, Abt. IA
Deutsch-Asiatische Bank (DAB), Shanghai / BerlinDie Deutsch-Asiatische Bank wurde 1889 auf Wunsch und mit Unterstützung der deutschen Regierung durch ein von der Disconto-Gesellschaft in Berlin geführtes Konsortium gegründet, dem insgesamt dreizehn deutsche Aktienbanken sowie Privatbankhäuser angehörten, überwiegend aus Berlin und Frankfurt am Main. Neben der Disconto-Gesellschaft und der Deutschen Bank waren das die Häuser S. Bleichröder (Berlin), Berliner Handels-Gesellschaft KGaA, Bank für Handel und Industrie (Darmstädter Bank), Robert Warschauer & Co. (Berlin), Mendelssohn & Co. (Berlin), Jacob S. H. Stern (Frankfurt am Main), M. A. von Rothschild & Söhne (Frankfurt am Main), Norddeutsche Bank AG (Hamburg), Sal. Oppenheim jr. & Cie. (Köln), die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank AG (München) und die Preußische Seehandlung (Staatsbank). Die Leitung der Hauptniederlassung in Shanghai übernahm Ferdinand Rinkel. Die ursprüngliche Absicht der Gründungsbanken, sich umgehend an der Finanzierung von Eisenbahnprojekten in der Provinz Shandong zu beteiligen, ließ sich nicht umsetzen. Doch nach Überwindung anfänglicher Schwierigkeiten, die u. a. aus dem Verfall des Silberpreises resultierten, konnte sich die DAB in einem von scharfem Wettbewerb geprägten Umfeld in China als eine der führenden Auslandsbanken etablieren, die in allen Bereichen des Bankgeschäfts tätig war, in der wechselbasierten Handelsfinanzierung, im
Einlagen- und Kreditgeschäft
, im Devisenhandel, in der Notenausgabe sowie bald auch im internationalen Emissionsgeschäft. Der Durchbruch in diesem Bereich gelang durch enge Kooperation mit der Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC). Weitere Niederlassungen der DAB wurden 1896 in Kalkutta (Britisch-Indien), vor allem aber in China eröffnet: 1897 in Hankou (zunächst als Agentur, 1910 zur Filiale aufgewertet), 1898 in Tsingtau, 1900 in Hongkong, 1904 in
Tsinan
, 1905 in Peking (zunächst als Repräsentanz, 1910 zur Filiale aufgewertet) und 1910 in Kanton. In Japan konnte die DAB 1905 mit der Eröffnung einer Filiale in Yokohama ebenfalls Fuß fassen, 1906 folgte eine weitere Filiale in Kōbe. Noch im gleichen Jahr wurde außerdem eine Niederlassung in Singapur eröffnet. Durch den Ersten Weltkrieg kamen die Geschäftsaktivitäten der DAB weitgehend zum Erliegen, lebten in der Zwischenkriegszeit wieder auf, wurden aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der schrittweisen Neuordnung der Eigentümerstrukturen und der Überführung in die zur European Bank’s International Company (EBIC) gehörende European Asian Bank auf eine neue Grundlage gestellt. Vgl.
Müller-Jabusch, Deutsch-Asiatische Bank
;
Bauert-Keetman, Unternehmens-Chronik
;
Barth, Hochfinanz
;
Moazzin, Foreign Banks
;
Historische Gesellschaft der Deutschen Bank, Deep Roots
.
Carlowitz & Co., Kanton / ShanghaiNachdem Richard von Carlowitz und Bernhard Harkort beschlossen hatten, ihre gemeinsame Firma Carlowitz, Harkort & Co. in Kanton nach zehn Jahren nicht fortzusetzen, gründete Bernhard Harkort 1856 in Kanton sein eigenes Unternehmen, die Firma Harkort & Co., während die frühere gemeinsame Firma zu Carlowitz & Co. umfirmierte. Von den Beeinträchtigungen durch den Zweiten Opiumkrieg (1856–1860) erholte sie sich rasch. 1863 gewann Richard von Carlowitz den Kaufmann Gustav Hitzeroth als neuen Teilhaber. Hitzeroth übernahm die Geschäftsführung am Hauptsitz in Kanton, während die Leitung einer 1866 etablierten Niederlassung in Hongkong in die Hände des ebenfalls neu gewonnenen Teilhabers Theodor Eimbcke gelegt wurde. Richard von Carlowitz selbst zog sich 1871 nach Deutschland zurück. 1878 verlagerte die Firma ihren Hauptsitz nach Shanghai, wo sie schon im Jahr zuvor eine weitere Niederlassung eröffnet hatte, um von dort Verbindungen nach Nord-, Mittel- und Südamerika zu knüpfen. 1886 wurde eine Dependance in Hamburg eingerichtet. Die Firma Carlowitz & Co. entwickelte sich in den 1890er und 1900er Jahren zu einem der bedeutendsten deutschen Ostasienhandelshäuser, das 1906 durch Übernahme der Firma H. Mandl & Co. die Alleinvertretung der Friedr. Krupp AG in China übernahm, sich außerdem an Eisenbahn- und Bergbauprojekten beteiligte und um 1913 allein in China zwölf Niederlassungen unterhielt, die jeweils eigene Grundstücke mit Kontor-, Wohn- und Lagerhäusern, teils auch mit Trocknungs-, Reinigungs- und Verarbeitungsanlagen besaßen. Hinzu kamen drei Niederlassungen in Japan und eine in New York. Vgl.
Bohner, Von Dresden nach Kanton
;
Beutler, Carlowitz & Co.
;
Merker, Kampf um Chinas Bodenschätze
.
Eastern Contract Co. Ltd., LondonDie Eastern Contract Co. Ltd. engagierte sich um 1896 im chinesischen Eisenbahnbau.
Bankhaus Raffael, London
MalcolmEin amerikanisches Bankhaus namens Malcolm konnte nicht identifiziert werden.
H. Mandl & Co., Shanghai (chinesischer Firmenname: Hsinyi)Die von dem Österreicher Hermann John Mandl (1856–1922), zuvor Angestellter von Telge & Co. sowie Jardine, Matheson & Co., im Jahr 1887 gegründete Firma H. Mandl & Co. in Shanghai wurde alsbald mit der Vertretung der Firma Friedr. Krupp in China und zeitweise auch Japan (1890 bis 1893) betraut, nahm also die Interessen des führenden deutschen Stahl- und Rüstungsgüterproduzenten mit seinen großen und modernen Gussstahlwerken in Essen sowie bald auch in Magdeburg und Kiel wahr. Auch die Vertretung des Siemens-Konzerns lag zeitweilig in den Händen von H. Mandl & Co. 1906 wurde die Firma von Carlowitz & Co. in Shanghai übernommen, wobei ihr früherer Inhaber, C. Bertram Rosenbaum, zugleich Teilhaber von Carlowitz & Co. wurde. Vgl.
Beutler, Carlowitz & Co.
, S. 66;
Eberstein, Hamburg - China
, S. 193;
Baur, China um 1900
, S. 738 und passim;
Schmidtpott, Aufstieg
, S. 80f.
Regierung Chinas
Verwaltung, chinesische; auch: chinesische Behörden
Beijing (Pinyin) [Stadt in China]; auch: Pekin (englisch), Peking
Pazifik
Berlin
China; auch: chinesisches Kaiserreich, chinesisches Reich, chinesische Republik, Reich der Mitte
Kanton [Stadt in China]; auch: Canton, Guangzhou (Pinyin)
Shanghai (Pinyin) [Stadt in China]; auch: Schanghai, Shang-hae, Shang-hai, Shanghae, Shanhay
London
Brandt, Maximilian August Scipio vonMaximilian August Scipio von Brandt (Max von Brandt)Offizier, Diplomat, Publizist11893475908.10.183524.08.1920Max von Brandt nahm als Attaché an der preußischen Ostasienexpedition teil und wurde im April 1862 mit dem Amt des preußischen Konsuls in Japan betraut, das er Anfang 1863 in Yokohama antrat. 1868 wurde er zum Generalkonsul des Norddeutschen Bundes in Japan berufen und residierte seither in der Hauptstadt Tokio. Nach der Gründung des Deutschen Reichs bekam er 1872 den Rang eines Ministerresidenten verliehen. Im Februar 1875 übergab er die Dienstgeschäfte in Japan an einen Nachfolger. Er selbst war im November 1874 zum deutschen Gesandten in Peking berufen worden und trat dieses Amt im März 1875 an. Max von Brandt diente von 1875 bis 1893 als deutscher Ministerresident in Peking und galt bald als der „Doyen des diplomatischen Corps“ in China. Er verstand sich als Förderer der deutschen Handelsinteressen. 1893 kehrte er nach Deutschland zurück und betätigte sich als Publizist, vor allem mit Abhandlungen über die Kultur und Geschichte Ostasiens. Vgl.
Brandt, China und seine Handelsbeziehungen
;
Brandt, Dreiunddreißig Jahre
;
Franke, „Brandt, Max von“
;
Röhreke, Max v. Brandt 1862–75
.
LIN YenLIN YenDaotaiLIN Yen amtierte um 1896 als Daotai in der Stadt Kanton.
Empress of China
Gesandter des Deutschen Reichs
Dampfschiff; auch: Dampfbarkasse, Dampfboot, Dampfer, steamboat (englisch), steamer (englisch)
Eisenbahn; auch: Eisenbahnbau, Eisenbahngesellschaft, Eisenbahnlinie, Eisenbahnprojekt, Eisenbahnschienen, Eisenbahnschwellen, Eisenbahnverwaltung, Eisenbahnwerkstätte, Eisenbahnwesen, line (englisch), moderne Verkehrseinrichtung, railway (englisch), rollendes Material, rolling stock (englisch)
Konsortium; auch: Consortium, great financial group (englisch), Syndikat
Eisenbahnanleihe; auch: railway loan (englisch)Eine Eisenbahnanleihe dient der Finanzierung des Eisenbahnbaus.
Kapital; auch: Aktienkapital, Bankkapital, Capital, Einschuß, Gesellschaftskapital, Privat-Capital, Stamm-Capital, working capital (englisch)
Chinesen; auch: Chinese (englisch)
Regierungsaufträge, chinesische
Presse; auch: Tageszeitung, Wochenzeitung, Zeitung
Shen Bao; auch: Shen Pao, Shenjiang XinbaoDie chinesischsprachige Zeitung „Shen Bao“, die von dem Briten Ernest Major (1841–1908) seit 1872 in Shanghai herausgegeben wurde, entwickelte sich dank ihrer unabhängigen Berichterstattung zu einer der wichtigsten modernen Zeitungen Chinas überhaupt. Sie war auch unter dem englischen Namen „Shanghai News“ bekannt. 1949 musste sie ihr Erscheinen einstellen.
Bankier; auch: banker (englisch), Banquier, merchant banker (englisch), Privatbankier
Amerikaner; auch: Americans (englisch)
Kantonesen; auch: Cantonesen
Daotai (Pinyin); auch: tao tai, taotai, Taoutai, ZolltautaiDer aus dem Chinesischen stammende Begriff „Daotai“ bezeichnete im 19. und frühen 20. Jahrhundert einen lokalen chinesischen Beamten, der in einer Stadt für das Gericht, die Zivilverteidigung, die Kanäle und/oder die Zolleinnahmen verantwortlich war.
Garantie, staatliche; auch: guarantee (englisch)
Geschäftskosten; auch: costs (englisch), Handlungs-Unkosten, Kosten, Schiffs-Unkosten, Spesen, Unkosten
Generalgouverneur, chinesischer (Provinzebene); auch: Gouverneur, Vice-König, Vizekönig