PDF

Nr. 2.5.1.04

Heinrich Gottfried Langen, Bericht über das Sägewerk mit angegliederten Plantagen seines Bruders Adolf Langen auf den Key-Inseln in Niederländisch-Indien, 1902

Erinnerungsbericht

Regest:

Im März 1885 trat Heinrich Gottfried Langen gemeinsam mit seiner Ehefrau Frances eine Reise zu den Key-Inseln in Niederländisch-Indien an, um seinen älteren Bruder Adolf Langen bei dem Auf- und Ausbau eines Dampfsägewerks mit angeliederten Probeplantagen für Teakholz, Tabak, Kaffee, Kräuter, Muskat und Pfeffer zu unterstützen. In einem Erinnerungsbericht, der 1902 in Wien veröffentlicht wurden, blickt er auf den schließlich mehr als dreijährigen Aufenthalt zurück. Neben einer Schilderung der am 28. März 1883 in Southampton angetretenen Überfahrt nach Batavia, der Darstellung von Geografie, Flora und Fauna sowie der auf den Key-Inseln lebenden Menschen und ihrer Gewohnheiten beschreibt er darin auch detailliert den Betrieb des Sägewerks und der Plantagen, die letztlich nicht zu einem wirtschaftlichen Erfolg geführt werden können. Als Hauptursachen des Misserfolgs benennt er unzureichende Transportmöglichkeiten, komplizierte Arbeits- und Lohnverhältnisse, eine kaum entfaltete Geldwirtschaft sowie für Ausländer unvorteilhafte, weil eng an die einzelnen Dorfgemeinschaften geknüpfte Eigentums- und Nutzungsrechte für den Grund und Boden. Auch der Versuch, die Viehzucht auf den Key-Inseln zu etablieren, scheitert, dies allerdings vor allem an den klimatischen Bedingungen.

…

Nach schweren Bemühungen gelang es meinem Bruder, im Dorfe Toeal zur Errichtung einer Dampfsäge ein Grundstück anzukaufen. Dieses Grundstück lag dicht am Strande und diente vor Jahren als Bestattungsort. Seit einem Jahrzehnte aber wurde es zu dem genannten Zwecke nicht mehr benützt. Bei den Ausgrabungen der Fundamente stiess man auf Massengräber, welche aus Korallensteinen circa zwei Meter tief ausgebaut waren. Die aus Eisenholz hergestellten, gut erhaltenen

Auf S. 59 findet sich eine Zeichnung des Sägewerks von Adolf Langen

Särge waren in den Grüften neben- und übereinander gestellt. Nur Familien von Ansehen hatten ihr eigenes Grab. Unter den Gebeinen fand man irdene und porzellanene Gefässe, sowie kleine und grosse Geschirre aus Kupfer und Zink.

Hier auf diesem Platz, der den Todten geweiht war, baute man die Fabrik mit den erforderlichen Magazinen. Die Frontseite zierte ein einstöckiges, grosses Blockgebäude, das die Bureaus und Wohnräume enthielt. Als die Fabrik hergestellt war, begann sofort die Arbeit. Von Montag Morgens 6 Uhr bis Sonnabend Abends 6 Uhr schnurrten die Sägegatter rastlos Tag und Nacht hindurch und schnitten das zugebrachte, harte Eisenholz in Balken und Bretter, die mit jeder sich bietenden Dampfergelegenheit nach Macassar verschifft wurden.

Die regelmässige Postdampfer-Verbindung mit Batavia erfolgte viermal des Jahres, außerdem machte der bereits erwähnte Moskito-Dampfer1 „Batavier“, fast gleichzeitig, ebenfalls vier Fahrten jährlich und in der Regel ungefähr 10 bis 14 Tage vor dem Postendampfer, um diesem die meisten Frachtgüter zu entziehen. Für uns wäre es selbstredend vortheilhafter gewesen, wenn die Zwischenfahrten des „Batavier“ regelmässig 1 1/2 bis 2 Monate früher stattgefunden hätten. Es ist leicht erklärlich, dass diese schlechte Verbindung mit Macassar dem Gedeihen der Unternehmung sehr hinderlich war.

Stets war die Freude gross, aber auch schwer die Arbeit, sobald im Dorfe der Ruf „kapal-api“2 ertönte und der Dampfer von Doelah kommend, bei seiner Biegung um die Landzunge in Sicht kam, um in naher Entfernung von unserer Fabrik zu ankern. Schon Tage zuvor standen Flösse, Lichter und die kleine Dampfbarkasse in Bereitschaft, erstere bereits beladen, damit ungesäumt Aus- und Einladung stattfinden konnte. Zwei, höchstens drei Tage durfte der Postdampfer aufgehalten werden; es musste aber auch gleichzeitig die eingelangte Correspondenz Erledigung finden, wozu die Nächte benützt wurden. Als Vertreter der Ned. ind. Stoomvaartmaatschappiy für die Key-Eilanden hatten wir ausserdem die Agenturarbeiten nebenher auszuführen. Offen gestanden war ein Jeder von uns froh, wenn der Capitän als Abfahrtssignal die Dampfpfeife dreimal ertönen liess, was wir durch Auf- und Niederhissen der holländischen Flagge erwiderten, um alsdann das gewöhnliche Alltagsleben wieder in seine Rechte eintreten zu lassen. Den Personenstand der Unternehmung bildeten während meines Aufenthalts Folgende: Mein Bruder als toewan tua3, meine Frau (njonja4) als einzige Europäerin, der Schreiber dieses als toewan moeda5, Schmidt als Jäger, toewan pemboeroe, Zeltz als Schiffsbaumeister, toewan gemok (der Dicke), Schumacher als Buchhalter, toewan toelis, Capitän Bloom der Ocean Pearl, Winkhaus als Maschinenmeister, toekang bessi. Ferner hatten wir eine chinesische Arbeiter-Colonie, bestehend aus einem Bau- und Tischlermeister und sieben Hilfsarbeitern, zur Bedienung der Sägegatter, der Schmiede und für sonstige Zimmermannsarbeiten. Diese Arbeitskräfte leisteten der Unternehmung vortreffliche Dienste, indem sie die inländische Arbeitercolonie durch ihren angeborenen Fleiss anspornten und ihr zugleich als Lehrmeister dienten. Die Chinesen bewohnten auf dem Eigenthume der Unternehmung das sogenannte Chinesenviertel; sie waren stets sehr genügsam, hielten zu einander, und mischten sie nie in etwaige Streitigkeiten mit den übrigen Arbeitern. Die Schiffbauarbeiten wurden unter der Leitung des Capitäns Bloom und des Baumeisters Zeltz von circa 12–16 javanesischen Schiffszimmerleuten ausgeführt, die mein Bruder, ebenso wie die Chinesen, von Java mitgebracht und auf zwei Jahre contractlich gebunden

Auf S. 61 findet sich eine Zeichnung der dem Sägewerk angegliederten kleinen Schiffswerft

hatte. Diese Javaner wohnten auf dem Eigenthume der Unternehmung in dem javanischen Viertel.

Die grösste Schwierigkeit bestand in der Versorgung einer genügenden Anzahl koolies für den Fabriksbetrieb zum Tansportieren der Stämme vom Holzlager zur Säge und zum Wegschaffen der fertigen Waare in die Magazine. Durch unsern Einfluss auf etliche Hinduhäuptlinge gelang es jedoch, mit der Zeit abwechselnd aus ihren Districten für die Dauer von 2–3 Monaten die erforderliche Anzahl koolies, nämlich 15 bis 20 Mann, zu engagiren, die in einer grösseren Wohnung, ebenfalls auf dem Eigenthume der Unternehmung Unterkunft fanden.

An Löhnen wurde bezahlt:

Chinesen täglich fl. 2,50 bei freier Wohnung,

Javanesen täglich fl. 1,00 bei freier Wohnung und Kost,

Keyesen täglich fl. 0,50 bei freier Wohnung und 1 katti Reis.

Die Vorarbeiter (mandoer) erhielten entsprechend mehr Lohn. Den Javanesen und Keyesen mussten wir Köche beistellen, die seitens der Unternehmung bezahlt wurden. Ferner war selbe verpflichtet, den gedungenen Chinesen und Javanern die Hin- und Rückfahrt von Batavia, beziehungsweise Soerabaya nach Key zu vergüten und sie für die Dauer der Reise zu entlohnen. In Anbetracht dieser Umstände ist es leicht fasslich, mit welchen misslichen Arbeitsverhältnissen die junge Unternehmung gleich im Vorhinein zu kämpfen hatte und dass die Leitung ihr Hauptaugenmerk stets auf ein harmonisches Zusammenwirken richten musste.

Wie bereits früher erwähnt, war die Unternehmung hauptsächlich auf Tauschhandel angewiesen; sie musste in Folge dessen einen ansehnlichen Vorrath in den gebräuchlichen Manufactur-, Eisen- und Esswaaren halten und nebenbei die Genusssucht der Kundschaft respectiren. Im Einkaufe von Producten und Holz mussten dem Gebrauche entsprechend Vorschüsse gegeben werden, die nach Umständen bei einzelnen Personen circa fl. 100‘–, und bei einem Consortium circa fl. 200‘–, bis fl. 600‘–, betrugen. Starb ein Schuldner, so ging die Zahlungspflicht nach Landessitte auf dessen nächsten Verwandten über. Kein Eingeborener hat das Schreiben gelernt, dagegen ist ihr Gedächtniss so geübt, dass jeder genau weiss, welchen Waarenwerth er schuldet und was als Abzahlung geliefert wurde.

Den Holz- und Producten-Einkauf in Toeal leitete der mohammedanische Priester (imam), welcher des Schreibens und Rechnens kundig war und der Unternehmung stets treue Dienste geleistet hat. Ausserdem befassten sich noch zwei angesehene Persönlichkeiten mit dem Einkaufe auf den anderen zur Key-Gruppe gehörigen Inseln, weil es unmöglich war, wegen des Verkehres mit den Insulanern diese Arbeit durch Europäer besorgen zu lassen. Später, nachdem ein beträchtlicher Theil von Kupfer- und Silbermünzen durch uns in Verkehr gebracht worden war, errichtete man unter der Leitung eines hadji einen kleinen Laden (toko), in dem die Insulaner nur gegen Baarzahlung Sachen kaufen konnten. Dieses System hätte bessere Früchte gebracht, wenn nicht das meiste Silbergeld zu Schmucksachen und Pilgerfahrten verwendet worden wäre. Die Insulaner bemessen das Holz nach depa und djinkal, wobei depa die Länge und djinkal die Breite und Dicke ausdrückt. Ein depa bedeutet die gestreckte Länge von Fingerspitze zu Fingerspitze und ein djinkal das ausgestreckte Mass zwischen der Mittelfinger- und Daumenspitze. Ein halber djinkal (tengah djinkal) repräsentirt das Mass einer Handbreite. Als Gewichtsmaß bedient man sich des pikol mit der Unterabtheilung katti. 1 pikol (62 Kilo) = 100 katti.

Der Einkaufspreis eines Cubikmeters Eisenholz betrug circa fl. 15‘–; wir erzielten in Macassar für den Cubikmeter zugeschnittener Balken und Bretter je nach den Dimensionen circa fl. 35–50, wovon fl. 10–12 allein auf Fracht entfielen.

Das Eisenholz (kajeo bessi) eignet sich vorzüglich für Bauten und Möbel, da es den weissen Ameisen vollkommen Widerstand leistet und sich in der Erde und an der Luft sehr gut hält. Dem Seewasser ausgesetzt, wird dieses Holz bald wurmstichig und binnen wenigen Jahren ganz zerstört. Eine Ladung, welche wir nach Europa verschifften, konnte nicht verkauft werden, da die betreffenden Fabriken für Holzverarbeitung das Eisenholz viel zu hart fanden; mithin war an einen Export nicht zu denken. Kajeo bessi, technisch auch bayam oder Neu-Guinea-teak benannt, ist dem auf Java in grossen Massen angebauten djatti-hout (Holz) sehr ähnlich.

Das Marine-Departement zu Batavia, welches auf unser Ansuchen hin vergleichende Untersuchungen anstellte, constatirte folgende Resultate:

Specifisches Gewicht des bayam oder Neu-Guinea-teak 0‘880 Kilo

Specifisches Gewicht des djatti hout 0‘730 Kilo

Zerreissprobe des bayam oder Neu-Guinea-teak: Durchschnittsziffer der Belastung 1297‛50 Kilo

Zerreissprobe des djatti-hout: Durchschnittsziffer der Belastung 635‘– Kilo

Die Ziffern über das Resultat der Bruchprobe sind leider in Verlust geraten, doch sprachen auch diese zu Gunsten des bayam-Holzes.

Die Probeplantagenanlagen wiesen gleichfalls gute Resultate auf; sie könnten aber nur dann vortheilhaft bewirthschaftet werden, wenn die passenden Landstriche seitens der Bewohner den Unternehmern in Erbpacht gegeben würden, weil derartige Anlagen große Capital-Investituren erfordern.

Tabak, aus bestem Deli-Samen gezogen,6 gedieh vorzüglich, ebenso ließ das Wachsthum von Liberia-Kaffee, Nagelkräutern, Muskat und Pfeffer nichts zu wünschen übrig; deshalb ist es umsomehr zu bedauern, dass die Unternehmung trotz ihrer eifrigsten Bemühungen nie in die Lage kam, diesen Naturreichthum nutzbar zu machen und auszubeuten.

Der Wassermangel während des NO.-Monsoons und der Mangel an Weideplätzen machten Viehzucht ganz unmöglich. Die von der Unternehmung importirten Thiere verwilderten mit der Zeit und fristeten ein klägliches Dasein in den Wäldern. Der importirte Viehbestand war von ausgewählter Gattung und umfasste: Pferde von Timor Koepang, Karbauen von Soerabaiya, ein Eselpaar von England, Hornvieh von der Insel Madura und Australien, einige Paare Sumatra-Hirsche und eine Herde englischer Schafe, Enten, Gänse, Truthühner und gewöhnliche Masthühner, Jagd- und Wachhunde verschiedener Racen.

Die Stallungen befanden sich seitwärts des Dorfes Toeal, nahe am Wohnhause meines Bruders, auf einer gelichteten Anhöhe, wurden jedoch nie bezogen.

Alles Vieh kam zwar regelmässig des Abends zu Tränke und beehrte ab und zu tagsüber die Dorfbewohner mit ihrem Besuche, indem sich die Thiere im Schatten unter den Hütten der Ruhe hingaben. Die Hirsche blieben lange Zeit zahm, hielten sich viel in der Fabrik und im Dorfe auf und liessen sich von Jedem anrühren. Die Schafherde verliess Früh Morgens das Gehege und unternahm Tag für Tag ein und

Auf S. 65 findet sich eine Zeichnung des Wohnhauses von Adolf Langen

dieselbe Route; punkt 6 Uhr konnte man sie wieder heimwärts ziehen sehen. Die älteren Schafe hatten sich bald dem Klima angepasst, indem sie die Wolle allmälig abstreiften und einen glatten Haarwuchs, wie die Ziegen, bekamen. Es war eigenthümlich, dass die Lämmer stets eine Zeit lang das Wollkleid trugen, um dasselbe nach circa 6 Monaten durch ein Haarkleid zu vertauschen. Das übrige Federvieh mit Ausnahme der Gänse und Enten blieb dem Hühnerhofe treu. Letztere verweilten vom Morgen bis zum Abend im Dorfe und erfreuten sich tagtäglich eines frischen Bades vor unserem Bureau, ehe sie den Heimweg antraten. Es war possirlich, dem Treiben dieser Thiere beim Baden zuzusehen, wie sie einzeln die grosse, hölzerne Badewanne bestiegen und um den Vorrang stritten. Hatte der Viehhüter vergessen, die Wanne zu füllen, so stiegen sie doch nach einander in die trockene Wanne hinein und unterzogen sich derselben Procedur, wie wenn sie das frischeste und kühlste Wasserbad genossen hätten; sie rieben und zupften die Federn; sie schlugen mit den Flügeln und schnatterten und zischten, bis sie, in Reih‘ und Glied formirt, den gewohnten Gänsemarsch zur Anhöhe antraten, wobei jede Gattung stets ihren eigenen Weg einschlug, um sich auf dem allgemeinen, grossen Hühnerhofe wiederzusehen.

Das Eselpaar zog die Gesellschaft der Bewohner vor, höchst selten zog es weiter in den Wald, Futter suchend. Stets zur gewohnten Stunde des Morgens galoppirte es die Anhöhe herunter dem Dorfe zu, der Esel sein langgezogenes Gebrüll als Morgengruss auf dem ganzen Weg weithin ertönen lassend. Auf dem Heimwege passirten sämmtliche Thiere die Front des Fabrikgebäudes, und alle diejenigen, welche gewohnt waren, von uns Futter zu bekommen, wichen nicht eher vom Fleck, bis sie bedient waren. Die Karbauen suchten jene sumpfigen Plätze auf, an denen Rohr wuchs, und es schien ihnen ein Wohlbehagen zu sein, wenn sie sich im Schlamme ordentlich herumwälzen konnten.

Es würde viel zu weit führen, alle Fälle aufzuführen, bei denen ich durch Umstände und Noth gezwungen war, dem Vieh Hilfe zu leisten, und nur kurz will ich bemerken, dass namentlich unter den jungen Schafen öfter Verstauchungen, Verrenkungen und Beinbrüche vorkamen, welche Unfälle ich in der bestmöglichen Weise durch Bandagen etc. behoben habe. Zwei europäische Jagdhunde wurden eines Tages vom Bock so zugerichtet, dass ich die durch dessen Hörner verursachten Wunden zunähen musste. Einer der Hirsche überfiel eines Tages ein Mädchen und brachte ihm verschiedene Risswunden bei; ich legte Letzterem den nöthigen Verband an und liess dem Hirsche das Geweih absägen, ausserdem musste er zur Strafe längere Zeit einen Holzklotz am Halse befestigt nachschleppen. Eine Hirschkuh, die sich in den Garten eines Dorfbewohners verirrt hatte und von diesem aus Böswilligkeit über das Rückgrat einen derben Hieb mit dem klewang erhielt, musste lange Zeit an der offenen Wunde leiden und grosse Bandagen um den Leib tragen. Einer anderen Kuh, die eine Schnittwunde in den Bauch erhielt, musste ich nach einem operativen Eingriff die beigefügte Wunde zunähen. Die Karbauenkuh fiel im Dunkeln in einen Brunnenschacht; sofort wurde ein Holzbock gebaut und das Thier, welches kopfüber in den Schacht gefallen war, mit Flaschenzügen herausgehoben. Aber nicht allein den Thieren musste man seine Zeit widmen, sondern auch die Arbeiter und Dorfbewohner nahmen bei Krankheit und Unglücksfällen sehr häufig unsere Hilfe in Anspruch. Medicamente und Verbandzeug hatten wir wohl hinreichend, aber keinen Arzt; um daher im Bedarfsfalle nach Möglichkeit Hilfe leisten zu können, war ein Studium von Handbüchern über Selbsthilfe erforderlich; in Folge dessen konnte Niemand über Langeweile klagen, denn ein Jeder hatte reichlich Gelegenheit, sein ganzes Können dem gemeinschaftlichen Interesse zu widmen.

An Lebensmitteln mangelte es nie, da wir mit jeder Dampfergelegenheit viele Conserven aus Europa kommen liessen. Die Insulaner lieferten uns täglich frischen Fisch, Hühner, Eier, süsse Kartoffeln, auch je nach der Jahreszeit Blätter- und Hülsen-Gemüse. Früchte waren ebenfalls stets in Hülle und Fülle vorhanden, wie z. B. verschiedene Arten von Bananen, Ananas, Brotfrucht, Orangen, Mangoes und manch Anderes. Thee, Kaffee, Reis, Zucker, Mehl, condensirte Milch, Butter, Käse, Schinken, Speck etc. bezogen wir von Java, beziehungsweise Macassar. Es ereignete sich wohl bisweilen, dass die einen oder anderen dieser Lebensmittel vor Ankunft einer frischen Sendung aufgezehrt waren.

Im Grossen und Ganzen blieb der Gesundheitszustand unter uns Europäern günstig, ausgenommen, dass der Eine oder Andere von Malaria-Anfällen ergriffen wurde; namentlich hatte mein Bruder hierunter stets sehr zu leiden. Meine Frau litt längere Zeit unter dem Klimawechsel, auch wurde uns das Töchterchen im zarten Alter von acht Tagen in Folge von Krämpfen durch den Tod entrissen. Der Maschinenmeister Winkhaus hatte das Unglück, bei einer Fahrt aus der Dampfbarkasse zu stürzen und ertrank.

Nach einem dreijährigen Aufenthalte entschloss ich mich, mit meiner Frau nach Europa zurückzukehren, da mir inzwischen völlig klar geworden war, dass das Unternehmen aus vielen Gründen sich nicht rentabel gestalten und entwickeln konnte, es sei denn, dass die Regierung weitgehende Concessionen machen würde. Dies ist ihr aber im vorliegenden Falle ganz unmöglich.

Nachdem mein Bruder von seiner Reise nach Europa zurückgekehrt war, verließen ich und meine Frau an Bord des Dampfers „Batavier“ am 15. April 1888 Toeal und langten über Amboina am 22. April in Macassar an. Am 2. Mai fuhren wir mit dem Dampfer „Graaf von Byland“ über Amponang,

Auf S. 68 findet sich eine Zeichnung des Grabes der Tochter von Heinrich Gottfried und Frances Langen

Boeleling nach Soerabaiya, wo wir am 7. Mai anlangten, um am 10. die Reise über Samarang, Pekulongang, Tagal und Cheribon fortzusetzen. Am 14. Mai waren wir in Batavia. Am 22. Mai schifften wir uns auf den ned.-ind. Dampfer „Bromo“ ein und kamen am 26. in Singapore an. Hier hatten wir das

Glück, an demselben Tage die Weiterreise nach Europa fortsetzen zu können, da gleichzeitig mit dem Dampfer „Bromo“ der P. O. Dampfer „Ancona“, von China kommend, in Singapore einlief. Es blieb mir eben genügend Zeit übrig, das Gepäck zu expediren, und gegen 2 Uhr Nachmittags dampfte der „Ancona“ ab. Unter günstigem Wetter ging die Fahrt über Penang, Point de Galle, Aden, Suez, Port Said, Marseille und Gibraltar weiter. Am 1. Juli erreichten wir Plymouth und bezogen am folgenden Tage in bester Gesundheit Wohnung in London. Die Rückreise hatte mithin 78 Tage gedauert.

Obgleich wir über die Rückreise in die Heimat sehr erfreut waren, so erinnerten wir uns recht gerne an das Einsiedlerleben auf den Key-Inseln und an manche Freundlichkeit, die uns seitens der Bevölkerung erwiesen worden war. Wir hatten erfahren, dass auch unter uncivilisirten Völkern Freunde zu finden sind.

Jener Neger, welcher aus fanatischem Uebereifer während des Aufruhrs über meinem Bruder den klewang schwang, um ihn niederzustrecken, erwies sich nach Beilegung des Streites als der fleissigste und treueste Arbeiter, der stets zur Stelle war, wenn man seiner bedurfte, und der Alles that, was er uns an den Augen ablesen konnte.

Die ungünstigen Aussichten über die gedeihliche Entwicklung des Unternehmens, sowie der Gesundheitszustand meines Bruders hatten zur Folge, dass man die schwierige Aufgabe als undurchführbar aufgeben und den finanziellen Verlust über sich ergehen lassen musste.7