PDF

Nr. 2.5.2.08

Heinrich Cordes, Deutsch-Asiatische Bank (DAB), Tianjin, an Philipp Alfons Mumm von Schwarzenstein, Deutscher Gesandter in Peking, betr. den Stand der deutsch-britisch-chinesischen Verhandlungen über das Eisenbahnprojekt Tianjin-Zhenjiang und die Voraussetzungen für deren Weiterführung, 10. November 1905

Brief

Regest:

Heinrich Cordes, Leiter der Niederlassung Tianjin der Deutsch-Asiatischen Bank, berichtet Philipp Alfons Mumm von Schwarzenstein, dem deutschen Gesandten in Peking, von einer Unterredung mit LIANG Dunyaun, dem kürzlich berufenen Zolldaotai in Tianjin, der im Auftrag Yuan Shikais an den deutsch-britisch-chinesischen Verhandlungen über das Eisenbahnprojekt Tianjin-Zhenjiang beteiligt war. Dieser habe ihm mitgeteilt, dass Yuan Shikais beabsichtige, diese Bahnlinie selbst zu bauen und zwar mit dem durch eine Staatsanleihe im Ausland beschafften Geld. An den Vorvertrag vom 18. Mai 1899 fühle er sich nicht mehr gebunden. Zu weiteren Einzelheiten der Vorstellungen Yuan Shikais habe LIANG Dunyan sich nicht äußern wollen. Cordes sieht Möglichkeiten, die Verhandlungen durch Berücksichtigung früherer chinesischer Vorschläge voranzubringen und bittet um eine Unterredung.

Abschrift.

Deutsch Asiatische Bank.

Tientsin, den 10. November 1905.

Hochverehrter Herr Minister!

Ich komme soeben von einer Unterhaltung mit dem Zolltautai Liangtungyen. Er gab nicht zu, dass er im Auftrage des Vizekönigs spreche. Letzterer sei vor seiner Abreise so beschäftigt gewesen, dass er zu eingehenden Instruktionen wohl die Zeit nicht mehr gefunden habe. Er, Liang Tautai, kenne aber die Auffassung des Vizekönigs genau. Sie laufe darauf hinaus, dass er die Bahn mit unserem Geld bauen wolle.1 Das Geld solle von uns im Wege der Staatsanleihe aufgebracht und es sollten uns gewisse Zugeständnisse bezüglich des Engagements von Ingenieuren etc. gemacht werden.2 Die Bahn und ihre Einkünfte sollten als Sicherheit für die Anleihe dienen, die natürlich auch von der chinesischen Regierung garantiert werde.

Und die Bestimmungen des Präliminarvertrages?3 sagte ich. Der Präliminarvertrag, sagte Liang, sei unter den heutigen Verhältnissen nach Yuanshihkai’s Meinung – die übrigens von allen kompetenten chinesischen Beamten geteilt werde – nicht mehr ausführbar. Je eher wir das einsähen, desto besser sei das für die Förderung des wichtigen und aussichtsvollen Bahnbaus. Die Bahn müsse von Chinesen gebaut werden. Ich wandte ein, dass wir unter diesen Bedingungen das Geld im europäischen Markte nicht würden aufbringen können. Dann, meinte Liang lächelnd, möchte doch unsere Regierung, nach den Vorgängen der englischen Regierung im Falle der Canton-Hankau Bahn, mit ihrem Kredit das Geld schaffen. Unsere Regierung scheine doch ein Interesse an dem Bahnbau zu haben. Ich wies auf den Unterschied der mit englischem Geld von den Amerikanern zurückgekauften Bahnkonzession mit dem vorliegenden Falle hin und betonte, dass unsere Regierung insofern ein Interesse an dem Bahnbau habe, als sie die Beschützerin des deutschen Handels sei und jedes deutsche Unternehmen und zumal ein für die deutsche Finanz und den kleinen Kapitalisten so bedeutendes Geschäft zu fördern suche.

Auf eine Detaillierung der Vorstellungen, welche Yuanshihkai sich von dem mit uns abzuschliessenden Vertrage machte, wollte Liang Tautai sich aus Mangel an näherer Kenntnis der Akten nicht einlassen

Ich habe mir gestern abend und heute früh die Protokolle von Ende 1903 noch einemal durchgelesen und denke, dass wir vielleicht auf der Basis der s. Zt. von den chines. Unterhändlern überreichten Gegenvorschläge etwas erreichen könnten. Vielleicht findet sich während der jetzt in Peking eröffneten chinesisch-japanischen Unterhandlungen über die Mandschurei ein günstiger Moment.

Ich denke morgen abend mit meinen Akten nach Peking zu kommen und würde Herrn Minister für gütige Gewährung einer Unterredung an einem der nächsten Tage zu grossem Danke verpflichtet sein.

Schlussformel.

Gez: Heinrich Cordes.