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Nr. 2.5.3.02

Jacob H. Schiff, Teilhaber des Bankhauses Kuhn, Loeb & Co. in New York, aus London, an Max M. Warburg, Teilhaber des Bankhauses M. M. Warburg & Co. in Hamburg, betr. die Einbeziehung von M. M. Warburg & Co. in die Platzierung der dritten japanischen Kriegsanleihe von 1905, 21. November 1905

Geschäftsbrief

Regest:

Jacob H. Schiff vom Bankhaus Kuhn, Loeb & Co. in New York, legt Max M. Warburg vom Bankhaus M. M. Warburg & Co. in Hamburg, in diesem Schreiben seine Eindrücke von den Verhandlungen zwischen britischen, französischen, amerikanischen und deutschen Banken über eine dritte japanische Kriegsanleihe dar, die gerade in London im Beisein des Präsidenten der Bank von Japan, TAKAHASHI Korekiyo, stattgefunden haben. Er teilt mit, dass der angestrebten Unterbeteiligung des Hauses M. M. Warburg & Co. nichts mehr im Wege stehe. Den wachsenden Einfluss von Vertretern kleinerer britischer Investmentbanken wie H. Panmure Gordon & Co. oder Parr‛s Bank sieht er jedoch kritisch, weil ihnen - ebenso wie dem Haus N. M. Rothschild & Sons - der finanzielle Weitblick fehle. Außerdem informiert Jacob H. Schiff seinen Geschäftspartner Max M. Warburg über seine vertraulich geführten Gespräche mit Sir Ernest Cassel über die Bildung eines gemeinsam mit verschiedenen französischen Banken zu bildenden Trusts, dessen genauer Zweck nicht genannt wird.

Nachträglich handschriftlich ergänzt: Abschrift


London den 21. November nachträglich handschriftlich rot unterstrichen: 1905.
Savoy Hotel.

Nachträglich handschriftlich rot unterstrichen: Japaner von 1905

Lieber Freund!

Ich telegrafirte heute an Ihre Firma, dass die deutsche Gruppe bestehend aus der Deutsch Asiatischen Bank Gruppe und ihren Freunden, sowie aus unserem Hause1 , bei obigem Geschäft ihr – wie gewünscht – die viertel Millionen Pfund zu Original Bedingungen cedirt. – Mir macht dieses Arrangement umso mehr Freude, als die hiesigen Herren sowol, wie die Pariser, in kleinlicher und engherziger Weise sich nicht zu dem gleichen Vorgehen entschliessen konnten, und weil andererseits als Unterbeteiligte bei unserer deutschen Gruppe diesmal die Firma Speyer nicht erscheint, wol aber Ihr Haus.2

Das Bild war dieses Mal gegenüber den Verhandlungen bei der letzten Anleihe in so fern ein verändertes, als der Einfluss des Herrn Koch von Panmure Gordon ein überwiegend starker geworden war. In sehr geschickter Weise hat Koch es verstanden, die pariser Firma Rothschild hinzuzuziehen, und zwar gingen die Vorbesprechungen über Herrn Leviter mit den hiesigen Rothschilds; das Geschäft wurde schliesslich durch Baron James Armand von Rothschild abgeschlossen, dem früheren Volontär unserer Firma. Dadurch, dass Koch die Rothschilds herbeigebracht hat, hatte er natürlich bei Herrn Takahashi einen sehr grossen Einfluss gewonnen, was ich im Allgemeinen für kein Glück halte; Herr Koch, obgleich sehr geschickt, ist durch und durch broker; die Würde eines ersten Bankhauses kennt er nicht, weitsichtige Erwägungen, das Erhalten der Freundschaft eines Landes und die Würdigung früher geleiteter Dienste sind ihm fremd. Unter diesem Einfluss stehen nicht nur Panmure Gordon, sondern auch die Parr‛s Bank & ihre Genossen. – In Newcourt3 ist ja leider schon seit Langem jeder weitgehende Finanzblick verschwunden, und ich schreibe Ihnen dies nur darum so ausführlich, damit Sie begreifen, dass die £ 60 000, welche in gleicher Weise nur zu sehr zubekommen wären, schliesslich hier zurückbehalten wurden. – Dadurch, dass die Parr‛s Bank so eifersüchtig ist, durfte ich unsere guten Beziehungen zu Newcourt und Baron James Armand aber nicht ausnutzen, sondern musste bescheiden im Hintergrund bleiben. – Ein Ausgleich ist mit der Parr‛s Bank zu recht ; es ist zwar nicht direct zu Grobheiten zwischen ihnen gekommen, aber sie haben sich mehrmalig sehr ihre Meinung gesagt, hauptsächlich aus dem Grunde, weil … (?) haben, als sie officiell in die Gruppe haben eintreten wollen. Dieser Umstand hat natürlich die Vertretung der Interessen Ihrer Firma nicht verbessert, obgleich ich ausdrücklich betonen muss, dass Lord Revelstock in den letzten Tagen sich alle erdenkliche Mühe gegeben hat. Ganz besonders aber Takahashi (welcher gestern extra in die City gekommen war, um in Newcourt und mit der Parr‛s Bank Rücksprache zu nehmen) versucht, eine gerechtere Verteilung der Quoten zu erzielen; die schliessliche Antwort des Lord Rothschild war, dass er bereit sei, auf den Vorschlag zu einzugehen, falls die japanische Regierung ihm diesen Wunsch zum Ausdruck bringen würde. Dieses hat Takahashi nicht geglaubt, verantworten zu können, nachdem der Contract mit Frankreich schon gezeichnet war. Sir Ernest ist der Ansicht, dass er richtiger solches hätte tun sollen, ich persönlich habe die Überzeugung, dass Takahashi sehr gewichtige Bedenken dagegen gehabt hat, da seine Stellung wenn er jetzt nach Japan zurückkehrt, trotz der grossen Dienste, die er dem Lande erwiesen hat, doch stark kritisirt wird und viele Neider hat. Die Hauptargumente der Parr‛s Bank waren, dass einerseits von Newyork aus telegrafirt worden wäre, die Anleihe könnte in Amerika zu den jetzigen Bedingungen nicht gehen, und man sich andererseits mit dem Vorschlag einverstanden erklärt hat, nachdem Paris 12,5 Mill. £ bekommen hat, sei ja nunmehr durch die Rückgabe von Deutschland die ganze halbe Million nach Amerika gelangt. – Ich glaube daher trotz der kitzlichen Lage, in der ich mich befand, alles erreicht zu haben, was möglich war. Ich konnte ja leider dadurch, dass ich die Deutschen zu vertreten hatte, und die Vertretung Ihrer Firma in den bewährten Händen von Barings lag, nur sehr vorsichtig agiren, und ich halte es schliesslich für eine sehr gute Politik, dass Sie unter Protest acceptirt haben und aus der diesmaligen Quotenverteilung keinen Precedenzfall schaffen. –

Lord Revelstock ist der Ansicht, dass die Art und Weise, wie die japanischen Geschäfte jetzt hier gehandhabt werden, nicht so bleiben könne, und auch Sir Ernest teilt diese Meinung. Es sollte mich daher nicht wundern, wenn das nächste Mal die Quotenverteilung wiederum eine andere werden wird, obgleich die alte Gruppe, nachdem Rothschild eingetreten sind und in Paris wohl kaum jemand – da man sich allgemein über das Wieder-erwachen von Rothschild freut – gegen rue Laffitte4 eine Concurrenz bilden wird, ja eine wesentlich stärkere geworden ist.

Die Anleihe ist hier bereits mit 1 1/2 % Agio, in Paris mit 2 1/3 % Agio gehandelt worden, und ich glaube, dass die Emission wieder ein grosser Erfolg wird. Es wurde natürlich sehr besprochen, dass grosse Beträge auf dem Arbitrage-Wege von dort nach hier fliessen; ich persönlich habe immer drauf hingewiesen, dass in keinem Lande die Tendenz so schnell wechselt, wie in Amerika, und dass dort in kurzer Zeit – wie schon einmal es der Fall war – wieder lebhafte Nachfrage nach den bonds herrschen kann. Aber alle meine schönen Argumente, die keiner widerlegen konnte, blieben erfolglos infolge des grossen Einflusses von Koch.

Ich hoffe den Contract morgen zu zeichnen. – Wir verdienen bei diesem Geschäft – wenn auch weniger als das letzte Mal – wieder sehr gut, und möchte ich Ihnen auch bei dieser Gelegenheit aufrichtig und herzlichst danken. Es ist dies ja bereits das dritte japanische Kind.

Auf die Details des Titres und des Prospektes gehe ich nicht weiter ein, da ich annehme, dass Lord Revelstock Ihnen hierüber eingehend berichtet haben wird.


Der Trust

Ich war gestern Abend bei Sir Ernest allein zu Tische und habe bei dieser Gelegenheit sehr eingehend über Vieles gesprochen. U. A. sagte ich ihm auch, dass ich jetzt nach Paris ginge, um ev. durch Günzburg einen Trust zu versuchen, und dass Sie wünschten, dass er selbstverständlich dabei beteiligt würde.

Er besprach sehr eingehend das Projekt mit mir und hielt ein Zusammengehen von Paribas, Societe Generale, Bouvierbank, Günzburg u. s. w. für sehr wünschenswert, aber auch für sehr schwierig. Da er auch auf einige Tage nach Paris geht stellt er mir ganz spontan seine Dienste in dieser Angelegenheit zur Verfügung. Unter besseren Auspicien kann ich jedenfalls nicht in Paris arbeiten, umsomehr, als der Einfluss von Sir Ernest bei der Paribas ein recht grosser geworden ist. Hoffentlich haben wir also Erfolg!

Mit den besten Wünschen für Sie, lieber Freund, sowie für Ihre lieben Associes, bin ich stets Ihr treu und dankbar ergebener

gez. Jacob H. Schiff,

Neuyork