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Nr. 2.4.2.10

Franz Heinrich Witthoefft, Teilhaber der Firmen Arnold Otto Meyer, Hamburg, und Arnold Otto Meyer & Co., London, aus Batavia, an die Firma Arnold Otto Meyer, Hamburg, betr. die Pfefferspekulationen und die aktuelle Situation der Handelsgesellschaft Helfferich & Rademacher, 7. Dezember 1907

Geschäftsbrief

Regest:

Franz Heinrich Witthoefft, Teilhaber der Firmen Arnold Otto Meyer, Hamburg, und Arnold Otto Meyer & Co., London, ist nach Batavia gereist, um sich ein Bild über die Lage der durch satzungswidrige Spekulationsgeschäfte in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Firma Helfferich & Rademacher zu machen, an deren Umwandlung in eine Aktiengesellschaft sein Haus seit kurzem beteiligt ist. Aus Batavia berichtet er nach Hamburg, was er über die finanziellen Verhältnisse, verschiedene Zahlungsvorgänge und die noch vorhandenen Lagervorräte an Pfeffer in Erfahrung bringen konnte. Die von den drei Teilhabern der Handelsgesellschaft Helfferich & Rademacher zu leistenden Einzahlungen auf das Kapital der Aktiengesellschaft sind laut Witthoefft trotz der eingetretenen hohen Verluste nicht gefährdet, da deren Familienmitglieder einspringen werden. Um die Handelsgesellschaft Helfferich & Rademacher zahlungsfähig zu halten und in der Öffentlichkeit keinen schlechten Eindruck entstehen zu lassen, sollen Obligationen aufgenommen und verschiedene bilanzpolitische Maßnahmen ergriffen werden, sodass der zu erwartende hohe Verlust von 250.000,- Gulden über mehrere Jahre verteilt durch künftige Erträge wieder ausgeglichen werden kann. Witthoefft hält abschließend fest, dass Helfferich niemals wieder derartige Spekulationsgeschäfte machen dürfe, was er auch versprochen habe; das Geschäft an sich sei aber gut aufgezogen. Von einer Kapitalbeteiligung des Norddeutschen Lloyds an der Handelsgesellschaft Helfferich & Rademacher, zu der es wenig später kam, ist hier noch nicht keine Rede. Vgl. dazu Dokument Nr. 2.4.2.09.

HELFFERICH & RADEMACHER.

BATAVIA; SOERABAYA, TELOK-BETONG.

Telegrams: HELFFERICH.

A. B. C. Code 4th. & 5th. Ed.

Mercuur Code.


Batavia, den 7. December, 1907.

Herrn

Arnold Otto Meyer,1

HAMBURG. -


Ich schrieb ihnen zuletzt am 28. November und wechselte inzwischen die einliegenden Telegramme mit Ihnen.

Ausser der Ihnen gemeldeten Blanko Tratte im Betrage von £. 2500.–, die am 7. November von der Handelsgesellschaft H. & R. auf Sie abgegeben wurde, befindet sich noch eine weitere Blanko-Tratte von £. 2500.– auf Sie von H. & R. unterwegs. Dass diese beiden Tratten gezogen wurden, verstiess gegen die Instruktion, aber nach den Auseinandersetzungen Helfferichs befand er sich den Banken gegenueber in einer solchen Zwangslage, dass er zu dem allerdings gegen die Abmachungen verstossenden Auskunftsmittel der Blancotratten greifen musste. Nach Ihren drahtlichen Mitteilungen steht ausserdem Batavia bei Ihnen im Debet mit einem Betrage von £. 2000.– und ebenso Soerabaya mit der gleichen Summe. Rademacher behauptet, sich nicht erklaeren zu koennen, woher Soerabaya‛s Debet stamme. Ich habe ihm natuerlich gesagt, die Sache wuerde jedenfalls seine Richtigkeit haben. Inzwischen sind nun bereits gestern, bezw. vorgestern je £. 2500,– von Soerabaya und Batavia als T. T. an Sie ueberwiesen worden. Soweit die finanzielle Position, auf die ich beim Sclusse dieses Briefes noch des naeheren zurueckkommen werde.

Die Pfefferinteressen H. & R.s gab ich Ihnen mit 3100 tons Lampong (genau 3125 tons) zu M. 36.–, White Muntok mit 650 tons (genau 645 tons) zu M. 61.– (genau 60 3/4) und Black Java mit 150 t. zu M. 42.– auf.

Ausserdem halten Sie in Hamburg das Ihnen bekannte unverkaufte Lager zu den von Ihnen per ult. Juni angesetzten Preisen der provisorischen Verkaufsrechnungen. H. & R. hatten noch nach etham2 (25 tons White Muntok) 130 tons White Muntok und nach ethersme3 (10 tons Black Pepper) 160 tons Black Pepper auf den Weg gebracht, weil sie Kontrakte dagegen an die Banken abliefern mussten. Das restliche Lager koennen sie hier nun finanzieren. Der Satz „Das restliche Lager koennen sie hier nun finanzieren.“ wurde nachträglich handschriftlich unterstrichen und am rechten Rand mit drei Strichen und einem Ausrufezeichen markiert

Die Bilanz vom 30. Juni scheint mir richtig zu sein, sie wird Ihnen mit dieser oder naechster Post mit allen Belegen von H. & R. eingesandt werden. Im Balance Account finden Sie einen Posten von fl. 63 560,95., der die Summe repraesentiert, um welche die Herren Helfferich, Rademacher und Paulmann zu kurz gekommen sind, um Ihre Einzahlungen auf ihre fl. 300 000.– shares voll zu machen. Es ist notariell festgelegt worden, dass die Betreffenden diesen Betrag bis zum 31. December, 1908 voll nachzuzahlen haben. Nach den Erklaerungen der drei Herren darf ich annehmen, dass dies unter Zuhilfenahme von Familiengeldern richtig geschehen wird. Den entsprechenden Betrag an Aktien behalten Sie in Verwahrung.

Sie uebernehmen von den drei vorgenannten Herren Aktien im Gesammtbetrage von fl. 30 000.– und zwar auf den Namen von Arnold Otto Meyer. Diese fl. 30 000.– representieren die M. 50 000.–, welche Sie seinerzeit als Vorschuss zur Begleichung der von ihnen fuer die volle Aufnahme ihrer shares noetigen Gelder gegeben haben. Ich habe darueber den beifolgenden Briefwechsel mit den drei Herren gehabt, und der Transfer wird sobald als moeglich gemacht werden. Durch diese Uebernahme von fl. 30 000.– shares auf Arnold Otto Meyer sichern wir uns 24 Stimmen gegenueber den 18 Stimmen der Herren Helfferich, Rademacher und Paulmann, haben somit also die Majorität.

Und um uns ganz sicher zu stellen, werden auch die Statuten entsprechend abgeaendert. Ebenso wird ein Paragraf aufgenommen, der besagt, dass die Bilanz von H. & R. von einem Buecherrevisor anerkannt werden muss die Passage „Ebenso wird ein Paragraf aufgenommen, der besagt, dass die Bilanz von H. & R. von einem Buecherrevisor anerkannt werden muss“ wurde nachträglich am rechten Rand doppelt angestrichen und mit einem Fragezeichen versehen, das aber wieder durchgestrichen und durch ein „ok“ ersetzt wurde, der von den Kommissaris zu ernennen und von der Handelsgesellschaft zu besolden ist. Weiter ist eine Aenderung der Statuten dahin vorgenommen worden, dass der Kommissaris sich jederzeit durch eine andere Persoenlichkeit in der Ausuebung seiner Befugnisse vertreten lassen kann.

Um der Firma Handelsgesellschaft Helfferich & Rademacher die fuer den Betrieb notwendigen Mittel zur Verfuegung zu stellen, werden fl. 120 000.– Obligationen, auf Ihren Namen lautend, per 1. Januar naechsten Jahres creiert. Diese Obligationen tragen 8 % Zinsen. Die Rate ist indessen zu ermaessigen, wenn der Geldmarkt leichter wird, aber nicht unter 6 %. Wenn ich die heutigen Pfefferwerte als Basis fuer die Realisation annehme, fuerchte ich, dass die Handelsges. H. & R. fl. 250 000.– bei ihren unsinnigen Pfefferspekulationen verliert. Um nun dem grossen Publikum gegenueber nicht fuer das erste Geschaeftsjahr einen zu schlechten Eindruck zu erwecken, soll die erste Bilanz erst per 31. December, 1908 aufgemacht werden. Vorab aber werden Helfferich, Rademacher und Paulmann zusammen per 1. Juli, 1907 fl. 50 000. – des zu erwartenden Verlustes als persoenliche Schuld der Handelsgesellschaft gegenueber debitiert, und als Sicherheit dafuer geben sie shares im gleichen Betrage dafuer bei Ihnen in Depôt. Gesetzt den Fall nun, dass die Handelsges. im Rahmen ihrer uebrigen Geschaefte bis zum 31. December, 1908 fl. 100 000.– verdient, so wuerde unter Beruecksichtigung vorgenannter fl. 50 000.– bei einem Pfefferverluste von fl. 250 000.– per 31. December, 1908 noch eine Unterbilanz von fl. 100 000.– vorhanden sein. Diese fl. 100 000.– waeren dann auf das Debet von Helfferich, Rademacher und Paulmann zu bringen und die Handelsgesellschaft verpflichtet sich, fuer 1909 und die folgenden Jahre den Nettogewinn abzueglich 5 % Dividende fuer alle shareholders zur Tilgung der so verbuchten Unterbilanz zur Verfuegung zu stellen. Auf diese Weise, hoffe ich, wird es moeglich sein, bis Ende 1910 den Verlust auszumerzen, wenn die Zeiten nicht allzu widrig sind; denn ich glaube wohl, dass die Handelsges. H. & R. jaehrlich fl. 100 000.– und mehr verdienen kann, wenn das Menagement ein vernuenftiges bleibt. Die vorhin erwaehnten fl. 50 000.– zu Lasten von Helfferich, Rademacher und Paulmann sind von ihnen aus eigenen Mitteln zu tilgen innerhalb eines Jahres, nachdem die Unterbilanz per 31. December 1908 abgedeckt worden ist. Ich hatte in meinem Telegramm Ihnen gegenueber von £. 10 000.– preference shares gesprochen, das liess sich jedoch nach hollaendischem Gesetz nicht machen, und so kamen wir auf diese Form der Obligationen, die Sie jedenfalls vollkommen deckt. Alle vorhin genannten Aenderungen und Abmachungen sind notariell festgelegt. Die Abschriften werden indessen erst morgen frueh fertig und Ihnen vom Notar direkt eingesandt werden.

Das Geschaeft liegt im allgemeinen schlecht in Batavia. Aus diesem Grunde sollen die Transaktionen im Import beschraenkt werden. Der Pfeffervorrat ist nach Moeglichkeit in aller Beschleunigung zu realisieren, damit die drin festgelegten Gelder frei kommen. Herr Helfferich darf niemals wieder derartige Spekulationen machen. Er hat mir sein Ehrenwort gegeben, in Zukunft derartiges zu unterlassen. Das ganze Geschaeft ist sonst gut aufgezogen, nur habe ich den Eindruck, dass es hier und da noch etwas an Genauigkeit mangelt, aber die meisten Leute sind neu, und Herr Helfferich wird sein moeglichstes thun, um dort, wo es noetig ist, Verbesserungen einzufuehren.

Ich gehe morgen ueber Garoet nach Soerabaya, wo ich am Mittwoch einzutreffen gedenke, und werde Sie entsprechend telegrafisch benachrichtigen.


Mit freundschaftlichen Gruessen

Ihr

FHWitthoefft


Handschriftlich ergänzt: Die notariellen Schriften sind soeben gezeichnet u. gehen Ihnen am Mittwoch mit der holländischen Post die Abschriften direkt vom Notar Alting zu. Der Passus betr. Zustg. des General Gouverneur ist nach Aussage des Notars nun formeller Natur. Die Zustimmung wird erteilt werden, dafür übernimmt der Notar die Garantie.

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