PDF

Nr. 2.4.1.06

Jacob Jebsen, Teilhaber der Firma Jebsen & Co., Hongkong, an Heinrich Jessen, Teilhaber der Firma Jebsen & Co., Hongkong, nach Apenrade, betr. Personal- und Finanzfragen sowie die wachsende Konkurrenz durch chinesische Webereien und Färbereien, 17. September 1908

Geschäftsbrief

Regest:

Jacob Jebsen, Teilhaber der Firma Jebsen & Co. in Hongkong, schreibt seinem Partner Heinrich Jessen, der sich gerade in Apenrade aufhält, um ihm für die Übermittlung mehrerer Briefe und Unterlagen zu danken, darunter der Auflösungsvertrag mit der Firma Diederichsen, Jebsen & Co. in Qingdao. Jacob Jebsen teilt seine Überlegungen zur künftigen Personalpolitik, Geschäftsausrichtung und Finanzierung des gemeinsamen Unternehmens mit, das gerade dabei ist, eine weitere Niederlassung in Kanton zu etablieren und für das Heinrich Jessen das schon etwas länger bestehendes Büro in Hamburg neu einrichten soll. Die Geschäftslage stellt sich insgesamt - trotz des Expansionskurses - nicht besonders günstig dar, zudem kursieren in Hongkong Gerüchte über die Gründung moderner, mit importierten Maschinen betriebener Webereien und Färbereien in chinesischer Hand, die das auf der exklusiven Vertretung der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik und ihrer Farbstoffe beruhende Geschäft von Jebsen & Co. künftig grundlegend in Frage stellen könnten.

17. September 1908.


Lieber Heinrich!

Seit ich Dir am 9. ds. schrieb, kam ich in den Besitz Deiner lieben Briefe vom 12. & 21. August. Letzterem entfaltete ich den Vertrag ueber Aufloesung von D.J&Co, zu dem ich nichts zu bemerken habe.1 Ich werde also demnaechst im Konsulat Austrittserklaerungen fuer die Filialen aufmachen lassen. Ebenfalls lasse ich Dir die gewuenschte Erklaerung betreffs Ph. Moellers partnership in den naechsten Tagen zugehen. Hoffentlich brauchen wir diese Prozedur nicht fuer alle Filialen zu wiederholen.

Personalia. Ich bemerke mir, dass Du Herbert Eggers der Name „Herbert Eggers“ wurde nachträglich blau unterstrichen engagiert hast. Bis er fertig ist, werden aber noch ueber zwei Jahre verstreichen. Inzwischen wird es sich darum handeln, die Personalverhaeltnisse hier anderz einzurichten. Es wird dabei u. a. darauf ankommen, ob wir Exporten aufnehmen wollen. Ich moechte dies vorlaeufig nicht thun, sondern erst einmal sehen wie Vogler in Canton mit den Importen in Gang kommt, fuer Exporten habe ich hier niemand, denn Finke arbeitet nur an der Buchfuehrung die Passage „Finke arbeitet nur an der Buchfuehrung“ wurde nachträglich handschriftlich blau unterstrichen und hat ja auch von den Artikeln keine Keentnis und wenig Interesse am Geschaeft. Er steht ja im dritten Jahre seines Kontrakts und es scheint dass er nach Europa zurueck will. Sonst kaeme er bei einer Erneuerung als Buchhalter in Frage. Diese Sachen macht er ordentlich und einen Europaeer muessen wir dafuer neben Silva die Worte „neben Silva“ wurden nachträglich handschriftlich blau unterstrichen behalten. Letzterem habe ich verweigert, seine Schulden zu zahlen, ihm aber schliesslich $ 500 vorgeschossen, nachdem er mir ein statement seiner Glaeubiger beigebracht hatte nach welchem ich die Verteilung angeordnet habe. Er will nun monatlich von seinen outside Schulden $ 50 abtragen und will mir von Zeit zu Zeit ein statement geben, wie die Betraege sich veraendern. Aus der bredouille kommt er sein Lebenlang nicht heraus wenn er auch $ 500 p. M. verdiente. ASAI hat nachdem sein Hotel pleite gegangen und er $ 5–6000 losgeworden ist, wieder mit dem frueheren Eifer seine Thaetigkeit aufgenommen. Wenn er sich wieder einige Tausend Dollars verdient hat, wird er wohl in einem neuen Unternehmen diese loszuwerden versuchen. – Hintze waere ich wenn Magge wieder da ist gern los, da ich nicht weiss, was ich mit ihm anfangen soll, als No 2 unter Magge wird er nichts nuetzen und in den Waarenabteilungen kann ich ihn nicht gebrauchen. Hast Du Diede vorgeschlagen, ihn zurueckzunehmen? Eventuell werde ich Moeller bei seiner Durchreise naeher treten. Die Canton Etablierung die Worte „Canton Etablierung“ wurden nachträglich handschriftlich blau unterstrichen wird auch fuer Hongkong allerhand Arbeit machen da die Telegramme, Korrespondenz etc ueber hier gehen die Passage „Telegramme, Korrespondenz etc ueber hier gehen“ wurde nachträglich handschriftlich blau unterstrichen werden, dies wird Riecken der Name „Riecken“ wurde nachträglich handschriftlich blau unterstrichen mitmachen koennen.2 Wenn wir aber in Canton Exporten machen wollen, dann muessen wir das auch hier thun und dafuer einen besondern Mann haben, der etwas von den Artikeln versteht. Hamburg hat uns mit letzter Post eine Reihe von Anfragen auf Exportartikel geschickt, die ich aber zum groessten Teil nicht bearbeiten werde. Haben die Leute denn die noetigen Verbindungen dafuer? Sollte Schmidt auf Urlaub gehen und ich hier bleiben, dann wuerde ich fuer seine Abwesenheit Jahrand der Name „ Jahrand“ wurde nachträglich handschriftlich blau unterstrichen die piecegoods geben und Anilinfarben selbst ueber nehmen, Bier, Leder etc muss dann Riecken noch mitmachen, wenn noetig. Fuer spaeter ist unbedingt ein zweiter Mann fuer das shipping noetig. Am besten wohl irgend ein juengerer Mann, der bei Hern, Schuldt oder aehnlichen Leuten gewesen ist. – In Canton wird sich Vogler wohl vorlaeufig mit einem Portugiesen die Passage „In Canton wird sich Vogler wohl vorlaeufig mit einem Portugiesen“ wurde nachträglich handschriftlich rot unterstrichen behelfen.

Finanzen. Ich bemerke mir, dass Du die Gelder von D.J&Co in Hamburg zum Bezahlen unserer Tratten benutzen willst, was ganz meinen Beifall hat, nur moechte ich spaeter einen groesseren Betrag fuer andere Zwecke, Schiffsbeteiligungen etc frei haben, dies kann ja aber auch spaeter geschehen. Die noetigen Kodearrangements mit den Banken werde ich machen sobald ich von Dir definitiv gehoert habe, wie das Kind heissen soll. – Direkte Rimessen nach Manchester habe ich nur zu Anfang des Jahres in geringem Umfang gemacht. Nachher verbot sich dies von selbst.

Das Manchester Geschaeft werden wir wohl wie bisher weiter finanzieren, wiederholt machte ich Dich darauf aufmerksam, dass es wuenschenswert ist, die Chartered B. moeglichst wenig zu benutzen. Haigh und Hiltermann haben ja wohl Instruction die andern zu ihrer Verfuegung stehenden Credite erst zu benutzen?

Einliegend schicke ich Dir einen Auszug aus einem Prospect, den Schuldt circuliert wegen Gruendung einer Petroleum Gesellschaft auf Sachalin. Ich bin gespannt darauf, ob es ihm gelingt, das Kapital zusammen zu bringen. Gegen seine Kalkulation ist mancherlei einzuwenden, trotzdem kann es ja sein, dass die Sache an und fuer sich gut ist. 100 % Dividende wird es allerdings wohl kaum geben, die Haelfte thut es aber auch schon. Die Agentur eines solchen Oelconcerns in China waere eine feine Sache

Morgen wollen wir in unser office zurueckziehen die Passage „wollen wir in unser office zurueckziehen“ wurde nachträglich handschriftlich rot unterstrichen, ich bin froh, dass der ungemuetliche Zustand aufhoert. Unser Verlust aus dieser Sache wird doch wohl auf ca $ 1000 kommen.3

Wie hat man in Kiel eigentlich das vorjaehrige Resultat der hiesigen sundries Abteilung ausgerechnet, aus denen mir gesandten Papieren ist dies nicht ersichtlich und es waere zum Vergleich ganz interessant.4 Im laufenden Jahre wird in der Abteilung auch nichts mehr erreicht, als die Kosten zu decken. Nennenswerte Verluste haben wir nicht gehabt, aber die Profite an diesen kontinentalen Artikel sind doch zu gering. Am besten hat sich noch das Geschaeft mit den Schwellen gemacht bei dem rein netto ca $ 4.500 uebrig sein werden. An den Lauts‘schen Sachen5 wuerde wenn die Retourkommission nicht waere trotz des schlechten Kurses noch ganz nett verdient, nur bei Bier hapert es und es wird sich vielleicht empfehlen, im naechsten Jahre entweder die Hamburger Kommission fortfallen zu lassen oder die 5 % ordinaeren Frachtrabatt nach hier zu vergueten. Hast Du Dir mal ueberlegt wie es mit der Lauts’schen Abfindung werden soll?6 Wie denkst Du das neue Hamburger office einzurichten, hast Du schon jemand engagiert der an die Boerse gehen und mit den Exportagenten verhandeln kann etc? – Riecken klagt augenblicklich sehr darueber, dass er mit Hamburg nichts mehr machen kann. Die letzten Quotierungen zeigen dass man mit der vollen Fracht rechnet und sind gegen unsere frueheren Preise und diejenigen der Konkurrenz so aus der Kehr, dass Riecken sie zum Teil garnicht an die Haendler weitergeben kann ohne sich laecherlich zu machen. Siemssens machen infolgedessen, das meiste und es ist klar dass diese auch irgendwo Verguenstigungen geniessen. Hat Diede denn schon das gesamte Frachtquantum fuer dies Jahr zusammen? Riecken kann sich besonders nicht erklaeren, wie es kommt, dass man trotz der xxx gleichen Fracht der Shanghai-Firma bar-iren etc ca 4/- unter dem von uns verlangten Preise verkauft. Moellers Verkaufe mit einer avance von 1/- per Ton wovon noch Zinsen abgehen, muessen uebrigens auch ein schoenes Resultat geben.

In piecegoods werden wir wohl wieder leidlich abschneiden. An der Abteilung hat man doch wenigstens mehr Freude als an den sundries an denen wir hier immer nur schweres Geld verloren haben. Diederichsen wird auch noch seine Freude daran haben, was an den alten Lagerhuetern noch verloren wird.

Hier spuken bestaendig weitere Projecte von Weaving and Dying die Worte „Weaving and Dying“ wurden nachträglich handschriftlich rot unterstrichen Gesellschaften herum. Jetzt wollen Sincere mit Canton Patrioten zusammen eine grosse Anlage wahrscheinlich in Kowloon starten. Die Leute reden davon, Maschinenbetrieb einzufuehren, ich schrieb ja schon neulich wegen eines kleinen Handwebstuhls, moechte Dich aber bitten, mir auch einiges Material ueber Webstuehle mit Dampfbetrieb zu verschaffen. Da einer von den Leuten angeblich in Amerika Faerberei und Weberei gelernt hat, ist allerdings anzunehmen, dass amerikanische Maschinen die beste Chance haben, es waere aber doch moeglich, dass Pekwan oder Chun Sui Ying, welche beide mit den Leuten schon in Verbindung stehen, uns einen show geben koennten. Wenn diese Bewegung so weiter geht, dann werden wir hier mehr technische Unterstuetzung in dem Geschaeft mit der BASF noetig haben, denn es koennen dann die komplisierteren Faerbweisen in Anwendung. Ich versuche nun erst einmal, Sinceres zu veranlassen ihre zukuenftigen Faerber zu Ahrens nach Yokohama zu schicken, denn wer die Leute ausbildet, der bekommt nachher die Orders, solange die Ausbildung der Leute nicht eine so gruendliche wird, dass sie selbst die verschiedenen Fabrikate untersuchen und gegen einander vergleichen koennen. Pekwan ist seit ueber 2 Monaten unterwegs in Amoy und Hinling, er ist sehr wertvoll fuer uns geworden, ein Mann allein genuegt aber nicht und mit der Zeit werden wir entweder noch einen Chinesen haben muessen der aber mehr gelernt haben muss als Pekwan oder gar einen Europaeer. Wenn die deutsche Schule in Canton erst arbeitet, kann man vielleicht einen dort mit der Sprache bekannt gewordenen jungen Chinesen nach Ludwigshafen schicken. Er wird allerdings Jahre vergehen, bis ein solcher uns nuetzen koennte, aber die Entwicklung wird uns zu aehnlichen Schritten zwingen, wenn die BASF nicht hier einen Laboratorium einrichten will die Passage „die BASF nicht hier einen Laboratorium einrichten will“ wurde nachträglich handschriftlich rot unterstrichen und uns einen Techniker zur Verfuegung stellt. Sander,W.&Co wollen seit einigen Monaten einen Cantonesen bei Cassella in der Ausbildung haben. Ganz klar ist mir dass die naechsten Jahre eine grosse Umwaelzung im Geschaeft bringen werden, die modernen Ideen entwickeln sich rapide und der japanische Boykott hat eine große Streebung ausgeloest, sich von Japan soviel als moeglich unabhaengig zu machen und die bisher von dort bezogenen Fabrikate selbst herzustellen. – Den Japanern hat die schlechte Geschaeftslage auch sehr mitgespielt und selbst den großen Concerns N.Y.K und M.B.K. scheint es sehr schlecht zu gehen. Sie geben eine ganze Reihe von Filialen in China wieder auf (u. a. Swatow) und schraenken sich ueberall ein.

Mit bestem Gruss

Dein ohne Unterschrift