| Regest: |
Max M. Warburg, Teilhaber des Bankhauses M. M. Warburg & Co. in Hamburg, lässt nach einem persönlichen Gespräch mit Paul Sachse, einem früheren Teilhaber und langjährigen Leiter der Firma Carlowitz & Co. in Hongkong, in einem Aktenvermerk für die hauseigene Geheim-Auskunftei schriftlich festhalten, was er durch Sachse über die finanzielle Lage des Handelshauses erfahren hat, das sich immer wieder auch als Partner für die Finanzierung und Umsetzung von Eisenbahnprojekten in China anbietet, infolge allzuschnellen Wachstums und des Boykotts chinesischer Kaufleute nach dem Konkurs eines seiner Kompradoren im Jahre 1904 aber keinen tadellosen Ruf mehr genießt (vgl. Dokument Nr. 2.5.2.07). Demnach hat die Firma Carlowitz & Co. noch immer mit nicht absetzbaren Warenlagern im Wert von etwa 10 bis 14 Millionen Mark zu kämpfen, verfügt aber über ein Vermögen von rund 7 Millionen Mark. Aus der Reaktion Sachses auf eine eigene Nachfrage schließt Warburg, dass das Handelshaus derzeit einen Verlust in der Größenordnung von bis zu 2 Millionen Mark verkraften muss. |
| Formalia: | 1 Blatt, mit gedrucktem Briefkopf, maschinenschriftlich einseitig beschrieben. |
Gedruckter Briefkopf:
Sekretariat
Hamburg, 21. September 1908.
Notiz für die Geheim-Auskunftei: Carlowitz & Co.
Laut mündlicher Mitteilung von Herrn Paul Sachse ist die Firma Carlowitz & Co. jetzt in ihren Mitteln dadurch beengt, dass die Chinesen die bestellten Waren ausserordentlich schlecht abnehmen. Es handelt sich in erster Reihe um Textilwaren, welche im Wert geringer werden, aber doch in ihrer Beschaffenheit nicht leiden können, wenn sie, wie es jetzt zum Teil geschieht, eingelagert werden. P. S. glaubt, dass auf diese Weise zwischen 10 und 14 Millionen Mark in China festgelegt sein können.
Das eigene Vermögen der Firma dürfte M. 7.000.000.– betragen, Sachse ist mit M. 1.000.000.– commanditarisch beteiligt, und die Firma Carlowitz & Co. würde sehr gern noch einen weiteren Commanditisten aufnehmen. Sachse ist seinerzeit ausgetreten, weil ihm das Geschäft zu gross wurde, und er hat ja auch Recht bekommen. Er ist aber der festen Ueberzeugung, dass die Leute, wenn die nächsten 1 – 2 Jahre vorüber sind, wieder ein glänzendes Geschäft machen werden. Auf meine Zwischenbemerkung, dass eine Firma mit einem Capital von M. 7.000.000.– ja auch einen Verlust von M. 2.000.000.– vertragen könne, schien er nicht erschrocken, meinte nur, es brauchten ja nicht gerade M. 2.000.000.– zu sein, aber mit der Möglichkeit eines solchen Verlustes schien er doch immerhin zu rechnen. Im übrigen sind der Firma verhältnissmässig wenig Credite gekündigt worden. Sachse ist über die Vorgänge bei der Firma immer sehr gut au courant und hat ihr auch schon wiederholt geholfen.
Lt. Aufgabe von Herrn Max M. Warburg.