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Nr. 2.5.3.04

Karl Thieß, deutscher Berater im japanischen Eisenbahnamt, aus Tokio, an Albert Ballin, Generaldirektor der HAPAG, Hamburg, betr. das japanische Verkehrsministerium und dessen Eisenbahnprojekte in der Mandschurei, 14. November 1908

Brief

Regest:

Der deutsche Staatswissenschaftler Karl Thieß, der lange für die HAPAG in Hamburg tätig gewesen war, bevor er 1904 einen Ruf an die Technische Universität Danzig angenommen hatte, um sich unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten mit dem modernen, auf Eisenbahnen und Dampfschiffe gestützten Verkehrswesen zu beschäftigen, bekam 1908 die Gelegenheit zu einem dreijährigen Aufenthalt in Japan, um für das japanische Eisenbahnamt zu arbeiten. Wie er dem Generaldirektor der HAPAG, Albert Ballin, im vorliegenden Schreiben berichtet, sieht er im Verkehrswesen gute Chancen für die engere Zusammenarbeit von japanischen und deutschen Ingenieuren und damit auch die politische Wiederannäherung zwischen beiden Ländern. 12

Abschrift

[Nachträglicher handschriftlicher Vermerk in rot: A Ballin]

Tokyo-Azabu, 14. Nov. 1908

[Nachträglicher handschriftlicher Lesevermerk Max M. Warburgs in blau: W]

Verehrter Herr Generaldirektor,

Wie die Ueberschrift zeigt, habe ich mir Ihren Rat zunutze gemacht und bin auf 2 Jahre mit Urlaub nach Japan gegangen. Allem Anschein nach habe ich Glück gehabt und bin in die energischste und fähigste Verwaltung des ganzen Ostens gekommen. Der Verkehrsminister, Baron Göto, die schöpferische Kraft der jetzigen Regierung, – er hört sich nicht ungern als den Dr. Jameson Asiens bezeichnen – hat in seiner südmandschurischen Bahn 400 Millionen Mark Kapital und die tüchtigsten Leute seines Landes konzentriert. Er macht mit dieser Bahn auch die japanischen Zentralinstitute auf, um die er das Parlament nicht erst fragen will. Er und seine Hauptmitarbeiter haben in Deutschland studirt und haben starke deutsche Sympathien (wie übrigens das ganze jetzige Ministerium, das mit grosser Energie und Wirkung in der japanischen Presse schärfste Kritik und Ausschlachtung des gelbe-Gefahr Interviews3 unterdrückt hat, sodass die hiesigen Deutschen wieder aufzuatmen beginnen). Sie wollen unter allen Umständen aus der Mandschurei rasch ein europäisches Kulturland machen und werden gern jede Hand ergreifen, die sich ihnen dazu bietet. Sie werden mit Deutschen besonders gern arbeiten.

Bei dieser Lage wird jede Höflichkeit und jedes Entgegenkommen deutscherseits gerade jetzt nützlich empfunden werden. Ich hoffe in Ihrem Sinne zu handeln, wenn ich die Drucksachensendung und Hülfe Ihres Literarischen Bureaus als besondere Sympathiekundgebung Ihrer Gesellschaft für des Eisenbahnministers völkerverbindenden Gedanken des Ostasiatischen Wirtschaftsarchivs stilisiere. Einem vom Verkehrsminister entsandten Beamten der Südmandschurischen Bahn, der in Deutschland die Beziehungen zwischen Bahn- und Schiffahrtsverkehr studirt, habe ich über seinen nächsten Plan hinaus auch eine Einführung an Ihre Direktion geschrieben. Denn ich denke, es liegt auch im Interesse der Gesellschaft, den aufkommenden deutschfreundlichen Kreisen von Japan eine billige Gefälligkeit zu erweisen.

Ich habe hier zu Wasser und zu Lande („Gouverneur Jeschke“ u. Fa. Illies) von den Vertretern der H.A.L. so viel Zuvorkommenheit und Hilfe genossen. Ich hoffe sehr, sie irgendwie erwidern zu können.

Mit den respektvollsten Empfehlungen

Ihr ergebener

Gez. K. Thiess.