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Nr. 2.4.2.13

Alexander von Rössing, Deutsche Bank, Filiale Bremen, an Elkan Heinemann, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank, Zentrale Berlin, betr. die Bildung eines deutschen Instituts zur Finanzierung von Unternehmungen in den Straits Settlements und Niederländisch-Indien, 10. Juli 1909

Geschäftsbrief

Regest:

Alexander von Rössing, Direktor der Filiale Bremen der Deutschen Bank, antwortet Elkan Heinemann, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank und verantwortlich für deren Emissions- und Konsortialgeschäft, auf dessen Bitte um Stellungnahme zu dem von der Firma Arnold Otto Meyer in Hamburg an die Bank herangetragenen Vorschlag, an der Gründung eines deutschen Investmenttrusts für Plantagen in den Straits Settlements und Niederländisch-Indien zu beteiligen. Von Rössing, früher selbst einige Jahre für Behn, Meyer & Co. in Singapur tätig, rät aus zwei Gründen davon ab. Zum einen ist er der Meinung, dass der gegenwärtige Boom der Kautschukplantagen bereits in einigen Jahren überschritten sein wird, zum anderen sieht er ein gravierendes Personalproblem, weil weder die Deutsche Bank noch die Firma Arnold Otto Meyer in Hamburg bzw. ihre Schwesterfirma Behn, Meyer & Co. Ltd. in Singapur über ausreichend Erfahrung und Expertise in dem anvisierten Geschäftsfeld verfügen. Er sieht die Gefahr, dass die Deutsche Bank in Abhängigkeit von den beiden Handelsfirmen geraten könnte, erklärt aber seine Bereitschaft, weiteres ihm von der Filiale Hamburg zugesandtes Material in der Sache zu studieren.

Gedruckter Briefkopf, oberste Zeile durch Wasserschaden zerstört:

Telegramm-Adresse:

Deutschbank Bremen

Für Übersee:

Deutshbank Bremen

Deutsche Bank, Berlin

Kapital und Reserven 303,7 Millionen Mark.

Zweig-Niederlassungen:

Augsburg, Bremen, Dresden, Frankfurt a. M., Hamburg,

Leipzig, London, München, Nürnberg, Wiesbaden.


Bremen, den 10. Juli 1909


Herrn

Direktor Heinemann

Deutsche Bank

Berlin


Sehr geehrter Herr Heinemann!

Ich empfing Ihr gefl. Schreiben vom 8. crt., die Gründung eines deutschen Instituts für die Straits und Niederländisch-Indien betreffend, und gestatte mir darauf folgendes zu erwidern.

An und für sich würde es mir äusserst zu sympathisch sein, wenn die Deutsche Bank ihren Wirkungskreis auf den Osten ausdehnen und ich dadurch Gelegenheit bekommen würde, mit meinen in 19jähriger Tätigkeit in Singapore erworbenen Erfahrungen der Deutschen Bank von Nutzen sein zu können. Es giebt auch ganz sicher Unternehmungen und Gebiete, wo deutsches Kapital sich mit gutem Erfolg betätigen könnte, mehr wohl in den Straits wie in Holländisch-Indien, wo man dem Eindringen fremden Einflusses feindlicher gegenübersteht. Bereits am 5. September 1905 gab ich Herrn Lücke ein Exposé über die Möglichkeiten, welche der Osten bietet und wies speciell auch auf Rubber hin. Bald darauf trat die Firma Arnold Otto Meyer bezw. Herr Witthoefft wegen einer Beteiligung an der zu gründenden Singapore Rubber Co. an Herrn Victor Koch und mich heran. Die Hamburger Filiale placirte $. 40 000.– Actien, die Bremer $. 60 000.–; das Unternehmen ist jetzt in London unter für die Actionäre recht vorteilhaften Bedingungen neu „gegründet“ worden.

Ich glaube nicht, dass der jetzige Colonial-Enthusiasmus deutscher Kreise sich allzu gern Gründungen in englischen und holländischen Colonien Beschädigung des Papiers von Bremen aus viel Kapital in Sumatra Beschädigung des Papiers Taback-Plantagen investirt und schliesslich, meist durch Unkenntnis der Verhältnisse, Leichtgläubigkeit und Ungeschicklichkeit verloren wurde, so lag neben dem Reiz, selbst Plantagen-Besitzer im Auslande zu sein, ein lebhaftes Interesse vor, Artikel die für Bremen von Bedeutung sind und denen sich die grössten hiesigen Firmen widmen, mehr nach Bremen zu ziehen.

Den Emissions-Credit1 der Deutschen Bank vor den geplanten „Investment Trust“ zu spannen halte ich für sehr bedenklich und sehe diese Bedenken

in der Sache selbst,

vor allem aber in der Personalfrage.

Die Tätigkeit des „Investment Trust“ in den Straits würde sich aller Voraussicht nach in erster Linie auf Financirung von Rubber Estates, Uebernahme bestehender Pflanzungen und Ausbau derselben sowie Gründung von neuen Rubber Gesellschaften beschränken. Das Vorbild hierfür giebt wohl der in London in der Gründung begriffene oder bereits gegründete Rubber Trust ab. Daneben mögen Zinn-Minen und Plantagen anderer Straits-Exportartikel in Frage kommen, doch hat Herr Witthoefft wie ich vor meinem Eintritt in die Deutsche Bank zu meinem eigenen Schaden erfuhr, in allem, was er in dieser Beziehung unternommen hat, eine unglückliche Hand gehabt.2

Es dürfte Ihnen bekannt sein, dass der Boom in Rubber seit etwa Jahresfrist ein ganz gewaltiger ist, und Londoner Kreise sich mit Macht auf Gründung von Rubber-Gesellschaften in Ceylon, den Straits Settlements, Sumatra, Borneo etc. geworfen haben. In Deutschland hat man weniger Interesse dafür gezeigt, sondern vielfach die gegenwärtige Hausse benutzt, um seine Investirungen nach London abzustossen. Bei dem grossen Bedarf, den die Industrie für Rubber hat und haben wird, halte ich es durchaus für möglich, dass die Hausse-Bewegung für Rubber Beschädigung des Papiers auch wenn im Laufe der nächsten 5 Jahre stark steigen und Borneo an Plantagen Rubber absorbirt werden wird. Immerhin glaube ich, dass der Höhepunkt innerhalb der nächsten Jahre liegt und dann auch mal kräftige Fluctuationen nach unten vielleicht auch ein Krach einsetzen wird.

Herr Mühlinghaus, dessen Plantagen laut Ihrem Brief vom 23. Juni an Herrn Victor Koch als aussichtsreiches Object für den „Investment Trust“ genannt werden, kenne ich als einen ausserordentlich zielbewussten, in den Straits sehr erfolgreichen Herrn, der bislang seine Rubber-Estates ganz für eigene Rechnung, unter Ausschluss der ihm von anderer Seite angebotenen Beteiligungen, gründete und fortführte, jetzt aber doch auch den Moment für gekommen zu erachten scheint, um seine Unternehmungen „gründen“ zu lassen und ganz gewiss nicht ohne sehr bedeutende Avance auf die von ihm investirten Gelder, bei grösserer Barauszahlung.3 Auch Herr Witthoefft hat es vorgezogen, den grösseren Teil des Besitzes der Singapore Rubber Co. zu veräussern, anstatt das Unternehmen allein auf die in dem Artikel selbst ruhenden Chancen hin fortzuführen.

Ich komme deshalb zu dem Schluss, dass es zu spät geworden sein dürfte, um das geplante Unternehmen auf Rubber – und um diesen Artikel wird es sich in der Hauptsache handeln – aufzubauen, es sei denn, dass man sich darauf beschränkte, financiell schwache Unternehmen zu stützen und bis zur Ertragsfähigkeit zu bringen, was gewiss mit Vorteil geschehen könnte.

Was nun die viel wichtigere Personalfragen angeht, so teile ich die Ansicht des Herrn Victor Koch durchaus, dass man sich ganz in den Händen der Herren Behn, Meyer & Co. Ltd. bezw. der Firma Arnold Otto Meyer, Hamburg, befinden würde, es sei denn, dass die Deutsche Bank selbst Persönlichkeiten aufbringt, die mit den einschlägigen Verhältnissen durchaus vertraut sind und es verstehen, allzu grossem Optimismus zu bremsen. Die Erfahrungen der betr. Herren im Plantagen-Betrieb, besonders [nachträglich handschriftlich ergänzt: diejenige]] der Leiter der östlichen Niederlassungen, schätze ich nicht sehr hoch ein. Behn, Meyer & Co. sind Anfang 1906 eine Limited Co. nach englischem Colonialrecht geworden. Besitzer des Aktienkapitals sind die Teilhaber der Firma Arnold Otto Meyer, Hamburg; die die jetzt ca. 15 Niederlassungen im Osten leitenden „Directoren“ kenne ich wohl noch sämtlich persönlich; es sind darunter sehr tüchtige, fleissige Leute, grösstenteils aber noch zu jung und unerfahren, um die Tragweite grösserer Operationen beurteilen zu können, zumal sie in den letzten Jahren gewöhnt worden sind, ausschliesslich nach Anweisung der Firma Arnold Otto Meyer, Hamburg, zu arbeiten und jede eigene, auf Kenntnis der sich im Osten schnell ändernden örtlichen Verhältnissen basirte Meinung unterdrückt worden ist. Das Jahr 1907 soll für Behn, Meyer & Co. Ltd. ein mässiges, 1908 ein recht ungünstiges gewesen sein.

In der Firma Arnold Otto Meyer, Hamburg, ist Herr Witthoefft der einzigste, der befähigt ist, das Ganze zusammenzuhalten, sodass ich unseren Herren der Hamburger Filiale bereits mehrfach angedeutet habe, dass mit einem eventl. Ausscheiden des Genannten eine Einschränkung des der Firma seitens der Hamburger Filiale gewährten Credites ratsam werden könnte. Herr Witthoefft ist ein äusserst gewiegter aber auch, wie Herr Victor Koch anführt, sehr „heller und gerissener“ Geschäftsmann, der die alte Firma Behn, Meyer & Co. während seines Aufenthalts im Osten zu grosser Blüte gebracht hat und zweifelsohne auch Grosses für den „Investment Trust“ leisten würde, wenn er selbst dauernd die Leitung an Ort und Stelle übernahm das Wort „übernahm“ wurde nachträglich handschriftlich geändert zu „übernimmt“. Das wird er aber bestimmt nicht tun, und von Hamburg aus die ganze Sache leiten zu wollen, halte ich für ein Unding, wenn absolut zuverlässiges, der eignen Verantwortung sich voll bewusstes Personal draussen fehlt. Das hat sich auch bei der erwähnten Singapore Rubber Co. gezeigt, wo viel Geld verplempert sein soll Beschädigung des Papiers die in Singapore eingesetzten Directoren schliesslich mismütig wurden und resignirten.

Ob die Firma Arnold Otto Meyer mit den Provisionen, welche Behn, Meyer & Co. Ltd. bei dem Einkauf von Estates Bedürfnissen und dem Verkauf der Produkte verdienen sollen, zufrieden sein wird, weiss ich nicht. Jedenfalls ist es im Osten recht gebräuchlich, dass bei „Gründungen“ der Verkäufer dem Vermittler einen recht erheblichen meist geheimen Zwischen-Gewinn sicherstellt und ist mir ein diesbezüglicher Präzedenzfall die Firma Arnold Otto Meyer betreffend von Leuten, die es wissen müssen, bekannt gegeben.

Ich bitte höfl., diese letzteren Mitteilungen discret behandeln zu wollen, und stehe im Uebrigen gern mit weiteren Auskünften zur Verfügung.

Mich Ihnen bestens empfehlend

Ihr sehr Ergebener

AvRössing


[Nachträglich handschriftlich ergänzt: Das mir gesandte Material lege ich wieder bei.]


[Nachträglich maschinenschriftlich ergänzt: Soeben erhalte ich noch von Hamburg das von der Firma Arnold Otto Meyer eingelieferte Material, und werde mir erlauben, nach Durchsicht darauf zurückzukommen.]