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Nr. 2.4.1.10

Heinrich Jülich, Angestellter der Firma Felten & Guilleaume Carlswerk AG in Mülheim am Rhein, aus Tokio, an die Firma Felten & Guilleaume Carlswerk AG, Mülheim am Rhein, betr. einen Besuch in der japanischen Post- und Telefonbehörde, 13. August 1910

Geschäftsbrief

Regest:

Heinrich Jülich, ein Mitarbeiter der Firma Felten & Guilleaume Carlswerk AG in Mülheim am Rhein, reist im Juli 1910 auf Veranlassung seiner Firma von Köln über Moskau und Wladiwostok nach Tokio, weil die dort ansässige japanische Post- und Telefonbehörde zuvor eine umfangreiche Lieferung von Telefonkabeln reklamiert und die Firma Felten & Guilleaume Carlswerk AG von der Liste der für japanische Regierungsaufträge zugelassenen Firmen, die sog. list of approved makers, gestrichen hatte. Jülich soll vor Ort gemeinsam mit Mitarbeitern der Firma M. Raspe & Co., von der sich die Felten & Guilleaume Carlswerk AG nach Meinungsverschiedenheiten mit ihrer früheren Vertretung C. Illies & Co. in Japan vertreten lässt, persönliche Gespräche mit verschiedenen Repräsentanten der japanischen Post- und Telefonbehörde führen, um zu unterstreichen, dass es hinsichtlich der Kabel und ihrer technischen Kapazität zu einem Missverständnis gekommen war. Sein wichtigstes Ziel besteht darin, die Wiederzulassung der Felten & Guilleaume Carlswerk AG zur Bewerbung um japanische Regierungsaufträge zu erreichen und damit zugleich ihr Ansehen als erstklassige Firma wiederherzustellen. Im vorliegenden Brief vom 13. August 1910 legt Jülich seine Eindrücke von der ersten Begegnung mit Vertretern der japanischen Post- und Telefonbehörde dar, bei der das Missverständis als solches aufgeklärt, aber noch keine Einigung über die weitere Vorgehensweise erzielt werden konnte. Darüber hinaus berichtet Jülich von Gesprächen mit Vertretern anderer deutscher Firmen, darunter Siemens. Zum weiteren Verlauf der Verhandlungen vgl. Dokument Nr. 2.4.1.11, Dokument Nr. 2.4.1.12, Dokument Nr. 2.4.1.13, Dokument Nr. 2.4.1.14.

Tokyo, 13. August 1910

Eingangsstempel des Empfängers:

C. S. 1t. Sep. 1910
Antw. es folgt ein nicht ausgefülltes Feld

No. 2.1

Carlswerk

Mülheim-Rhein

Kopie meines Schreibens vom 9. 7. füge ich nicht bei da Sie vermutlich meinen ersten und diesen Brief gleichzeitig erhalten.

Wolkenbruchartiger Regen hat nämlich mehrere Eisenbahnlinien unter Wasser gesetzt sodaß die Verbindung mit dem Süden z. Zt. nur per Schiff möglich ist.

Telephonkabel. Das Communication Department hatte uns auf gestern bestellt. Wir wurden (Herr Oberlein, Lehmann und Schreiber ds.) zuerst von dem leitenden Ingenieur, Herrn Rico, empfangen mit dem wir, da er von großem Einfluß und nach Aussage der Herren von Raspe ein hochanständiger Mensch ist, die Angelegenheit eingehend durchsprachen.2 Danach berichtete dieser dem Direktor, Herrn Oi, und dann wurden wir zu diesem geführt und dort sprachen wir im Beisein Rico‘s und des ersten Ingenieurs für Messungen die Sache nochmals durch.

Man erklärte mir Folgendes:

Sämtliche Telephonkabel würden hier 1 Draht gegen alle übrigen gemessen, bei einem 50- (resp. 52-) paarigen Kabel also 1 Draht gegen 103 und Bleimantel an Erde, während wir die gegenseitige Capacität einer Doppelader gemessen hätten.3 Man versteht daß wir die Vorschrift anders aufgefasst haben, auch daß wir in Ansehung der in Europa üblichen Meßart in gutem Glauben handelten, hält sich aber daran daß die von anderer Seite und auch die früher von uns gelieferten Kabel den hiesigen Anforderungen entsprochen hätten und daß man die in Rede stehende Lieferung nicht für Tokyo, wo große Entfernungen in Betracht kämen, gebrauchen könne sondern in kleinere Längen abteilen und in anderen Städten verwenden müsse.

Weil man nun für den dringenden Fall, für den die Kabel bestimmt waren, ohne Kabel sei und weil man jetzt erst neue hätte bestellen müssen, ferner weil ihnen durch das Schneiden in kürzere Längen und die Transporte nach anderen Plätzen viele Kosten entstanden seien [nachträglich ergänzt: bezw. entstehen würden], habe man auf einem Nachlaß, wie dem uns vorgeschlagenen, bestehen müssen.

Ich habe nun mein Bestes getan, den

Herren klar zu machen, wie uns in erster Linie darum zu tun sei die Sache aufzuklären damit auch jeder Schatten eines Verdachtes, wir hätten, möglicherweise versucht, unter der Spezifikation durchzukommen, ausgeräumt würde dann aber auch um ihnen zu erklären daß die gelieferten Kabel für den praktischen Gebrauch ebenso gut wie irgendwelche anderen Kabel seien und daß deshalb ein Abzug von 10 % + 15 % doch gar zu hart für uns sei. Wenn man Unkosten gehabt habe so würden diese doch wohl durch jene 10 % gedeckt sein, man möge dann aber die Kabel zum Fakturenwert übernehmen.

Oi erklärte, allein hieran nichts tun zu können, er werde aber bei der Conferenz mit den anderen Persönlichkeiten sehen was sich tun ließe.

Daß wir wieder auf die Liste der approved makers gesetzt würden stellte ich als selbstverständlich hin und wurde auch nicht widersprochen.

Dann bat ich um Ueberlassung von Mustern solcher Kabel die genau das von der Verwaltung verlangte darstellten. Gegen meine Erwartung ging man hierauf ein, man versprach mir sogar Abschnitte von amerikanischen, englischen und deutschen Kabeln. Auch soll ich benachrichtigt werden wenn Kabel gemessen werden damit ich mir die Sache mal ansehe.

Dann kam ich auf die Abnahme in der Fabrik zu sprechen. Ich stellte Oi vor daß alsdann etwa nicht der Spezifikation entsprechende Waren sofort neu gemacht werden könnten so daß Zeitverluste möglichst vermieden würden, daß die Fabriken dann auch angesichts des verminderten Risiko‘s noch billigere Preise stellen könnten u. s. w. Man habe ja genug japanische Ingenieure in Deutschland oder England, die Kosten wollten wir gern tragen.

Hier offenbarte sich nun in geradezu verblüffender Weise der Asiate: das sei eine feine Idee, natürlich, das wäre für alle Teile das Beste, freilich wären genügend Herren in Europa, die die Abnahme bewirken könnten u. s. w. Das wolle er sich wirklich mal überlegen! Ich hatte im selben Augenblick das Empfinden, daß es sich um elende Schauspielerei handle und erfuhr auch später, daß alle Lieferanten denselben Vorschlag schon gemacht hätten und die Frage so gut hundert mal wie einmal vorgebracht worden sei.

Oi ist überhaupt ein mit Vorsicht zu genießender Herr. Er ist von überfließender Freundlichkeit, erinnerte sich des Jubiläums des Herrn Emil Guilleaume, zu dem er 1890 als er in Mülheim war, eingeladen wurde u. s. w.

Wir sprachen auch über Telegraphenkabel und daß man uns bezw. deutsche Fabriken für große Längen nicht auf die Liste setze. Er versprach er wolle alles in Betracht ziehen.

Herr Wolff, der Nachfolger Kesslers in dem Siemens Concern (S & H, S-S-W., Siemens Bros.) den ich gestern Nachmittag sprach und den ich fragte ob sie nicht etwa auch auf Abnahme im Werk bestehen würden, sagte mir es habe keinen Zweck solange Engländer und Amerikaner mit Abnahme hier draußen einverstanden seien.4 Er meinte die Japaner verlören dadurch die Chance, refüsirte Waaren gegen einen billigeren Preis zu übernehmen, wie uns solches diesmal ja auch passiert sei, die Leute messen hier in ihrem Laboratorium und kein Mensch wird gewahr wie sie messen und wir müssen uns ihrem Urteil unterwerfen.

Siemens scheinen hiernach auch schon Erfahrungen gemacht zu haben. Aufklärungen über unsere Sache habe ich natürlich nicht gegeben. Auch wegen der Preise, meint Herr Wolff, könne nur durch internationale Verständigung etwas erreicht werden; an Untergrundkabeln verdienten sie noch eine Kleinigkeit, für Luftkabel können sie nicht mehr mit und offerirten deshalb dafür nicht mehr. –

Herr Wilhelm, von Siemens Bros., fuhr gestern nach Nagasaki zur Abnahme des ersten Teils des Formosa-Kabels. Prokurist und kaufmännischer Leiter bei Siemens ist Herr Seeberger der vor 12 Jahren bei uns (franz. Abteilung) war.

Im Hotel lernte ich Herrn Stoetzer von Escher Wyss kennen, Herrn Schaeffer, Teilhaber von Takata und Exzellenz Becker m/ Frau (den früheren Kölner Oberbürgermeister) die alle im Hotel wohnen. Wir haben 27 – 28°C Hitze, dabei aber feuchte Luft, sodaß man sich, besonders in den ersten Tagen, trotz denkbar leichtester Kleidung, recht unbehaglich fühlt.

Hochachtungsvoll!

Heinrich Jülich