|1. Blatt, Vorderseite|
Tokyo, 25 August 1910
Eingangsstempel des Empfängers:
Ausland
Eing.: 1 Sep 1910
Antw.: 1/10/10
No. 9
Carlswerk
Mülheim-Rhein
Telephonkabel. Direktor Komatsu, den ich wegen der Kabelverbindung Japan – Deutschland besuchte, sagte auf meine Frage bezüglich der Telephonkabel-Angelegenheit, daß meine Eingabe noch nicht beantwortet werden könne. Tatsache ist daß die Entscheidung über die moralische Beurteilung des Falles bezw. die Wiederzulassung unserer Firma als approved makers Sache einer Konferenz ist die demnächst stattfinden soll.
Sämtliche Herren, die ich gesprochen, sind Mitglieder dieser Konferenz, außerdem
Dr. Igarashi und der Ingenieur
Aoyama und diese besuchte ich gestern.
Igarashi ist sehr bedeutend, er
besuchte unser Werk vor ca 10 Jahren
und wurde damals, wie mir erinnerlich, sehr aufmerksam von uns behandelt. Auch
Aoyama war vor ca 5 Jahren bei uns.
Ich glaube beide sind uns wohlgesinnt. Igarashi drückte sich in diesem Sinne aus, erwähnte auch, daß andere Lieferanten ebenfalls erlebt hätten, daß ihnen Sendungen zur Verfügung gestellt worden seien und versprach, sein Bestes für uns zu tun. Er gestattete mir eine Besichtigung der Telephon-Centrale und erbat sich ebenfalls Photographien und|2. Blatt, Vorderseite| Beschreibung der Steidle’schen Gruppenstellen-Apparate, die ihn interessirten. Ich bitte die Sachen also in duplo an Raspe zu schicken.
Wenn die Herren glauben, das System für Japan adaptiren zu können, so müßte eine Versuchsinstallation, wie sie sich auf unserm Nürnberger Werk befindet, geschickt werden damit man sich ein Bild von den Funktionen der verschiedenen Apparate machen kann. Ich sagte den Herren bereits daß dies geschehen könne, wir müssen uns dann z. Zt. nur schützen daß man uns die Sache nicht nachmacht.
Ueber die hiesige Telephon-Centrale berichte ich Folgendes:
Die Säle machen einen vornehmen, äußerst saubern Eindruck. Wir mußten Tuch-Ueberschuhe über die Stiefel anziehen; der Japaner trägt ganz dünne Sandalen, außerdem auf der Straße Holzschuhe es folgt eine kleine Zeichnung welch‘ letzere er beim Eintritt in ein Haus vor der Türe läßt. Aermere Klassen gehen im Hause barfuß, andere auf Strümpfen ohne Sandalen, alle aber auf der Straße in jenen Holzschuhen. Niemand nimmt den Straßenschmutz mit in die Wohnungen.
In dem Haupsaal saßen etwa 80 Telephonistinnen in einer Reihe. Jede bedient 60–70 Abonnenten. 6 Tische vermittelten den Verkehr mit den anderen städtischen Telephon-Aemtern; der Fernverkehr wird in einem besondern Saal von etwa 15 Damen|3. Blatt, Vorderseite| bedient. Außerdem giebt es eine besondere Abteilung für die Kontrolle der Ferngespräche.
Jede Telephonistin trägt einen Kopfbügel mit 2 Telephonen; das Mikrophon hängt an einer doppelten Schnur vor der Schalttafel. Die hin- und hergehenden Aufsichtsdamen tragen Brustmikrophongehäuse. Sämtliche Apparate sowie die Schalttafeln (Glühlampen-Signalisirung) sind entweder japanisches Fabrikat oder amerikanisches: Die Batterien bestehen aus Tudor-Akkumulatoren. Im Keller zeigte man mir den Anschluss der unter- und oberirdisch hereinkommenden Kabel an die Innen-Leitungen sowie eine mächtige Maschine japanischer Herkunft zum Durchblasen von heißer Luft.
Der begleitende Ingenieur erzählte mir, daß diese Maschine fortgesetzt in Tätigkeit sei denn sie hätten viele Scherereien mit der in die Kabel dringenden Feuchtigkeit. Deshalb probirten sie alle neuen Kabel, der Spezifikation gemäß, ob sie suitable for air drying process seien. Ich sagte ihm wenn eine schadhafte Stelle nicht reparirt würde so hätte das Durchblasen doch nur vorübergehenden Wert und repariren könnten sie doch die in die Erde verlegten Kabel gewiß nicht. Er pflichtete dem bei und sagte deshalb eben seien die Maschinen fortgesetzt in Tätigkeit, da ließe sich eben nichts machen.
Die Abonnenten zahlen zuerst für ihren|4. Blatt, Vorderseite| Apparat $ 200.-, die ihnen aber nicht später zurückerstattet werden und dann per Jahr $ 66.-, Ferngespräche extra, sonst kann Jeder sprechen so oft er will. Dabei müssen die neu anzuschließenden Abonnenten oft jahrelang warten ehe ihnen der Apparat geliefert wird; infolgedessen wird eine Art Handel damit getrieben, daß Leute ihr Telephon an andere für $ 300,- und mehr verkaufen. Die Preise werden gern bezahlt von neuen Firmen oder Anderen die nicht so lange warten wollen bis das Amt ihnen den Apparat liefert.
Ich habe auch unsere Firma für die Lieferung von Apparaten bei Igarashi empfohlen. Raspes werden der Sache nachgehen.
Hochachtungsvoll!
Heinrich Jülich
Nr., Num.Nummer
Fasz.Faszikel
Bl.Blatt [einer Akte]
E, E., Eing.Eingang
Antw.Antwort
bezw., bzw.beziehungsweise
ca, ca.circa (lateinisch)
z. Z., z. Zt.zur Zeit
RWWARheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Köln
RWWARheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv, KölnAbt. 11Felten & Guilleaume Energietechnik AG, Köln (1850–1990)
Felten & Guilleaume Carlswerk AG, Mülheim am RheinDie 1826 gegründete Firma Felten & Guilleaume in Köln widmete sich zunächst vor allem der Herstellung von Hanf- und Drahtseilen, in den 1850er Jahren kamen ummantelte Telegraphenkabel hinzu. Mit dem Carlswerk in Mülheim am Rhein wurde 1874 ein zusätzlicher, langfristig ausbaufähiger Produktionsstandort eröffnet, zu dem nach und nach auch die meisten der älteren Fertigungskapazitäten aus der Stadt Köln verlagert wurden. 1899 erfolgte die Umwandlung des Carlswerkes in eine Aktiengesellschaft, die Felten & Guilleaume Carlswerk AG in Mülheim am Rhein. Deren 1. Generaldirektor wurde Emil Guilleaume. Mit Drahtseilen und Kabeln, darunter Telegraphen-, Telefon- und Starkstromkabel, machte sich das Unternehmen weltweit einen Namen. Dazu trug insbesondere die Verlegung des ersten transatlantischen Telefonkabels von Deutschland (Greetsiel) nach New York bei, das im Carlswerk hergestellt worden war. Durch die schon 1895 erfolgte Übernahme der Firma J. Obermeier in Nürnberg, aus der eine Niederlassung der Felten & Guilleaume Carlswerk AG in Nürnberg hervorging, wurden Produktionskapizitäten für Telefonapparate aufgebaut. Die 1899 von der Felten & Guilleaume Carlswerke AG gemeinsam mit der Deutsch-Atlantischen Telegraphengesellschaft gegründeten Norddeutschen Seekabelwerke (NSW) in Nordenham konzentrierten sich ganz auf die Produktion von Seekabeln. 1905 kam es außerdem zu einer engeren Kooperation mit der Elektrizitäts-AG vorm. W. Lahmeyer & Co. in Frankfurt am Main, die ein Dynamowerk unterhielt, in dem auch Elektromotoren produziert wurden. Diese Zusammenarbeit führte zur vorübergehenden Umfirmierung des Gesamtunternehmens: Die Felten & Guilleaume Lahmeyerwerke AG bestand allerdings nur bis Ende 1910, danach kehrte man zum Firmennamen Felten & Guilleaume Carlswerk AG zurück. Ausführlicher zur Unternehmensgeschichte:
Feldenkirchen, Fernostgeschäfte
;
Vogt, Überseebeziehungen von Felten & Guilleaume
;
Widdig, Felten & Guilleaume
.
M. Raspe & Co., KobeDas von Max Raspe 1877 in Kobe gegründete Handelshaus M. Raspe & Co. widmete sich zunächst vor allem dem Import von Maschinen und dem Export von Textilien. 1885 wurde eine Vertretung in Hamburg eingerichtet, deren Leitung zunächst Georg Kleinwort übernahm, später trat Hans Rudolph Raspe, ein jüngerer Bruder von Max Raspe, an seine Stelle. Auch in Japan expandierte das Unternehmen, so wurden Niederlassungen in Yokohama, Tokio, Shimonoseki und Nagasaki eröffnet. Zum Schwerpunkt entwickelte sich der Import von
Textil- und Eisenwaren
, Chemikalien, Farben und Medikamenten nach Japan. M. Raspe & Co. übernahmen die Vertretung namhafter deutscher Exportfirmen, darunter beispielsweise bis zur Fusion mit Siemens die Firma Schuckert & Co. Ende 1901 schloss auch die Kölner Firma Felten & Guilleaume einen Vertretungvertrag mit M. Raspe & Co. für Japan, was nicht zuletzt zur Erlangung von begehrten japanischen Regierungsaufträgen genutzt werden sollte. 1903 wurde eine Niederlassung in Hamburg eröffnet, 1911 eine weitere in London. Nach dem Ersten Weltkrieg gelang es nicht, die Geschäfte wieder aufzubauen, die Firma ging 1918 in Liquidation. Vgl.
Lepach, Meiji-Porträts
. - Speziell zum Vertretungsvertrag mit Felten & Guilleaume: Vgl.
Vogt, Überseebeziehungen von Felten & Guilleaume
, S. 236–239, 242–246, 253.
Jülich
, Heinrich: Reisen nach dem Fernen Osten und nach Argentinien 1910–1914, herausgegeben von Amelie Berres und Thomas Berres, Münster 2003
Jülich
, Reisen nach dem Fernen Osten
2003
Post- und Telefonbehörde, japanische; auch: Bureau of Communication, Communication Department
Mülheim am Rhein (heute: Köln-Mülheim)
Tokio [Stadt in Japan]; auch: Edo (bis 1868), Jedo (bis 1868), Jeddo (bis 1868), Tokyo, Yeddo (bis 1868)
Japan; auch: Japon (französisch), Jappan
Ostasien; auch: East Indies (englisch), Indien, Ostindien, „Osten“Der Begriff Ostasien wird in der vorliegenden Edition in einem ganz weiten Sinne verstanden als Klammer für diejenigen Weltregionen, die für deutsche Kaufleute im langen 19. Jahrhundert auf Segel- und Dampfschiffen durch Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung an der Südspitze Südafrikas oder - seit 1869 - nach Durchfahren des Suezkanals über den Indischen Ozean oder durch Umrundung der Südspitze Südamerikas über den Pazifik erreichbar waren. In den historischen Quellen synonym verwendet werden die Begriffe Indien, Ostindien oder einfach „Osten“.
China; auch: chinesisches Kaiserreich, chinesisches Reich, chinesische Republik, Reich der Mitte
Niederländisch-Indien; auch: holländisch Indien (heute: Indonesien)Gestützt auf die Vereenigde Oostindische Compagnie gelang es den Niederländern um 1600, sich sowohl gegenüber den konkurrierenden Portugiesen als auch gegenüber den verschiedenen Inselkönigreichen auf Java, Sumatra, Borneo, Celebes, Neuguinea und zahlreichen anderen Inseln Südostasiens sich als Kolonialherren durchzusetzen. Ausgehend von der Insel Java bauten sie ihre Kolonie Niederländisch-Indien immer weiter aus und behaupteten sie im frühen 19. Jahrhundert trotz zeitweiliger Abtretungen auch gegenüber den Briten. Erst 1949, nach der japanischen Besatzung und einem mehrjährigen, erbittert geführten Unabhängigkeitskampf, erlangte Indonesien schließlich seine staatliche Souveränität. Vgl.
Schulze, Geschichte Indonesiens
.
Colombo [Stadt auf der Insel Ceylon in Britisch-Indien]; auch: Columbo
Ceylon [Insel in Britisch-Indien]; auch: Ceilon
Deutschland; auch: Deutsches Kaiserreich, Deutsches ReichBis zur Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1871 kann von Deutschland nicht im Sinne eines Nationalstaates gesprochen werden. Doch in den Quellen wird der Begriff Deutschland auch zuvor häufig verwendet, wenn es den Urhebern nicht um eine Differenzierung zwischen den verschiedenen deutschen Teilstaaten ging.
Nürnberg
Steidle, Hans CarlHans Carl SteidleIngenieur, Professor für Fernmeldetechnik112607231118751949Hans Carl Steidle betätigte sich als Erfinder und publizierte zu Themen der Fernmeldetechnik. Vgl.
Steidle, Fernsprechwesen
.
Angestellter; auch: Beamter (Privatbeamter), Employé
Telefon; auch: Apparat, call (englisch), Gruppenstellen-Apparat, Telefonapparat, Telefonzentrale, Telephon, Telephon-Amt, Telephon-Apparat, Telephon-Centrale, Telephon-Verkehr
Vertreter, Vertretung; auch: agency (englisch), agent (englisch), Agent, Agentur, Alleinvertretung, Handelsagentur, representation (englisch), representative (englisch), Vertretungsgebiet, Vertretungsvertrag
Kabel; auch: Luftkabel, Seekabel, Telefonverbindung, Telegrafenverbindung, Telegraphenkabel, Telegraphenlinie, Telephonkabel, Untergrundkabel
Ingenieur; auch: engineer (englisch), Chefingenieur, Engineer in Chief (englisch)
Fotograf, Fotografie; auch: Photograph, Photographie, photographische Produkte
Schuhe; auch: Holzschuhe, Sandalen, Stiefel, Tuch-Ueberschuhe
Japaner; auch: Japanesen, japanische Unterthanen
Gebäude; auch: Fabrikgebäude, Geschäftshaus, Gerichtsgebäude, Haus, Konsulatsgebäude, Verwaltungsgebäude
Wohnung; auch: apartment (englisch), Apartment, country house (englisch), Haus, Landhaus, Wohngebäude, Wohnhaus, Wohnsitz
Telefonist; auch: Telephonist
Tudor-AkkumulatorenDie nach dem belgischen Erfinder und Ingenieur Henri Owen Tudor (1859–1928) benannten Bleiakkumulatoren, die eine gleichmäßige und nicht unterbrochene Stromzufuhr ermöglichten, zeichneten sich zudem durch ihre Langlebigkeit aus. Vgl.
Schmid/Schmid, Henri Tudor
.
Maschinen und Anlagen; auch: Apparat, Apperrat, machinery (englisch), Maschinenanlage
SpezifikationMit dem Begriff Spezifikation sind die genauen technischen Anforderungen an eine Warenlieferung angesprochen.
US-Dollar [Währungseinheit]; auch: $, Gold-DollarDer US-Dollar ist seit 1792 die einheitliche Währung der Vereinigten Staaten von Amerika und lässt sich in 10 Dimes bzw. 100 Cents aufteilen.
Preis; auch: Außenhandelspreis, Bruttopreis, Einkaufspreis, Facturapreis, Kaufpreis, Listpreis, Preisentwicklung, Preisverfall, price (englisch), Selbstkostenpreis, value (englisch), Verkaufspreis, Waarenwerth, Weerth, Wert, Werthbemessung