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Nr. 2.4.1.12

Heinrich Jülich, Angestellter der Firma Felten & Guilleaume Carlswerk AG in Mülheim am Rhein, aus Tokio, an die Firma Felten & Guilleaume Carlswerk AG, Mülheim am Rhein, betr. ein Gespräch mit KOMATSU Kenjiro, Direktor der japanischen Post- und Telefonbehörde, 25. August 1910

Brief

Regest:

In seinem Brief vom 25. August 1910 berichtet Heinrich Jülich an die Felten & Guilleaume Carlswerk AG, dass ihn der Direktor der japanischen Post- und Telefonbehörde, KOMATSU Kenjiro, bei einem persönlichen Gespräch noch um Geduld hinsichtlich einer Entscheidung über die schriftliche Eingabe vom 16. August 1910 gebeten habe. Vgl. Dokument Nr. 2.4.1.11. Jülich berichtet ferner von einem Besuch der Telefonzentrale der Stadt Tokio und den dabei sondierten Möglichkeiten, auch Telefonapparate und Telefonanlagen eigener Herstellung nach Japan zu verkaufen. In die Vermittlung einzuschalten wäre dabei die Firma M. Raspe & Co., die mit der Vertretung der Felten & Guilleaume Carlswerk AG in Japan betraut war. Zum weiteren Verlauf der Verhandlungen: Vgl. Dokument Nr. 2.4.1.13, Dokument Nr. 2.4.1.14.

Tokyo, 25 August 1910

Eingangsstempel des Empfängers:

Ausland

Eing.: 1 Sep 1910

Antw.: 1/10/10


No. 91

Carlswerk

Mülheim-Rhein

Telephonkabel. Direktor Komatsu, den ich wegen der Kabelverbindung Japan – Deutschland besuchte, sagte auf meine Frage bezüglich der Telephonkabel-Angelegenheit, daß meine Eingabe noch nicht beantwortet werden könne.2 Tatsache ist daß die Entscheidung über die moralische Beurteilung des Falles bezw. die Wiederzulassung unserer Firma als approved makers Sache einer Konferenz ist die demnächst stattfinden soll.

Sämtliche Herren, die ich gesprochen, sind Mitglieder dieser Konferenz, außerdem Dr. Igarashi und der Ingenieur Aoyama und diese besuchte ich gestern. Igarashi ist sehr bedeutend, er besuchte unser Werk vor ca 10 Jahren und wurde damals, wie mir erinnerlich, sehr aufmerksam von uns behandelt. Auch Aoyama war vor ca 5 Jahren bei uns.

Ich glaube beide sind uns wohlgesinnt. Igarashi drückte sich in diesem Sinne aus, erwähnte auch, daß andere Lieferanten ebenfalls erlebt hätten, daß ihnen Sendungen zur Verfügung gestellt worden seien und versprach, sein Bestes für uns zu tun. Er gestattete mir eine Besichtigung der Telephon-Centrale und erbat sich ebenfalls Photographien und Beschreibung der Steidle’schen Gruppenstellen-Apparate, die ihn interessirten. Ich bitte die Sachen also in duplo an Raspe zu schicken.

Wenn die Herren glauben, das System für Japan adaptiren zu können, so müßte eine Versuchsinstallation, wie sie sich auf unserm Nürnberger Werk befindet, geschickt werden damit man sich ein Bild von den Funktionen der verschiedenen Apparate machen kann. Ich sagte den Herren bereits daß dies geschehen könne, wir müssen uns dann z. Zt. nur schützen daß man uns die Sache nicht nachmacht.

Ueber die hiesige Telephon-Centrale berichte ich Folgendes:

Die Säle machen einen vornehmen, äußerst saubern Eindruck. Wir mußten Tuch-Ueberschuhe über die Stiefel anziehen; der Japaner trägt ganz dünne Sandalen, außerdem auf der Straße Holzschuhe es folgt eine kleine Zeichnung welch‘ letzere er beim Eintritt in ein Haus vor der Türe läßt. Aermere Klassen gehen im Hause barfuß, andere auf Strümpfen ohne Sandalen, alle aber auf der Straße in jenen Holzschuhen. Niemand nimmt den Straßenschmutz mit in die Wohnungen.

In dem Haupsaal saßen etwa 80 Telephonistinnen in einer Reihe. Jede bedient 60–70 Abonnenten. 6 Tische vermittelten den Verkehr mit den anderen städtischen Telephon-Aemtern; der Fernverkehr wird in einem besondern Saal von etwa 15 Damen bedient. Außerdem giebt es eine besondere Abteilung für die Kontrolle der Ferngespräche.

Jede Telephonistin trägt einen Kopfbügel mit 2 Telephonen; das Mikrophon hängt an einer doppelten Schnur vor der Schalttafel. Die hin- und hergehenden Aufsichtsdamen tragen Brustmikrophongehäuse. Sämtliche Apparate sowie die Schalttafeln (Glühlampen-Signalisirung) sind entweder japanisches Fabrikat oder amerikanisches: Die Batterien bestehen aus Tudor-Akkumulatoren. Im Keller zeigte man mir den Anschluss der unter- und oberirdisch hereinkommenden Kabel an die Innen-Leitungen sowie eine mächtige Maschine japanischer Herkunft zum Durchblasen von heißer Luft.

Der begleitende Ingenieur erzählte mir, daß diese Maschine fortgesetzt in Tätigkeit sei denn sie hätten viele Scherereien mit der in die Kabel dringenden Feuchtigkeit. Deshalb probirten sie alle neuen Kabel, der Spezifikation gemäß, ob sie suitable for air drying process seien. Ich sagte ihm wenn eine schadhafte Stelle nicht reparirt würde so hätte das Durchblasen doch nur vorübergehenden Wert und repariren könnten sie doch die in die Erde verlegten Kabel gewiß nicht. Er pflichtete dem bei und sagte deshalb eben seien die Maschinen fortgesetzt in Tätigkeit, da ließe sich eben nichts machen.

Die Abonnenten zahlen zuerst für ihren Apparat $ 200.-, die ihnen aber nicht später zurückerstattet werden und dann per Jahr $ 66.-, Ferngespräche extra, sonst kann Jeder sprechen so oft er will. Dabei müssen die neu anzuschließenden Abonnenten oft jahrelang warten ehe ihnen der Apparat geliefert wird; infolgedessen wird eine Art Handel damit getrieben, daß Leute ihr Telephon an andere für $ 300,- und mehr verkaufen. Die Preise werden gern bezahlt von neuen Firmen oder Anderen die nicht so lange warten wollen bis das Amt ihnen den Apparat liefert.

Ich habe auch unsere Firma für die Lieferung von Apparaten bei Igarashi empfohlen. Raspes werden der Sache nachgehen.

Hochachtungsvoll!

Heinrich Jülich