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Nr. 2.4.1.13

Heinrich Jülich, Angestellter der Firma Felten & Guilleaume Carlswerk AG in Mülheim am Rhein, aus Yokohama, an die Firma Felten & Guilleaume Carlswerk AG, Mülheim an Rhein, betr. allgemeine Überlegungen zum Japan-Geschäft, 1. September 1910

Geschäftsbrief

Regest:

Anknüpfend an seine seit Anfang August 1910 in Tokio geführten Gespräche und Verhandlungen sowie seine vielfältigen Reiseeindrücke legt Heinrich Jülich in diesem Brief an die Firma Felten & Guilleaume Carlswerk AG vom 1. September 1910 allgemeine Überlegungen zum Japangeschäft dar, das angesichts der raschen Industrialisierung des Landes generell große Chancen bot. Besonders beschäftigt ihn die Frage, ob sich die Felten & Guilleaume Carlswerk AG in Japan auch künftig vor allem auf die Vertretung durch das Handelshaus M. Raspe & Co. stützen sollte. Man werde sich neben japanischen Regierungsaufträgen vermehrt auch um die Anbahnung von Geschäften mit privaten Unternehmen wie zum Beispiel Mitsui bemühen müssen, was auf Wunsch dieser Firmen auch ohne Vermittlung durch Dritte geschehen könne, denen in der Regel eine Provision gezahlt werden müsse. Zu den vorausgegangenen und nachfolgenden Gesprächen und Verhandlungen vgl. Dokument Nr. 2.4.1.10; Dokument Nr. 2.4.1.12; Dokument Nr. 2.4.1.14.

Yokohama, 1. Sept. 1910

No. 121

Carlswerk

Mülheim-Rhein

Eingangsstempel des Empfängers:

C. S. 17. Sep. 1910

Antw.: 1/10/10

Allgemeines über das Japan-Geschäft.

Ich beziehe mich auf mein Schreiben No. 10 vom 25. August.

Der Bedarf an technischen Artikeln und Maschinen ist in diesem Lande groß. Viehzucht ist unbedeutend, daher kein Bedarf an Einzäunungsmaterial.2 Auf den Feldern wird vorwiegend Reis gezogen, daneben Thee und Tabak. Große Gebirgszüge, Binnenseen und gelegentliche Ueberschwemmungen stellen besonders den Ingenieuren beim Eisenbahnbau interessante Aufgaben: zwischen Tsuruga und Tokyo passirten wir in einer halben Stunde 17 Tunnels und ebensoviele Brücken. In Tokyo fährt bereits eine elektrische Eisenbahn, andere Strecken sollen gleichfalls elektrischen Betrieb erhalten. Es giebt eine Menge Erz- und Kohlenbergwerke, Fabriken aller Art, Schiffswerften, Eisenbahn-Werkstätten, projektirte Hafenbauten, Arsenale u. s. w.

Daß die bezüglichen Anfragen alle an Raspe gelangen sollten ist natürlich nicht zu erwarten, zumal die eine oder andere Firma bei diesem oder jenem Unternehmen interessirt ist oder persönliche Beziehungen zu maßgebenden Leuten hat. So sehr rührig und tüchtig also auch Raspe‘s sein mögen, wir sollten sehen, mehr als bisher auch neben Raspe’s unser Teil am hiesigen großen Bedarf zu haben wohl für Carlswerk als, vielleicht mehr noch, für Dynamowerk.

Von Regierungsgeschäften bezw. öffentlichen Submissionen sehe ich ab, da können wir nur durch den Vertreter offeriren.3 Anders bei den Privat-Unternehmungen. Wie bereits in m/ No. 10 gesagt, gelten Raspes als Konkurrenten der übrigen Importfirmen; sie können zwar in eiligen Fällen Informationen geben, event. auch mit Hülfe unserer Special-Codes telegraphisch zu Hause Anfrage halten im Allgemeinen fürchten die Firmen aber, ihrem Konkurrenten eine Fährte zu geben mittelst der dieser dann selbst dem betreffenden Geschäft nachgehen könne. Man fragt dann lieber in London oder Hamburg an und überläßt dem dortigen Hause von welcher Fabrik es die Preise einholt, auf diese Weise werde wenigstens kein Konkurrent herangezogen.

Ich möchte also empfehlen, solche über London, Hamburg oder Berlin kommende Anfragen stets seriös zu behandeln, selbst wenn sie auch von Raspe & Co vorliegen und eventuel überall hin gleiche Preise zu stellen.

Am bedeutendsten für solche Lieferungen ist unstreitig Mitsui, der seine Hände überall hat. Die Leute haben unermeßliche Kapitalien, haben eigene Bergwerke, sind Bankiers und haben eigene Bureaux in New York, London, Hamburg &c.

Von Berlin ab fuhr ich mit Herrn Noelke von Mitsui zusammen. N. ist außer einem alten Engländer der einzige europäische Angestellte der Firma. Er hatte uns vor ca. 2 Jahren in Mülheim besucht und war mir durch die damalige arrogante Art seines Auftretens – er wollte wissen, wie viel wir in einzelnen Artikeln mit R & Co umschlügen &c. – nicht in gerade angenehmer Erinnerung. Auch hat er damals eine Schrift veröffentlicht, worin er Mitsui & Co als das alleinige Heil für den europäischen Fabrikanten hinstellte und die hiesigen andern Importfirmen herunterriß.4 Die „Deutsche Japan-Post“ hat damals darauf erwidert.5 Bei den hier ansässigen Deutschen hat er naturgemäß wenig Sympathien, man sagte mir er sei früher Maschinist auf einem Dampfer gewesen und werde wohl über kurz oder lang von Mitsui, nachdem diese ihn ausgenutzt, an die Luft gesetzt werden. Ich selbst halte ihn für mehr anmaßend als bedeutend.

Mit diesem Herrn N. nun hatte ich im Bureau der Mitsui Gesellschaft eine längere Unterredung und ich muß sagen es wäre wohl wünschenswert wenn wir mit diesem hervorragenden Concern zu einer regen Geschäftsverbindung kämen. Ich sehe dabei über die Person des Herrn N. hinweg.

Wie N. mir sagte, brauche seine Firma einen besondern Typ einer großen Dynamomaschine, aber wenn sie diese einführten so wollten sie nicht daß Raspe ihnen in’s Gehege kämen, denn für diese sei es dann leicht, sich die Nachlieferungen zu sichern. Herr Direktor Astfalck habe ihm gewisse Zusicherungen gemacht, aber er wünsche das schwarz auf weiß, vorher könne er nichts anfangen.

Auch dürften wir Raspe keine Provision zahlen denn er wünsche nicht daß er so viel mehr zahlen solle damit seine Konkurrenten fett würden. Ich bat ihn, den letztern Punkt aus der Debatte zu lassen da es sich um eine interne, sich jeder Diskussion mit unserer Kundschaft entziehende Angelegenheit handle. Was dagegen die andere Sache beträfe so wolle ich gern darüber nach Hause berichten, ich könnte ihm sogar sagen daß ich persönlich eine engere Verbindung mit seiner Firma befürworten würde, ob freilich das in obiger Angelegenheit und in der von ihm vorgeschlagenen Weise möglich sei, könne


Am linken Rand findet sich eine nachträgliche, unleserliche Ergänzung in blau. ich nicht sagen. Auf meine Frage, ob seine Firma event. auch ihrerseits die Verpflichtung übernähme, nur von uns zu kaufen, antwortete er unbestimmt. Es könne ja sein daß ein anderes Fabrikat verlangt würde &c.

Nölcke will übrigens selbst in der Sache noch an Frankfurt schreiben.6

Daß es für Raspe natürlich eine heikle Sache sein würde wenn sie die Vertretung hätten und gewisse Maschinen nicht liefern dürfen ist einleuchtend. Ich möchte sagen, ein solches Abkommen sei undenkbar. Vielleicht wäre es möglich, durch Raspe an Mitsui zu liefern und dann ein solches Abkommen zu treffen daß Mitsui’s Interessen geschützt werden. Daß Raspe unter allen Umständen ausgeschlossen sein sollen ist wohl mehr auf die persönlichen Neigungen Nölcke's zu setzen. Letzterer sprach übrigens von großen Bestellungen die er Dynamowerk bereits erteilt hätte. –

Mehr kann ich zu der Sache nicht sagen, da ich die betreffenden Geschäfte und ihre Bedeutung für Dynamowerk nicht kenne. Mit Raspe habe ich natürlich nicht darüber gesprochen. Wiederholen möchte ich nur, daß Mitsui sehr bedeutend sind und daß sie jedenfalls ganz hervorragende Konsumenten bezw. Vermittler sind.

Hochachtungsvoll!

Heinrich Jülich