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Nr. 2.4.1.15

Heinrich Jülich, Angestellter der Firma Felten & Guilleaume Carlswerk AG, Mülheim am Rhein, Allgemeines über Japan, 5. Dezember 1910

Memorandum

Regest:

Nachdem Heinrich Jülich, ein Mitarbeiter der Firma Felten & Guilleaume Carlswerk AG in Mülheim am Rhein, im November 1910 von seiner mehrmonatigen Dienstreise nach Ostasien zurückgekehrt war, legt er in diesem Memorandum seine allgemeinen Eindrücke von den Japanern als Geschäftspartnern nieder. Als wichtigste Ursachen von Fehleinschätzungen seitens der Europäer macht er neben ihren mangelnden japanischen Sprachkenntnissen tiefgreifend andere kulturelle Prägungen der Japaner aus. Im Hinblick auf die von der japanischen Post- und Telefonbehörde geltend gemachte Reklamation einer umfangreichen Lieferung von Telefonkabeln, die der Anlaß für seine Reise gewesen war, gesteht er ein, dass die von den Japanern durchgesetzte Forderung nach Ermäßigung des Preises und Zahlung einer Konventionalstrafe aus deren Sicht gut zu begründen sei. Angesichts der offenkundig nicht sehr belastbaren Vertragstreue japanischer Geschäftsleute empfiehlt er, vorerst möglichst keine direkten Geschäftsbeziehungen mit japanischen Firmen aufzunehmen, sondern an der Zusammenarbeit mit vermittelnden deutschen Handelshäusern in Japan festzuhalten. Zu den vorausgegangenen Verhandlungen vgl. Dokument Nr. 2.4.1.10, Dokument Nr. 2.4.1.11, Dokument Nr. 2.4.1.12, Dokument Nr. 2.4.1.13, Dokument Nr. 2.4.1.14.

A l l g e m e i n e s ü b e r J a p a n

Ein abschliessendes Urteil über den wahren Charakter des Japaners [nachträglich eingefügt: abzugeben] gilt selbst denjenigen schwierig, die Jahrzehnte lang in Japan leben. Ich habe deshalb versucht, möglichst viele Leute zu hören, ihre Ansichten untereinander und mit eigenen Beobachtungen zu vergleichen und gebe in Nachstehendem das Ergebnis wieder:

Das Verständnis japanischer Charakterzüge würde wesentlich erleichtert werden, wenn die in Japan ansässigen Ausländer japanisch sprächen. Man überzeugt sich nämlich sehr bald, dass das von den Europäern gesprochene Japanisch nur für den Umgang mit Dienstboten und Rickschamännern ausreicht, für den Verkehr mit Geschäftsleuten, Behörden etc. bedient man sich des Englischen oder eines Dolmetschers. So spricht also der Japaner zum Europäer in einer fremden Sprache, und zwar meistens schlecht und lückenhaft, weil er sie selten anders als in Schulen etc. erlernt hat und nur gelegentlich anwendet. Die Verständigung würde erheblich besser sein, wenn der Europäer in Japan die Sprache des Landes spräche. –

Selten hört man von den im Lande ansässigen Ausländern andere als absprechende Urteile über den Japaner, eine Ausnahme bilden eigentlich nur die zu Studienzwecken sich dort aufhaltenden europäischen Forscher, die des Lobes voll über das Entgegenkommen und die Mitarbeit der Japaner sind. Ein guter Teil der abfälligen Urteile mag auf Conto des Rassenhasses kommen, der dem Europäer gegen die Eingeborenen irgendwelcher Länder, in denen er seinen Wohnsitz genommen, nachgesagt wird. Eine andere Ursache mag mit der Eigentümlichkeit des Japaners zusammenhängen, auch die verdienstriesslichsten Angelegenheiten mit ausgesuchter Freundlichkeit zu behandeln. Wie es beim Japaner als Zeichen guter Erziehung gilt, persönlichen Kummer und Verdruss vor Bekannten durch heitere Minen zu verbergen, damit die Freunde nicht auch in Betrübnis versetzt würden, so gilt es auch als unhöflich, jemanden in einer privaten oder geschäftlichen Angelegenheit anders als mit großer Liebenswürdigkeit zu behandeln; vor allem darf ihm ein abschlägiger Bescheid nur möglichst verklausuliert und unbestimmt gegeben werden, um in die persönliche Unterhaltung mit dem Besucher keinen Misston zu bringen. Daher mag es kommen, dass Kaufleute, die ein Geschäft gesichert glaubten und es nachher doch an die Konkurrenz gehen sahen, den Japanern Hinterlist, Heuchelei und Treulosigkeit vorwerfen. –

Schliesslich kommt als weiterer Beitrag zu den Ursachen der Unbeliebtheit des Japaners sein allerdings massloses Selbstbewusstsein, die Ueberzeugung, den Westländern unendlich überlegen zu sein. Auch dieses Gefühl wird natürlich sorgfältig unter der ewig lächelnden Freundlichkeit verborgen, aber es ist vorhanden, es scheint mir sogar der Schlüssel zu den Härten und Schärfen und gelegentlichen Uebervorteilungen im geschäftlichen Verkehr zu sein, die der geistig höher Stehende dem Barbaren gegenüber, der auch ihn zu übervorteilen sucht, für berechtigt und für einen Beweis seiner eignen geistigen Ueberlegenheit hält.

Bedenkt man, dass das Jahrhunderte lang vollständig abgeschlossene Volk sich innerhalb von etwa 40 Jahren die Früchte der Erfahrungen anderer Länder sozusagen mit einem Schlage zu eigen gemacht hat, dass es ganze Systeme und Organisationen, also nicht etwa deren Einzelheiten, schlankweg übernahm und mit Geschick den Anforderungen des Landes anpasst[nachträglich ergänzt: e], und dass es die geringste fremde Bevölkerung von sämtlichen Grossstaaten besitzt, so ist die Eingenommenheit des Japaners von sich erklärlich.1 Hinzu kommen die Erfolge, die die Nation in der Verteidigung ihrer Macht- und Interessensphäre zu verzeichnen hatte, ihre Stellung als vorherrschende Macht Ostasien‘s und ihr Ansehen im internationalen Verkehr.2 Herrschaftertreue und Patriotismus sind dem Volke durch Religion und Sitte tief eingeprägt, die Hilfsquellen des Landes (Kohlen, Kupfer, Oel, Rohseide, Tee, Reis, Kampfer) sind bedeutend. Man darf dem Japaner nicht verdenken, wenn er von seinem Gesichtspunkte sich für bedeutend und dem Europäer überlegen hält.

Man erklärt die beispiellose Entwicklung des Landes in einem so kurzen Zeitraum mit der ausserordentlich hohen Kultur, die Japan bereits seit Jahrhunderten besass, sowie mit dem Umstand, dass der Japaner neben der Gründlichkeit des Denkens des Orientalen die Energie des Occidentalen in der Ausführung dieser Gedanken besässe.

Ich möchte nicht sagen, dass der Japaner ungerecht ist, wenigstens dürfte Ungerechtigkeit nicht zu den Charakterzügen des gebildeten Japaners gehören. Wir haben in unserem Jahre langen Verkehr mit drüben keine Ungerechtigkeit erfahren und der Abzug, den man auf unsere Kabellieferungen machte, entsprach ziemlich dem Betrag, um welchen unsere Kabel in der Herstellung billiger als die von den Japanern – wie wir jetzt wissen – verlangten Kabel waren. Die ausserdem erhobene Conventionalstrafe war vertragsmässig festgelegt und wurde als Deckung der durch Neubeschaffung anderer Kabel, Zeitverlust etc. entstehenden Kosten bezeichnet. –

Aufrichtigkeit ist allerdings eine Tugend, die der Japaner nicht – wenigstens nicht nach unseren Anschauungen – kennt. Er ist höflich und zuvorkommend und umgeht die Wahrheit, wenn sie unangenehm ist.

Zuverlässigkeit und Vertragstreue dürfen bei den leitenden Persönlichkeiten des Landes bezw. den Verwaltungen mit Rücksicht auf das Ansehen der Nation wohl herrschen, in kaufmännischen Kreisen scheint man nach dem, was mir berichtet wurde, nach dieser Richtung von Fall zu Fall vorzugehen, sodass allzu starke Belastungsproben nicht vorgenommen werden dürfen. Man sagte mir, dass eine mündliche Vereinbarung mit einem Chinesen wertvoller sei, als ein schriftlicher Vertrag mit Japanern.

Von einem direkten Verkehr mit japanischen Firmen sollte hiernach, wie bisher, durchaus abgesehen werden und im Verkehr mit Behörden Vorsicht und genaueste buchstäbliche Einhaltung aller Abmachungen unbedingt beobachtet werden.

handschriftlich:

Cwk 5/12.10

handschriftliche Unterschrift:

Jülich