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Nr. 2.4.2.16

Karl Chrsitian Feindel, Deutscher Generalkonsul in Singapur, Bericht über die Entwicklung des globalen Kautschukmarktes, 7. April 1911

Konsulatsbericht

Regest:

Der von Karl Christian Feindel, dem deutschen Generalkonsul in Singapur, wahrscheinlich nicht auf direktem Wege an das von Clemens Delbrück geleitete Reichsamt des Innern übermittelte Bericht über die Entwicklung des globalen Kautschukmarktes vom 7. April 1911, wird von dieser Behörde am 28. Juni 1911 in Abschrift an die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. in Elberfeld weitergegeben. Feindel legt in seinem Bericht dar, dass er weiterhin von starken Schwankungen am weltweiten Kautschukmarkt ausgeht, durch vorangegangene Spekulationen auch eine gewisse Unruhe in den Wertpapierhandel eingezogen sei, er den Plantagenanbau von Kautschuk und entsprechende Investitionen aber dennoch als weiterhin vorteilhaft betrachte. Eine Gefahr berge allerdings die Entdeckung des künstlichen Kautschuks, auch wenn über die zu erwartende Produktion und Konsumtion desselben noch große Unsicherheit bestehe. Ausgehend von diesen grundsätzlichen Überlegunge gibt Feindel einen zahlenbasierten Überblick über die weltweite Produktion von Plantagenkautschuk und setzt dabei einen Schwerpunkt auf Südostasien. Die wirtschaftlichen Aussichten für „solide Kautschukgesellschaften“ beschreibt er als gut, ihre Rentabilität hänge allerdings stark von gut geschulten Pflanzern und ausreichend Arbeitskräften ab.

Abschrift, IV B 3632.

Kaiserlich Deutsches Generalkonsulat.

Singapore, den 7. April 1911.


Das vergangene Jahr war für die Kautschuk-Industrie infolge des Booms im Beginn des Jahres das bedeutungsvollste seit der Entstehung der Industrie.1 Ein plötzliches Anschwellen der Nachfrage, besonders von seiten der Vereinigten Staaten von Amerika, nach der Krisis der vorhergehenden Jahre, verbunden mit zu geringen Beständen an Rohmaterialien hatte Ende 1909 und Anfang 1910 die Preise so anschwellen lassen, daß Ende April bis 12/10 sh pro Pfund bei den Verkäufen in London erzielt wurden.2 Diese Preise, die im Verhältnis zu den Preisen von 2/6 sh vor einigen Jahren einen außerordentlich großen Unterschied darstellen, konnten auf die Dauer sich nicht halten. Die Käufer konnten die Preise nicht mehr erschwingen und hielten mit dem Kaufen zurück, der Konsum wurde eingeschränkt und als noch größere Mengen Kautschuk auf dem Markte erschienen, konnte die Reaktion nicht ausbleiben. Die Krisis kam, als auf den Auktionen Mitte April 1910 die Ware nicht mehr losgeschlagen werden konnte. Die Preise sanken und seit dieser Zeit haben sie sich, abgesehen von geringen Schwankungen auf einer absteigenden Linie bewegt. Den Preisen des Rohmaterials folgte ein Sinken der Preise der Kautschuk-Papiere. Die Hoffnungen, die man im vergangenen Sommer hegte, daß das Fallen der Preise nicht andauern würde, daß vielmehr im letzten Herbst ein neuer und längerer Boom zu erwarten sei, haben sich nicht erfüllt. Natürlich konnte diese Krisis nicht ohne Spuren vorübergehen. Die schwersten Folgen zeitigte der Boom in den großen Überspekulationen in Shanghai, die zu großen Verlusten unter den chinesischen Firmen führten. Hier ist die Krisis vorüber gegangen, ohne daß sich die großen Verluste in besonderen Konkursen oder Zahlungseinstellungen gezeigt hätten. Es ist dies ein Beweis dafür, welche ungeheuren Gewinne in der Boomzeit gemacht worden sein müssen, daß auch die großen Kursverluste später ertragen werden konnten. Andere Nachwehen einer Boomzeit wie Gründungen auf Grund falscher Prospekte, Verkauf von Papieren unter falschen Angaben über ihre Güte, sind allerdings nicht ausgeblieben und haben eine gewisse Unruhe in den Papier-Markt gebracht. Ein großer Teil des Publikums ist mißtrauisch gegenüber den Kautschuk-Papieren geworden und man hat vielfach versucht, die Papiere ebenso schnell wieder los zu werden wie man sie vor einem Jahr zu erwerben suchte. Wenn auch somit ein gewisser Pessimismus gegenüber dem Kautschuk, wie er nach einer Krisis unerläßlich ist, vorhanden ist, so ist es doch nicht richtig, die Zukunft des Kautschuks schwarz anzusehen. Allerdings hat der Kautschuk als Spekulationsobjekt an Wert bedeutend verloren, aber dafür ist die ganze Industrie in ruhigeren Bahnen gekommen. Wenn man die Produktions- und Konsumtions-Möglichkeiten des Kautschuks erwägt, so muß sowohl der Plantagenbau als auch die Anlage von Kapital in ihnen als vorteilhaft bezeichnet werden. Eine Gefahr, über deren Eintritt sich aber nichts voraus sagen läßt, bleibt allerdings immer bestehen, das ist die Entdeckung des künstlichenKautschuks, der billiger herzustellen ist als der Plantagen-Kautschuk.

Über die zu erwartende Produktion und Konsumtion wird noch viel diskutiert. Alle Voraussagen können als nur unsichere Schätzungen angesehen werden, da die Produktion der nächsten Jahre schwer zu übersehen ist; möglicherweise üben die niedrigen Preise auch wieder einen Rückschlag auf die Ausdehnung der Kautschukkultur aus. Ebenso bleibt abzuwarten, inwieweit durch das Sinken der Preise dem Kautschuk sich neue Verwendungsmöglichkeiten eröffenen. Die Angabe des hiesigen Gouverneurs (vergl. Bericht vom 21.11.1910), daß der in Britisch Malaya produzierte Kautschuk im Jahre 1916 etwa 70 000 Tonnen betragen werde, wird von vielen als zu hoch angesehen, von anderen aber bestätigt.3 Eine sehr vorsichtige Aufstellung eines bekannten Pflanzers gibt im Jahre 1916 die Ernte des Plantagen-Kautschuks von Süd-Ostasien auf etwa 62 000 Tonnen, die der übrigen Gebiete auf etwa 13 000 Tonnen an, sodaß sich die Weltproduktion von Plantagen-Kautschuk etwa 75 000 Tonnen belaufen würde. Bei dieser Berechnung ist angenommen, daß das mit Kautschuk bepflanzte Areal in Britisch Malaya, Ceylon, Java, Sumatra und Borneo 700 000 acres beträgt. Von diesen kommen jetzt erst ungefähr 100 000 acres für die Ernte in Betracht. In 1916 würden diese bei einer durchschnittlichen Ernte von 500 Pfund pro acre etwa 22 000 Tonnen bringen und die übrigen 600 000 nach Abzug gewisser Ausfälle und bei einer durchschnittlichen Ernte von 200 Pfund pro acre (das Ergebnis ist in den ersten Jahren geringer als später) etwa 63 000 Tonnen. Von dem in anderen Gebieten befindlichen Kautschuk-Areal, das auf etwa 300 000 acres angenommen wird, würden vielleicht 200 000 zur Ernte kommen, die bei einem durchschnittlichen Ertrage von 150 Pfund per acre 13 000 Tonnen ergeben würden. Rechnet man zu diesen 75 000 Tonnen Plantagen-Kautschuk noch 70 000 Tonnen wilden Kautschuk hinzu, so wird die Weltproduktion an Kautschuk in 1916 etwa 145 000 Tonnen betragen. Demgegenüber rechnet man, entsprechend den Zahlen der letzten Jahre, mit einer Vermehrung des Weltkonsums um 10 % etwa jährlich, die aber wahrscheinlich bei geringerem Preise des Kautschuks in den nächsten Jahren noch einen größeren Prozentsatz betragen wird. Bei einer solchen Steigerung wird der Konsum im Jahre 1916, wenn man den Konsum dieses Jahres auf 85 000 Tonnen annimmt, auf etwa 140 000 Tonnen steigen. Ob der Verbrauch mit der Zunahme der Produktion gleichen Schritt halten wird, wird von dem Fallen der Preise für das Rohmaterialprodukt abhängen. Eine Überproduktion in den kommenden Jahren erscheint nicht ausgeschlossen; man hofft aber, daß dann für den Plantagen-Kautschuk zunächst noch nichts zu fürchten ist. Sinken die Preise unter etwa 2/6 sh, dann ist die Gewinnung des wilden Kautschuks nicht mehr lohnend der Halbsatz „Sinken die Preise unter etwa 2/6 sh, dann ist die Gewinnung des wilden Kautschuks nicht mehr lohnend“ wurde nachträglich handschriftlich am linken Rand rot angestrichen und im Falle einer Überproduktion wird deshalb zunächst der letztere vom Markte verdrängt und solange ferngehalten werden, bis die Preise durch das verminderte Angebot wieder steigen. Man glaubt danach, daß Produktion und Preis solange automatisch aufeinander einwirken, solange noch der wilde Kautschuk ein Faktor auf dem Markte bleibt. Sollte die Produktion jedoch so steigen, daß der Plantagen-Kautschuk allein ohne den wilden Kautschuk die Konsumtion überwiegt, dann erst wäre eine Krisis für den ersteren gekommen. Wieweit diese Vermutungen eintreffen werden, ist schwer zu beurteilen. Es dürfte nicht ausgeschlossen sein, daß die Kautschukgewinnung in Brasilien, die an hohen staatlichen Abgaben leidet, sich verbilligen läßt. Jedenfalls aber nimmt man ziemlich allgemein jetzt an, daß die Preise des Rohprodukts mehr eine fallende als eine steigende Tendenz in den nächsten Jahren zeigen werden. Die etwas höheren Notierungen, die der Kautschuk im Februar d. J. zeitweise erzielte, dürfen nicht die Hoffnungen auf ein neues andauerndes Steigen der Preise erwecken. Es scheint, daß diese Steigerungen nur durch künstliche Manipulationen hervorgerufen worden sind und nicht der wirklichen Marktlage entsprachen.

Diese Aussichten sind für solide Kautschuk-Gesellschaften durchaus nicht beunruhigend. Wie bereits schon früher berichtet, sind diese Gesellschaften auch bei einem Kautschukpreis von 2 sh pro Pfund in der Lage sehr große Gewinne zu erzielen. Wenn man das Anlage-Kapital pro acre auf £ 30– annimmt, wie es bei soliden Plantagen-Gründungen der Fall ist, (bei vielen ist es noch weniger) und den Ertrag pro acre auf 500 Pfund, so bedeutet ein Gewinn von 6 d pro Pfund einen Ertrag von £ 12.10, was einer Verzinsung des Anlagekapitals von 40 % gleich kommt. Bei einem Gewinne von 3 d pro Pfund würde die Verzinsung etwa 20 % und bei einem solchen von 1 1/2 d etwa 10 % betragen. Allerdings ist das auf den acre verwendete Kapital in vielen Fällen viel größer als £ 30–, besonders bei den Gründungen, die in der Boom-Zeit entstanden sind. Nach einer kürzlich in einer hiesigen Zeitung aufgestellten Berechnung über das in Kautschuk hier investierte Kapital und deren Verzinsung sollen in Britisch Malaya etwa 22 Millionen Pfund, dem Nennwert nach, in Kautschukgesellschaften angelegt sein, deren Kurswert etwa auf das Doppelte zu veranschlagen ist, also 44 Millionen Pfund. Berechnet man die Ernte dieses Jahres in Britisch Malaya auf 12 000 Tonnen und den Preis pro Pfund auf 4 sh, so ergibt sich ein Gewinn von etwa 5 1/2 Millionen Pfund was eine Verzinsung des Kapitals von etwa 12 % bedeutet. Allerdings wenn man diese Gewinne auf die einzelnen Gesellschaften verteilt, finden sich viele, auf die kaum 1 % oder noch weniger entfällt.

Eine gute Rentabilität vieler Plantagen wird in Zukunft noch mehr als bisher von einem ordentlich geschulten Pflanzerstande und von ausreichenden billigen Arbeitskräften abhängen. Die Nachfrage nach tüchtigen Pflanzern und Plantagenleitern ist sehr groß. Der Zustrom, der in der Boomzeit Angehörige aller Stände anlockte, hat wieder nachgelassen, sodaß vielfach ein großer Mangel vorhanden ist. Trotzdem sind die Aussichten auf gute Stellungen für deutsche Pflanzer nicht günstig. Es befinden sich zu wenig Unternehmungen in deutschen Händen; in Britisch Malaya wird der englische Pflanzer und in Niederländisch-Indien der holländische bevorzugt.

Schon seit längerer Zeit ist man hier bestrebt, in Singapore einen Kautschuk-Markt zu schaffen. In Colombo hat man dasselbe Bestreben und hat dort auch schon mit regelmäßigen Verkäufen begonnen. Man fürchtet hier, daß Colombo das Zentrum für den Kautschukmarkt von Süd-Ost-Asien werden könne. Diese Stellung gehört aber Singapore mit Rücksicht darauf, daß die wichtigsten Kautschuk produzierenden Gebiete ihre Produkte über Singapore schicken. Der gesamte Kautschuk der Halbinsel sowie von Niederländisch-Indien würde voraussichtlich hier gehandelt werden, wenn hier ein Markt wäre. Für den Pflanzer ist es am besten, wenn er möglichst bald seine Produkte verkaufen kann. Auch kann er hier bessere Bedingungen als in London erzielen, weil der Käufer hier nicht so große Unkosten hat und größere Leichtigkeit die Ware zu verteilen. Endlich würde auch durch einen Kautschuk-Markt eine engere Verbindung zwischen dem Pflanzer und Verbraucher hergestellt werden, die für beide Teile nur von Nutzen sein kann. Es wird häufig in Pflanzerkreisen darüber geklagt, daß der Pflanzer den Geschmack des Konsumenten so wenig kennt und so das Produkt danach nicht einrichten kann. Bisher ist es zu regelmäßigen Verkäufen hier noch nicht gekommen. Jedoch ist die hiesige Handelskammer bereits mit einer Untersuchung über die Einrichtung von regelmäßigen Verkäufen befaßt. Es scheint, daß von London aus, von wo die meisten hiesigen Geschäfte ihre Weisungen erhalten, der Errichtung einer Kautschuk-Börse in Singapore Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Natürlich möchte man in London die guten Verdienste, die der Kautschukmarkt mit sich bringt, nicht verlieren.

Eine immer größere Bedeutung als Kautschukverschiffungshafen nimmt Port Swettenham ein. Er hat insofern einen großen Vorzug vor Singapore und Penang, als es mitten in dem den meisten Kautschuk produzierenden Malayen-Staat „Selangor“ liegt und außerdem eine Eisenbahnverbindung bis an die Werften hat, während die Waren bei Singapore und Penang erst über eine Fähre gehen müssen und dadurch eine Umschiffung nötig wird. Schon im Jahre 1910 ist mehr als die Hälfte des auf der Halbinsel verschifften Kautschuks über Port Swettenham gegangen, nämlich 58 %, dagegen über Singapore nur 26 % und über Penang 16 %.

Viel erörtert wird hier auch in letzter Zeit die Frage, den Kautschuk je nach seiner Güte für den Markt in bestimmte Klassen einzuteilen und eine Standard-Marke zu schaffen. Eine solche Klassifizierung würde für den Verbraucher insofern von Vorteil sein, als sie es ihm ermöglicht, Vorausverkäufe für längere Zeit vorzunehmen. Dagegen ist man in Pflanzerkreisen zu solchen Maßnahmen nicht geneigt. Viele gute Plantagen, die für ihren als gut bekannten Kautschuk besondere Preise erzielen, würden diese Prämie verlieren, indem ihre Marke mit schlechteren Sorten anderer Plantagen zusammengeworfen werden würde. Auch besteht die Gefahr, daß die Käufer nur zum Nachteil der Pflanzer Spekulationen machen.

Eine große Rolle in der Kautschukkultur spielen noch immer die Zwischen-Pflanzungen anderer Kulturen. Ihr Zweck ist, Gewinne aus dem Boden zu ziehen, solange der Kautschuk noch nicht geerntet werden kann. Der Wert dieser Zwischenpflanzungen wird verschieden geurteilt. Vielfach, besonders von Chinesen her ist Kautschuk auf Tapioka-Felder gepflanzt worden. Jedoch wird diese Zwischenpflanzung nicht als sehr gut angesehen, da der Tapioka im Boden zu viel Nährkraft entzieht und das Aufwachsen der jungen Kautschukbäume beeinträchtigt. Als ertragreiche Zwischenpflanzungen haben sich Kaffee, Gambier und Pfeffer erwiesen. Da Gambier nach 2 Jahren, Pfeffer nach 3 und Kaffee nach 2 bis 3 Jahren geerntet werden kann, so kann man von jeder dieser Kulturen 3 bis 4 Ernten erhalten bis die Kautschukbäume hochgewachsen sind. Besonders Robusta-Kaffee war bisher als Zwischenpflanzung sehr beliebt, da der Kaffee, der besonders in Java an die Eingeborenen verkauft wird, gute Preise erzielt hat. Neuerdings ist man hier jedoch vielfach von dieser Zwischenpflanzung wieder abgekommen, da sie oft Krankheiten auf die Kautschukbäume übertragen hat.

In den Anlagen beehre ich mich 3 Zeitungsausschnitte aus der Malaya Mail4 vom 17. Februar und 18. März einzureichen, die für unsere Kautschuk-Pflanzer in den Kolonien von Interesse sein dürften. Der erste enthält eine Zusammenstellung einer bekannten Kautschuk-Aufkauf-Firma in London Levis und Peat über die Behandlung und die Aufbereitung des Kautschuks für den Markt. Der 2. behandelt einen Aufsatz des Direktors des hiesigen Botanischen Gartens über den Bau von Häusern zum Räuchern des Kautschuks, der bei der zunehmenden Beliebtheit des geräucherten Kautschuks unter den Verbrauchern für die Pflanzer gute Winke enthalten dürfte. Der 3. endlich gibt den Vortrag eines landwirtschaftlichen Beamten der Vereinigten Malayenstaaten über die Behandlung der Diplodia, einer auch beim Kautschuk verbreiteten Krankheit der Zweige wieder.