PDF

Nr. 2.4.1.16

Fritz M. Warburg, Teilhaber des Bankhauses M. M. Warburg & Co., Hamburg, Notiz betr. einen Besuch von Carl Illies, Teilhaber der Firma C. Illies & Co., Hamburg, 31. Oktober 1913

Aktenvermerk

Regest:

Fritz M. Warburg, Teilhaber des Bankhauses M. M. Warburg & Co. in Hamburg, hält in einem Vermerk für die Kreditabteilung fest, was er bei einem Gespräch mit Carl Illies jun., dem gerade von einer längeren Japanreise zurückgekehrten Teilhaber des Handelshauses C. Illies & Co. in Hamburg, an neuen Informationen über wirtschaftliche Lage des Landes sowie verschiedene deutsche Firmen in Japan gewonnen hat. Illies beurteilt die wirtschaftlichen Aussichten Japans günstig, auch wenn das Steuersystem zu hohen Anforderungen stelle und zur Steuerhinterziehung ermuntere. Nach Warburgs Eindruck entwickelt sich die Firma C. Illies & Co. selbst sehr gut, ähnliches gilt nach den Ausführungen von Illies auch für die auf dem Maschinenimport ausgerichtete Firma Simon, Evers & Co., während das Handelshaus M. Raspe & Co. in seiner Beurteilung deutlich schlechter abschneidet. Warburg hält fest, dass man sich also darin bestätigt fühlen könne, sich bereits von M. Raspe & Co. zurückgezogen zu haben. Was die geschäftliche Zusammenarbeit zwischen M. M. Warburg & Co. und C. Illies & Co. selbst angeht, notiert Warburg seine Zusage an Illies, die Verlängerung der Laufzeit von Tratten künftig unkompliziert zu handhaben und die erforderlichen Dokumente auch nachliefern zu können. Er hofft allerdings, C. Illies & Co. künftig auch zur Inanspruchnahme eines Blankokredits gegen höhere Provisionszahlung bewegen zu können.

Notiz für die Kreditabteilung.


Betr. C. Illies & Co.


Heute war Illies bei uns, der von seinem mehrmonatigen Aufenthalt nach Japan zurückgekehrt ist. Er ist hinübergegangen, um seinen Associé Pohl abzulösen, der einen längeren Urlaub in Europa benötigte.

Ich habe mich mit Herrn Illies eingehend über die japanischen Verhältnisse unterhalten. I. ist der Ansicht, dass der ausserordentliche Fleiss und das Streben der Japaner schliesslich auch ihrem Wirtschaftsleben zu einem Erfolg verhelfen müsste. Einen Einblick in die Staatsfinanzen zu erhalten, ist allerdings schwierig; man scheint ja mit aller Mühe sparen zu wollen. Neu war mir, dass auch die bedeutenden japanischen Staatsmänner aus ihrer Stellung finanziellen Nutzen zu ziehen scheinen. So sagt man u. a. aus, dass Takahashi, der früher kein nennenswertes Vermögen besass, jetzt über ein grosses Vermögen verfügen soll. Ein Hauptfehler Japan‛s scheint der, dass man allgemein den an sich hohen Steuern in erheblich grösserem Umfange als in andern Ländern durch niedrigere Deklarationen auszuweichen versucht, und dass dies so allgemein Usus ist, dass niemand darin etwas schlechtes sieht. Illies ist der Ansicht, dass durch eine energische Steuergesetzgebung, welches falsche Steuerdeklarationen kriminell erheblich bestraft, die Japaner mit sehr viel niedrigeren Steuern auskommen würden.

Die Firma scheint sich in den letzten Jahren stetig weiter entwickelt zu haben. Sie nimmt insofern wohl vor den andern europäischen Firmen einen Vorrang ein, als die grossen japanischen Firmen, Mitsui, Takata, Okura, welche, [nachträglich ergänzt: da sie]] eingesehen haben, dass es bei grossen Geschäften doch häufig in ihrem Interesse liegt, eine europäische Firma hinzuzuziehen, mit Vorliebe mit Illies zusammengehen. Illies scheint Mitsui und Takata beide für unbedingt gut und auch moralisch hochstehend anzusehen. Die grossen englischen Firmen, wie z. b. Samuel, Samuel & Co. scheinen entschieden an Bedeutung verloren zu haben. Von den deutschen Firmen kommen Simon, Evers & Co. offenbar ganz gut weiter, da speciell das Maschinengeschäft, das sie betreiben, ein gutes ist. Kaufmann und Senger sind drüben auch immer noch beliebt, und man scheint drüben die ganze Schuld betr. des damaligen Zusammenbruchs auf den früheren Partner der Firma in Kobe zu schieben.1 Ueber Raspe & Co. hat I. entschieden eine weniger gute Meinung, und war es sicher sehr richtig, dass wir uns von dieser Firma zurückgezogen haben. Raspe & Co. haben in den letzten Jahren verschiedentlich Misserfolge erlitten. Der alte Raspe, welcher sich eigentlich schon aus dem Geschäft zurückgezogen hatte, hat tatsächlich immer noch sein Geld in der Firma und scheint auch verschiedentlich Verluste auf sich genommen zu haben. Reese soll auch schon versucht haben, sich aus der Firma wieder zurückzuziehen, vorläufig bleibt er aber noch darin. Ein tüchtiger Beamter der Firma: Refardt, ein Neffe des einen Inhabers, der bei Raspe fortgegangen ist, kommt jetzt zu Illies & Co. – Illies, die häufig grosse Installationen für industrielle Anlagen nach drüben liefern, und diese von der Uebernahme von der Fabrik ab bis zur Uebernahme drüben zu finanzieren haben, konnten von unserm Credit bisher nicht vollen Gebrauch machen, weil sie gegen jede Aussendung [nachträglich handschriftlich ergänzt: nur]] einmal trassiert haben. I. hat mich gefragt, ob wir damit einverstanden wären, wenn sie die Tratten gegen jede Aussendung [nachträglich maschinenschriftlich ergänzt: ev.]] einmal erneuern, was ich ihm selbstverständlich zugesagt habe. Ebenso habe ich mich damit einverstanden erklärt, um der Firma die Benutzung des Kredites zu erleichtern, dass sie, wenn sie einen grösseren Betrag trassiert und im Moment nur ein Teil der Dokumente zum Versand bereit ist, die andern Dokumente später liefert. – Eigentlich wird der Kredit ja überhaupt von uns als Blankokredit betrachtet; er ist aber ursprünglich als Rembours-Credit vereinbart, und da der alte Illies ihm seiner Zeit eingeschärft hat, den Kredit nur gegen Dokumente zu benutzen, so möchte er hiervon noch nicht abgehen. Illies & Co. könne gelegentlich ev. auch einmal in die Lage kommen, Blancocredite zu verwenden, und ich habe I. anheim gegeben sich, sich dann doch an uns zu wenden. Ich habe ihm dabei den Wunsch ausgedrückt, dass wir dann auch etwas mehr dabei verdienen und galube ich wohl, dass es möglich sein wird, bei solchen Blancocrediten eine leichte Erhöhung der Provision durchzusetzen (jedenfalls 1/2 %, anstatt 3/8 %).

Hamburg, den 31. Oktober 1913.

Laut Aufgabe von Herrn Dr. Warburg

handschriftliche Paraphe: FMW.