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Nr. 5.1.1.01

Schreiben Erich Ludendorffs an den Preußischen Minister für Handel und und Gewerbe und Reichswirtschaftsminister

Schreiben

Regest:

Das Schreiben Erich Ludendorffs an Reinhold von Sydow entstand im Kontext politischer Umbrüche und diplomatischer Friedensbemühungen im Spätsommer und Herbst 1917. Ludendorff stand als eigentlicher Leiter der Obersten Heeresleitung nach dem Rücktritt des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg im Juli 1917 auf dem Zenit seiner Macht. Gleichzeitig hatte im Reichstag die Zentrumspartei unter Führung von Matthias Erzberger eine neue Koalition mit gemäßigten Sozialdemokraten und Fortschrittlichen Volkspartei ins Leben gerufen. Am 19. Juli verabschiedete diese Koalition die Friedensresolution des Reichstages, die einen Verständigungsfrieden postulierte. Auf die Friedensresolution bezugnehmend, übergab Papst Benedikt XV am 15. August 1917 den Krieg führenden Staaten seine Friedensnote Dès le début, in der er ebenfalls für einen Verständigungsfrieden eintrat. Im Kontext der päpstlichen Note entwickelten sich im August und September 1917 verschiedene diplomatische Initiativen und Kontakte zwischen den Mittelmächten und der Entente, die jedoch letztlich scheiterten.1

Als unnachgiebiger Verfechter eines Siegfriedens und weitreichender annexionistischer Pläne stand Ludendorff den genannten Friedensinitiativen ablehnend gegenüber. In der vorliegenden Quelle kommt diese ablehnende Haltung im Kontext der Handelspolitik zum Ausdruck, wobei der von Ludendorff dargestellte enge Zusammenhang zwischen dem Außenhandel und der militärischen Stärke Deutschlands besonders interessant ist. Schließlich steht diese Aussage unter Anderem im Gegensatz zur von Ludendorff gleichzeitig initiierten Propagandakampagne, die die innere Stärke Deutschlands betonte. Seine Skepsis gegenüber einem vertraglich abgesicherten Zugang zum Weltmarkt hängt in erster Linie damit zusammen, dass er von vorneherein nicht mit einem dauerhaften Frieden rechnete. Unter dem Eindruck der britischen Blockade wollte er stattdessen die Voraussetzungen dafür schaffen, den Zugang zum Weltmarkt auch in einem zukünftigen Krieg aufrechterhalten zu können. Ludendorff selbst hatte einige Wochen zuvor im Kronrat seine eigene Version dieser festen Garantien vorgestellt, die seiner annexionistischen Grundlinie entsprach.

Unsere militärische Stärke nach dem Kriege wird im entscheidenden Maße von unserer finanziellen Kraft abhängen. Diese wird um so größer sein, je schneller und vollständiger es uns gelingt, unseren Außenhandel wieder aufzurichten. Ohne starken Außenhandel würden wir also militärisch schwach und unseren Gegnern auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert sein.

Es ist daher wohl kein Zweifel, daß eine der wichtigsten Aufgaben beim Friedensschluß die Wiederaufrichtung unseres Welthandels sein wird.

Abmachungen und Verträge über "offene Türen“2, "wirtschaftliche Gleichberechtigung" oder "Meistbegünstigung“ allein genügen m.E. auf keinen Fall. Das Ziel unserer Gegner war bei Kriegsbeginn die Vernichtung unserer Weltmachtstellung; es ist ihnen im Kriege gelungen, unseren Außenhandel fast restlos zu zerstören. Sie werden uns das Gewonnene nicht freiwillig zurückgeben. Wir müssen uns daher feste Garantien auf wirtschaftlichem, maritimem und kolonialem Gebiet schaffen. Ohne solche Garantien ist bei den Abmachungen3 innerhalb des Bunde unserer Feinde und bei der allgemeinen Verhetzung gegen alles Deutsche ein wirtschaftlicher Aufschwung nicht gewährleistet, mag das Können und die Tüchtigkeit der deutschen Erwerbsstände noch so groß sein.

Ich darf bei der Bedeutung, die diese Fragen auch für die zukünftige militärische Stärke Deutschlands haben, ergebenst bitten, mir mitzuteilen, welche Art Garantien zur Wiederaufrichtung unseres Welthandels für erforderlich gehalten werden.


I. A.

Ludendorff handschr. Unterschrift

Dazu am linken Rand handschriftlich:

Feste Garantien können außer durch Abmachungen nur durch die Stärke unseres Gewerbes u. unserer Industrie geschaffen werden. Es kommt also darauf an, diese durch staatliche Eingriffe u. staatswirtschaftliche Experimente4 nicht zu schwächen, sondern für uns den freien durch staatliches Wirken nicht beschränkten unleserlich, verm. „Wettbewerb“ offen zu halten.