DEUTSCHE BOTSCHAFT IN FRANKREICH
Paris, den 12. September 1920
A. 1048 E.202
Im Anschluss an den Bericht vom 8. d.M. A.1029-Nr.206.
In seinem zweiten offenen Brief an die Redaktion des "Temps" beschäftigt sich der
Senator des Aisne-Departements Chénobenoit mit der Frage: "Kann Deutschland zahlen?"
Er führt aus, ganz Deutschland halle
wieder von dem Rufe: "Wir können nicht bezahlen". Keynes habe durch Tatsachen und Zahlen
diese Behauptung zu stützen versucht und sei mit der Grund für zahlreiche
Bestrebungen, den Friedensvertrag abzuändern, gewesen. Demgegenüber weist Chénobenoit auf das Buch Raphael-Georges Lévy: "La juste paix"
hin, in dem Keynes glänzend
wiederlegt werde. (Es handelt sich um die zunächst in der
Revue des deux Mondes erschienenen Aufsätze Lévy´s, die eine heftige, aber sachlich schwache Polemik gegen Keynes Buch, dessen
Herausgabe auch in französischer
Sprache drohte, bildeten. Sie wurden wegen des Eindrucks, den sie in
französischen Leserkreisen fanden, später nochmals in Buchform
herausgegeben.)
Mit Lévy müsse man davon ausgehen, dass Deutschlands industrielle und landwirtschaftliche Kraft, durch den Krieg nicht berührt, nach anfänglichem Schwanken und Zögern bereit sei, wieder Vorkriegsform anzunehmen. Wie dieser Zustand gewesen sei, habe Helfferich in seinem anerkannten Buch über das Volksvermögen Deutschlands gezeigt. Danach habe Deutschland im Jahre 1907 Maschinen mit 8 Millionen Pferdekräften besessen, im Jahre 1912 habe es 4712 Gesellschaften mit einem Kapital von 19 Milliarden gegeben, die Sparkassenguthaben hätten 22 Milliarden betragen und seien keineswegs|2| zurückgegangen. Vom Weltbedarf an Eisen habe Deutschland ein Viertel und an Stahl noch mehr geliefert. In ausländischen Unternehmungen habe Deutschland 25 Milliarden Mark. Bucher habe das deutsche Volksvermögen sogar auf 445 Mrd. Fr. berechnet.
Gewiss sei Deutschland durch den Krieg betroffen worden. Aber die Erholung sei allgemein, die Aktien ständen hoch (Deutsche Bank 194:303), Hapag 101:172 usw.) Der Kurs der Mark erkläre diese Tatsachen nur teilweise, die Dividenden, meist 30% in der Metallurgie bewiesen auch, dass Deutschland nicht ärmer geworden sei. Es ergäbe sich daraus, dass Deutschland zahlen könne, wolle aber nicht. Aber Statistik treiben sei nicht nötig, die Reparationskommission solle ja laut Friedensvertrag von Zeit zu Zeit die Zahlungsfähigkeit Deutschlands feststellen. (Annex 2, §12). Frankreich mit seinen 39 Millionen Einwohnern habe einen Haushalt von 27 Milliarden Fr., Deutschland mit 63 Millionen Einwohnern müsste dementsprechend einen Etat von 45 Milliarden aufweisen - ganz abgesehen davon, dass Frankreichs zerstörte Gebiete besonders zu berücksichtigen wären. Nun brauche Deutschland kein Marinebudget und ein beschränktes Heeresbudget. Vor dem Krieg habe der deutsche Haushalt 3 Milliarden Fr. betragen. Wenn dann noch der Tiefstand der Mark berücksichtigt würde, blieben dann 30 Milliarden verfügbar. Dies entspreche einer 6%igen Verzinsung eines Kapitals von 500 Milliarden (Lévy). Wenn nun die Reparationskommission die Jahressumme auf nur 15 Mrd. Fr. festsetzen würde, hätte Deutschland noch einen grossen Posten verfügbar, um den Unterschied zwischen der Goldmark und dem Kurs der Papiermark auszugleichen.
So sei die Frage, ob die Konferenz in Spa nötig sei, aufzuwerfen. Für die Festsetzung des Umfangs der Schuld vielleicht nicht, da diese durch Experten – selbst internationale –|3| und die Reparationskommission geschehen könne. Aber die Frage der Sanktionen könnte den Anlass geben. Der § 18 des Annexes 2 enthielte nur die Möglichkeit von Sanktionen. Bei den Massregeln, die zu ergreifen seien, könne man an die deutschen Staatseinkünfte, die Zölle denken oder an die Besetzung eines Landes, das den Sedantag lauter als je feiert.
Wenn dergleichen das Ergebnis der Konferenz in Genf sein würde, dann könnte man
sagen: "Der Friedensvertrag ist vollendet."
PAAA BerlinPolitisches Archiv des Auswärtigen Amts BerlinPAAAPAAA R 34651
Deutsche Bank1870 in Berlin gegründete Bank, die sich zunächst vor allem in der internationalen Handelsfinanzierung betätigte und dafür auch eine Filiale in London gründete. Im Zuge einer fortfauernden Expansion entwickelte sich die Bank zunehmend zu einer Universalbank, die Investmentbanking und Privatkreditgeschäft vereinigte. Zu diesem Zweck gründete die Bank nach und nach Filialen im Deutschen Reich, bevor während der 1920er Jahre vor allem durch die Übernahme von Privatbanken eine starke Expansion des Filialsystems erfolgte. Die Fusion der Deutschen Bank mit der Disconto-Gesellschaft im Oktober 1929 war die größte Bankenfusion während der Weimarer Republik.
Hapag LloydDie HAPAG wurde 1847 als Reederei gegründet. Insbesondere unter der Leitung Albert Ballins expandierte die Firma stark im späten Kaiserreich und ihr Liniennetz umspannte den Erdball. Der Ausgang des Weltkriegs bedeutete für die Reederei den Totalverlust ihrer Flotte, jedoch gelang es, diese teilweise wieder aufzubauen und den Betrieb zu reorganisieren.
Lévy , Raphaël-Georges: La juste Paix, ou La vérité sur le traité de Versailles, Paris 1919. Lévy, Paix 1919
Helfferich, Karl: Deutschlands Volkswohlstand 1888–1913, Berlin 1913. Helfferich, Volkswohlstand 1913
Leonhard , Jörn: Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923, München 2019. Leonhard, Frieden 2019
Auswärtiges AmtDas Auswärtige Amt geht auf verschiedene Ministerien zurück, die in den deutschen Ländern für auswärtige Angelegenheiten eingerichtet wurden (beispielsweise in Preussen im Jahr 1806). Mit der Schaffung des Deutschen Reiches 1870/71 wurde ein selbständiges Auswärtiges Amt geschaffen, bei dem die einzelnen Länder aber noch verschiedene Kompetenzen in der Außenpolitik behielten. Erst mit der Gründung der Weimarer Republik ging das Monopol der Regelung der Auswärtigen Angelegenheitn auf das Auswärtige Amt und den zuständigen Minister über. AA
Paris
Berlin
Deutschland (Germany, allemand)
Frankreich
Mayer, WilhelmDiplomat11755960118.11.187406.03.1923Mayer studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Heidelberg, Würzburg und München. 1898 wurde er in Würzburg promoviert. Mayer war langjähriges Mitglied des Zentrums, gehörte aber 1920 zu den Gründungsmitgliedern der Bayerischen Volkspartei. Von Februar 1920 bis Januar 1923 war Mayer deutscher Botschafter in Frankreich. Aus Protest gegen den Einmarsch der Franzosen in das Ruhrgebiet wurde er von Reichspräsident Friedrich Ebert abberufen.
Keynes, John Maynard Ökonom11856180405.06.188321.04.1946Nach Studium der Volkswirtschaftslehre in Cambridge wurde er dort Dozent für Wirtschaft. Während des Ersten Weltkriegs war er Mitglied der Royal Commission on Indian Currency and Finance und Berater des britischen Schatzkanzlers. 1919 war er Vertreter des Treasury bei der Friedenskonferenz in Paris, eine Tätigkeit, die er allerdings vorzeitg aufgab und anschließend mit seinem Weltbestseller "The Economic Consequences of the Peace" für eine mildere Behandlung Deutschlands warb. In den 1920er und 30er Jahren gehörte er zu den wichtigsten internationalen Wirtschaftsexperten und begründete mit seinem Werk "General Theory of Employment, Interest, and Money" (1936) einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftstheorie. Ab 1942 hatte er einen Sitz im House of Lords inne und war Leiter der britischen Delegation und der Weltbank-Kommission bei den Verhandlungen zum Bretton Woods System 1944. Keynes gilt allgemein als einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts.
Chénobenoit Politiker
Helfferich, KarlPolitiker, Finanzfachmann11877382822.07.187223.04.1924 Helfferich studierte ab 1890 Rechts- und Staatswissenschaften in Berlin, München und Straßburg, wo er 1894 mit einer Dissertation über den Wiener Münzvertrag von 1857 promoviert wurde. 1899 habilitierte er sich an der Universität Berlin. 1915 wurde Helfferich Staatssekretär im Reichsschatzamt und war damit verantwortlich für die Kriegsfinanzierung des Reichs. In der Weimarer Republik gehörte er zu den führenden Politikern der DNVP. Während der Hyperinflation 1923 entwarf er den Plan einer Roggenwährung, der einer der Grundlagen für die Einführung der Rentenmark wurde. Er bewarb sich Ende 1923 um den Posten des Reichsbankpräsidenten, unterlag jedoch gegen Hjalmar Schacht. 1924 kam er bei dem Eisenbahnunfall von Bellinzona ums Leben.
ReparationenAls Reparationen werden hier die Kriegsentschädigungen bezeichnet, die Deutschland mit dem Versailler Vertrag auferlegt wurden. Auf der Londoner Reparationskonferenz vom April 1921 wurden sie auf 132 Mrd. Goldmark festgelegt. Der Zahlungsplan wurde im Rahmen des Dawes-Plans und des Young-Plans mehrfach modifiziert. Auf der Konferenz von Lausanne 1932 wurden die deutschen Reparationsverpflichtungen suspendiert.
InflationDer Begriff Inflation bezeichnet einen kontinuierlichen Anstieg des Preisniveaus, dessen Ursache in monetären Faktoren und nicht - oder nur vermittelt - in einer Veränderung der Menge und der Qualität des Güterangebots erblickt werden kann. Nach 1918 hatten die meisten europäischen Staaten mit starken Inflationen zu kämpfen, was hauptsächlich auf die Ausweitung der Budgets in Folge des Weltkriegs erklärt werden kann. Während die USA und Großbritannien hre Währungen zu Beginn der 1920er Jahre stabilisieren konnten, entwickelte sich in Deutschland und Österreich eine hyperinflationäre Dynamik.
Versailler VertragAm 18. August 1919 in Paris unterzeichneter Friedensvertrag zwischen den Alliierten und Deutschland. Aufgrund der Gebietsabtretungen, dem Verlust der Kolonien, der Einschränkung der staatlichen Souveränität und der hohen Reparationsforderungen der Entente blieb der Versailler Vertrag während der gesamten Weimarer Republik im Zentrum der politischen Debatten.
Eisen- und StahlindustrieIndustrie zur Gewinnung von Eisen aus Eisenerz und die Weiterverarbeitung von Roheisen zu Stahl. Oftmals umfassten Konzerne der Eisen- und Stahlindustrie noch vorgelagerte Produktionsbetriebe (wie den Kohlenbergbau) und nachgelagerte Produktionsstufen (wie Walzwerke). In den 1920er Jahren gehörte die vor allem im Ruhrgebiet beheimateten Konzerne der Eisen- und Stahlindustrie zu den wichtigsten deutschen Industrieunternehmen. Im Jahr 1926 schlossen sich die großen Eisen- und Stahlunternehmen mit Ausnahme der Firmen Krupp und Hoesch zum Stahltrust Vereinigte Stahlwerke zusammen.
StahlStahl bezeichnet Eisen mit einem Kohlenstoffgehalt von unter 2 Prozent.
WechselkursWechselkurs bezeichnet den Preis einer Währung ausgedrückt in einer anderen Währung.
MarkHier: Bezeichnung für die 1871 eingeführte Währung des Deutschen Reiches, die seit 1876 durch Gold gedeckt war. Im September 1924 wurde die Mark gemäß den Londoner Abkommen vom August diesen Jahres durch die Reichsmark abgelöst.
DividendeJährliche, in Prozent ausgedrückte Ausschüttung eines Unternehmens auf den Aktienbesitz.
WirtschaftsstatistikBezeichnet die statistische Erfassung des Wirtschaftslebens. Die Wirtschaftsstatistik entwickelt sich insbesondere während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dynamisch und wurde vom Staat stark gefördert, der entsprechende administrative Infrastrukturen zur statistischen Erfassung des Wirtschaftslebens schuf. Zugleich wurden nach dem Ersten Weltkrieg - nicht zuletzt als Reaktion auf die Reparationsproblematik - neue statistische Instrumente wie etwa die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung entwickelt. Zugleich wurde beispielsweise unter der Ägide des Völkerbundes die internationale Wirtschaftsstatistik stark gefördert.
GoldmarkDer Ausdruck Goldmark bezeichnete besonders ab 1918 einen in Gold ausgedrückten Markwert, der sich an der Vorkriegsdeckung orientierte.
SchuldenVerbriefte oder nichtverbriefte offene Forderungen eines Gläubigers gegenüber einem Schuldner.
SteuerSteuer bezeichnet eine Leistung (üblicherweise Geldleistung) an den Staat, zu dessen wesentlicher Einnahmequelle (neben Zöllen, Kapitaleinkommen etc.) sie gehören. Ein Anspruch auf eine konkrete Gegenleistung verbindet sich mit der Steuerzahlung nicht. Allerdings nahm in der Zwischenkriegszeit die Steuerbelastung von Unternehmen und Privatpersonen im Vergleich zur Vorkriegszeit signifikant zu, während zugleich der Staat seine sozialpolitischen Aktivitäten deutlich ausweitete (Tax-Benefit).
ZölleAbgaben (zumeist in Wert- oder Gewichtsprozent), die beim Handelsverkehr zwischen zwei politischen Einheiten gezahlt werden muss. Während das 19. Jahrhundert, insbesondere zwischen 1830 und 1880, im Zeichen der Handelsliberalisierung stand, zeichneten sich die 1920er Jahre durch einen starke Protektionismus und hohe Zollschranken aus.