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Nr. 5.2.3.11

Schreiben John von Berenberg-Gossler an das Auswärtige Amt (05.08.1921)

Brief

Regest:

Dieses von dem deutschen Botschafter in Rom, John von Berenberg-Gossler, verfasste Schreiben an das Auswärtige Amt zeigt, wie früh die Frage eines europäischen Eisen- und Stahlkartells bereits europaweit - trotz der schweren politischen Verwerfungen - diskutiert wurde und welche Hoffnungen und Ängste ein solches Projekt auslöste. Italien war nach dem Krieg dringend auf deutsche Kohle angewiesen und hatte Sorgen, von einem europäischen "Wirtschaftskonzern", beherrscht von der deutschen und französischen Schwerindustrie, an die Wand gedrückt zu werden. Bereits 1921 wurde intensiv debattiert, wie Italien sich im Falle eines solchen Zusammenschlusses verhalten sollte und wie das Land sich evtl. daran beteiligen könne.

Deutsche Botschaft Rom, 5. August 1921

J.Nr. II 886

Unter Bezugnahme auf die telegraphische Weisung Nr. 737 vom 1. August.

Betrifft: Stellungnahme der italienischen Oeffentlichkeit zu der Frage eines deutsch-französischen Zusammengehens.

- 1 Anlage -


Wie ich in meiner telegraphischen wie schriftlichen Berichterstattung schon wiederholt zu betonen die Ehre hatte, haben die ersten in der italienischen Presse veröffentlichten Nachrichten über Besprechungen des Wiederaufbauministers Dr. Rathenau mit Loucheur in der hiesigen Oeffentlichkeit eine ausserordentlich lebhafte Resonanz gefunden. Die an sich prekäre Lage der italienischen Industrie hat sich infolge der nun schon mehrere Monate andauernden wirtschaftlichen Krise in der letzten Zeit noch erheblich verschärft.1 Die Folge davon ist nicht nur bei den unmittelbar beteiligten Industriekreisen, sondern in der ganzen Oeffentlichkeit, insbesondere auch in der mit der Industrie- und Bankwelt in enger Beziehung stehenden Presse, eine gesteigerte Nervosität gegenüber allen Vorkommnissen, die die Möglichkeit einer Benachteiligung oder Schädigung der wirtschaftlichen Interessen Italiens in sich bergen könnten. Nur aus dieser psychologischen Einstellung ist es zu verstehen, dass bei den ersten Besprechungen eines deutschen mit einem französischen Staatsmanns vor der ganzen öffentlichen Meinung Italiens - vereinzelte skeptische Stimmen ausgenommen - das Schreckgespenst einer Verständigung dieser beiden Länder auf Kosten Italiens auftauchen und allgemein der Ruf nach Abwehrmassnahmen der Regierung laut werden konnte.2 Dabei ist die Losung, die der ausserordentlich[aussenpolitisch ungewöhnlich] begabte römische Berichterstatter des "Resto del Carlino", Gonfredo Bellonci, ausgegeben hatte, fast in allen Blättern aufgegriffen worden: Einfügung der italienischen Industrien in den anscheinend in der Bildung begriffenen grossen mitteleuropäischen Wirtschaftskonzern. Am auffallendsten war unter den zahlreichen Pressestimmen wohl der mit Bericht I 4281 vom 23. Juni vorgelegte, aus der Feder von Virginio Gayda stammende Leitartikel des "Messaggero" "Concentrazione di forze", der in einem stellenweise geradezu, demütigen Ton dem Wunsch und der Hoffnung der italienischen Industrie Ausdruck gab, bei einer deutsch-französischen Verständigung doch der Dritte im Bunde sein zu dürfen. Wie ich in dem genannten Bericht auch hervorgehoben habe, deckten sich diese Ausführungen fast wörtlich mit dem, was mir der Generalsekretär der Consulta Contarini in einer persönlichen Unterredung über dieses Thema gesagt hat.

Dass die Diskussion über die von der deutschen Industrie Italien drohende Einschnürung auch jetzt noch nicht zum Abschluss gekommen ist, zeigt der in der Anlage beigefügte, gestern erschienene Artikel des "Giornale d´Italia" über Stinnes. Auch Marchese della Torretta hat mir gegenüber darauf hingewiesen, wie sehr die öffentliche Meinung in Italien immer wieder durch die wirtschaftlichen Expansionsbestrebungen der Stinnes-Gruppe beunruhigt und erregt werde, und hat dabei die Frage aufgeworfen, ob die Deutsche Regierung diese Bestrebungen nicht einzudämmen in der Lage sei.3

Ich habe sofort bei Erscheinen des ersten Artikels von Bellonci mit meinem Telegramm Nr. 297 am 13. Juni darauf hingewiesen, dass die lebhafte Beunruhigung der italienischen Oeffentlichkeit über die angeblich bevorstehende deutsch-französische Verständigung unter allen Umständen von uns politisch ausgewertet werden müsse. Zweifelhaft konnte nur sein, ob die von italienischer Seite geäusserten Befürchtungen von uns zunächst als taktisches Druckmittel benutzt werden sollten, um ein Entgegenkommen Italiens gegenüber unseren Wünschen, insbesondere in Bezug auf Oberschlesien, zu erzielen, oder aber ob es sich besser in den Rahmen unserer allgemeinen Politik Italien gegenüber fügen würde, wenn von deutscher Seite die Aufregung der italienischen Oeffentlichkeit möglichst gedämpft würde. Dabei war und ist es, wie wohl kaum hervorgehoben werden muss, vollkommen gleichgültig, ob die Verhandlungen zwischen Rathenau und Loucheur tatsächlich zu irgendeinem positiven Ergebnis geführt haben, oder ob die daran geknüpften hiesigen Befürchtungen lediglich Hirngespinste waren.4 Entscheidend ist m. E. lediglich, welche Wirkung die blosse Tatsache der Verhandlungen auf die italienische öffentliche Meinung gehabt hat. Die Auswertung dieser Wirkung und nicht die Bewertung des tatsächlich in den Verhandlungen erzielten, vielleicht durchaus geringfügigen Ergebnisses war das Gebot der Stunde. Ich habe deshalb gleich vom ersten Tage an um Weisungen über die von uns zu beobachtende Haltung gebeten, bin aber ohne Instruktion geblieben. Ich bin in meinem Telegramm Nr. 308 vom 23. Juni auf meine erste Anregung zurückgekommen, jedoch mit dem gleichen negativen Erfolg. Eine Anzahl von italienischen Pressevertretern, zu denen die Botschaft Beziehungen unterhält, - u.a. Bellonci selbst, Gayda usw. - haben dieses die italienische Oeffentlichkeit in hohem Masse bewegende Thema persönlich hier erörtert. Es war mangels Instruktion leider nicht möglich, die genannten Vertreter der Presse, sei es in der einen, sei es in der anderen Richtung, eindeutig zu beeinflussen, da die Botschaft in dieser für die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien wichtigen Frage die Stellungnahme der Zentrale durch Festlegung ihres eigenen Standpunktes nicht präjudizieren durfte.

Aus dem gestern hier eingetroffenen Telegramm Nr. 737 entnehme ich, dass man sich dort für die zweite Alternative, nämlich die der Beruhigung der italienischen Oeffentlichkeit entschieden hat. Ueber die Befürchtungen der italienischen Industriekreise, über welche in dem gleichen Telegramm nähere Angaben eingefordert werden, habe ich mich in meiner früheren Berichterstattung bereits sehr eingehend geäussert. Ich darf mich in diesem Zusammenhang auf meine Telegramme Nr. 297 vom 13. Juni, Nr. 305 vom 17. Juni, Nr. 307 und 318 vom 23. Juni, ferner auf die Berichte I 4179, I 4187 vom 20. Juni, I 4281 vom 23. Juni und die mit diesen Berichten vorgelegten Pressestimmen beziehen. Es ist immer wieder das gleiche Lied, das in verschiedenen Tonarten in allen Pressestimmen wie-derkehrt, die italienische Industrie sieht in der Möglichkeit einer Verständigung zwischen dem trotz seiner Gebietsverluste immer noch an Kohlen reichen Deutschland und Frankreich, dem Lande der grössten Eisenindustrie, die Gefahr der Entstehung eines das ganze Wirtschaftsleben des Kontinents beherrschenden zentraleuropäischen Wirtschaftskonzerns, der die Industrien der übrigen Staaten, insbesondere die an sich schwer ringende italienische Industrie, zu ersticken droht.5

Gegenüber diesem Albdrücken wird auch der Hinweis auf die durch das vorläufige Wirtschaftsabkommen den Italienern gewährten grösseren Einfuhrkontingente wenig fruchten. Denn ganz abgesehen davon, dass diese Abmachungen doch wohl in erster Linie die landwirtschaftlichen Interessen Italiens berücksichtigen, geht die Beunruhigung der italienischen Oeffentlichkeit letzten Endes nicht so sehr auf die Furcht vor der wirtschaftlichen Benachteiligung zurück. Die tiefere Ursache scheint mir darin zu liegen, dass Italien in der Zusammenballung stärkster wirtschaftlicher Kräfte in Zentraleuropa, die es von einer Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland, befürchtet, sich in seiner politischen Stellung bedroht fühlt und deshalb hiergegen alle Hebel in Bewegung setzt.

[Gossler]