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Nr. 5.2.2.06

Schreiben Montagu Norman an Rudolf Havenstein (05.12.1921)

Brief

Regest:

In diesem Schreiben wendet sich der Gouverneur der Bank of England, Montagu Norman, an den Präsidenten der Reichsbank Rudolf Havenstein. Die Übersetzung des Briefes auf deutsch ist dabei bereits ein Hinweis auf die Absicht des Verfassers, nämlich eine stärkere Kooperation der großen Zentralbanken in Europa zu erreichen. Dazu sollte zum einen deren Kommunikation verbessert werden, aber auch die Unabhängigkeit der Zentralbanken von den jeweiligen Regierungen (die Norman für Deutschland ganz und gar nicht gegeben sieht) gestärkt werden. Zentral ist Normans Wunsch, dass die Zentralbankpräsidenten direkt miteinander kommunizieren sollten und nicht über Ministerien oder Mittelsmänner. Darin sieht er die beste Möglichkeit, Zentralbankpolitik unter Ausschluss politischer Einflussnahme zu koordinieren.

Bank von England

London, GG2

5. Dezember 1921

Werter Herr Präsident,

ihr Besuch in London ging vor einigen Wochen zuende und ich habe Ihnen für Ihre freundlichen Nachrichten, die ich seitdem durch Tiarks erhielt, Dank zu sagen. Ich zum mindestens freute mich über Ihren Besuch sehr und ich glaube, daß wir uns eines Tages seiner als eines "Wendepunktes" erinnern werden. Über die Geschäftsangelegenheiten werden Sie oder die Reichsbank in einem besonderen Schreiben hören.1

Am zweiten erhielt ich von Dr. Rathenau Ihren Brief vom 25. November.2 Da ich bereits auf ihn vorbereitet war, war ich in der Lage, meine Antwort am folgenden Tage auf die Post zu geben, an welchem zu ihrer Bequemlichkeit Ihnen ein Telegramm schickte, um Ihnen die Absendung zu melden. Ich zeigte die Antwort Herrn Dr. Rathenau und, obgleich er gewünscht haben mag, daß sie etwas anders abgefaßt worden wäre (da er eher politisch denn als ein Leiter einer Centralbank dachte), so glaube ich doch nicht, daß er mit ihr unzufrieden war. Ich darf Ihnen mitteilen, daß ich Abschriften an Herrn Strong in New York (teilweise telegraphisch), an Dr. Vissering und an den Governeur der Bank von Frankreich, sämtlich vertraulich, sandte.

Ich hoffe, daß die Antwort Sie befriedigt haben wird, zunächst, weil sie die wahren Tatsachen feststellte, und zweitens, weil diese Tatsachen wirklich eine Hilfe bedeuten mit Bezug auf die Angelegenheit, die Sie zustandezubringen wünschen. Ich kann Ihnen nicht darüber schreiben, wie die Angelegenheit erledigt wird, da dies keine Bankfrage ist; zudem weiß ich wirklich nicht genug darüber. Aber ich sagte Ihnen in London, daß nach meiner Ansicht die Ruhr im nächsten Monat nicht besetzt werden würde. Obgleich es sicher noch Schwierigkeiten mit Frankreich und anderen zu überwinden gibt, so halte ich auch jetzt noch an meiner Meinung fest.

Eines der Ergebnisse, von denen ich wünsche, daß es aus den in Gang befindlichen Verhandlungen herausspringt, ist eine Stärkung Ihrer (der Reichsbank) Stellung Ihrer eigenen Regierung gegenüber. Nach meiner Meinung befindet sich eine Centralbank, welche so sehr von ihrer eigenen Regierung beherrscht wird, daß sie weder Unabhängigkeit noch Initiative und nicht einmal das Recht des Protestes hat, in keiner angenehmen Lage und kann ihre Rolle weder in ihrem eigenen Lande noch, erst recht nicht, neben anderen Centralbanken spielen.3 Das ist zum Beispiel eigentlich die Lage der Bank von Frankreich und wir alle leiden darunter.4 Auf mannigfache Art ist die Stellung der Niederländischen Bank, der Bank von England und selbst der Federal Reservebank abweichend und unabhängiger. Nun da wir uns mehr oder weniger von der Herrschaft unserer Regierungen, welche während des Krieges unvermeidlich war, befreit haben, hat ganz Europa davon Nutzen. Ich hoffe daher, daß Ihre Stellung als ein Resultat der schwebenden Verhandlungen, namentlich mit anderen Centralbanken, Ihre Stellung gestärkt sein wird. Auch aus diesem Grunde war ich erfreut, daß Sie Vissering (welcher mir schriftlich und mündlich mitteilte, was er zu tun beabsichtige) einen Besuch abgestattet haben. Ich hoffe, daß Sie bereits mit Strong in Verbindung stehen.5 In allen diesen Dingen blicke auf Ihren Besuch (wie ich schon sagte) als einen Wendepunkt zurück. Viele Leute hier bringen die schwebenden Verhandlungen mit dem Besuch von Stinnes in Verbindung. Ich sah ihn nicht, aber ich hörte über ihn. Ich weiß nicht, warum er kam. Sein Standpunkt ist nicht der gleich wie der Ihrige. Ich habe Zweifel, ob er etwas gutes – finanziell oder politisch – zuwege brachte, höchstens vielleicht in eigenen Angelegenheiten. Oder man wird es Rathenau zuschreiben. Aber auch das ist nicht wahr, wenngleich seine Einsicht groß und der Ihrigen nicht unähnlich ist. Er hat einen guten Eindruck gemacht und das Verständnis in Europa gefördert. Ich wünschte, er ginge nächstens nach Paris.

Wir bekommen schlechte Nachrichten aus Österreich. Was geht dort vor?6 Die politischen Differenzen erschweren jede Aktion. Hier ist kaum genügend freies Kapital, um das Land fest auf eine wirtschaftliche Basis zu stellen, selbst wenn das jetzt möglich wäre. Ein Versuch wird soeben gemacht, um in Amerika für Österreich mit der Garantie von Kunstwerken eine Anleihe aufzulegen. Ich fürchte indessen, daß die amerikanische Regierung noch nicht die Neigung hat, Transaktionen mit solchen europäischen Ländern, außer auf charitativem Gebiet, zu ermutigen. Hier versuchen wir augenblicklich, die alte Anglo-Österreichische Bank als eine britische Gesellschaft wieder aufzurichten und so wenigstens zu einem kleinen Teil den Handel in Österreich zu fördern.7

Ich hoffe, daß die amerikanische Regierung nach glattem Verlauf der Abrüstungskonferenz in Washington8 eine allgemeine Wirtschaftskonferenz arrangieren wird, um alle finanziellen Fragen zu erledigen; ich persönlich würde mich freuen, wenn Ihr Land vertreten ist. Aber dies ist lediglich eine Hoffnung, von der in Washington noch nicht einmal Erwähnung getan worden ist.

Sie werden es verstehen, Herr Präsident, wenn ich an Sie persönlich schreibe und als ein Bank Notenbankpräsident dem anderen. Ich hoffe, daß Sie verstehen werden, wie ich es meine, und daß Sie gleichfalls an mich schreiben werden. Wenn Sie es tun, seien Sie sicher und sagen Sie es mir, wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise helfen kann; denn Sie wissen, daß ich es gerne möchte.

Ich bin, werter Herr Präsident,

Ihr aufrichtiger

Norman