|1|
Bank von England
London, GG2
5. Dezember 1921
Werter Herr Präsident,
ihr Besuch in London ging vor einigen
Wochen zuende und ich habe Ihnen für Ihre freundlichen Nachrichten, die ich
seitdem durch Tiarks
erhielt, Dank zu sagen. Ich zum mindestens freute mich über Ihren Besuch sehr
und ich glaube, daß wir uns eines Tages seiner als eines "Wendepunktes" erinnern
werden. Über die Geschäftsangelegenheiten werden Sie oder die Reichsbank in einem
besonderen Schreiben hören.
Am zweiten erhielt ich von Dr. Rathenau Ihren Brief vom 25. November. Da ich bereits auf ihn vorbereitet war, war ich in der Lage, meine Antwort am folgenden Tage auf die Post zu geben, an welchem zu ihrer Bequemlichkeit Ihnen ein Telegramm schickte, um Ihnen die Absendung zu melden. Ich zeigte die Antwort Herrn Dr. Rathenau und, obgleich er gewünscht haben mag, daß sie etwas anders|2| abgefaßt worden wäre (da er eher politisch denn als ein Leiter einer Centralbank dachte), so glaube ich doch nicht, daß er mit ihr unzufrieden war. Ich darf Ihnen mitteilen, daß ich Abschriften an Herrn Strong in New York (teilweise telegraphisch), an Dr. Vissering und an den Governeur der Bank von Frankreich, sämtlich vertraulich, sandte.
Ich hoffe, daß die Antwort Sie befriedigt haben wird, zunächst, weil sie die
wahren Tatsachen feststellte, und zweitens, weil diese Tatsachen wirklich eine
Hilfe bedeuten mit Bezug auf die Angelegenheit, die Sie zustandezubringen
wünschen. Ich kann Ihnen nicht darüber schreiben, wie die Angelegenheit erledigt
wird, da dies keine Bankfrage ist; zudem weiß ich wirklich nicht genug darüber.
Aber ich sagte Ihnen in London, daß nach
meiner Ansicht die Ruhr im nächsten Monat nicht besetzt werden würde. Obgleich
es sicher noch Schwierigkeiten mit Frankreich|3| und anderen zu überwinden gibt, so halte ich
auch jetzt noch an meiner Meinung fest.
Eines der Ergebnisse, von denen ich wünsche, daß es aus den in Gang befindlichen Verhandlungen herausspringt, ist eine Stärkung Ihrer (der Reichsbank) Stellung Ihrer eigenen Regierung gegenüber. Nach meiner Meinung befindet sich eine Centralbank, welche so sehr von ihrer eigenen Regierung beherrscht wird, daß sie weder Unabhängigkeit noch Initiative und nicht einmal das Recht des Protestes hat, in keiner angenehmen Lage und kann ihre Rolle weder in ihrem eigenen Lande noch, erst recht nicht, neben anderen Centralbanken spielen. Das ist zum Beispiel eigentlich die Lage der Bank von Frankreich und wir alle leiden darunter. Auf mannigfache Art ist die Stellung der Niederländischen Bank, der Bank von England und selbst der Federal Reservebank abweichend und unabhängiger. Nun da wir uns mehr oder weniger|4| von der Herrschaft unserer Regierungen, welche während des Krieges unvermeidlich war, befreit haben, hat ganz Europa davon Nutzen. Ich hoffe daher, daß Ihre Stellung als ein Resultat der schwebenden Verhandlungen, namentlich mit anderen Centralbanken, Ihre Stellung gestärkt sein wird. Auch aus diesem Grunde war ich erfreut, daß Sie Vissering (welcher mir schriftlich und mündlich mitteilte, was er zu tun beabsichtige) einen Besuch abgestattet haben. Ich hoffe, daß Sie bereits mit Strong in Verbindung stehen. In allen diesen Dingen blicke auf Ihren Besuch (wie ich schon sagte) als einen Wendepunkt zurück. Viele Leute hier bringen die schwebenden Verhandlungen mit dem Besuch von Stinnes in Verbindung. Ich sah ihn nicht, aber ich hörte über ihn. Ich weiß nicht, warum er kam. Sein Standpunkt ist nicht der gleich wie der Ihrige. Ich habe Zweifel, ob er etwas gutes – finanziell oder politisch – zuwege brachte,|5| höchstens vielleicht in eigenen Angelegenheiten. Oder man wird es Rathenau zuschreiben. Aber auch das ist nicht wahr, wenngleich seine Einsicht groß und der Ihrigen nicht unähnlich ist. Er hat einen guten Eindruck gemacht und das Verständnis in Europa gefördert. Ich wünschte, er ginge nächstens nach Paris.
Wir bekommen schlechte Nachrichten aus Österreich. Was geht dort vor? Die politischen Differenzen erschweren jede Aktion. Hier ist kaum genügend freies Kapital, um das Land fest auf eine wirtschaftliche Basis zu stellen, selbst wenn das jetzt möglich wäre. Ein Versuch wird soeben gemacht, um in Amerika für Österreich mit der Garantie von Kunstwerken eine Anleihe aufzulegen. Ich fürchte indessen, daß die amerikanische Regierung noch nicht die Neigung hat, Transaktionen mit solchen europäischen Ländern, außer auf charitativem Gebiet, zu ermutigen. Hier versuchen wir augenblicklich, die|6| alte Anglo-Österreichische Bank als eine britische Gesellschaft wieder aufzurichten und so wenigstens zu einem kleinen Teil den Handel in Österreich zu fördern.
Ich hoffe, daß die amerikanische Regierung nach glattem Verlauf der
Abrüstungskonferenz in Washington eine allgemeine Wirtschaftskonferenz
arrangieren wird, um alle finanziellen Fragen zu erledigen; ich persönlich würde mich freuen, wenn Ihr Land vertreten ist. Aber
dies ist lediglich eine Hoffnung, von der in Washington noch nicht einmal
Erwähnung getan worden ist.
Sie werden es verstehen, Herr
Präsident, wenn ich an Sie persönlich schreibe und als ein
Bank Notenbankpräsident dem anderen. Ich hoffe, daß Sie verstehen
werden, wie ich es meine, und daß Sie gleichfalls an mich schreiben werden. Wenn
Sie es tun, seien Sie sicher und sagen Sie es mir, wenn ich Ihnen in irgendeiner
Weise helfen kann; denn|7| Sie wissen, daß ich es gerne möchte.
Ich bin, werter Herr Präsident,
Ihr aufrichtiger
Norman
BArch Berlin-LichterfeldeBundesarchiv Berlin-LichterfeldeR 2501
Anglo-Österreichische BankDie 1863 mit britischem Kapital gegründete Anglo-Österreichische Bank (kurz: Anglobank) besaß ein umfangreiches Filialnetz in den Kronländern der Habsburger Monarchie. Nach dem Weltkrieg geriet sie jedoch in finanzielle Schwierigkeiten und 1922 wurde dann auf Vermittlung britischer Banken in London die Anglo-Austrian Bank als Nachfolgeinstitut gegründet, das die Aktiva und Passiva der Anglo-Österreichischen Bank übernahm. Die Bank spielte eine wichtige Rolle in der Handelsfinanzierung.
Reinhardt , Simone: Die Reichsbank in der Weimarer Republik, Frankfurt/M. 2000. Reinhardt, Reichsbank 2000
Mouré , Kenneth: The Gold Standard Illusion. France, the Bank of France, and the International Gold Standard, 1914–1939, Cambridge 2002. Mouré, Illusion 2002
Eichengreen , Barry: Golden Fetters. The Gold Standard and the Great Depression, 1919–1939, New York 1992. Eichengreen, Golden Fetters 1992
Marcus , Nathan: Austrian Reconstruction and the Collapse of Global Finance, 1921–1931, Cambridge/Mass. 2018 Marcus, Austrian Reconstruction 2018
Natmeßning , Charlotte: Britische Finanzinteressen in Österreich. Die Anglo-Österreichische Bank, Wien 1998. Natmeßning, Finanzinteressen 1998
Steiner , Zara: The Lights that failed. European International History 1919–1933, Oxford 2007. Steiner. The Lights that failed 2007
Bank of EnglandDie Bank of England ist die Zentralbank des Vereinigten Königreichs Großbritannien und hat ihren Sitz in London. Sie wurde im Jahr 1694 gegründet und war ab 1816 eine der ersten Banken, die eine Deckung der Währung auf reiner Goldbasis etablierten. Während der 1920er Jahre versuchte die Bank unter der Führung von Governor Montagu Norman den Gold-Exchange-Standard als Ersatz für den Goldstandard der Vorkriegszeit zu etablieren. Zugleich war es ihr Ziel, die Bedeutung von London als globalem Finanzplatz zu stärken. BoE
ReichsbankDie Reichsbank war von ihrer Gründung 1876 bis zu ihrer Auflösung 1945 die
Zentralbank des
Deutschen Reiches. Ihre
Gründung fällt zusammen mit dem Eintritt des Deutschen Reiches in das Internationale
Währungssystem des Goldstandards. Als die Goldbindung der Mark 1914 infolge des Ausbruchs des Ersten
Weltkrieges suspendiert wurde, entwickelte sich die Reichsbank mehr und mehr
zum Finanzier der deutschen Kriegswirtschaft. In der nicht zuletzt
durch diese Politik bewirkten Inflation kam es erst im Jahr 1923 zu
wirksamen Gegenmaßnahmen. 1924 wurde die Reichsbank im Zuge des Dawes-Plans sowohl vom
Reich unabhängig als auch unter internationale Aufsicht gestellt.
Banque de FranceDie Banque de France ist die Zentralbank
Frankreichs. Sie wurde im Jahr
1800 durch Napoleon ins Leben gerufen und hat ihren Hauptsitz in Paris. Während der 1920er Jahre,
insbesondere nach der Stabilisierung des Franc 1926/28, profilierte sie sich im globalen
Währungssystem als wichtigster Widersacherin der Bank of England.
De Nederlandsche BankDie De Nederlandsche Bank ist die Zentralbank der Niederlande. Sie wurde 1814 gegründet und besitzt das Emissionsmonopol für Banknoten in den Niederlanden. Der Hauptsitz der Bank liegt in Amsterdam. Die Geldpolitik der Bank in den 1920er Jahren leistete einen wesentlichen Beitrag dazu, Amsterdam als internationalen Finanzplatz erneut zu etablieren.
Federal Reserve BankDas Federal Reserve System wurde 1913 gegründet als Reaktion auf die
zersplitterte und altmodische Verfassung des Notenbankwesens. Ein wichtiger
Ideengeber war der deutsch-amerikanische Bankier Paul Warburg. Eine Zentralbank war
angesichts der föderalen Tradition des Landes nicht durchsetzbar, deswegen
wurde ein System aus acht Federal Reserve Banken geschaffen mit einem
gemeinsamen Board in Washington D.
C.
London
Berlin
Europa
Deutschland (Germany, allemand)
New York
Frankreich
Paris
Österreich
Washington
Norman, Montagu Collet Bankier12473118X06.08.187104.02.1951Nach einer frühen Karriere im Privatbankensektor trat Norman 1907 als Direktor bei der Bank of England ein. Während des Ersten Weltkriegs beriet er verschiedene Stellen der britischen Regierung. 1917 wurde er zum Deputy Governor und 1920 schließlich zum Governor der Bank of England ernannt, die er bis 1944 leiten sollte. Er gehörte zu den wichtigsten Zentralbankiers der Zwischenkriegszeit und war an zahllosen politischen Maßnahmen zur Stabilisierung des europäischen Wirtschaftslebens beteiligt. Mit dem langjährigen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht verband ihn über lange Zeit eine freundschaftliche Beziehung.
Havenstein, RudolfBankier11655029510.03.185720.11.1923Nach Studium der Rechtswissenschaft in Heidelberg und Berlin trat Havenstein 1887 in den preussischen Staatsdienst ein; zunächst als Richter, bevor er 1890 in das Preussische Finanzministerium eintrat. Von 1900 bis 1908 war Havenstein Präsident der Königlichen Seehandlung. Seit Januar1908 bis zu seinem Tod amtierte er als Präsident der Reichsbank, deren Leitung er während der Inflation zu verantworten hatte.
Rathenau, WalterIndustrieller, Politiker11859843029.09.186724.06.1922Rathenau war der älteste Sohn des Industriellen und AEG-Gründers Emil Rathenau. Von 1886 bis 1889 studierte er in Straßburg und Berlin Physik, Philosophie und Chemie bis zur Promotion. Seit 1892 bekleidete er verschiedene Posten bei deutschen Industrieunternehmen, so von 1900 bis 1907 im Vorstand der AEG. Danach verlegte sich Rathenau immer stärker auf die Mitgliedschaft in Aufsichtsräten von Industrieunternehmen. Er gab wesentliche Anstöße zur Etablierung der Rohstoffbewirtschaftung während des Ersten Weltkrieges. Daneben entfaltete er eine vielbeachtete schriftstellerische Tätigkeit zur wirtschaftlichen und kulturellen Lage. Im Mai 1921 wurde Rathenau Wiederaufbauminister und schloss im Oktober 1921 mit Frankreich das Wiesbadener Abkommen über privatwirtschaftliche deutsche Sachlieferungen ab. Im Januar 1922 wurde Rathenau zum Außenminister ernannt, um Deutschland bei der Konferenz von Genua zu vertreten. Im Juni 1922 wurde er bei einem Attentat ermordet.
Strong, Benjamin Bankier12118547822.12.187216.10.1928Nach einer Ausbildung zum Bankbeamten und einer erfolgreichen Karriere bei verschiedenen Trustgesellschaften trat Strong 1904 bei Bankers Trust ein. Nach erfolgreicher Intervention während der Finanzkrise 1907 wurde Strong 1909 Vizepräsident und 1914 Präsident der Bank. Von 1914 bis 1928 amtierte Strong als Gouverneur der Federal Reserve Bank of New York und war in dieser Rolle einer der einflussreichsten Zentralbankiers der 1920er Jahre. Insbesondere seine enge Zusammenarbeit mit Montagu Norman war für die Stabilisierung zahlreicher Finanzkrisen von großer Bedeutung.
Vissering, Gerard Bankier13379245501.03.186519.12.1937Vissering war der Sohn des früheren niederländischen Finanzministers Gerard Vissering. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft arbeitete er von 1891–1895 zunächst als Rechtsanwalt in Amsterdam. Nach verschiedenen Stationen in der Amsterdamer Finanzwirtschaft war er von 1900–1906 Direktor der Amsterdam’schen Bank und von 1906 bis 1912 Präsident der Javaschen Bank. Von 1912 bis 1931 bekleidete er das Amt des Präsidenten der Niederländischen Nationalbank.
Robineau, Georges Bankier13358952801.07.186009.04.1927Nach dem 1885 abgeschlossenen Jurastudium war Robineau zunächst journalistisch tätig. 1887 trat er als Inspekteur in die Banque de France ein und amtierte von 1902–1920 als Generaldirektor. Von 1920–1926 amtierte er als Gouverneur der Banque de France und musste mit der zunehmenden Entwertung des Franc zurechtkommen.
Stinnes, HugoIndustrieller, Politiker11861822912.02.187010.04.1924Stinnes gehörte zu den schillerndsten Unternehmerpersönlichkeiten der Weimarer Republik. Seit 1903 hatte er mit der Hugo Stinnes AG einen selbständigen Handelskonzern aufgebaut, der zunehmend zur Basis des Großprojekts einer vertikalen Integration in der Schwerindustrie wurde. Er etablierte die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-AG unter den großen schwerindustriellen Unternehmungen des Ruhrgebiets. Während der Inflationsjahre setzte Stinnes seinen Expansionskurs fort, kaufte zahlreiche Unternehmen auf und etablierte u. a. die Siemens-Rheinelbe-Schuckert-Union, die einen großen vertikalen Zusammenschluss von der Urproduktion bis hin zum Handel darstellte.
ZentralbankBezeichnet die Bank, die in einem Land das Monopol auf die Notenemmission besitzt. Im Goldstandard und Golddevisenstandard war sie ebenfalls für die Aufrechterhaltung der Notendeckung verantwortlich. Insbesondere durch die Festsetzung des Diskontsatzes übernahm sie eine wichtige Rolle für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Gleichzeitig waren die Zentralbanken im Goldstandard in der Regel (von Ausnahmen wie Italien abgesehen) souverän. Die Zentralbankpräsidenten stellten u. a. deswegen wichtige politische Figuren dar.