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In dieser Antwort auf einen Artikel des französischen Journalisten Victor Truant werden aus deutscher Perspektive noch einmal die Gründe aufgelistet, die gegen den Zusammenschluss in einem internationalen Kartell bzw. Syndikat sprachen. Ein solcher Zusammenschluss war seit langem in der Debatte, vor allem weil die jeweilige Rohstoffbasis Deutschlands (Kohle) und Frankreichs (Erze) sehr gut zusammenpassten. Allerdings verhinderten die politischen Gegensätze nach dem Ersten Weltkrieg für viele Jahre eine verstärkte Zusammenarbeit, die dann schließlich mit der kurzlebigen Internationalen Rohstahlgemeinschaft ab 1926 zustandekommen sollte. |
8. Juni 1923
Bemerkungen zu der Antwort des Herrn Viktor Truant:
"Können Frankreich und Deutschland Verbündete in der Stahlindustrie sein?"
Herr Truant hat es für erforderlich gehalten, gewisse Behauptungen von Dr. Reichert als irreführend und vollkommen unrichtig zurückzuweisen. Gegen die Ausführungen des Herrn Truant liesse sich vielerlei erwidern. Wir beschränken uns im folgenden nur auf die Hauptpunkte einzugehen
1. Der Wunsch nach friedlicher Verständigung
Wir sind überzeugt, dass weite Kreise des französischen Volkes die endliche Wiederherstellung eines wahren Friedens in der Welt und die Anbahnung friedlicher Beziehungen so wie das Zustandekommen einer gemeinsamen Verständnis vollen Zusammenarbeit zwischen den beiden bisher feindlichen Ländern herbeisehnen. Ob aber dieser innige Wunsch nach Verständigung auch von der französischen Regierung geteilt wird, darin hegt man in Deutschland - und wir glauben zum Teil auch im übrigen Auslande - starke Zweifel. Wir erinnern nur an die Ausführungen von Lloyd George im "Daily Telegraph" oder an die Aufsätze des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Nitti über die französischen Kriegs- und Friedensziele. Die Bewohner des Rheinlands, haben die "Pénétration Pacifique" der französischen Regierung mit Hilfe schwarzer und farbiger Truppen in den letzten Jahren auf das Härteste zu fühlen bekommen.1 Ganz offen wird von französischer Seite im Einverständnis mit der französischen Regierung die Bildung einer unabhängigen rheinischen Republik gegen den Willen von 95 % der Bevölkerung betrieben.2 Wir erinnern nur an die berühmte Denkschrift des französischen Senators Dariac.3 Angeblich sollte die rheinische Republik Frankreich die nötige Sicherung vor Angriffen von deutscher Seiteher gewähren. Der Vorschlag der Regierung Cuno, ein Menschenalter lang einen Neutralisationsvertrag über das linksrheinische Gebiet mit Frankreich und Belgien sowie Luxemburg abzuschliessen, ist von der französischen Regierung nicht einmal angehört worden.
Ebensowenig wie das deutsche Volk hat auch bisher die Eisenindustrie den Willen zur Verständigung seitens der französischen Regierung empfunden. Im Gegenteil ist ihr gelegentlich der Abstimmung in Oberschlesien, vor allem aber bei der Behandlung des Saargebiets, immer wieder der Machtwillen Frankreichs vor Augen geführt worden und zwar in Formen, die jeder wirtschaftlichen Vernunft hohnsprechen.4 Aus diesen Erfahrungen heraus fällt es der deutschen Industrie schwer, den Versprechungen der französischen Regierung Glauben zu schenken, dass die Ruhrbesetzung wirklich nur friedlichen Zwecken dienen soll. Dies umsoweniger, da die sogenannte friedliche Ingenieurkommission an der Ruhr von einem Heer von 80–100.000 Mann, die auf das Modernste mit allen Kriegsmitteln ausgerüstet sind, begleitet ist.
Herr Truant ist Franzose und daher wundern wir uns nicht, , wenn er aus seiner Einstellung heraus wirklich an die friedlichen Absichten seiner Regierung glauben sollte. Der objektiv denkende Ausländer wird sich zu diesem Punkt am besten selbst sein Urteil bilden, wenn er neben die vielen Versprechungen der französischen Regierung ihre Taten an der Saar, an der Ruhr und in Oberschlesien stellt.
2. Der Austausch von Kohlen und Erz
Deutschland bezog im Jahre 1915, also selbst über die lothringische Minette verfügte, rund 4,6 Millionen Tonnen schwedischer Eisenerze. Im Jahre 1922 hat die deutsche Eisenindustrie neben 2 Millionen Tonnen Minette 4,9 Millionen Tonnen schwedischer Erze verhüttet. Die Gründe für die verstärkte Heranziehung der Schwedenerze und die Einschränkung im Verbrauch der Minette sind zweierlei Natur. Im Jahre 1921 sperrte die französische Regierung die Ausfuhr der Minette nach dem Rheinland für die Dauer von etwa einem halben Jahre. Die deutschen Hüttenwerke waren also genötigt, sich anderweit nach Erzen umzusehen, um die laufende Belieferung sicherzustellen. Der wichtigere Grund liegt aber in der grösseren Ergiebigkeit der Schwedenerze gegenüber den französischen. Erstere haben einen Eisengehalt von 60–65 %, letzte nur von 28–35 %. Schwedenerze benötigen zur Herstellung gleicher Mengen Roheisen, also sehr viel geringere Koksmengen. Der Eisengehalt ist also ein Faktor, der bei der ausserordentlichen Kohlen- und Koksknappheit für die deutsche Eisenindustrie ausschlaggebend war.
Aus Gründen technischer Natur wird die deutsche Industrie auf den Bezug der phosphorreichen Minetteerze aber nicht vollkommen verzichten können. Ihr liegt also daran, ebenso, ebenso wie der französischen, einen Austausch von Erz gegen Koks herbeizuführen. Bereits bei den Waffenstillstandsverhandlungen im Jahre 1919 wurde daher von deutscher Seite der Beschluss langfristiger Lieferungsverträge in Aussicht genommen und zu ihrer Sicherung die gegenseitige Belieferung der deutschen und französischen Industrie nach einer Reihe französischer Erzgruben und rheinischen Zechen vorgeschlagen. Die Pläne wurden aber französischerseits abgelehnt. Ähnliche Vorschläge sollten die deutschen Industriellen Hugo Stinnes, Klöckner und Silverberg im Dezember 1920 und Januar 1923 der französischen Regierung entwickeln; sie wurden aber überhaupt nicht vorgelassen, geschweige angehört. Deutscherseits hat es also an einem Verständigungswillen nicht gefehlt, von französischer Seite wird der angeblich schlechte Willen der deutschen Industriellen damit zu beweisen versucht, dass man auf die rückständigen Lieferungen an Kohlen und Koks gegenüber den Pflichtlieferungen hinweist. Der neutrale Beobachter übersieht nur zu leicht, dass Deutschland im Jahre nur 1 504 047 Tonnen gleich 7,8 % hinter den verlangten Lieferungen zurückgeblieben ist.
3. Die Störung des italienischen Gleichgewichts in Europa
In seinem Buch "das friedlose Europa" hebt der italienische Ministerpräsident Nitti, einer der Verfasser des Friedensvertrages von Versailles, der die französischen Wünsche für den Friedensschluss besonders eingehend studiert hat, wiederholt hervor, dass Frankreichs Ziele auf die Beherrschung der europäischen Kohlenschätze hinausgehen. Er weist auf die Ausbeutung der Saargruben, auf die Einflussnahme Frankreichs bei der Loslösung der oberschlesischen Kohlenreviere vom Deutschen Reiche und auf die Interessenahme französischen Kapitals an den polnisch gewordenen Gruben hin.5 In weiteren Aufsätzen, die er in der "United Press" veröffentlicht hat, zeigt er, wie stark das Schwergewicht der kontinentalen Kohlenindustrie dadurch heute bei Frankreich liegt. Die Kohle bildet aber das Rückgrat der europäischen Industriewirtschaft. Durch die Beherrschung der Kohle sichert sich Frankreich die industrielle Hegemonie auf dem Kontinent.
Aber auch das Schwergewicht der Eisenwirtschaft Europas neigt sich immer zugunsten Frankreichs. Durch schärfsten Zwang hat Frankreich die Saarhütten mit einer einzigen Ausnahme unter seine Kontrolle gebracht. Nachdem Luxemburg ein Zollbündnis mit Belgien eingegangen ist, stehen jetzt die belgisch-französischen Verhandlungen über den Abschluss einer gemeinsamen Wirtschafts-und Zollpolitik vor dem Abschluss. Dadurch hat Frankreich die Vorherrschaft über die westlichen Eisenindustrien des Kontinents errungen. Nun soll nach den Forderungen der französischen Minister Loucheur, Seydoux und anderen zur Sicherung der französischen Forderungen und zur Kontrolle der französischen Industrien zwangsweise franzö-sisches Kapital bis zur Höhe von 30 % bei der Industrie, insbesondere bei der Eisenindustrie, beteiligt werden. Schon heute darf man schätzen, dass im Durchschnitt 10–15 % der Aktien unserer grossen Werke in ausländischen Händen sind. Gelingt es den französischen Forderungen, die Beteiligung am Kapitel der deutschen Hüttenwerke zu erzwingen, so beherrscht tatsächlich die französische Finanz und durch sie die französische Regierung die Eisenindustrie nicht nur Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs, sondern darüber hinaus auch von Deutschland und Polen.