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In diesem Schreiben gibt Paul Warburg, Bankier und einer der geistigen Gründerväter der Amerikanischen Federal Reserve Bank, einen Bericht aus dem Innenleben der Finanzwelt auf dem Höhepunkt der Inflation, der zeigt, das selbst im Sommer 1923 noch so etwas wie "Normalität" in internationalen Bankgeschäften möglich war. |
New York, den 23. Juli 1923
No. 196.
Lieber Max,
Die folgende Sache geht mir durch den Kopf und es waere vielleicht ganz gut, sie mit Bruder Fritz und Jimmie1 zu besprechen waehrend er in Hamburg ist;
Wir haben selbstverstaendlich die ausgesprochene Tendenz, was uns in Deutschland in die Finger faellt, an M.M.W. & Co. zu verweisen. So haben wir Euch Hartmann2 zugeschustert, was natuerlicherweise auch in unserem eigenen Interesse ist, da es eine Sache ist, wo wir Euer Urteil brauchen; aber Tatsache ist, dass Jacob Goldschmidt in Berlin, der an den Mann ein Einfuehrungsschreiben an uns gegeben hatte, nun wahrscheinlich verschnupft ist, dass die Sache jetzt nicht durch ihn gegangen ist. Es ist wahr, dass seiner Zeit James Loeb Hartmann in Suvretta3 getroffen hatte, und dass wir bereits dadurch mit Euch ueber diese Angelegenheit korrespondierten; aber Eure Auskunft war durchaus negativ, waehrend die positiven Schritte immerhin durch Goldschmidt´s Einfuehrung erfolgten.
Ein aehnlicher Fall tritt jetzt ein durch Kurt Soberheimer´s Besuch hier, der uns bat, bei der Sinclair Oil Co. zu Gunsten der Stinnes-Riebeck-Montanwerke zu intervenieren, mit denen jetzt eine Kreditverhandlung perfekt geworden ist, ueber die Euch Nachmann direkt geschrieben hat.
Als es [drauf] und dran ging, den Kredit schliesslich zum Abschluss zu bringen, sagten wir, dass wir diese Sachen stets durch M.M.W. & Co. machen. Sobernheim rief mich spaeter daraufhin auf, er koennte diese Sache mit Euch aufnehmen und event. im joint account verhandeln.
Die Folge wird in beiden Faellen sein, dass wahrscheinlich die Darmstaedter sowohl wie die Commerz-Bank, wenn sie wieder Sachen haben, sich an andere Banken, wie die Equitable oder Hallgarten’s wenden werden, wo die Ehre der Verhandlung bei ihnen bleibt. Das muss auf die Dauer einen schlechten Einfluss haben, (sowohl auf die Moeglichkeit, derartige Verhandlungen in unsere Haende zu bringen, sowie auch das Konto,) ob sie Leute bei uns einfuehren. Die Darmstaedter hat zu Zeiten einen sehr grossen Saldo bei uns gehabt, und es waere sehr schade, ihn zu verlieren. Auch die Commerzbank concentriert ihr laufendes Geschaeft bei uns. Es ist also sowohl in Eurem Interesse, wie in dem unsrigen, eine Form zu finden, die diese Leute nicht verschnupft. Ich glaube, dass man die Sache so machen kann, dass in solchen Faellen, wo eine Verhandlung durch Leute angeregt wird, man ihnen dieselben Vorteile einraeumt, wie Euch, dass sie mit 20% mitlaufen koennen, und dass im uebrigen Ihr den Leuten eine vollkommen paritaetische Stellung in den Verhandlungen zugesteht.
Es ist wichtig, diese Sache mit Jimmie eingehend zu besprechen, damit er in Berlin, wenn er die Leute sieht, die Sache gleich richtigstellt. Ich hoffe, dass diese Zeilen noch rechtzeitig nach Hamburg kommen, um gemeinschaftlich besprochen zu werden.
Gestern besuchte ich den "Albert Ballin"4, (Es war aber niemand mehr von der Direktion mehr an Bord, als ich hinkam. Da der Empfang von 12–5 Uhr stattfinden sollte und ich gegen 4 Uhr da war, machte das eigentlich keinen sehr beruehmten Eindruck. Ueberhaupt ist Warnholtz in diesen Sachen, glaube ich, ungeschickt. Ich habe ihn eingeladen, Sonntag auf’s Land, zu mir zu kommen; aber was Holtzendorf5 zuviel von dem Tanzmeisterstil hat, hat Warnholtz zu wenig!)
Das Boot selbst macht einen ausserordentlich soliden Eindruck, und ich glaube, es wird, was die Rentabilitaet anbetrifft, ein grosser Erfolg sein. Die 2. Klasse imponiert mehr, als die erste. Schade ist, dass, wohl um englischen und deutschen Stil zu vermeiden aus patriotischen Ruecksichten, man auf den deutschen Nouveau-Art-Stil zu sehr verfallen ist. Der hellblaue Salon mit silbernen Kapitaelen, ist eine bedauerliche Verirrung. War das noetig? Ballin´s Bild im Treppenhaus ist ausgezeichnet; aber es geht einem durch und durch, wenn man das Portrait dieses armen Mannes sieht und denkt, was aus seinen grossen Schiffen geworden ist. Im Grossen und Ganzen ist es aber doch eine grosse Leistung, die die Paketfahrt fertig gebracht hat, sich so schnell wieder auf die Beine zu bringen. Die fallende Va-luta ist ihr ja dabei enorm zugute gekommen; denn, wenn sie jetzt unseren Kredit nicht ausnuetzt, so ist das hauptsaechlich, wie mir Warnholtz erklaert, dem Umstand zuzuschreiben, dass sie eben ihre Kontrakte in soviel billigeren Reichsmark bezahlen, als sie je Grund hatten, zu erwarten.
Dagegen scheint es ja an der Boerse gestern in Berlin wuest zugegangen zu sein, und scheinen die Versuche, die Wechselkurse zu regulieren, zu unhaltbaren Zustaenden zu fuehren, die sich nur rechtfertigen lassen, wenn man annimmt, dass die Regierung erwartet, dass in ganz kurzer Zeit der Ruhrwiderstand aufgegeben und damit ein Weg gefunden werden soll, die Notenpressen einigermassen zum Halt zu bringen.
Herzlichst Dein
[Bruder.]