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Die Textilindustrie gehörte in den 1920er Jahren zu den wichtigsten Industriebranchen Deutschlands und stand von der Beschäftigtenzahl her sogar an zweiter Stelle. Gleichzeitg befand sie sich in einer besonders verwundbaren Position, weil sie auf die Rohstoffeinfuhr - insbesondere von Baumwolle - aus dem Ausland angewiesen war. Die Inflation musste eine Branche, die beständig auf Devisen zur Finanzierung von Rohstoffimporten angewiesen war, besonders hart treffen. Die hier präsentierte interne Stellungnahme des Reichswirtschaftsministeriums analysiert die Probleme der Textilindustrie ausführlich und differenziert. Die Zusammenhänge zwischen Inflation, Importfinanzierung und Außenhandel werden dabei anschaulich herausgearbeitet. |
Referat II/3
Berlin, den 7. August 1923
Zu II/D Nr. 862 vom 4. August 1923
Zu den gestellten Fragen wird in folgender Weise Stellung genommen:
1) Wie hoch werden die Rohstoffvorräte der Textilindustrie zur Zeit geschätzt und wie hoch waren sie durchschnittlich im Frieden?
Vor dem Kriege war die deutsche Textilindustrie, die namentlich auf dem Gebiete der Wolle, Baumwolle und Seide ganz auf ausländische Rohstoffe angewiesen ist, im allgemeinen auf 4 bis 6 Monate mit Rohstoffen versorgt. Eine Rohstoffeindeckung für längere Zeit war einmal deswegen erforderlich, um eine kontinuierliche Beschäftigung der Industrie zu ermöglichen und dann auch deswegen, weil der Einkauf der Rohstoffe wirtschaftlich am zweckmäßigsten wohl zu gewissen Zeiten erfolgt (bei der Wolle nach der Schur, bei der Baumwolle nach der Ernte, ebenso bei der Seide nach dem Abhaspeln der Kokons, eine Arbeit, die bekanntlich nicht in Deutschland gemacht wird, sondern hauptsächlich in Italien). Hinzu kommt, daß die Textilindustrie, je nachdem, ob sie für den Winter- oder Sommerbedarf arbeitet und je nach der Mode verschiedene Qualitäten der Rohstoffe nötig hat. Weitere Momente, zu gewissen Zeiten größere, zu anderen geringere Bestände an Rohstoffen zu halten, lagen in der Entwicklung der Marktlage, also einmal in den Preisen der ausländischen Rohstoffe und der voraussichtlichen Preisentwicklung dieser, andererseits in den Absatzverhältnissen. Wenn in den normalen Zeiten vor dem Kriege, wo der Warenbezug jeden Augenblick möglich war und Stockungen in der Zufuhr nicht zu befürchten waren,eine Industrie gleichwohl stets auf mehrere Monate mit Rohstoffen eingedeckt war, so muß daraus der Schluss gezogen werden, daß eine derartige Eindeckung auch wirtschaftlich notwendig ist, denn in den normalen Vorkriegszeiten lag kein Anlaß vor, über den normalen Bedarf hinaus, Rohstoffe, die viel Geld kosten und Zinsen fressen, in dem Betrieb festzulegen.
Heute ist die Rohstoffversorgung der Textilindustrie nach zuverlässigen Schätzungen ganz wesentlich geringer als vor dem Kriege. Sie wird eine Beschäftigung der Werke auf ungefähr 1 bis 2 Monate sicherstellen, wobei die Verhältnisse bei den einzelnen Betrieben naturgemäß verschieden sind. Die Versorgung ist also gegenüber der Vorkriegszeit auf ein Drittel bis mindestens die Hälfte der Eindeckung im Frieden zurückgegangen. Die Gründe hierfür sind in erster Linie, daß heute die Textilindustrie darauf angewiesen ist, für die Finanzierung der Rohstoffe ausländische Kredite in Anspruch zu nehmen und deren Bezahlung und Verzinsung so sehr die finanziellen Kräfte der einzelnen Werke belastet, daß sie sich die äußerste Einschränkung auferlegen müssen. Diese Selbstbeschränkung hat aber eine Grenze in der Notwendigkeit eine kontinuierliche Beschäftigung des Werkes zu gewährleisten. Dabei muß darauf Rücksicht genommen werden, daß die Verschiffungsgelegenheiten heute gegenüber der Vorkriegszeit erheblich geringer sind und Stockungen in der Zufuhr in jedem Augenblick eintreten können, so daß für derartige Fälle Reserven vorhanden sein müssen. Daß eine Uebereindeckung an Rohstoffen, die ins Inland gebracht werden, erfolgt, scheint schon deswegen ausgeschlossen, weil von der Textilindustrie gar nicht die Kapitalien aufgebracht werden können, um diese Läger zinslos liegen zu lassen und die ausländischen Kredite für den Rohstoffimport naturgemäß von der Industrie so schnell wie möglich ausgenutzt werden müssen, da der Verdienst desUnternehmens wesentlich davon abhängt, wie schnell es gelingt, die eingeführten Rohstoffe als Fertigwaren wieder zu verkaufen, um mit dem Erlös die Kredite abzudecken.
Wenn darauf hingewiesen wird, daß der Wertanteil der Einfuhr textiler Rohstoffe gegenüber der Friedenszeit erheblich gestiegen ist, so ist dies nicht verwunderlich, denn die Textilrohstoffe kosten durchweg heute 2 bis 3 mal so viel auf dem Weltmarkte als vor dem Kriege.
Es bleibt übrig dazu Stellung zu nehmen, ob es richtig ist, daß in dem letzten Jahre sich die Einfuhr von Textilrohstoffen gegenüber dem Vorjahre erheblich gesteigert hat, ohne daß eine entsprechende Steigerung des Exports von Textilfertigerzeugnissen eingetreten ist. Das Gegenteil ist der Fall, wie die Zahlen der anliegenden statistischen Zusammenstellung beweisen, welche die Ein- und Ausfuhrmengen an textilen Rohstoffen und Fertigerzeugnissen für die ersten 5 Monate dieses Jahres enthält (soweit liegt das amtliche Material zur Zeit vor) und diese Ziffern mit dem Vorjahre 1922 und dem letzten Friedensjahr 1913 vergleicht. Aus diesen Zahlen ergibt sich, daß die Rohstoffeinfuhr gegenüber dem Frieden und auch gegenüber dem Jahre 1922 sehr erheblich zurückgegangen ist. Bei Seide und Wolle beträgt dieser Rückgang der Einfuhr gegenüber 1922 fast 50 %, bei Baumwolle fast 30 %. Es bestätigt sich hier die ständig auf dem Textilgebiet gemachte Erfahrung, daß die Rohstoffeinfuhr in Zeiten starken Sinkens der Mark sehr stark zurückgeht, um sich erst wieder in Zeiten der Besserung unserer Valuta allmählich zu heben. Da wir nun seit dem 1. Juni d.J. eine sehr starke weitere Verschlechterung der Mark haben, ist mit Sicherheit anzunehmen, daß wir auch in dieser Zwischenzeit vom 1. Juni d.J. bis heute, für die amtliche Zahlen noch nicht vorliegen, mit einer weiteren starken Verminderung der Einfuhrtextiler Rohstoffe rechnen müssen.
Demgegenüber ist die Ausfuhr von Textilfertigerzeugnissen in den ersten 5 Monaten 1923 gegenüber dem Vorjahr erheblich gestiegen, woraus sich, im Zusammenhang mit dem sicher ungefähr gleichgebliebenen Inlandskonsum ergibt, daß sich die Rohstoffbestände gegenüber dem Vorjahr ganz wesentlich vermindert haben.
2. Kann auf dem Textilgebiet die Einfuhr von Rohstoffen und der Umfang der Kaufabschlüsse über Rohstoffe durch Organisierung der Devisenzuteilung mittels zentraler Zusammenfassung eingeschränkt werden?
Das Fachreferat steht auf dem Standpunkt, daß eine derartige Einschränkung der Einfuhr von Textilrohstoffen schon deshalb nicht durchführbar sein wird, weil ohnehin schon nur der laufende Rohstoffbedarf eingeführt wird und eine weitere Einschränkung gegenüber dem bisherigen Zustand zur Folge haben würde, daß wesentliche Zweige der Textilindustrie zu erheblichen Arbeitseinschränkungen und zum Teil zu Stillegungen ihrer Betriebe kommen würde. Das kann bei einer Industrie, die in Deutschland – was die Zahl der beschäftigten Arbeiter anlangt – an zweiter Stelle steht, nicht verantwortet werden. Eine Kontrolle in der Devisenbeschaffung würde an sich unter Mitwirkung der Außenhandelsstelle oder der einzelnen Fachverbände durchführbar sein; sie würde aber einen sehr komplizierten und kostspieligen Apparat bedeuten, der letzten Endes nichts weiter tun könnte, als den Devisenbedarf für die Rohstoffeinfuhr der Textilindustrie der Reichsbank gegenüber gutzuheißen, ohne daß an den Anforderungen der Textilindustrie ihrer Höhe nach irgend etwas geändert würde. Der Textilindustrie auf nur für eine Zeit von 6 Wochen die Möglichkeit zu nehmen, Rohstoffe einzuführen,würde selbst bei den Betrieben, die solange von ihren Rohstoffvorräten leben könnten, zur sofortigen Stillegung führen, weil die Industrie es ablehnen würde, Waren zu verkaufen und dafür Papiermark hereinzunehmen, deren Umwandlung in Rohstoffe ihr möglich gemacht würde. Sie könnte dieses Risiko, auf der Papiermark zu sitzen, nicht übernehmen.
Eine Besserung in der Devisenlage läßt sich auf dem Textilgebiet nicht durch Einschränkung der Einfuhr von Rohstoffen erzielen, sondern lediglich dadurch, daß die Produktion der Industrie aufs äußerste gefördert und gesteigert wird und im Zusammenhang damit der Auslandsabsatz nach jeder Richtung hin Erleichterungen erfährt. In dieser Beziehung scheint jetzt der Zeitpunkt gekommen zu sein, die Ausfuhrabgaben auf dem Textilgebiet vollkommen abzubauen, weil die Voraussetzungen, unter denen sie seinerzeit geschaffen wurden, nicht mehr vorliegen; denn heute, wo auch im Inland, und zwar gleichmäßig von der Industrie, im Großhandel und dem Kleinhandel, die Ware auf Goldbasis unter sofortiger Berücksichtigung der jeweiliger Entwertung der Mark, abgegeben wird, können beim Export sogenannter Valutagewinne nicht mehr gemacht werden. Das Bild hat sich gegenüber der Zeit, als die Ausfuhrabgabe eingeführt wurde, völlig verschoben, denn damals waren Textilwaren im Inland wesentlich billiger als auf dem Weltmarkte und infolgedessen machte derjenige, welcher Ausfuhren tätigte, einen erheblichen Gewinn, von dem es nur recht und billig war, daß ein Teil in Gestalt der Ausfuhrabgabe dem Reiche zugeführt wurde. Da heute aber im Inland Textilwaren mindestens ebenso teuer sind wie auf dem Weltmarkte, so stellt die Ausfuhrabgabe eine besondere Belastung des Exports dar, die namentlich dann unvertretbar ist, wenn die Notwendigkeit besteht, einen Anreiz zum Export zu geben um damit ausländische Nahrungsmittel hereinzubekommen.
Die Textilindustrie ist eine Industrie, die ihren Devisenbedarf für den Rohstoffimport durch ihre Ausfuhr nicht decken kann, andererseits gelangen nicht unbeträchtliche Mengen von Exportdevisen in die Hände der weiterverarbeitenden Industrie, die sie nicht unmittelbar für Einfuhren verwenden können. Es wird deshalb möglich sein, durch Verschärfung der Devisenablieferungspflicht die Exportdevisen noch mehr als bisher ihrem volkswirtschaftlich allein vertretbaren Zwecke, unsere lebensnotwendigen Einfuhren zu finanzieren, nutzbar zu machen. Zu den lebensnotwendigen Einfuhren gehört aber neben der Einfuhr von Lebensmitteln und Kohle die der textilen Rohstoffe. Denn einmal ist die Versorgung der Bevölkerung mit Kleidung lebensnotwendig und es mehren sich bereits bedenklich die Anzeichen dafür, daß namentlich im besetzten Gebiet, aber auch in anderen Teilen des Reichs in dieser Beziehung ernster Mangel besteht. Dann aber muß auch für die gerade in politisch und wirtschaftlich überaus schwierigen Industriezentren massierte Textilarbeiterschaft die kontinuierliche Arbeitsgelegenheit erhalten bleiben.
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gez. Hagemann.