Dr. Dalberg, Mitglied des Devisenbeirats
Berlin W 15, den 11. August 1923
Kurfürstendamm 193/194
An die Devisenbeschaffungsstelle G.m.b.H. Berlin NW 7
In der gestern stattgefundenen Sitzung des Devisen-Beirats sind, wie ich höre, die allgemeinen Fragen der Devisenpolitik zur Erörterung gekommen und hierbei ist als ein Hauptpunkt der Devisenpolitik hervorgehoben worden, daß für eine erfolgreiche Politik Voraussetzung sei, daß eine stark restriktive Einfuhrpolitik betrieben werde. Da beabsichtigt ist, das Ergebnis der Sitzungen den Ministerien besonders zuzuleiten und da andererseits das Reichswirtschaftsministerium in dieser Frage keine Stellung nehmen konnte, weil der entsandte Vertreter mit diesen speziellen Fragen nicht amtlich befaßt war, so gestatte ich mir, im folgenden den Standpunkt des Reichswirtschaftsministeriums in dieser Frage kurz darzulegen mit der Bitte, diese Stellungnahme, dem Schreiben an die Ressorts beizufügen.
Dem Grundgedanken, daß eine Einfuhrbeschränkung mit der Devisenpolitik Hand in Hand gehen müsse, wird vom
Reichswirtschaftsministerium durchaus beigetreten und es ist auch auf
dem Gebiete der Luxuseinfuhr bereits seit langem alles Erdenkliche geschehen, um
unnötige Einfuhren hintanzuhalten. Das Bestreben findet jedoch seine Grenze an
den tatsächlichen Machtverhältnissen an der Westgrenze und den durch
Friedensvertrag
aufgezwungenen Einfuhrkontingenten aus dem Elsaß usw.
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Auch auf dem Gebiete der Rohstoffeinfuhr wird zweifellos eine Einschränkung der Einfuhr an sich möglich sein. Es ist jedoch nunmehr seit 3/4 Jahren vom Reichswirtschaftsministeriums immer wieder betont worden, daß ebenso wie auf anderen Gebieten auch auf dem Gebiete der Einfuhr ein wirkliches Durchgreifen nur möglich sei, wenn man den Einfuhrhändler, den man etwa zwinge, sein Warenlager zu verkleinern und auch verhindern solle, Devisen zu kaufen, ein wertbeständiges Äquivalent in die Hand geben könne zur Anlage der in seinem Betriebe dann sich ansammelnden Papiermark. Es erscheint bei der heutigen moralischen Einstellung wie auch bei den tatsächlichen staatlichen Machtverhältnissen aussichtslos, den Kampf gegen das widerstrebende Einzelinteresse nach Substanzerhaltung vollwirksam durchzuführen, wenn man nicht in der Lage ist, das Individualinteresse halbwegs mit dem allgemeinen Interesse zu versöhnen dadurch, daß man dem Gesichtspunkt der Substanzerhaltung durch Schaffung wertbeständigen Betriebskapitals Rechnung trägt. In gewissem Umfange ist dies durch Dollarschatzanweisungen geschehen. Die Dollarschatzanweisungen scheinen aber gegenwärtig ziemlich zum Absatz gekommen zu sein. Die langfristige Reichsgoldanleihe scheint für Handel und Industrie, welche täglich ohne Kursverlust ihr Betriebskapital umzusetzen in die Lage versetzt werden müssen, nicht recht geeignet, so daß ich mir von der Goldanleihe zwar eine Anlegung privaten Kapitals verspreche, weniger jedoch eine solche von Handels- und Industriekapital, wodurch allein in stärkerem Maße Devisen gespart werden könnten. Ich würde es daher für richtig halten, daß ein Teil der GoIdanleihe in Form von Dreimonats-Schatzanweisungen herausgegeben wird, welche zu pari, d.h. zum vollen Goldwert quartaliter einlösbar, die Gefahr eines Kurs-|3|verlustes ausschließen. Es dürfte damit gerechnet werden können, daß die etwa bei Verfall zurückgeforderten Papiermarkbeträge in neu diskontierten Wechseln ihren Ausgleich finden.
Aber auch dies erscheint mir nur als ein vorübergehender Ausweg. In der Hauptsache muß ich aufs nachdrücklichste auf den von mir seit langer Zeit geforderten Weg der Goldkonten bei Reichsbank und Banken hinweisen, die allein im nötigen Umfange vollwertigen Ersatz für Warenbestand und Devisen geben können. Es muß also, wenn durch die im Devisenbeirat zutage getretenen Anschauungen ein Vorwurf gegen das Reichswirtschaftsministerium wegen zögernder Einfuhrpolitik erhoben sein sollte, diesen ablehnen mit Hinweis auf die so lange fruchtlos gebliebenen Bemühungen des Reichswirtschaftsministeriums, die Erkenntnis der Bedeutung von Goldkonten, auch für die hier erörterte Frage, allen maßgeblichen Kreisen zu vermitteln.
Ergebenst
gez. Dalberg
BArch Berlin-LichterfeldeBundesarchiv Berlin-LichterfeldeR 3101ReichswirtschaftsministeriumR 3101 20802
Knortz , Heike: Deutsche Wirtschaftsgeschichte der Weimarer Zeit. Eine Einführung in Ökonomie, Gesellschaft und Kultur der ersten deutschen Republik, Köln/Weimar 2021. Knortz, Wirtschaftsgeschichte 2021
Feldman , Gerald D.: The Great Disorder. Politics, Economics, and Society in the German Inflation, 1914–1924, New York 1993. Feldman, Great Disorder 1993
ReichsfinanzministeriumDas Reichsfinanzministerium stand von seiner Gründung 1919 bis zu seiner Auflösung 1945 an der Spitze der Reichsfinanzverwaltung. Seine Hauptaufgabe bestand darin, das Reich durch die Erhebung und Eintreibung von Steuern mit den für seine Tätigkeit notwendigen finanziellen Mitteln zu versorgen. Zu den Vorgängerorganisationen gehörte das Reichsschatzamt. Durch die verschiedenen Umstellungen des Steuerwesens - insbesondere dem Übergang der Steuerhoheit auf das Reich mit der Erzbergerschen Steuerreform 1919 - stand das Reichsfinanzministerium immer wieder im Mittelpunkt öffentlicher Debatten.
ReichswirtschaftsministeriumDas Reichswirtschaftsministerium ging aus dem 1917 aus dem Reichsamt des
Innern herausgelösten Reichswirtschaftsamt hervor und wurde 1919
als selbständiges Ministerium gegründet. Seine Aufgabe bestand in der Pflege
und Förderung der wirtschaftlichen Belange Deutschlands. Zu Beginn der Weimarer
Republik gehörte das Ministerium zu den Schlüsselresorts der Demokratie,
verlor jedoch in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zunehmend an Bedeutung
gegenüber dem Reichsfinanzministerium und der Reichskanzlei.
Reichskommissar für Aus- und EinfuhrbewilligungenIm Februar 1916 geschaffene Sondergewalt, die wesentlich mit der Kontrolle
und Bewilligungen von Außenhandelsgeschäften beschäftigt war. Das Amt wurde
von 1919–1922 von Ernst
Trendelenburg ausgefüllt.
Devisenbeschaffungsstelle Die Devisenbeschaffungsstelle wurde im September 1919 als eine GmbH zur Abwicklung von Außenhandelsgeschäften, insbesondere zur Beschaffung des Devisenbedarfs der dem Reichswirtschaftsministerium nachgeordneten Reichseinkaufsstellen für Lebensmittel und Betriebsstoffe, gegründet. 1921 wurde die Devisenbeschaffungsstelle dem Reichsfinanzministerium unterstellt.
DevisenbeiratDie Devisenbeschaffungsstelle wurde im September 1919 in Form einer
GmbH zur Abwicklung von Außenhandelsgeschäften, insbesondere zur
Befriedigung des Devisenbedarfs der dem Reichswirtschaftsministerium
nachgeordneten Reichseinkaufsstellen für Lebensmittel und Betriebsstoffe, gegründet. Weil das Reichsfinanzministerium die Arbeit der Stelle kontrollieren
wollte, wurde Anfang Dezember 1919 ein Beirat gegründet, in dem Vertreter
verschiedener wichtiger Reichsministerien sowie aus der Privatwirtschaft
vertreten waren. Im Jahr 1924 wurde die Devisenbeschaffungsstelle und ihr
Beirat aufgelöst.
ReichsbankDie Reichsbank war von ihrer Gründung 1876 bis zu ihrer Auflösung 1945 die
Zentralbank des
Deutschen Reiches. Ihre
Gründung fällt zusammen mit dem Eintritt des Deutschen Reiches in das Internationale
Währungssystem des Goldstandards. Als die Goldbindung der Mark 1914 infolge des Ausbruchs des Ersten
Weltkrieges suspendiert wurde, entwickelte sich die Reichsbank mehr und mehr
zum Finanzier der deutschen Kriegswirtschaft. In der nicht zuletzt
durch diese Politik bewirkten Inflation kam es erst im Jahr 1923 zu
wirksamen Gegenmaßnahmen. 1924 wurde die Reichsbank im Zuge des Dawes-Plans sowohl vom
Reich unabhängig als auch unter internationale Aufsicht gestellt.
Berlin
Elsass-Lothringen
Dalberg, RudolfJurist und Finanzpolitiker13356362609.12.1885UnbekanntDas Studium der Rechtswissenschaften schloss Dalberg 1910 mit der Promotion ab. 1908 erfolgte der Eintritt in die preußische Justizverwaltung. 1912 wurde er Regierungsassessor und arbeitete ab 1913 als Rechtsanwalt am Oberlandesgericht Düsseldorf. Von 1914–1918 leistete er den Kriegsdienst ab. Danach erfolgte 1918 der Eintritt ins Reichsschatzamt und ab 1919 war er Regierungsrat im Reichsfinanzministerium. 1921 wurde er Oberregierungsrat und Direktor des Kommissariats für Aus- und Einfuhrbewilligung. Von 1923–1925 war er Abteilungsleiter im Reichswirtschaftsministerium. 1925 übernahm er die British and German Trust Ltd. Finanzberatung in Berlin.
InflationDer Begriff Inflation bezeichnet einen kontinuierlichen Anstieg des Preisniveaus, dessen Ursache in monetären Faktoren und nicht - oder nur vermittelt - in einer Veränderung der Menge und der Qualität des Güterangebots erblickt werden kann. Nach 1918 hatten die meisten europäischen Staaten mit starken Inflationen zu kämpfen, was hauptsächlich auf die Ausweitung der Budgets in Folge des Weltkriegs erklärt werden kann. Während die USA und Großbritannien hre Währungen zu Beginn der 1920er Jahre stabilisieren konnten, entwickelte sich in Deutschland und Österreich eine hyperinflationäre Dynamik.
RohstoffDurch Urproduktion gewonnene Grundstoffe.
DevisenBegriff für Fremdwährungen. Zeitgenössisch wurde der Begriff vor allem für solche Fremdwährungen verwendet, mit denen sich Handelsgeschäfte tätigen ließen.
Versailler VertragAm 18. August 1919 in Paris unterzeichneter Friedensvertrag zwischen den Alliierten und Deutschland. Aufgrund der Gebietsabtretungen, dem Verlust der Kolonien, der Einschränkung der staatlichen Souveränität und der hohen Reparationsforderungen der Entente blieb der Versailler Vertrag während der gesamten Weimarer Republik im Zentrum der politischen Debatten.
MarkHier: Bezeichnung für die 1871 eingeführte Währung des Deutschen Reiches, die seit 1876 durch Gold gedeckt war. Im September 1924 wurde die Mark gemäß den Londoner Abkommen vom August diesen Jahres durch die Reichsmark abgelöst.
Dollar (US-Dollar)Der US-Dollar ist die Währung der Vereinigten Staaten. Sie wurde 1785 eingeführt. Seit 1900 befand sich der US-Dollar im Goldstandard, was 1933 aufgehoben, wenig später aber durch eine neue Form der Metalldeckung ersetzt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der goldgedeckte US-Dollar die Basis des Währungssystems von Bretton-Woods. Nach dessen Zusammenbruch 1971/73 handelt es sich beim US-Dollar um sog. Fiatgeld ohne Deckung.
HandelHier: Sammelbezeichnung für Firmen, deren Haupterwerb in der Organisation und der Durchführung von Transportdienstleistungen besteht.
IndustrieÜberbegriff für Gewerbe kapitalintensiver Massenproduktion.