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Der neue Reichsbank-Präsident Hjalmar Schacht berichtet dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann von den Verhandlungen im Rahmen der Vorbereitung des Dawes-Plans in Paris, zu denen er erstmals am 21. Januar bestellt worden war. Zu diesem Zeitpunkt war die neugeschaffene Rentenmark stabil und die Reichsbank konnte den Diskontsatz auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau halten. Allerdings sollten sich Schachts eher pessimistischen Voraussagen hinsichtlich der Stabilität der Währung und des Zustandes der deutschen Wirtschaft durchaus bewahrheiten: Ab April 1924 war die Reichsbank gezwungen, den Diskontsatz stark zu erhöhen und zwischenzeitlich den Kreditverkehr in Deutschland drastisch zu beschneiden. Darüber hinaus ist die Quelle interessant aufgrund Schachts pointierter Einschätzung der zentralen Personen innerhalb der beiden Dawes-Kommittees, wobei Schachts ausgeprägt nationalistische politische Einstellung durchscheint. Von besonderer Bedeutung ist dabei die "Goldbank" (im März 1924 als Golddiskontbank AG gegründet), die jenseits der strikten, für die Reichsbank geltenden Vorschriften zur Währungspolitik der Reichsbank Spielräume einer aktiven Zentralbankpolitik eröffnen sollte. |
Sehr verehrter Herr Doktor.
Offiziell war bisher nicht viel zu berichten. Ich habe das wenige, was zu sagen war, in zwei offiziellen Telegrammen an das Auswärtige Amt mitgeteilt. Ich möchte Ihnen aber doch heute persönlich über meine Eindrücke seit Sonnabend etwas sagen, was ich für sehr bedeutsam halte. Die ganze Welt wundert sich hier über den augenblicklichen Idealzustand in Deutschland. Die Mark ist stabil, der Außenhandel ist aktiv, die Steuereinnahmen sind glänzend. Ich bemühe mich, in jeder Unterhaltung den Leuten klar zu machen, dass das, wie es sehr oft in langen und schweren Krankheitsfällen geschieht, gewissermassen die letzte Erleichterung vor dem Tode ist. Ich versuche den Leuten klar zu machen, dass Aktivität des Handels darauf beruht, dass wir keine Mittel mehr haben, um Rohstoffe und Materialien aus dem Auslande zu kaufen, die wir für unsere Industrie brauchen. Ich sage ihnen, dass die derzeitigen Steuereinnahmen das letzte Ausquetschen der Zitrone ist, und dass wir in wenigen Wochen vor dem vollen Ende stehen werden, dass die Steuern nicht mehr sehr lange eingehen werden.Ich sage ihnen, dass zwar die armen Leute heute infolge der Stabilität der Valuta kaufen können, dass aber die reichen Leute nicht mehr produzieren können und dass deshalb sehr bald keine Produkte mehr da sein werden, die das Volk kaufen kann. Ich fasse die ganze Valuta-Situation etwa in die Worte zusammen: die Währung ist dadurch stabilisiert worden, dass wir Handel und Industrie zum erliegen gebracht haben.
Die Engländer und Amerikaner scheinen geneigt zu sein, diesen meinen Ausführungen Glauben zu schenken. Ich sehe das an zustimmenden Zwischenrufen, Kopfneigen und dergleichen. Die Franzosen aber in ihrer bekannten sadistischen und formaljuristischen Art ziehen daraus den Schluss, dass es in Deutschland glänzend geht, dass Deutschland noch vielmehr zahlen kann und dass alles, was wir bisher gemacht haben, nur Heuchelei und Camouflage ist. Die Engländer insbesondere geraten dadurch den Franzosen gegenüber in eine sehr schwierige Lage. Das hat sich bereits dadurch zu erkennen gegeben, dass Mr. Norman (Bank of England), der gestern auf einen Tag inkognito hier war, mir zu verstehen gegeben hat, dass die Goldbank vielleicht durch das erste Komité gefährdet werden könnte, dass das Komité gewissermassen zu dem Resultat kommen könnte, die ganze Angelegenheit habe Zeit, bis die Arbeiten des Komités zum Abschluss gelangen würden. Alsdann könnte vielleicht die Goldbank in dem Gesamtprogramm des Komités eine Rolle spielen. Es ergibt sich da eine gewisseSchwierigkeit in der Stellung Norman's gegenüber Kindersley, der vielleicht gezwungen sein wird, mit dem Komité zu gehen. Ich habe Norman gegenüber und dem Komité gegenüber keinen Zweifel über meine Auffassung gelassen, dass ich nicht in die Situation gebracht zu werden wünsche, einen neuen Zusammenbruch unser Währung zu erleben, bevor weitere Massnahmen, wie z.B. die Errichtung der Goldbank getroffen werden. Ich habe insbesondere Norman gesagt, dass ich, da ich die Situation genau übersehe, die notwendigen Massnahmen rechtzeitig vorher zu treffen wünsche und dass, wenn etwa das Komité mir seine Ansicht im Sinne der Norman´schen Befürchtungen ausdrucken würde, ich die ganze Verantwortung dem Komité zuschieben würde.
Wenn es mir also vielleicht gelingt, die Goldbank aus den Klauen des Komités zu retten, so darf doch kein Zweifel darüber gelassen werden, dass die deutsche Politik im Augenblick alles tun muss, um den Alliierten und Assoziierten Mächten zu zeigen, wie ernst unsere Situation ist. Dazu gehört m. E., dass wir nicht mehr versuchen, weitere Leistungen aus dem deutschen Volke herauszuquetschen. Wir stehen in dieser Einsicht nicht einem Richter, sondern einem Henker gegenüber, der die Schrauben solange ansetzt, als noch ein Tropfen Blut aus den Gliedern spritzt. Nur die absolute Weigerung, noch irgend etwas zu leisten, kann m. E. die Situation retten, ganz einerlei was daraus unmittelbar folgt. Die Amerikaner und Engländer sind zweifellos entschlossen, der Situation jetzt ein Ende zumachen, aber die Leute des Komités sind, mit alleiniger Ausnahme vielleicht Mac Kenna, der aber im zweiten Komité sitzt, keine Männer von entschlossenem Willen. Der Entschluss liegt bei den politischen Regierungen beider Länder, nicht bei den Männern des Komités. Auch Dawes ist nach meiner Auffassung nicht der entschlossene Mann, den seine Antrittsrede vermuten lässt. Wir müssen also unter allen Umständen dem Komité zu Hilfe kommen durch die Tatsachen.
Es ist ferner ganz unmöglich, dass wir die statistischen Ziffern über unsere Handelsbilanz und über unsere Steuereingänge hinausgehen lassen in die Welt, ohne dass ganz deutlich gemacht wird, was diese Ziffern eigentlich bedeuten, dass sie nämlich die letzten Blutstropfen eines in Todeszuckungen liegenden Körpers sind. Ich bitte sie dringend, diese Dinge so rasch als möglich mit Hamm und Luther zu besprechen. Es müssen unter allen Umständen jetzt ganz alarmierende Nachrichten über das wirkliche ökonomische Elend in Deutschland veröffentlicht werden und zwar sogenannte "striking figures", d. h. keine langen Erklärungen und Erläuterungen, sondern aufsehenerregende Beispiele. Eventuell berufen sie bitte einige Wirtschaftler unter der Hand zusammen, denen sie die Situation auseinandersetzen.
Keinesfalls dürfen jetzt Dinge geschehen, wieetwa Verhandlungen über die weitere Finanzierung der Micumverträge oder die Wiederaufnahme von Zahlungen aus der "Recovery Act" und dergleichen. Nach meiner persönlichen Auffassung könnte man auch in der Frage der Besatzungskosten und etwa damit zusammenhängenden Ausgaben einen weiteren negativen Schritt machen, aber alles dies muss durch deutliche wirtschaftliche Ziffern und Tatsachen belegt werten.1
Da heute abend der Kurier abgeht und dieses nach meiner hiesigen Erfahrung die einzige Möglichkeit ist, Ihnen französischerseits unkontrollierte Nachrichten zukommen zu lassen, so habe ich eine kurze Mittagspause benutzt, um Ihnen in aller Kürze das Resumé meiner bisherigen Auffassungen zu geben. Ich richte dieselben persönlich an Sie, da die augenblickliche Situation unbedingt grösste persönliche Initiative erfordert. Persönlich habe ich den Eindruck, dass ich mich mit den beiden Komités recht gut verhalten und für den Aufenthalt der beiden Komitee in Berlin eine nützliche Fühlung hergestellt habe. Es ist ganz zweifellos, dass beide Komités nach Berlin kommen werden. Sie brauchen darüber selbst keine Sorgen mehr zu haben.
Mit besten Grüssen
Ihr sehr ergebener
N.B. Das Vorstehende hatte ich mittags geschrieben und muss folgendes heute abend hinzufügen:
Die Vernehmung vor den beiden Komités ist beendet. Das erste Komité wünscht in der Tat anscheinend bei der Errichtung der Goldbank erheblich mitzusprechen, insbesondere scheinen die Belgier für dieses Geschäft grosses Interesse zu haben, aber natürlich mit starker internationaler Kontrolle. Die Details darüber werden in Berlin weiter geführt werden im Zusammenhang mit den übrigen Fragen, die das Komité behandelt. Wie Ihnen inzwischen telegrafiert worden ist, treffen die Herren am Dienstag, den 29. ds. abends dort ein. Ich erlaube mir nochmals darauf aufmerksam zu machen, dass man den Herren möglichst angenehme Arbeitsräume, Sitzungsräume und dergleichen zur Verfügung stellt.
Ich habe dann eben nach Seydoux gesehen, der mir für morgen folgendes Rendez-vous arrangiert hat und zwar alles auf Wunsch der betreffenden Persönlichkeiten:
11 ½ Uhr Millerand
3 ½ Uhr Barthou
4 ½ Uhr Robineau (Banque de France).
Er teilte mir ferner mit, dass sowohl de Peretti wie Poincaré mich sehr gern sehen würden, wenn ich den Wunsch äusserte. Ich habe erwidert, dass ich selbstverständlich jede offizielle Persönlichkeit hier besuchen würde, die den Wunsch hätte, mich hier zu sehen, dass ich selbst aber nicht den Wunsch äussern könnte, irgendjemanden zu sehen, da ich lediglich hierher gerufen sei durch das Sachverständigenkomité. Es geht nämlich seit einigen Tagen ein lebhaftes Hin und Her hinter den Kulissen, um mich mit Poincaré zusammen zu bringen. Sie sind darüber durch Depesche hiesiger Botschaft unterrichtet. Ich halte es für absolut richtig, bei der von mir eingenommenen Haltung zu bleiben, da Poincaré sonst wieder bei nächster Gelegenheit in völlig falscher Weise von einer etwaigen Zusammenkunft Gebrauch machen wird. Ich werde also nur zu Poincaré gehen, wenn er mich ganz offiziell dazu auffordert. Jedenfalls scheint sein Interesse an einer Unterhaltung sehr gross zu sein.
Ferner teilte mir Seydoux soeben mit, dass Stinnes und Konsorten lebhafte Anstrengungen machten, nach Paris zu kommen, um zu verhandeln. Es scheint, als ob die Herren gewissermassen als Sachverständige für die Beratung von Hoesch hierher kommen wollten.2 Seydoux hielt dies für unerwünscht und bat mich, in diese Richtung etwas zu veranlassen, ohne jedoch zu sagen, dass es von ihm kommt. Wenn die deutsche Regierung die Herren Stinnes etc. hierher schicken wolle, so werde Poincaré die Herren jedenfalls nur empfangen, wenn sie ihm von der deutschen Botschaft als offizielle Vertreter der deutschen Regierung bezeichnet würden. Seydoux hält im Übrigen den Augenblick für die Herbeiführung eines Separatabkommens in der Linie unserer beider Unterhaltungen mit Weill für chancenreich. Sie wissen aber, dass Seydoux immer etwas optimistisch war.
Ich habe diese Nachschrift in Gegenwart von Herrn Regierungsrat Dr. Meyer von der Kriegslastenkommission diktiert, der so freundlich sein wird, die Unterzeichnung vorzunehmen, da ich leider die Fertigstellung des Briefes nicht abwarten kann wegen einer anderweitigen Verabredung.