Die Deutsche Botschaft in Paris hat über einen beachtenswerten Fall berichtet, in dem französische Industrielle versucht haben, zunächst durch amtliche Vermittlung und dann auf direktem Wege zu Abmachungen mit deutschen Industriellen zu gelangen.
Die Anregung ging aus von Herrn Pierre Amidieu du Clos, der im Juni d.Js. erstmalig an die Botschaft herantrat. Herr du Clos ist Hüttenbesitzer in Longwy und u.a. Mitglied des Aufsichtsrats der Societé Luxembourgeoise d´Entreprises Electriques, einer im Jahr 1921 unter luxemburgischen Recht errichteten Tochtergesellschaft der A.E.G.
Herr du Clos steht ferner in engen
Beziehungen zu der Societé Minerale Lorraine
("Somilor"). Diese Gesellschaft ist eine bedeutende französische Bank- und Industriegruppe, der eine
große Reihe französisch-luxemburgisch-belgischer Erzgesellschaften angehört, insbesondere
die Aciéries de la Marine et d´Homécourt,
deren Generaldirektor der bekannte Industrielle und Vicepräsident des Comité des Forges Théodore Laurent ist und zu
deren Verwaltungsrat u. a. der durch seine Unternehmungen im Saargebiet bekannte Herr Cavalier,
Direktionsmitglied des Comité des
Forges, gehört.
Die Somilor verfügt über etwa 1/3 der
französischen Erzproduktion und
steht nach dem Berichte der Botschaft in Paris zwar nicht in direktem Gegensatz zur Gruppe de Wendel, ist aber dieser gegenüber in der Lage,
eigene Wege zu gehen.
Inwieweit die "Somilor" in ihrer Gesamtheit
wirklich hinter den Plänen des Herrn du
Clos steht, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Der Plan des
Herrn du Clos besteht darin, eine deutsch-französische Gesellschaft zu gründen, und zwar
möglichst unter holländischer
Beteiligung und vielleicht|2|unter holländischer Flagge. Das Arbeitsfeld der
Gesellschaft soll sich auf den deutsch-französischen
Warenaustausch erstrecken, in erster Linie auf Austausch von Erzen, Kohle und Koks, aber auch von Fertigfabrikaten gegen andere französische Waren auf dem Weltmarkte durch
Vermittlung deutscher
Verkaufsorganisationen betreiben.
Herr du Clos hatte sich zunächst durch Vermittlung des Pariser Stinnes-Vertreters an Stinnes gewandt. Dieser hat jedoch eine abschlägige Antwort erteilt.
Der Deutschen Botschaft gegenüber äußerte Herr du Clos den Wunsch, mit maßgebenden deutschen Gruppen, wie Otto Wolff, Ronné oder Beer, Sondheimer & Co, in Verbindung gebracht zu werden. Er gab an, daß er die amtliche Vermittlung erbitte, da er unter den gegenwärtigen Verhältnissen fürchte, daß bei direkter Fühlungnahme Schwierigkeiten entstehen könnten.
Die Deutsche Botschaft in Paris hat Herrn du Clos Ende Juli weisungsgemäss dahin beschieden, daß eine amtliche deutsche Vermittlung angesichts der französischen Regierungspolitik zur Zeit nicht in Frage komme.
Herr du Clos ist darauf nach einem weiteren Bericht der Deutschen Botschaft in Paris unmittelbar mit Herrn Otto Wolff in Verbindung getreten. Dieser soll geantwortet haben, daß ihn der Plan sehr interessiere, doch müsse er unter den gegenwärtigen Verhältnissen davon absehen, einen Schritt zu seiner Verwirklichung zu tun. Er sähe jedoch kein Hindernis, daß nach Aufhebung der augenblicklichen Schwierigkeiten er oder andere Interessenten in die beabsichtigte Gesellschaft eintreten. Einer holländischen Beteiligung stehe er ablehnend gegenüber.
Nach einem Drahtbericht der Deutschen Botschaft in|3|Paris vom 14. August soll angeblich die französischen Regierung ihrerseits an
die Société des Minerais Lorrains
("Somilor") das Ersuchen gerichtet haben, mit deutschen Wirtschaftsgruppen, anscheinend
solchen des besetzten Gebiets, in Verbindung zu treten, um auf dem Gebiet des
Erz- und Koksaustausches eine Verhandlung
vorzubereiten. Die Gesellschaft soll bisher wenig geneigt sein, dem Wunsche der
französischen Regierung zu
entsprechen. Die Botschaft in Paris
erklärt diese Haltung u.a. damit, daß die von der französischen Regierung angeblich angeregten
Verhandlungen mit deutschen Wirtschaftskreisen der Gebiete unter politischen
Gesichtspunkten erfolgen würden und deshalb eine Gefährdung der Bestrebungen du
Clos auf Anknüpfung normaler Wirtschaftsbeziehungen enthalten. Zu erwähnen ist
noch, daß die Somilor nach einer Meldung der Journée Industrielle vom 9. August
zu den Gesellschaften gehört, denen die Verwertung der im Ruhrgebiet beschlagnahmten Erzvorräte von der französischen Regierung übertragen werden
soll.
Inzwischen hat am 18. August der Berliner
Vertreter von O.Wolff bei Herrn
Ministerialdirektor Köpke angefragt,
ob beim Auswärtigen Amt
Bedenken gegen Verhandlungen mit französischen Industriellen beständen. Herr Köpke hat geantwortet, die Aufnahme von
Verhandlungen sei zur Zeit inoportun
[handschriftlich: unerwünscht: ].
Der Fortgang der Angelegenheit bedarf aufmerksamer Verfolgung. W und W Rep sind orientiert.
(Vorgänge: II
Fr 2162,II Fr 2327, W Rep 3752).
Hiermit dem Herrn Staatssekretär gehorsamst vorgelegt.
Berlin, den 21. August 1925
PAAA BerlinPolitisches Archiv des Auswärtigen Amts BerlinPAAAPAAA R 105469
Gusstahlfabrik Friedrich Krupp AGDas Unternehmen wurde 1811 von Friedrich Krupp in Essen als Guss-Stahlfabrik gegründet. Nach
schwierigen Anfangsjahren wurde die Firma unter Friedrich Krupps Sohn Alfried zu einem
Großbetrieb, der besonders im Eisenbahnbau gute Geschäfte machte. Nach
einer gravierenden Einbruch in der Gründerkrise wurde die Firma
reorganisiert und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.
Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurde Krupp zum größten deutschen
Rüstungsunternehmen und zeichnete sich durch eine besondere Staatsnähe aus.
In der Zwischenkriegszeit musste die Firma teilweise aus der
Rüstungsproduktion herausdiversifizieren, die jedoch im Dritten Reich wieder
eine entscheidende Rolle spielte. Anfang der 1960er Jahre wurde das
Unternehmenskapital in eine Stiftung überführt.
Societé Luxembourgeoise d´Entreprises ElectriquesLuxemburgisches Unternehmen der Elektroindustrie.
AEGDie AEG (Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft) wurde 1883 von Emil Rathenau als Deutsche
Edison-Gesellschaft gegründet. Das Geschäft basierte zunächst auf der Lizenz
von Edison-Patenten, jedoch
entwickelte sich die AEG bald zu einem der größten deutschen Unternehmen und
zu einem Pionier der Elektroindustrie. Das Unternehmen war sowohl im Bereich der Stark-
wie der Schwachstromelektronik sehr erfolgreich. Zugleich spielte es in
beiden Weltkriegen eine wichtige Rolle für die Rüstungsproduktion. 1982
musste die AEG Insolvenz anmelden und wurde 1985 von Daimler-Benz
übernommen.
Societé Minerale Lorraine Lothringisches Brgbauunternehmen.
Compagnie des forges et aciéries de la Marine et d'Homécourt1854 gegründetes, französisches Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie aus Saint-Chamond. In den 1920er Jahren hatte es einen wichtigen Schwerpunkt in der Produktion von Lokomotiven und Rüstungsgütern.
Otto Wolff1904 in Köln gegründetes
Unternehmen, das zunächst als Einzelhandelsfirma gegründet wurde. Während
der Zwischenkriegszeit begann sich die Firma zunehmend in der Eisen- und
Stahlindustrie zu betätigen. Während des "Dritten Reiches" konnte
die Firma u. a. durch Arisierungen und eine ausgeprägte Staatsnähe
expandieren. 1990 wurde das Unternehmen an Thyssen verkauft.
Beer, Sondheimer & Co.Die Frankfurter Firma wurde 1872 gegründet und war zunächst im Metallhandel tätig. Zunehmend engagierte man sich jedoch in der Produktion etwa von Zink sowie der Metallverarbeitung. Vor dem Ersten Weltkrieg besaß die Firma zahlreiche Filialen und Agenturen im In- und Ausland. Zur Übernahme eines großen Teils der bergbaulichen und industriellen Interessen der Firma wurde 1906 die Tellus AG für Bergbau und Hüttenindustrie als Holding-Gesellschaft gegründet. Beer, Sondheimer & Co. besaß Beteiligungen an Grubenunternehmen in Skandinavien und Spanien sowie an Hochofenwerken oder im Phosphathandel. In der Weltwirtschaftskrise geriet das Unternehmen in Schwierigkeiten. Auf Druck der Nationalsozialisten musste die jüdische Firma 1935 ihre Geschäftstätigkeit einstellen.
Paris
Berlin
Frankreich
Deutschland (Germany, allemand)
Elsass-Lothringen
Longwy
Luxemburg
Belgien
Saarland
Niederlande
Ruhrgebiet
Woermann, ErnstDiplomat12910688730.03.188805.07.1979Studium der Jurisprudenz in Heidelberg, München, Freiburg und Leipzig. Nach Abschluss des Studiums mit der Promotion nahm Woermann am Ersten Weltkrieg teil. Danach trat er in Hamburg in den Justizdienst ein und war ab 1919 im Auswärtigen Amt tätig. 1920 gehörte er zur Deutschen Friedensdelegation in Paris und arbeitete bei der Deutschen Botschaft in Paris bevor er 1925 als Gesandter nach Wien ging. 1936 wechselte er zur Botschaft in London. 1938 wurde Woermann als Nachfolger von Ernst von Weizsäcker zum Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt befördert. Gleichzeitig trat er in die SS ein.
Stinnes, HugoIndustrieller, Politiker11861822912.02.187010.04.1924Stinnes gehörte zu den schillerndsten Unternehmerpersönlichkeiten der Weimarer Republik. Seit 1903 hatte er mit der Hugo Stinnes AG einen selbständigen Handelskonzern aufgebaut, der zunehmend zur Basis des Großprojekts einer vertikalen Integration in der Schwerindustrie wurde. Er etablierte die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-AG unter den großen schwerindustriellen Unternehmungen des Ruhrgebiets. Während der Inflationsjahre setzte Stinnes seinen Expansionskurs fort, kaufte zahlreiche Unternehmen auf und etablierte u. a. die Siemens-Rheinelbe-Schuckert-Union, die einen großen vertikalen Zusammenschluss von der Urproduktion bis hin zum Handel darstellte.
Du Clos, Pierre Amidieu Industrieller und Politiker16.09.188130.05.1955Nach dem Studium der Ingenieurswissenschaften trat Du Clos in das familiäre Unternehmen der Lothringischen Schwerindustrie in Longwy ein. Während der 1920er Jahre begann er sich zunächst als Bürgermeister von Longwy politisch zu betätigen und wechselte dann in das Parlament der Republik. Er vertrat nationalistische Ansichten und kooperierte nach der Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg mit den Deutschen. So gehörte er zu den Direktoren der 1943 ins Leben gerufenen Société Française Krupp.
De Wendel, François Industrieller und Politiker12391749205.05.187413.01.1949De Wendel erbte als ältester von drei Brüdern die Führung eines großen Stahlkonzerns in Lothringen. 1899 schloss er sein Studium im Ingenieurswesen ab und begann im familiären Unternehmen zu arbeiten. 1903, nach dem Tod seines Vaters, übernahm er die Leitung des Unternehmens. Zwischen 1908 und 1913 baute er ein neues Stahlwerk in Hayange auf, wobei er US-amerikanische Technologien einführte. 1913 trat er in die Politik ein und wurde Parlamentarier. Während der 1920er Jahre spielte er sowohl als Politiker wie als Industrieller eine zentrale Rolle im öffentlichen Leben Frankreichs.
Köpke, GerhardDiplomat12443995001.08.187319.06.1953Ab 1893 Studium der Jurisprudenz in Marburg und Berlin. 1903 trat Köpke in den Auswärtigen Dienst ein und wurde 1909 Legationsrat, 1917 dann Wirklicher Legations- und Vortragender Rat. Nachdem er intensiv mit Reparationsfragen betraut war, wurde er 1921 zum Ministerialdirektor befördert und leitete bis 1935 die Abt. II (West- und Südosteuropa). Darüber hinaus vertrat er regulär den Staatssekretär Bülow. 1938 wurde er von den Nationalsozialisten in den Ruhestand versetzt. Danach war er für die Firma Otto Wolff und später bei einem Rechtsanwalt tätig.
Verträge von LocarnoEs handelt sich um insgesamt sieben völkerrechtliche Vereinbarungen, die im Herbst 1925 verhandelt und am 1. Dezember 1925 in London unterzeichnet wurden. Inhalt war die gegenseitige Garantie von Deutschlands Westgrenze, wofür Großbritannien und Italien die Garantie übernahmen. Ungeklärt blieb allerdings die Frage von Deutschlands Ostgrenze.
ErzBezeichnet ein in der Erdkruste vorkommendes Mineral-Metallgemisch. Der Begriff bezeichnet zeitgenössisch vor allem Eisenerze, aus denen im Hochofen Roheisen gewonnen wurde.
KohleFestes Sedimentgestein, das durch die Einkohlung von Pflanzenfasern unter hohem Druck und über lange Zeiträume entsteht. Als fossile Energieträger spielten Stein- und Braunkohle eine wichtige Rolle für die Durchsetzung kapitalintensiver Verfahren der Massenproduktion in der Industrialisierung sowie die Durchsetzung neuer Transporttechnologien (Schifffahrt, Eisenbahn). Während der Zwischenkriegszeit gehörte insbesondere die Steinkohle zu den wichtigsten strategischen Rohmaterialien. Wichtige Vorkommen befanden sich etwa in Mittelengland, Nordfrankreich oder dem Ruhrgebiet.
KoksBrennstoff, der aus Steinkohle durch starke Erhitzung unter Sauerstoffabschluss (Kokereiwesen) erzeugt wird.