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In diesem Text beschreibt Carl Melchior, Generalbevollmächtigter der Privatbank M.M. Warburg & Co. und Leiter der deutschen Finanzdelegation bei den Friedensverhandlungen zum Versailler Vertrag zu Beginn der Weltwirtschaftskrise, als das Ausmaß des wirtschaftlichen Zusammenbruchs noch nicht absehbar war, die wesentlichen Probleme der deutschen und der globalen Wirtschaft aus seiner Sicht. Wie viele Beobachter aus den Kreisen der Wirtschaft hoffte er auf "rationalere" Wirtschaftsverhältnisse, also weniger Überhitzung, weniger Spekulation sowie eine vernünftige Regelungen der Reparationen und interalliierten Schulden. Das betraf nicht zuletzt auch eine rationalere und solidere Unternehmensführung, die er u. a. durch verstärkte Auflagen einer professionellen Revision gewährleistet sehen wollte. Bezeichnenderweise sollte diese auch für staatliche Betriebe gelten, womit Melchior die weitverbreitete Kritik an der während der 1920er Jahre zunehmenden staatlichen Regiewirtschaft zum Ausdruck brachte. Darüber hinaus ist auch die Kritik am überbordenden Protektionismus typisch für wirtschaftliberale Stimmen während der 1920er Jahre. |
[handschriftlich: Ablage für Lübbe]
Das Jahr 1929 war für die Wirtschaft ein schwieriges. Es zeigt sich mehr und mehr, dass namentlich infolge der vielen neuen technischen Erfindungen, die den Verkehr in der ganzen Welt erleichtern, die Wirtschaftsführung nur eine geordnete sein kann, wenn mehr oder weniger in allen Ländern [handschriftlich: gleichzeitig] normale Verhältnisse sind. Wir sind eben alle Nachbarn geworden, und sobald sich in einem Lande wirtschaftliche Schwierigkeiten zeigen, reflektieren diese Schwierigkeiten auf die Gesamtwirtschaft. Man hatte früher auch geglaubt, dass der Krieg, als er ausbrach, lokalisiert werden könnte; er wurde ein Weltkrieg, und so ist es mit wirtschaftlichen Krisen in einem Lande, - sie werden nur in seltenen Fällen sich lokalisieren lassen und werden Weltschwierigkeiten.
Die Welt leidet an einer zu grossen Produktion hauptsächlich durch die vielen Neuanlagen, die während des Krieges gemacht worden sind, während auf der anderen Seite der Konsum nicht entsprechend Fortschritte gemacht hat. Die Folge ist, dass jedes Land - und es sind nach dem Kriege ja eine ganze Reihe neuer staatlicher Gebilde entstanden, - sich durch Zollbarrieren abschliesst, und dadurch die natürliche Entwicklung der Wirtschaft auch noch aufgehalten wird. Das Unhaltbare der Überproduktion auf der einen Seite und des Hochschutzzolles der einzelnen Länder auf der anderen Seite wird von den massgebenden Kreisen durchaus erkannt, und es fehlt nicht an Deklarationen bei allen möglichen Gelegenheiten, diese Zustände zu bessern.1 Aber noch immer klafft ein grosser Gegensatz zwischen besserer Einsicht und unverständigem egoistischen Handeln.
Hinzu kommt, dass die Struktur der verschiedenen Gesellschaftsformen noch immer keine klassische geworden ist, d.h. die verschiedenen Wirtschaftsformen in den verschiedenen Ländern sind keineswegs aneinander angeglichen. In jedem Lande werden die Wirtschaftsformen noch geändert und die Länder untereinander sind in ihren Änderungen wiederum verschieden. Man kann allgemein vielleicht sagen, dass eine Abkehr von den Kleinbetrieben und eine Förderung des Grossbetriebs bis zum Mammutbetrieb in allen Ländern stattfindet. Fusionen sind an der Tagesordnung, nicht nur auf industriellem, sondern auch auf dem Bankgebiete.2 Hierdurch werden viele Arbeitskräfte frei, die namentlich in Europa schwer neue Beschäftigung finden, und durch diese unausgesetzten Umwälzungen ist eine normale Führung in der Wirtschaft auch erschwert. Immerhin konnten, nachdem in den verschiedenen Ländern diese Zusammenschlüsse stattgefunden haben, Syndikate und Kartelle alsdann folgten, zwischen den einzelnen Ländern internationale Abmachungen getroffen werden, sodass eine Förderung der internationalen Abmachungen auf verschiedenen, industriellen Gebieten stattfand. Die Folge dieser grossen Zusammenschlüsse waren zunächst grosse Ansprüche an den Kapitalmarkt von Seiten dieser grossen Gesellschaften, [handschriftlich: die Änderungen, Konsequenzen verursachen,] und um diese grossen Ansprüche befriedigen zu können, hat man, da das Publikum nicht in der Lage war, so schnell diese Werte grosser neuer Concerne zu beurteilen, fast an allen Kapitalmärkten Trustgesellschaften in´s Leben gerufen, die Aktien und Obligationen aufkaufen, um ihrerseits ihre eigenen Aktien und Obligationen dem Publikum zu geben. Das Publikum ist hierdurch nicht gezwungen, die Prospekte der einzelnen Obligationen zu studieren und glaubt sich sicherer beim Kauf der Trust-Aktien und Obligationen, da diese Gesellschaften sachgemäss das Risiko besser verteilen. Es liegt aber eine grosse Gefahr in dieser Finanzierung der Trust-Gesellschaften, denn letzten Endes kommt es auf einen Blankokredit hinaus, den das Publikum den Leitern der Trust-Gesellschaften giebt. Mit Recht verlangt man daher in Amerika jetzt eine Publikation derjenigen Werte, die von den Trust-Gesellschaften gekauft werden.
Immer mehr ist Amerika der
hauptsächliche Geldgeber der Welt geworden. Frei von Tradition [handschriftlich: und Hemmungen]hat sich in Amerika eine Spekulationslust gezeigt, die auch auf Europa ungünstig wirkte, weil bei den
geringen Verdienstmöglichkeiten die man in Europa sah, sehr viele europäische Gelder nach Amerika flossen, um sich dort spekulativ zu betätigen.3
Diese Gelder wurden zum Teil bei den ausserordentlich hohen Zinssätzen, die man
in Amerika machte,
ausgeliehen, zum Teil für Spekulationen in Amerika verwandt, zum Teil auch nur als Marge für Spekulationen, die man in
Amerika machte. Der
langerwartete Rückgang, der bei einer so überhitzten Spekulation von ruhigen Wirtschaftlern [handschriftlich: schon] vorausgesehen wurde, ist
jetzt eingetreten, und man darf hoffen, dass wir jetzt normalere
Geldverhältnisse bekommen, nachdem die
Spekulation derartig
grosse Summen von Europa nicht mehr in
Anspruch nehmen wird.4 Das würde alsdann zur
Folge haben, dass ein grösseres Interesse sich für die fest verzinslichen Werte
zeigt und hierdurch die Möglichkeit gegeben wird, die kurzfristige Verschuldung
durch langfristige Anleihen zu konsolidieren. Die kurzfristige Verschuldung hat
in Deutschland im letzten Jahr zugenommen, denn während der Pariser und Prager
[handschriftlich: Haager-]Verhandlungen war es
unmöglich, im Ausland Anleihen aufzunehmen, da die Beratungsstelle während
dieser Zeit keine Erlaubnis für neue Anleihen gab. Es ist zu hoffen, dass jetzt
allmählich diese kurzfristigen Schulden in langfristige Anleihen umgewandelt
werden.
In Hamburg hat im vergangenen Jahre eine sehr wertvolle Aussprache zwischen den Kreisen der Industrie und den Kreisen des Exporthandels stattgefunden. Es ist zu erwarten und zu hoffen, dass diese Aussprache eine Klärung herbeigeführt hat, indem eine [handschriftlich: stärkere] Arbeitsteilung zukünftig zwischen den produzierenden Kreisen in Deutschland und den in Übersee verkaufenden Kreisen stattfinden wird. Auch hier werden neue Wege und neue Abmachungen gefunden werden müssen, aber das Prinzip dieser Arbeitsteilung namentlich mit Exportfirmen, die alte wertvolle Verbindungen Übersee haben, dürfte sich auf die Dauer als das richtige erweisen.
Wertvolle Arbeiten sind im vergangenen Jahre vom "Bund zur Erneuerung des Reichs" geleistet worden, um die staatliche Wirtschaftsführung zu vereinfachen.5 Nur dann ist es möglich, die grossen Lasten, die wir uns zum Teil selbst auferlegt haben, indem wir trotz der schwierigen Zeit die soziale Fürsorge nicht vernachlässigen wollen, zu tragen, und auch die Zahlungen, die auf Grund des verlorenen Krieges von uns gemacht werden müssen, wenn wir eine Vereinfachung unserer Staatsaaschine erreichen.
Der Young-Plan bedeutet einen Fortschritt, über den bei ruhig denkenden Menschen kein Zweifel bestehen kann. Aber die Forderungen, die an uns gestellt werden, sind namentlich in Anbetracht der geringen Exportmöglichkeiten so grosse, dass man mit einer Revision des Young-Planes in absehbarer Zeit rechnen muss.6 Diese Revision muss sich aus den kommenden Tatsachen ergeben, denn mit Argumenten ist unseren früheren Gegnern nur bis zu einem gewissen Grade beizukommen. Die Wahrheit ist im Anmarsch, aber leider lässt sie sich nur etappenweise durchsetzen. Dieser Leidensweg muss gegangen werden, er ist die Folge des verlorenen Krieges. Mit Redensarten, Drohungen und Katastrophenpolitik kann man nur zerstören, aber nicht aufbauen.
Es ist zu hoffen, dass die Gelder, die noch immer in Amerika zurückgehalten werden, zum Teil wenigstens im Jahre 1930 nach Deutschland zurückfliessen werden und es ist zu hoffen, dass das Gewissen, das sich jetzt in England regt mit Bezug auf das liquidierte deutsche Eigentum so stark schlagen wird, dass auch endlich von England wenigstens nach dem Kriege das Privateigentum mehr geschützt wird, als während des Krieges und dass Treu und Glauben in diesem Lande, in dem man sonst dort Begriff fairness so hoch hält, wieder einzieht.7 Eine Umstellung, wie sie nach dem Weltkriege in der ganzen Welt stattfindet, - noch heute sind, abgesehen von dem Kriegszustand in China, zwischen Russland und England und Russland und Amerika die Beziehungen noch nicht einmal wieder aufgenommen,- kann nicht ohne Schmerzen vor sich gehen, aber ein Land wie Deutschland, das diese schweren 10 Nachkriegsjahre wenn auch unter ausserordentlichen Verlusten überstanden hat, indem schon auf vielen Gebieten Ansatzpunkte für dauernde, erfolgreiche zukünftige Tätigkeit zu erblicken sind, darf mit Zutrauen in die Zukunft blicken, denn in den letzten 10 Jahren ist, wenn auch nur mit trauriger Langsamkeit allmählich die Vernunft bei vielen wieder eingekehrt, sodass langsam die Übertreibungen, die eine Kriegsfolge sind, die Illusionen beseitigt werden und nüchterne, fleissige Arbeit allgemein und auch in Deutschland wieder zur Geltung kommen wird.
Um in Deutschland wirtschaftlich vor Überraschungen und Unregelmässigkeiten bewahrt zu bleiben, können wir der Ausbildung der beeidigten Buchhalter, der Revisionsgesellschaften, garnicht genügend Aufmerksamkeit schenken. Wir müssen für die auf diesem Gebiete tätigen Männer dieselbe Stellung erreichen, wie für die Charter Accountants und Auditors im Auslande. Wir müssen es durchsetzen, dass diese deutschen Firmen genau so hoch vom Ausland eingeschätzt werden, wie ihre eigenen, und es muss selbstverständliche Sitte werden, dass vorgelegte Bilanzen von Aktiengesellschaften und Privatfirmen von derartigen sachverständigen Buchhaltern geprüft und gegengezeichnet werden.8
Wenn es sich heute herausgebildet hat, dass das Finanzamt die Bilanzen der Privatfirmen durch ihre Beamten nachprüfen lässt, dann ist es gewiss gerechtfertigt, dass die Steuerzahler verlangen, dass auch die staatlichen Abrechnungen von solchen Privatfirmen geprüft werden. Wir versprechen uns von einer Prüfung der staatlichen Abrechnung, sei es der betreffenden Budgets, sei es von Gesellschaften, die sich in staatlichen Händen befinden, ausserordentlich viel. Die sogenannten Revisions-Abteilungen, in denen wiederum Staatsbeamte arbeiten, bieten nicht dieselbe Sicherheit, wie die von Buchhalter-Firmen, die gänzlich unabhängig sind, und die dann auch gleichzeitig nicht nur die buchhalterische Richtigkeit zu prüfen haben, sondern auch ihr Urteil darüber abzugeben haben, ob richtig kalkuliert und im allgemeinen richtig gewirtschaftet wird. Dann erst werden wir erkennen können, wo eine staatliche Wirtschaft berechtigt ist und wo eine private. Es gibt gewiss Fälle, wo eine staatliche Bewirtschaftung von Unternehmungen berechtigt sein kann, aber in einem Lande, das infolge der ausländischen Konkurrenz auf allen Gebieten mit dem geringsten Kostenkoeffizienten arbeiten muss, kann nur so klargestellt werden, was der privaten Initiative überlassen bleiben muss. Die private Wirtschaft kann nur existieren, wenn, wie es ja jetzt endlich vom Reichsfinanzminister erkannt ist, die Steuern, die jetzt jede gesunde Wirtschaftsentwicklung unmöglich machen, gesenkt werden. Vor allem ist es nötig, dass diejenigen Summen, die nach Ansicht der Geschäftsführer in Reserve gestellt werden müssen, steuerfrei bleiben. Diese Summen, wenn sie als Gewinne in der einen oder anderen Form ausgezahlt werden, werden in diesem Falle zu versteuern sein; solange aber die Summen auch bei Privatfirmen in der Firma verbleiben, um gegen Risiken, die das Geschäft laufen muss, eingesetzt zu werden, dürfen sie nicht der Steuer verfallen. Wird dieses Prinzip nicht eingeführt, so ist einerseits die Kapitalflucht ins Ausland nicht aufzuhalten und andererseits die siegreiche Konkurrenz von ausländischer Seite nicht zu vermeiden, die das deutsche Unternehmertum verdrängen wird.
Hamburg, den 1. November 1929.
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