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Das hier wiedergegebene Interview der Nachrichtenagentur United Press Corporation mit dem deutschen Finanzminister Paul Moldenhauer ist als historisches Dokument vor allem deshalb interessant, weil es zeigt, dass sich die Erkenntnis der Schwere der Großen Depression erst nach und nach durchsetzte. Sicher ist in Rechnung zu stellen, dass Moldenhauer vor der Internationalen Presse nicht "schwarzmalen" wollte, auch um die Erfolgsaussichten der Young-Anleihe nicht zu gefährden, die hauptsächlich in den USA gezeichnet werden sollte. Trotzdem erscheint Moldenhauers Zuversicht, bald wieder zu normalen Verhältnissen zurückkehren zu können, im Juni 1930 bemerkenswert. |
Reichsfinanzminister Paul Moldenhauer, Interview ausschließlich für Unipress, hat heute besonders zeitgemäße Ansichten über bevorstehenden Abschluss der grossen Reparationsanleihe dargelegt: Er sprach über den Erfolg der Anleihe in der ganzen Welt; über Aussichten für Geschäftsentwicklung; über Chancen für weiteren Zufluss amerikanischen Kapitals nach Deutschland; über Deutschlands endgültige Möglichkeit, die Reparationen aus seinem Ausfuhrüberschuss zu leisten und über seine Pläne, die Haushaltslage des Reichs in Ordnung zu bringen.
Moldenhauer kahl, kurz und untersetzt, scharfsinnig, typisch genialer Rheinländer legte Meinungen dar, die angetan sind, lebhaftes Interesse in finanziellen Kreisen überall zu erregen.
Moldenhauer erklärte, dass der Erfolg der Anleihe bereits im Abschluss der Anleihe liege. Sie stelle den ersten Schritt internationalen Zusammenarbeitens auf dem Gebiete der Finanzen dar und sei die erste praktische Verwirklichung des Geistes der Zusammenarbeit, der der Eckstein des Youngplans ist. Wenn sich die Überzeugung in der ganzen Welt durchsetze, dass die uns be-schäftigenden finanziellen Probleme nur durch gemeinsame Arbeit gelöst werden können, so vertraue er auf den sicheren Erfolg der Anleihe.1
Vertreter der Unipress fragte den Minister, ob er glaube, dass die Haltung Louis Mc Faddens, des Kongressmitgliedes für Pensilvania und Vorsitzender des Banken- und Beratungssausschusses im amerikanischen Repräsentantenhaus, den Erfolg der Anleihe in den Vereinigten Staaten beinträchtigen würde. Er erinnerte daran, dass Mc Fadden kürzlich wiederholt Befürchtungen äusserte über die Rechtsgültigkeit der Reparationsanleihe im Hinblick darauf, dass sie in letzter Linie auf Versailles und den Waffenstillstandsbedingungen basiere, die Deutschland eventuell anfechten könnte.2
Moldenhauer führte an: Die gesetzliche Grundlage für die Anleihe liegt in den Verpflichtungen, die klar in einem besonderen Abkommen dargelegt werden, das ich unterzeichnen werde.3 Sie verpflichten die gegenwärtige und jede künftige Deutsche Regierung. Selbstverständlich werden wir die Verpflichtungen dieser Anleihe bedingungslos erfüllen.
Moldenhauer führte aus, dass der Abschluss der Anleihe in zweifacher Hinsicht Bedeutung habe. Erstens wird der Kapitalbetrag, den wir zur Deckung des Investitionsbedarfs der Reichseisenbahn und der Reichspost erhalten, die Geschäftstätigkeit anregen und die Eisenbahn- und Postverwaltung in die Lage setzen, grosse Aufträge an die Industrie zu vergeben. Ich bin zweitens überzeugt, dass die Kapitalmärkte die Anleihe aufnehmen werden, ohne an Aktivität einzubüssen, und dass die Zurückhaltung, die auf allen Märkten in den letzten Monaten vor der Younganleihe zu beobachten war, aufhören wird. Die aussergewöhnliche Flüssigkeit, die auf den internationalen Märkten zu beobachten ist, wird sich auf den Anleihemarkt ausdehnen und so günstige Geschäftsbedingungen in der ganzen Welt schaffen. Man muss zugeben, dass die tieferen Gründe für die augenblickliche Lage der Warenmärkte der Welt nicht allein finanzieller Natur sind. Moldenhauer schlägt eine internationale Untersuchung vor, die ähnlich der Hoover´schen business survey conference4 zusammengesetztist und die prüfen soll, wie es kam, dass nach Jahren einer ständig gesteigerten Aktivität in den Handelsbeziehungen eine allgemeine Erschlaffung eingesetzt hat. Die für diesen Wechsel bisher abgegebenen Erklärungen scheinen mir einseitig Anschauungen von Menschen zu sein, die nach ihren subjektiven Erfahrungen urteilen.
Moldenhauer antwortete auf weitere Frage, dass er glaube, dass Kapital aus den Vereinigten Staaten auch weiterhin nach Deutschland fliessen werde, da sicher sei, dass Deutschland in der nächsten Zukunft dieses Kapital weiter nötig haben werde. Obgleich nach den erhaltenen Nachrichten das Kapital der Vereinigten Staaten in der kommenden Zeit bis zu einem gewissen Grade im Lande selbst benötigt werden wird, so kann ich mir doch nicht denken, dass die amerikanische Finanz die Stellung, die sie sich zwischen 1925 und 1928 in der deutschen Wirtschaft erworben hat, freiwillig wieder aufgeben wird. Ich nehme daher an, dass in einem nicht unerheblichen Masse mit einem Zustrom von amerikanischen Kapital nach Deutschland zu rechnen ist. Es wäre wünschenswert, dass die amerikanischen Geldgeber die Tat-sache in Rechnung ziehen, dass durch die Lösung der Reparationsfrage Sicherheiten gegeben sind und deshalb der Zinssatz für dieses Kapital fixiert werde.
Moldenhauer gefragt, ob er glaube, dass Deutschland jemals in der Lage sein wird, die Reparationszahlungen aus Ausfuhrüberschuss zu leisten, erinnerte daran, dass der Dawesplan und Parker Gilbert festgestellt haben, dass nur Ausfuhrüberschuss Deutschland in die Lage versetzen würde, seine Reparationsverpflichtungen zu erfüllen. Er fügte hinzu, dass der Youngplan ebenfalls eine Ausdehnung des deutschen Ausfuhrhandels als Bedingung für die Erfüllung der Reparationszahlungen vorsieht. Moldenhauer führte an, dass die Erleichterung dieses Ausfuhrhandels durch Ausdehnung des Welthandels eine der Gründe für die Schaffung der B. I. Z. ist. Wenn auch die Formen, in denen sich dieser Teil der Tätigkeit der Bank abspielen wird, noch nicht zu übersehen sind, so haben wir die Hoffnung, dass sie diesen Teil der ihr gestellten Aufgaben nicht vernachlässigen wird, und wir werden unsererseits daran mitarbeiten, ihr Wirken nach dieser Richtung zu fördern. Deutsch-land ist gerade durch die laufenden Reparationszahlungen immer von neuem genötigt, auf dem Weltmarkte seine Waren dringlich anzubieten, und notfalls die anderen Exportstaaten zu unterbieten, woraus Schwierigkeiten erwachsen werden. Wie lange Deutschland den ständigen Kapitalabfluss, der durch Gegenwerte nicht ausgeglichen wird, auszuhalten vermag, kann nicht vorausgesehen werden, doch darf das Ausland überzeugt sein, dass Deutschland sein Äusserstes tun wird, künftig seinen Verpflichtungen gerecht zu werden.
Der Interviewer fragte Moldenhauer nach seiner Meinung über Parker Gilbert Ansicht, dass die regelmässige Zahlung der Reparationen nur möglich sei, wenn das Gleichgewicht im Öffentlichen Haushalt gesichert ist. Moldenhauer erklärte: Die Dawes-Sachverständigen haben diese Forderung mit Recht über alle andern gestellt, wozu ich zustimme. Das ist der leitende Grundsatz seiner Politik. Reparationszahlungen setzen gesunde Finanzen voraus. Es ist schwerer als früher, sowohl in Deutschland als in den andern früher kriegführenden Ländern, ständig ausgeglichene Haushalte aufzuweisen, da die Höhe der Steuern, Ein-nahmen und Ausgaben, mehr als je von der Prosperität der Wirtschaft abhängen. Die Kunst des Finanzministers muss darin liegen, den unbedingten Notwendigkeiten des Staatshaushalts Rechnung zu tragen und dabei die Wirtschaft doch so schonend zu behandeln, dass ihr Wiederanstieg aus der Depression möglichst erleichtert wird. Die Erfüllung dieser schwierigen Aufgabe wird in den nächsten Wochen unsere politische Tätigkeit ausfüllen. Bei der Etatsdeckung im April 1930 war die Regierung sich darüber klar, dass möglicherweise die Arbeitslosigkeit langsamer sich vermehren würde, als dies in den Deckungsvorschlägen zugrunde gelegt war. Sie hat trotzdem die Deckung nicht erhöht, um nicht durch Reservebelastungen einen möglichen Aufstieg der Wirtschaft zu beeinflussen. Sie hat sich jedoch ausdrücklich vom Reichstag bestätigen lassen, dass, wenn die Voraussetzungen für eine verstärkte Deckung durch längeres Anhalten der Arbeitslosigkeit eintreten würden, neue Vorschläge noch vor dem 1. Juli verabschiedet werden müssten. Da dieser Fall im Gegensatz zu der Entwicklung des Vorjahres eingetreten ist, muss die Regierung nunmehr die neuen Deckungsvorschläge einbringen. Von der Regierung wird zur Zeit auch ein weitgehendes auf eine Reihe von Jahren sich erstreckendes Sparprogramm beraten, durch das im Wege der Verminderung der Behörden und der Einschränkung des Personalaufwandes auch von der Ausgabenseite her dem Etat des Reiches, der Länder und Gemeinden eine Erleichterung verschafft werden kann. Ich bin entschlossen, meine Gedanken auf diesem Gebiete durchzuführen und weiss die Mehrheit des Parlaments hinter mir.