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Die hier präsentierte Abhandlung der Statistischen Abteilung der Reichsbank gibt einen Überblick über die Lage des deutschen Außenhandels während der Weltwirtschaftskrise. Der Bericht macht eindrücklich deutlich, wie stark der Welthandel im Verlauf der Krise zusammenschrumpfte. Abgesehen von der Sowjetunion, die ihre "Exporterfolge" allerdings mit furchtbaren Verlusten an Menschenleben erkaufte, brachen Exporte und Importe überall ein. Zugleich ist es für den deutschen Fall allerdings bemerkenswert, dass der Import deutlich stärker gefallen war als der Export, weshalb Deutschland zum ersten Mal seit dem Jahr 1926 eine positive Handelsbilanz vorweisen konnte. Allerdings wird dieses Phänomen nicht als Zeichen der Gesundung der deutschen Wirtschaft betrachtet, die während der 1920er Jahre ständig Importüberschüsse erzielt hatte und diese teilweise mit US-amerikanischen Krediten finanziert hatte. Vielmehr wird es als ein Krisenphänomen benannt: Sollte sich die Lage bessern, würde der dann einsetzende Importsog die Handelsbilanz wieder negativ gestalten. |
Dr.E./Rs./Ta.
Statistische Abteilung der Reichsbank
Wandlungen im deutschen Außenhandel.
I. Die Stellung des deutschen Außenhandels im Welthandel.
II. Die Aktivierung des deutschen Außenhandels im Jahre 1930.
III. Deutschlands Bezugs- und Absatzländer und die Wirkung der Industrialisierung der Welt auf den deutschen Export.
IV. Die Aussichten des deutschen Außenhandels.
In der folgenden Darstellung werden die Hauptprobleme des deutschen Außenhandels behandelt. Zunächst wird gezeigt, wie Deutschland bei dem sinkenden Außenhandelsumsatz der Hauptländer der Welt zum zweitgrößten Exporteur aufgerückt ist. Weiter wird das günstige Ergebnis des deutschen Außenhandels im Jahre 1930 kritisch untersucht und der Nachweis erbracht, daß dieser Erfolg nicht als ein Zeichen der Gesundung der deutschen Wirtschaft, sondern als ein Symptom der heutigen Wirtschaftskrise angesehen werden muß. Sodann wird die Abhängigkeit Deutschlands von den Überseeländern in der Einfuhr und von den europäischen Ländern in der Ausfuhr erläutert. Die Industrialisierung der Welt wird in ihrer Wirkung auf den deutschen Außenhandel als durchaus günstig beurteilt. Der Schluß behandelt die Aussichten des deutschen Außenhandels für die nächsten Jahre, die als ungünstiger bezeichnet werden müssen. Deutschland dürfte nicht in der Lage sein, aus Exportüberschüssen die Reparationen und die Zinszahlungen für Auslandsanleihen vollständig lei-sten zu können.
I. Die Stellung des deutschen Außenhandels im Welthandel
Die Weltwirtschaftskrise hat den Außenhandel fast aller großen Länder stark zusammenschrumpfen lassen. Die Außenhandelswerte sind durch die Preissenkung der wichtigsten Welthandelswaren erheblich herabgedrückt, die Außenhandelsmengen sind überall zurückgegangen. Der Außenhandelsumsatz der bedeutendsten Handelsländer der Welt hat sich von ca. 250 Milld.RM im Jahre 1929 auf ca. 200 Milld.RM im Jahre 1930, also um 20 %, verringert.1 Dieser Rückgang ist zum größten Teil auf den Preissturz zurückzuführen; die Mengen sind weniger stark gesunken.
Wie verschieden die Krise auf den Außenhandel der größten Länder eingewirkt hat, zeigt die folgende Übersicht:
| in Milliarden RM | Einfuhr | Einfuhr | Einfuhr | Ausfuhr | Ausfuhr | Ausfuhr |
| in Milliarden RM | 1929 | 1930 | Veränderung in % | 1929 | 1930 | Veränderung in % |
| U.S.A. | 18222 | 13092 | -28,2 | 21660 | 15869 | - 26,7 |
| Deutschland | 13447 | 10393 | -22,7 | 13483 | 12036 | -10,7 |
| Großbritannien | 22678 | 19521 | -13,9 | 14881 | 11628 | -21,8 |
| Frankreich | 9857 | 8612 | -10,1 | 8236 | 7046 | -14,6 |
| Japan | 4220 | 3121 | -26,0 | 4089 | 2963 | -27,5 |
| Italien | 4676 | 3797 | -20,9 | 3272 | 2659 | -20,6 |
| Rußland | 1903 | 2284 | +20,0 | 1996 | 2235 | +12,0 |
| Argentinien | 3445 | 2448 | -28,9 | 3812 | 2142 | -43,8 |
| Brasilien | 1751 | 1062 | -39,4 | 1916 | 1317 | -31,3 |
Nach dieser Statistik hat Deutschland von den europäischen Ländern den stärksten Einfuhrrückgang zu verzeichnen.Dagegen hat Deutschland [- von Russland abgesehen - ] seine Ausfuhr am besten behaupten können. Zum ersten Male ist die englische Ausfuhr von Deutschland um ca. 400 Mill.RM übertroffen worden. Deutschland ist damit an die zweite Stelle der größten Ausfuhrländer gerückt und hat seine Position im Außenhandel unter allen maßgebenden Industriestaaten am besten zu verteidigen gewußt. Während der Weltexport als Ganzes 20 %, der Export der Vereinigten Staaten etwa 27 %, der englische 22 %, der japanische 27 % und der argentinische 44 % des Volumens [seines Wertes] einbüßte, hatte Deutschland nur einen Verlust von 10,7 %.
II. Die Aktivierung des deutschen Außenhandels im Jahre 1930
Die Entwicklung der deutschen Handelsbilanz in den Jahren 1908–1913 und 1925–1930 gibt folgendes Bild:
| (in Mill. RM) | |||
| Jahr | Einfuhr | Ausfuhr | Saldo |
| 1908 | 7666,6 | 6399,2 | -1267,4 |
| 1909 | 8526,9 | 6594,2 | -1932,7 |
| 1910 | 8934,1 | 7474,7 | -1459,4 |
| 1911 | 9705,7 | 8106,1 | -1599,6 |
| 1912 | 10691,8 | 8956,8 | -1735,0 |
| 1913 | 10769,7 | 10097,2 | -672,5 |
| 1925 | 12362,1 | 9290,4 | -3071,7 |
| 1926 | 10001,5 | 10414,5 | +413,0 |
| 1927 | 14228,0 | 10801,0 | -3427,0 |
| 1928 | 14051,2 | 12029,6 | -2021,6 |
| 1929 | 13446,8 | 13482,7 | +35,9 |
| 1930 | 10939,2 | 12035,6 | +1642,4. |
Deutschland hat nur zweimal einen Ausfuhrüberschuss erzielen können, in der Depression des Jahres 1926 und in der Krise des Jahres 1930, abgesehen von der fast ausgeglichenen Bilanz des Jahres 1929. Die Beispiele von 1926 und 1930 zeigen gleichzeitig, daß eine Aktivität nicht von der Ausfuhrseite her, sondern nur durch eine scharfe Senkung der Einfuhr zu erzielen war.
Die Ausfuhr weist für das Jahr 1930 das gute Ergebnis von 12 Milld.RM auf. Damit konnte allerdings der Umfang des Vorkriegsexports noch nicht wieder erreicht werden; belief sich doch die deutsche Ausfuhr des Jahres 1913 nach dem heutigen Geldwert umgerechnet auf rd. 15 Milld.RM. Die Einfuhr zeigt mit 10,4 Milld.RM den enormen Rückgang von 3 Milld.RM gegenüber dem Vorjahre und hat so einen Verlust von rd. 23 % erlitten. Die Handelsbilanz des Jahres 1930 schließt mit dem ansehnlichen Aktivsaldo von rd. 1,6 Milld. RM ab.
Das günstige Ergebnis des deutschen Außenhandels würde eine Weltbedeutung haben, wenn eine natürliche und normale Entwicklung vorläge. Das ist aber nicht der Fall. Bei der Beurteilung ist vielmehr zu berücksichtigen, daß das Jahr 1930 eine Ausnahmestellung einnimmt, da es sich um ein Jahr stärkster Krise handelt. Die Aktivierung der Handelsbilanz kann nicht als Zeichen eines fortschreitenden Gesundungsprozesses der deutschen Wirtschaft bezeichnet werden, sondern ist überwiegend als Krisensymptom zu werten. Die Aktivität ist ja nicht durch eine Ausfuhrsteigerung erzielt, sondern durch einen enormen Einfuhrrückgang. Das Sinken der Einfuhr ist vor allem auf den Sturz der Weltmarktpreise zurückzuführen. Das Institut für Konjunkturforschung2 errechnet für die Einfuhr des Jahres 1930 einen Preisrückgang um 13,8 % gegenüber dem Vorjahre. Da der größte Teil der Preissenkung auf eingeführte Rohstoffe und Nahrungsmittel entfällt und die exportierten Fertigwaren nur um durchschnittlich 4 - 6 % im Preise gefallen sind, hat Deutschland hieraus erhebliche Zwischengewinne erzielen können. Ein weiterer Grund für den Rückgang der Einfuhr liegt in der schlechten innerdeutschen Konjunktur. Die gesunkene Kaufkraft der Bevölkerung hat eine Drosselung der Einfuhr zur Folge gehabt.
Die hohe deutsche Ausfuhr des Jahres 1930 ist im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß die schlechten Geschäfte auf dem heimischen Markt die deutsche Industrie zur Forcierung des Exporthandels um jeden Preis zwangen. Ferner stand die deutsche Wirtschaft während des ganzen Jahres unter dem Druck des Ausbleibens von Auslandsanleihen und dem Zwang zur Reparationszahlung. Während in früheren Jahren die Zahlung der Reparationen durch Aufnahme von Auslandsanleihen erleichtert wurde, mußten im vergangenen Jahr die Reparationen weitgehend aus eigener Kraft aufgebracht werden. Das mußte zwangsläufig zu einer Drosselung der Einfuhr und Forcierung der Ausfuhr führen. Der Zwang zur Erzielung eines aktiven Außenhandels hat zweifellos zur Verschlechterung der deutschen Wirtschaftslage wie auch zur Verstärkung der Weltwirtschaftskrise beigetragen.
III. Deutschlands Bezugs- und Absatzländer und die Wirkung der Industrialisierung der Welt auf den deutschen Export.
Die folgende Zusammenstellung gibt die Entwicklung des deutschen Außenhandels, nach Weltteilen geordnet:
| (in Mill. RM) | ||||||
| Einfuhr aus: | Ausfuhr nach: | |||||
| Jahr | 1925 | 1929 | 1930 | 1925 | 1929 | 1930 |
| Europa | 6552 | 7066 | 5825 | 6888 | 9924 | 9377 |
| Amerika | 3053 | 3711 | 2543 | 1421 | 2093 | 1512 |
| Asien | 1465 | 1605 | 1216 | 731 | 1041 | 804 |
| Afrika | 520 | 686 | 527 | 205 | 312 | 268 |
| Australien | 316 | 349 | 234 | 42 | 100 | 64. |
Die Statistik zeigt, daß nicht weniger als 44 % des deutschen Imports aus den vier anderen Erdteilen stammen, ein Beweis für die starke Abhängigkeit Deutschlands von der Einfuhr überseeischer Rohstoffe und Lebensmittel. In früheren Jahren war dieses Verhältnis eher noch ausgeprägter, da ja 1930 die überseeischen Rohstofferzeugnisse dem starken Sturz der Weltwarenpreise unterlagen. Ganz anders verhält es sich mit der Ausfuhr. Deutschland exportiert etwa drei Viertel seiner Güter nach Europa und nur ein Viertel nach den vier fremden Erdteilen. Rechnet man, daß von der deutschen Gesamtproduktion nur knapp ein Fünftel auf die Ausfuhr entfällt3, so kommt man zu dem Ergebnis, daß von den sämtlichen in Deutschland hergestellten Waren nur 4% von Amerika, Asien, Afrika und Australien aufgenommen werden. Es zeigt sich, in wie hohem Maße Deutschland als Ausfuhrland auf Europa selbst ange-wiesen ist.
Diese Tatsachen werden durch die folgende Zusammenstellung, die nach Ländern geordnet ist, erhärtet. Die Tabelle enthält die Außenhandelszahlen Deutschlands mit den Hauptländern der Welt. Die Reihenfolge ist nach der Größe des Anteils der einzelnen Länder an dem deutschen Export des Jahres 1930 (also nach der letzten Spalte der Tabelle vorgenommen).
| (in Mill.RM) | ||||||
| Einfuhr aus: | Ausfuhr nach: | |||||
| 1925 | 1929 | 1930 | 1925 | 1929 | 1930 | |
| Großbritannien | 943 | 865 | 639 | 937 | 1305 | 1219 |
| Niederlande | 742 | 700 | 560 | 996 | 1355 | 1205 |
| Frankreich | 558 | 642 | 518 | 481 | 934 | 1148 |
| Ver. Staaten | 196 | 1790 | 1306 | 603 | 991 | 685 |
| Schweiz | 329 | 318 | 255 | 434 | 627 | 627 |
| Belg.-Luxemburg | 415 | 473 | 324 | 324 | 608 | 600 |
| Tschechoslowakei | 525 | 480 | 359 | 454 | 657 | 528 |
| Schweden | 269 | 350 | 304 | 342 | 475 | 494 |
| Italien | 495 | 443 | 365 | 422 | 602 | 484 |
| Dänemark | 326 | 370 | 296 | 353 | 483 | 477 |
| Rußland | 230 | 425 | 436 | 251 | 354 | 430 |
| Österreich | 175 | 201 | 181 | 320 | 441 | 360 |
| Argentinien | 628 | 744 | 403 | 268 | 371 | 287 |
| Polen | 428 | 338 | 236 | 331 | 343 | 250 |
| Norwegen | 87 | 143 | 106 | 160 | 226 | 207 |
| Japan | 29 | 43 | 41 | 181 | 245 | 193 |
| Brit. Indien | 644 | 623 | 428 | 193 | 220 | 190 |
| Spanien | 197 | 251 | 210 | 161 | 218 | 188 |
| Jugoslawien | 83 | 61 | 75 | 113 | 152 | 172 |
| Saargebiet | 133 | 202 | 164 | 70 | 143 | 169 |
| China | 228 | 370 | 297 | 118 | 185 | 150 |
| Rumänien | 93 | 211 | 237 | 115 | 164 | 137 |
| Finnland | 106 | 116 | 85 | 110 | 188 | 137 |
| Niederl. Indien | 366 | 360 | 262 | 106 | 187 | 132 |
| Brasilien | 170 | 215 | 156 | 200 | 210 | 120 |
| Ungarn | 84 | 89 | 82 | 96 | 146 | 118 |
| Chile | 55 | 121 | 56 | 59 | 99 | 100. |
Aus den Zahlen ist zu entnehmen, daß Großbritannien im Jahre 1930 an die erste Stelle der Abnehmer deutscher Waren gerückt ist. Die Niederlande folgen dieses Mal erst an zweiter Stelle. Ganz auffallend ist die starke Zunahme der Ausfuhr nach Frankreich, der deutsch-französische Handelsvertrag4 hat sich hier als fruchtbar erwiesen, wie ein Vergleich mit der Zahl des Jahres 1925 ergibt. Bemerkenswert gut gehalten hat sich auch der deutsche Export nach der Schweiz, Rußland, Jugoslawien und den nordischen Staaten. Dagegen haben die Tschechoslowakei, Italien, Polen und die überseeischen Länder einschließlich der Vereinigten Staaten ihre Einkaufstätigkeit in Deutschland fast durchweg stark eingeschränkt. Hierfür ist nicht allein der Weltpreissturz, sondern gleichzeitig der immer höher wachsende Zollschutz verantwortlich zu machen. Bei der Betrachtung der Einfuhr fällt auf, daß der Import aus den Überseeländern (z.B. Ver. Staaten, Argentinien, Chile und Brit. Indien) stark zurückgegangen ist, während die Einfuhr aus den europäischen Ländern weniger nachgelassen hat.
Die vorstehenden Tabellen zeigen weiter, daß neben dem überwiegenden Export nach Europa nur 6 % der deutschen Waren nach den Vereinigten Staaten und nur ca. 20 % nach den sonstigen überseeischen Ländern gehen, von denen vielfach angenommen wird, daß sie den größten Teil der deutschen Ausfuhr abnehmen. Die Abhängigkeit des deutschen Exports von den überseeischen Ländern ist daher verhältnismässig gering. Die Überseeländer sind meist gering bevölkert. Vorläufig kommen nur die allerwenigsten für den Verbrauch europäischer Industrieartikel in Frage.
Auch droht der deutschen Ausfuhr von einer fortschreitenden Industrialisierung der Welt keine Gefahr. Der Warenaustausch ist immer am umfangreichsten zwischen blühenden und wirtschaftlich hoch entwickelten Völkern. Die wichtigsten Absatzgebiete für Deutschland sind daher Großbritannien, Holland, Frankreich, U.S.A., die Schweiz und die Tschechoslowakei. Die Tschechoslowakei und Österreich nehmen uns zusammen viel mehr Güter ab als Südamerika. Die kleine Schweiz bezieht von uns doppelt soviel wie ganz Afrika. Luxemburg führt mehr deutsche Waren ein als ganz Australien. Je mehr ein Land industrialisiert wird, je mehr der Wohlstand seiner Bewohner wächst, desto höher und vielfältiger werden auch die Ansprüche und desto mehr ist das Land darauf angewiesen, fremdländische Erzeugnisse zu beziehen. Ein Land mag noch so industrialisiert sein, es wird immer eine große Anzahl Produkte geben, die es besser im Auslande kauft, als es sie im eigenen Lande herstellt. Die drei größten Maschinenbauländer, Deutschland, U.S.A. und Großbritannien, sind zugleich auch gegenseitig ihre besten Abnehmer für Maschinen.
IV. Die Aussichten des deutschen Aussenhandels
Das günstige Ergebnis des deutschen Außenhandels im Jahre 1930 konnte im wesentlichen nur durch das übermäßige Fallen der Rohstoffpreise erzielt werden. Diesem Preissturz ist in erster Linie der starke Rückgang der Einfuhr und die verhältnismässig hohe Ausfuhr zu verdanken. Es tritt nun die Frage auf, wie sich der Außenhandel entwickeln wird, wenn eine wesentliche Besserung der Weltwirtschaftslage ein-tritt und die übermäßig gesunkenen Rohstoffpreise wieder anziehen. Die Folge würde sein, daß der Wert der deutschen Einfuhr in die Höhe schnellen würde. Außerdem würde die Besserung der Wirtschaftslage den Einfuhrbedarf der deutschen Bevölkerung automatisch vermehren. Dann würde sich das Bild des deutschen Außenhandels wesentlich verschlechtern und ein Bilanzausgleich oder ein Einfuhrüberschuss könnte leicht die Folge sein. Auch ist zu bedenken, daß die Zwischengewinne, die Deutschland im letzten Jahre aus den übermässig gefallenen Rohstoffpreisen und den nicht entsprechend zurückgegangenen Fertigwarenpreisen erzielt hat, nur als eine vorübergehende Erscheinung angesehen werden müssen; auf die Dauer ist ein Ausgleich der Preise unausbleiblich. Hierzu kommt, daß die deutsche Ausfuhr seit dem Jahre 1929 eine sinkende Tendenz aufweist. Die bis jetzt bekanntgewordenen Monatszahlen des Jahres 1931 liegen erheblich unter dem Monatsdurchschnitt der Vorjahre, wie die folgende Statistik ersichtlich macht:
| (in Mill.RM) | |||||||||
| Einfuhr | Einfuhr | Einfuhr | Einfuhr | Ausfuhr | Ausfuhr | Ausfuhr | Ausfuhr | ||
| Lebensmittel u. Getränke | Rohstoff- und halbfertige Waren | Fertigwaren | Gesamteinfuhr | Lebensmittel u. Getränke | Rohstoff- u. halbfertige Waren | Fertigwaren | Gesamtausfuhr | Saldo | |
| Monatsdurchschnitt 1928 | 349 | 601 | 205 | 1167 | 52 | 229 | 740 | 1025 | -142 |
| " " 1929 | 318 | 600 | 189 | 1121 | 59 | 244 | 819 | 1124 | +3 |
| " " 1930 | 247 | 459 | 150 | 866 | 40 | 204 | 753 | 1003 | +137 |
| Januar 1931 | 217 | 375 | 116 | 715 | 27 | 170 | 575 | 775 | +60 |
| Februar " " | 172 | 331 | 113 | 620 | 24 | 160 | 591 | 778 | +158 |
| März " " | 171 | 297 | 111 | 604 | 29 | 172 | 662 | 867 | +263 |
| April " " | 192 | 368 | 115 | 679 | 33 | 160 | 620 | 818 | +139. |
Der Hauptposten unserer Ausfuhr ist die Fertigwarenausfuhr, die sich im abgelaufenen Jahre auf rd. 9 Milld. RM gestellt hat. Will man die deutsche Ausfuhr steigern, so wird man sein Interesse vor allem auf diesen Ausfuhrposten richten müssen. Da nun rd. zwei Drittel der Fertigwaren nach europäischen Ländern exportiert werden, die sich in zunehmendem Maße aus ihren eigenen Industrien versorgen werden, wird sich eine Steigerung dieser Ausfuhr nur verhältnismäßig langsam erzielen lassen. Die Überseeländer kommen für die deutschen Fertigwaren weniger in Frage. Nur wenn sich in Ostasien, vor allem in China und Japan, die Modernisierung der Volkswirtschaften beschleunigen sollte, könnten die Überseeländer rascher an Bedeutung für die deutsche Ausfuhr gewinnen.
Das Institut für Konjunkturforschung5 hat kürzlich die zukünftige Entwicklung des deutschen Außenhandels bis zum Jahre 1940 geschätzt. Auf der Einfuhrseite sieht das Institut keine wesentlichen Möglichkeiten der Verminderung. Eine nachhaltige Aktivierung des deutschen Außenhandels dürfte nur von einer Steigerung des Exports erwartet werden. Das Institut nimmt an, daß sich die Ausfuhr von Produktionsgütern in gleichem Tempo vermehren wird wie in den letzten Jahren. Dann würde sich die gesamte Ausfuhr bis zum Jahre 1940 um etwa 6 Milld.RM auf etwa 18 Milld.RM erhöhen können. Dieser Erhöhung stehe jedoch eine entsprechende Zunahme der Rohstoffeinfuhr um etwa 3–4 Milld.RM gegenüber. Als Ergebnis wäre somit in den nächsten 10 Jahren mit einer Verbesserung der Handelsbilanz um etwa 2–3 Milld.RM zu rechnen. Da man jedoch in Jahren guten Geschäftsganges mit einer Einfuhrzunahme von 2–3 Milld.RM rechnen müsse, sei für das Jahr-zehnt 1930 - 1940 kaum mehr als mit einem allmählichen Ausgleich der Handelsbilanz zu rechnen. Auf alle Fälle könne ein so großer Aktivsaldo wie 1950 nur als vorübergehende Erscheinung in Krisenzeiten betrachtet werden. Selbst wenn man mit den günstigsten Bedingungen rechne, wäre in 10 Jahren höchstens ein durchschnittlicher Aktivsaldo von 1 Milliarde zu erreichen. Diesem Überschuss stehen im Jahre 1940 Reparationszahlungen von etwa 2 Milld. RM gegenüber. Dazu kommen noch die Zinszahlungen an das Ausland, die gegenwärtig mehr als 1 Milliarde RM betragen. Der Aktivsaldo der Handelsbilanz würde also wahrscheinlich nicht ausreichen, um die Zahlungsbilanz Deutschlands auszugleichen.
Das Institut für Konjunkturforschung zieht aus seiner Prognose folgende Schlüsse:
1. Deutschland kann seinen Reparationsverpflichtungen bei der gegenwärtigen Reparationsregelung auf die Dauer nur nachkommen, wenn zum Ausgleich der Zahlungsbilanz Auslandskredite zur Verfügung stehen.
2. Die deutsche Wirtschaft wird vorläufig immer unter der Gefahr eines starken Drucks stehen, der zur Ausfuhrsteigerung mit allen Mitteln zwingt.
Diese Überlegungen sind, wie das Institut selbst betont, natürlich nur Schätzungen. Immerhin scheint uns das Ergebnis, daß der deutsche Außenhandel nicht ausreichen kann, um die Reparationszahlungen zu leisten, durchaus zutreffend zu sein. Solange wir keinen unseren Auslandsverpflichtungen entsprechenden Ausfuhrüberschuss haben, sind wir auf Kapitaleinfuhr angewiesen, bei der immer wieder Stockungen eintreten können, die zu mehr oder weniger großen Wirtschafts- und Währungsschwierigkeiten führen müssen.
Statistische Abteilung der Reichsbank.